Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1933)
- Date
- 1933-08-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450786--79776-2537567- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 6× ep/1005097
OCR text
Bücher von gestern und vorgestern. Von Studiendirektor Dr. Hl. Elias in Frankfurt a. TU. Ulan muß sich einen gelinden. Ruck geben, um von den bedrückenden Erlebnissen und Begegnungen der Gegenwart Bücher zur Hand zu nehmen, die vor dem September geschrieben wurden und nicht nur den Anschein erwecken wollten, sondern auch die innere und äußere Freiheit gehabt haben, Judentum und Iudenheit objektiv zu beurteilen. Zu diesen Büchern gehört der Kommentar zum Alten Testament, der 1950 durch den 9. Band, Jesaja I, übersetzt und erläutert von Dr. Gtto procksch (Verlag Deichert, Leipzig) bereichert worden ist. procksch gehört zu -der Gruppe der gemäßigten Bibelkritiker, und so bildet auch dieser Band und vor allem die ausführliche Einleitung eine gute Information über den gestrigen Stand der ernsten Bibelwissenschaft im evangelischen Lager. Die Voraussetzungen sind freilich ganz andere als die, mit denen w i r an die Bibel Herangehen. Da er unser Buch Jesaja auf mehrere Verfasser zurückführt, beschäftigt sich dieser Band nur mit den Kapiteln 1 bis 59, die er im wesentlichen dem ersten Jesaja, der zur Zeit Ehiskijahus gelebt haben soll, zuschreibt. Die so auseinandergerissenen Teile werden dadurch freilich nicht besser zu zeitgenössischen Erlebnissen passen. Den Propheten aber zeichnet Pr. mit Wärme und Liebe. Nicht als „progressist", sondern als „Regenerator", dessen Natur tief wurzelt in der Geschichte seines Volkstums, dessen größter Sinndeuter er gewesen ist. Um so weniger erscheint es uns notwendig, die weltgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Weges als erste Entdeckung Jesaja zuzuschreiben. Diese Würdigung ist aus den Psalmen so wenig wegzudenken als aus dem ersten Buche des Pentateuchs. Freilich: Prophetische Weltanschauung und mosaische Religion sind procksch zwei verschiedene Dinge. Darum wird ein Unterschied gemacht zwischen Moses, der den Volksgedanken vertreten, die Juden aus Aegypten herausgeführt, an den Sinai hingestellt hat, und Jesaja, der, David folgend, den Reichsgedanken in den Vordergrund gerückt haben soll. Aber diese Unterscheidung wird doch durch nichts in der Bibel gestützt werden können. Für all unsere Propheten — und darin unterscheiden sie sich von den Religionsstiftern der Völker der Erde — war die ganze Geschichte von Abraham an wegweisend, Moses und sein Gesetz verbindlich. Die Propheten nehmen sich kein Blatt vor den Mund. Sie hätten viel deutlicher erklären können: „Moses hat euch so gesagt, ich aber sage euch", wenn sie auch nur den leisesten Gedanken an Trennung gehabt hätten, wenn Jesaja, wie procksch hervorhebt, so starken Einfluß auf die Geschichtsbetrachtung des Deuteronomiums genommen hat, dann dürfte dieses Buch nicht so viel von Moses sprechen, von dem sich die prophetische Religion angeblich emanzipieren wollte. In Wirklichkeit ist zwischen der Geschichtsbetrachtung des Deuteronomiums und der der anderen mosaischen Bücher doch gar kein Unterschied. Die Tendenz unseres berühmten Glaubensbekenntnisses: „Höre Israel!" öurchzittcrt die ganze Lehre. Daß G'tt ein G'tt der ganzen Erde ist, G'tt der Geister allen Fleisches, ein Richter über Gut und Böse, sei es, wo cs wolle, ist vott „Im Anfang" an eingeschärft. Cs konnte vergessen werden, von Jesaja eindringlich zu Bewußtsein gebracht werden, aber neu gefunden hat er diesen Gedanken nicht. Sowie aber der Universalismus nicht von Jesaja stammt, so wenig erhält der Glaube durch ihn eine neue Begründung und Bedeutung. Rach procksch ist Jesaja zwar nicht der Entdecker, aber der schöpferische Gestalter dieses Glaubens, sofern er dem Glauben eine Mittelpunktstellung . im Leben des Menschen mit G'tt anweist. Das stimmt ganz und gar nicht mit den Ergebnissen überein, zu denen wir nach objektiver Lektüre der mosaischen und öavidischen Schriften kommen. Der Glaube galt schon im Leben Abrahams als Grundgewicht der Frömmigkeit, sein Fehlen schon zur Zeit unseres Lehrers Moses als Verzögerungsgrund der Erlösung. So wenig Jesaja — und das bekennt ja procksch — hierin etwas Ueues entdeckt hat, so wenig geht er über seine Vorgänger hinaus. Abraham und Moses, Cliahn und Elias, sie alle stimmen wohl mit Jesaja darin überein: Der Glaube ist die Grundhaltung der Seele, aber die Tat die unentbehrliche Bewährung. Ziaun wird nicht durch den Glauben erlöst, sondern durch Recht und Gerechtigkeit. Die Uebung von Recht und Gerechtigkeit im Sinne des Alten Testaments setzt allerdings nicht nur felsenfesten Glauben, sondern auch opferbereite Liebe voraus. Die Behauptung procksch', daß Jesajas Grundhaltung nicht von der Liebe, sondern vom Glauben bestimmt werde, kann nur vom Buchstaben eingegeben sein, läßt sich aber vor dem Geiste des Buches Jesaja nicht rechtfertigen. Eine andere Frage ist die, ob „Brüche, Verwerfungen in der Anordnung des Ganzen" sich noch mit dem Glauben an die Heiligkeit und G'ttlichkeit des uns überlieferten Textes vertragen. Der Bibelkritiker emendiert, streicht, ersetzt, ergänzt, rekonstruiert, flickt und bessert aus. Wer aber das Alte Testament dazu benutzt, um die auf den Stifter der christlichen Religion gedeuteten Stellen mit Offenbarungscharakter zu umgeben, müßte die Kritik, so sollte man meinen, ab lehnen. Freilich: Mit der Heilighaltung des Wortes der Schrift müßten erst wir Juden in unserer Gesamtheit den Anfang machen. Und man muß anerkennen, daß procksch im Rahmen seiner Grundauffassung pietätvoll verfährt. Die Wertung des Alten Testaments spielte naturgemäß auch in der vorrevolutionären Auseinandersetzung der Nationalsozialisten mit der Theologie eine Rolle. Ein interessantes Zeugnis dieser Diskussionen liegt in dem zweiten Heft einer Sammlung vor, die Leopold Klotz*) herausgegeben hat. „Die Kirche und das dritte Reich" bringt Fragen und Forderungen *) Die Kirche und bas dritte Reich, Leop. Klotz Verlag, Gotha. deutscher Theologen zu diesem Thema, die im August vorigen Jahres veröffentlicht wurden. Sie sollten dem Zwecke dienen, Wege und Ziele erkennen und erörtern zu lassen, dje nationalsozialistische Theologen für die evangelische Kirche erhofften. Damals schrieb der Herausgeber am Schlüsse seiner Einleitung: „Ich sehe aber angesichts der betrübenden Vorgänge während und nach dem Wahlkampf, wie weit wir davon entfernt sind, das deutsche Erbübel der Unduldsamkeit zu überwinden, das uns auch in diesen Zeilen größter vaterländischer Rot in den Krallen hält. Cs scheinen der Prüfungen noch nicht genug, denen unser armes Volk ausgesetzt sein muß. Flehen wir zum Hinnnel, daß er die verhärteten Herzen erweiche, uns die Augen öffne, damit wir uns wieder als Brüder, als Kinder eines Vaters erkennen!" Das war noch vor Errichtung des dritten Reiches. Wir können nicht sagen, daß das Gebet, was uns anbetrifft, seiner Erfüllung näher gekommen wäre. Aber bei aller Unduldsamkeit, die wir erfahren, sind wir geneigt, unser Geschick noch zu segnen, wenn wir Iakow Trachtenberg**): „Tagebuch eines Sowjetbürgers" lesen. An erschütternden Beispielen und Einzeltragödien, die dem Leben in Rußland entnonnnen sein sollen, will der Verfasser zeigen, was uns bevorstünde, wenn der Kommunismus siegte. „Die Kommunisten bedrohen jeden Richtkommunistcn mit Vernichtung. Jeder Richtkommumst muß den Abwehrkampf gegen sie aufuehmen. Jede Hoffnung auf Gnade ist eine Illusion! Auf zur Rotwehr!" So schließt der Verfasser sein Rachwort, in dem er auf die Unzuverlässigkeit der auf einige Wochen dort in Sicherheit gewiegten Reisenden, auf die Auslandsfeindschaft hinweist und den Gedanken bekämpft, als ob irgend ein Volkstum von Ratur aus, irgend eine Bildungsschicht, und sei sie noch so hoch, vor dieser Gefahr geschützt sei. Und wenn auch nur.ein Teil der in dem Buche entrollten Bilder der Wahrheit enspricht, dann können wir fürwahr G'tt danken, daß wir davor bewahrt wurden und nur darum beten, daß wir bewahrt bleiben. Wenn wir somit schon soweit sind, das dritte Reich wegen seines Kampfes gegen russischen Bolschewismus zu segnen, dann mag cs auch noch seinen Dank erhalten für die Zurückdrängung eines Typs, wie er in dem Buch von Felix Groß „Die Erlösung des Judentums"***) sich vorstellt. „Frohe Zukunft" verheißt uns der Verlag, Erlösung der Verfasser. And wodurch? Rach einer Geschichtsklitterung über viertausend Jahre jüdischer Geschichte auf knapp 90 Seiten kommt der Hauptclou: Geben wir unsere Ration auf, geben wir unsere Religion auf, vergessen wir unsere besonöern Leiden und Ansprüche, dann wird uns auch unsere besondere Schuld und Art vergessen werden! werden wir Christen! Armer Verfasser! Cr kommt um ein Menschenalter zu spät. **) Jak. Trachtenberg Verlag, Berlin-Charlottenburg, Wilmersüorferstr. 79. ***) Fel. Groß, Die Erlösung d. Judentums. Frohe Zukunft, Verlag, Wien VII.