Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1933)
- Date
- 1933-09-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 36 Der Israelit - 7. September 1933 'und erfolgreichste, Petach Tikwah, und manch andere ebenfalls ihre Gründung orthodoxen Juden und haben von dem modernen, thorafeindlichen Zionismus nicht den geringsten Segen erhalten. Wie die Vergangenheit und die Gegenwart, so ist auch die Zukunft Erez Jisroels nicht anders denkbar als auf Grundlage der thoratreuen jüdischen Gedankenwelt. "Nationalismus", d. h. die Feststellung der Tatsache allein, daß das jüdische Volk vor zweitausend Jahren „Land und Sprache" hier besessen habe und deshalb sie jetzt wieder besitzen wolle, ist eine viel zu brüchige Stütze für das Verlangen des jüdischen Volkes nach den Besitzerrechten dieses Landes. Viele astatische Völker besaßen so gut wie unsere Vorfahren „Land und Sprache" und haben den Schauplatz der Geschichte endgültig räumen müssen. Auch die Araber glauben mit gleichem Rechte, sich auf „Nationalismus", auf „Land und Sprache" in diesem Lande und dazu noch während einer längeren Dauer als das heutige Judentum beraten zu können. Der wahre und unbestreitbare Rechtsanspruch des jüdischen Volkes auf die Zukunft Erez Iisroels wurzelt einzig und allein im religiösen Judentum, in dem Willen und der Entschlossenheit des jüdischen Volkes, sein Leben und all sein Streben auf die Verwirklichung der in Thora und Tradition dem jüdischen Volke für alle Zeiten festgelegten Lebensordnung einzustellen. Nur eine Zukunft als gradlinige Fortsetzung der Vergangenheit und der Gegenwart, nicht aber eine solche, die Vergangenheit und Gegenwart. in ihr Gegenteil umkehren möchte, begründet unseren Rechtsanspruch auf Erez Jisroel als Land jüdischer Hoffnungen und g'ttlicher Verheißungen. Redner schildert sodann die Zerstörung, die der moderne „jüdische Nationalismus" auf allen Lebensgebieien, die mit der Religion Zusammenhängen, in Erez Jisroel verübt und welchen Anteil daran ausnahmslos alle Schattierungen des Zionismus, vom Trumpeldor bis Misrachi, haben Wenn aus dem Gemeinschaftsleben des jüdischen Volkes in Erez Jisroel, wie es jetzt prinzipiell und ostentativ vom Zionismus vollbracht wird, Grundbedingungen der jüdischen Existenz, wie Schabbos, Kafchrus, Familienheiligung und dergl. gusgeschaltet werden, so hat das historische, thoratreue jüdische Volk auf Grund der Thora und der Prophetenworte alle Ursache, von der A n g st erfüllt zu sein, daß diese Art des „Baueus" zum Unheil des Volkes und zur Vernichtung alles dessen führen könnte, was das Judentum in Erez Jisroel besitzt. Deshalb lege dieses religiöse jüdische Volk P r o t e st ein gegen das Zerstörungswerk des Zionismus und gegen die furchtbare Irreführung des jüdischen Volkes, die daraus erwachsen könnte. „Wir verwahren uns gegen Bestrebungen, bei denen auch dem Revolver und Ser Mordwaffe eine Rolle zukommt und verlangen unser Erez Jisroel zurück. Wir verlangen unser Erez Jisroel zurück, damit das große jüdische Volk, das keineswegs die Absicht hat oder haben kann, aus Erez Jisroel ein thoraloses Land und aus dem jüdischen Volk ein modernes, seelisch haltloses, thorasremdes Heidenvolk zu machen, seine alte Heimat, sein altes heiliges Land im Sinne der Thora als Stätte wahren jüdischen Lebens und jüdischer Zukunft auf dauernder Grundlage wieder aufrichten kann." Rabbi Mosche Blau schloß seine sehr eindrucksvolle Rede mit einem Dankgebet an rrapru daß es der orthodoxen Gemeinde in Jerusalem gelungen ist, an die Stelle des Heimgegangenen großen Führers Rabbi Chajim Sonnenfeld Wr in der Person des ehrw. Rabbi Joses Zwi Duschinsky einen würdigen Nachfolger zu berufen. Herr Max Weiß verdolmetschte den Dank der Versammelten an den Redner und beantragte die Absendung eines Begrüßungstetelegramms an Oberrabbner Duschinsky anläßlich seiner Reise nach Erez Jisroel. Der Antrag wurde angenommen. Polen. Gegen religiöse Juden, die die religiöse Erziehung hindern. Warschau, 28. Aug. In einer Agudasitzung wurde festgestellt, daß es gerade die Vermögenden unter der religiösen und chassidischen Bevölkerung sind, die die religiösen Schulen und auch ‘ die bestens geleiteten Bes Iakow-Schulen boykottieren. Von den 1500 Kindern, die die B. J.-Mädchenschulon bevölkern, gehören gut 75 Proz. den ärmsten Schichten an. Dadurch ist es auch nicht möglich, noch mehrere Freiplätze den Unbemittelten zu gewähren. Es wurde beschlossen, an die Einzelnen wie an die Gesamtheit heranzutreten, die religiösen Schulen mehr zu berücksichtigen. In den Bethäusern wie bei den einzelnen Rebbes wird eine genaue Kontrolle über die Frequenz ’ der religiösen Schulen geführt. Den auf öffentliche Ehren und Aemter Anspruch machenden Männern innerhalb der religiösen Bevölkerung wird bei Wahlen scharfer Kampf ungesagt, wenn sie bei der Erziehung ihrer Kinder wie bisher an den religiösen Schulen ostentativ vorübergehen. Lemberger Brief. Lemberg, 27. Aug. Mit Hinblick auf die Krisis im Kehillahvorstand ist davon die Rede, daß ein Regierungskommissar in Professor Dr. Allerhand an die Spitze der Gemeindeverwaltung gestellt werden soll. Dr. Allerhand ist ein Mann von großem Einfluß und hat auch ein gewisses Verständnis für jüdische Dinge. In der Lemberger Aguda ist eine gesteigerte Aktivität zu beobachten. Auf einer Sitzung unter Leitung von Rabbi Jakov V i t t e l s wurde eine Reihe wichtiger Beschlüsse gefaßt. Sehr rührig und erfolgreich arbeiten die Poale Agudas Jisroel. Eine Organisation unter dem Namen „Pirche Agudas Jisroel" sucht die jüngste Jugend zu erfassen. Musterhafte Hachscharahstedlungen arbeiten an drei Punkten mit gutem Erfolgs. Weitere Hachfchar-ahfarmen werden vom Erez Jisroel-Sekretariat organisiert. Lettland. Brief aus Lettland. Riga, 3. Sept. Vor einiger Zeit wurde von den „Zeirei Agudas Jisroel" eine neue Hachsch arafarm unter dem Namen i-rriv' n:r?2 ins Leben gerufen. Im Sommer wurde fleißig in der Landwirtschaft gearbeitet, im Winter wird dort eine Tischlerei und eine Schlossereiwerkstätte eingerichtet werden.. Leiter der Farm ist Dr. Wohlgemutst. Ellul und Tischri wurden als Propaganda- und Sammelmonate für die Hachfchara bestimmt. Angesichts der Tatsache, daß sich an den verschiedenen Hachscharapunkten in Lettland auch viele deutsche- Chaluzim befinden, wurde in einem judenseindlichen Blatt die Forderung aufgestellt, die deutschen Jünglinge auszuweisen. Als . Resultat einer Audienz des Deputierten D u b i n beim Innenminister kann mitgeteilt werden, daß die Regierung nicht daran denke, die deutschen Chaluzim irgendwie in ihrer Vorbereitimg zu stören. Die Jawne-Organisation hielt vor kurzem in Riga ihre Landeskonferenz ab. Von den Beschlüssen und Resolutionen ist zu nennen: Die Zentrale wird einen normalen Arbeitsplan für alle Jawneabteilungen ausarbeiten. Das Organ des Jawne „Unsere Stimme" soll mehr verbreitet werben. Das größte Interesse soll der Erez Jisroel-Arbeit zugewandt werden, wozu die Schaffung neuer Hachfcharapunkte gehört. Es soll dies im Einvernehmen mit der P a l ä ft i n az e n t r a l e der Agudas Jisroel geschehen. Ein Normallehrp l a n für die Schulen des Jawne soll ausgestellt werden. Auch die Jüngsten sollen in eigenen Organisationen erfaßt werden. Die neugewählte Exekutive hielt eine Sitzung ab, auf der wichtige Beschlüsse zur Ausführung der ihr übertragenen Ausgabe gefaßt wurden. paMsttna. Sensationelle Enthüllungen beim Vorverfahren gegen Rosenblatt und Stavsky. Jaffa, 27. Aug. Die Fortsetzung der Vernehmungen im Vorverfahren gegen Rosenblatt, Stavsky und den jüngst ebenfalls unter Anklage gestellten Achi Meir führte am 25. August zu sensationellen Enthüllungen über die Vorgeschichte des Mordes an Dr. Arloforoff. Der Arbeiter Moses Cohen, der, des Diebstahls beschuldigt, gleichzeitig mit Rosenblatt im Jerusalemer Untersuchungsgefängnis war und dessen Zelle teilte, sagte vor dem Jaffaer Gericht aus, Rosenblatt habe ihm gegenüber ein Geständnis des Mordes abgelegt. Cohen erklärte, er habe Rofenblatts Vertrauen gewonnen, indem er sich als Revisionist ausgab. Rosenblatt habe zu ihm 1 gesagt: „Ich habe Arloforoff aus politischen Gründen erschossen. Stavsky war an dem Mord beteiligt, jedoch 'nicht Minz. Hätte Frau Arloforoff gewußt, daß ich der Mörder ihres Gatten bin, so hätte sie mir nicht in die Augen geschaut." In größter Erregung und mit -erhobener Stimme erklärten Rosenblatt und Stavsky bei dieser Aussage, der Zeuge lüge. Außerordentliches Aufsehen erregte die Verlesung von Auszügen von Briefen und Anmerkungen Abba Achi Meirs und von Teilen seines Tagebuches durch den Dolmetsch für Hebräisch der Kriminalpolizei Zwi Rosin. - Aus einer der Aufzeichnungen ging hervor, daß an einem Sonnabend in Petach Tikwah eine Sitzung des revisionistischen Rates stattfand. Ein Teil der Teilnehmer war für die Ermordung Dr. Arloforoffs. Der Tel- Awiwer Nevistonistensührer Dr. Weinschall beantragte, daß man mit der Ausführung des Mordes bis nach dem Kongreß warten solle, und verließ, als sein Antrag nicht angenommen wurde, die Versammlung. In einer zweiten Aufzeichnung heißt es, am Sonnabend abend fei eine Gesellschaft im Hause Achi Meirs zusammengekommen, und bei dieser Gelegenheit habe es einen „großen Sieg" gegeben. Die Worte „großer Sieg" sind auch im Text unter Anführungszeichen gesetzt. Eine andere Bemerkung besagt, „der Freund Englands, der das Brot des Machthabers esse", sei von der Hand eines Unbekannten gefallen. In einem Abschnitt wird von Acht Meir der Unterschied zwischen einem politischen und einem nichtpolitischen Verbrechen eingehend erörtert, wobei Achi Meir erklärt, der politische Mord stelle sowohl fürden Tater wie für andere einen positiven Akt dar. Beim Kreuzverhör mit diesem Zeugen wies Achi Meir eine nach dem Mord herausgegebene Nummer des Organs der palästinensischen Revisionisten „Chasith Haam" vor, in der die tiefe Trauer anläßlich -des Todes Arloforoffs zum Ausdruck gebracht wird. Daraufhin legte der Staatsanwalt die Nummer des „Chasith Haam" vom 16. Juni, dem Tage, an dem Arloforoff ermordert wurde, vor. Diese Nummer ist erfüllt von heftigsten Angriffen gegen Ben Gurion und Arloforoff. Kanada. 557 000 Juden in acht Ländern landwirtschaftlich tätig. Montreal, 27. Aug. Anläßlich der Getreideweltkonferenz in Regina Sask hat die Jewish Colonisation Association (JCA.) eine statistische 'Uebersicht über Juden im landwirtschaftlichen Berufe veröffentlicht. Aus diesen Aufzeichnungen ist zu ersehen, daß 557.000 Juden in acht Ländern derzeit landwirtschaftlich tätig sind. Die Gesamtfläche der von Juden bestellten Ländereien beträgt 5.410.750 Acres. Produziert werden verschiedene Getreidearten, Nüsse, Orangen, Weintrauben, Tabak, Mandeln, Johannisbrot, u. v. a. Auf der Ausstellung selbst wurden neben zahlreichen Produkten der jüdischen Kolonien Palästinas auch solche der jüdischen Kolonien in Kanada, Argentinien, den Vereinigten Staaten, Sowjetrußland, Polen, Brasilien und Rumänien gezeigt. Einer Statistik der kanadischen Landwirtschaftskammer zufolge produzieren die jüdischen Landwirte Kanadas jährlich eine halbe Million Bufhels Weizen, genug, .um die gesamte jüdische Bevölkerung Kanadas zu versorgen, d. h. mit anderen Worten, die Juden Kanadas erzeugen ihr Brotgetreide selbst. BrafMen. Städtische Juden in Brasilien wollen siedeln. Sao Paulo, 27. Aug. Unter der jüdischen Bevölkerung der Städte Sao Paulo und Rio de Janeiro macht sich in letzter Zeit eine starke Bewegung geltend, die städtischen Berufe mit dem Landleben zu vertauschen. Viele Juden hoffen, durch Siedlung auf dem Lande dauernde gesicherte Arbeit anstelle ihrer jetzigen Beschäftigungen, die vielfach nur zeitweiligen Charakter tragen, zu erlangen. Es wird erwartet, daß die Bestrebungen der in Sao Paulo und Rio de Janeiro ins Leben gerufenen Siedlergruppen seitens der Negierung jene Unterstützung finden werden.