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Der Israelit · 1933-06-29 · Heft 26 (29.6.1933) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 26 (29.6.1933)
Date
1933-06-29
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 Nr. 26 Der Israelit 29. Juni 1933 Gedanken zur Verufsnot des jüdischen Akademikers. Von Dr. Ernst Lewy in Berlin. bibliothek zu entwickeln, wenn man bedenkt, daß täglich \ Berge wissenschaftlicher Werke aus aller Herren Länder einl'aufen. Ist aber Palästina in der Lage, dem jüdischen i Philologen, Bibliothekar, Historiker, Archivar usw. das! Existenzminimum zu sichern? Die Frage stellen, heißt sie iverneinen! Weshalb hat denn Palästina die weltbe- , ,, m ... ... , rühmten jüdischen Gelehrten aus Deutschland, die man Die heutige Verufsnot des Akademikers ist Nicht als Dtm it)Xm Lehrkanzeln entfernt hat, nicht nach Palästina eine isolierte Erscheinung zu sehen Sie ist mit der all- .berufen? Weil leider der Kulturetat ein sehr minimaler gemeinen Berufsnot entstanden die weder an Staatsgewiß kein Ruhmesblatt in der Entwicklungsgeschichte grenzen noch an sonstigen künstlichen Grenzen halt macht, r^s palästinensischen Bildungswesens. sondern sich allenthalben, und leider bisher in immer, schärferem Maße geltend macht. Jene ist jedoch wichtiger j Fürwahr, die Herren in der Leitung der zionistischen und bedeutsamer für den geistigen Menschen. Denn ohne Organisationen sollten hier nicht zu siegesfreudige Töne Wissenschaftsmänner und ohne mit ihrem Rüstzeug ins praktische Leben Uebergegangene ist wahrer kultureller Fortschritt nicht denkbar. Rein äußerlich ist diese Krise erkennbar in dem bedenklichen Anschwellen der Studenten- und Anwärterziffern, denen immer geringer werdende Bedarsszissern gegenüberstehen. Diese Wissenschaftsnot ist eigentliche ein großer Komplex von wirtschaftlicher, durch sie verursacht, geistiger und seelischer Not der sie Ausübenden oder der zu ihr Strebenden, der „fertigen" Akademiker und der in der Ausbildung und Vorbereitung befindlichen Akademiker. Das Buch „Student in Not, Buch der Erlebnisse der Selbsthilfe, Tat und Not von Werkstudenten" zeigt uns erschütternder und deutlicher als Tabellen, Zahlen und streng forscherische Abhandlungen von Wissenschaftlern die ganze „Qual und Kümmernis erwerbsloser Jungakademiker". Ein ergreifendes Zeitdokument! Dis Akademikerberufsnot hat. seitdem eine Not dieser Art zu konstatieren ist, also seit etwa 1918. das muß einmal gesagt sein, noch nie vor der konfessionellen Zugehörigkeit Halt gemacht, der jüdische und der nichtjüdische Philologe oder Beamte haben gleichermaßen berufliche Sorgen gehabt, ebenso der Techniker oder Chemiker. Etwas günstiger lag es beim Arzt oder beim Anwalt. Aber auch nur scheinbar. Wieviel praxislose Anwälte und Aerzte habe ich in den letzten Jahren kennen gelernt, von denen die meisten Juden waren! Auch in Krankenhäusern sind nur verhältnismäßig wenig jüdische Aerzte als Ober- und Unterärzte zu finden gewesen, also dort, wo es sich um einen finanziell am besten gesicherten Posten handelt. Wieviel beamtete jüdische Juristen gab es, auf die in finanzieller Beziehung dasselbe zutrifst? Sehr wenige! „Die Lage des Kassenarztes ist eine verbesserungsbedürftige", so schallt es auf Tagungen ärztlicher Berufsverbände, ähnlich auf denen juristischer Berufszugehöriger. Also bei voller Objektivität wird die Gesamtnot erkannt, nicht von einer etwa durch Juden verursachten geredet! Das ist auch ohne Zweifel allein richtig. Soll es da noch wundern, wenn regierende Stellen nach Mitteln und Wegen suchen, um die Not des Akademikers in Deutschland zu lindern? Keineswegs! Es wäre auch sehr zu begrüßen, wenn sie geeignete Mittel und Wege fänden. Auch unsrerseits. Es fragt sich nur, ob die Voraussetzungen, unter denen Maßnahmen zur Linderung des Akademikerelends getroffen wurden, die richtigen waren! Man ging allenthalben in den maßgebenden Stellen von der Erwägung aus, daß Juden in prozentual höherem Maße als Nichtjuden in akademischen Berufen zu finden seien und nach ihnen streben. Und so verfügte man jene für jeden denkenden Menschen außerordentlich betrübenden Maßnahmen wie Numerus clausus in Schule, Hochschule und Berufen, Entfernung aus akademischen Berufen und Ausschließung für die Zukunft überhaupt. Womit alle diese Maßnahmen noch begründet wurden, ist zu bekannt, daß derartige Maßnahmen keineswegs eine Gesamtbesserung der wirtschaftlichen Lage der Atademikerschast werden bewirken können Rein zahlenmäßig ist dies leicht zu erkennen. Ganz Deutschland hat etwa 600 000 Juden, während es mehr als 6 Millionen registrierter Erwerbsloser hat, von denen viele Hunderttausend Akademiker sind. Von den 600 000 Juden ist aber nur ein ganz geringer Prozentsatz in akademischen Berufen tätig. Was bedeutet eine Ersetzung dieser relativ wenigen jüdischen Akademiker durch nichtjüdische gegenüber der großen Zahl nichtjüdischer stellungsloser Akademiker. Im Uebrigen bedenkt man gar nicht, daß damit nur im Augenblick einem kleinen Prozentsatz christlicher Akademiker geholfen werden kann, der immer minimaler wird, je mehr Absolventen der höheren und Hochschulen in nächsten Jahren kommen werden? Selbst von studentischer Seite aus wird neben einer günstigen Wirkung des Numerus clausus auch hier und dort anerkennenswerterweise das Gegenteil hervorgehoben. Wir verzeichnen da gern die Arbeit von F r e y e r im Mai—Juniheft vorigen Jahers der Zeitschrift „Studentenwerk". die manch Erfreuliches auch für uns enthält. Ein Trost für uns, wenn auch ein schwacher, wenn wir daran denken, daß derartige erfreulichen Äußerungen heute auf keinen fruchtbaren Boden gefallen sind! Heute ist die Lage so prekär für den jüdischen Akademiker in Deutschland, daß man nicht danach fragen darf: „Wie lange kann es noch andauern?", sondern: „Was ist zu tun?" Nach Palästina gehen für den jüdischen Intellektuellen und Geistesarbeiter? Ich glaube, daß es für den jüdischen Philologen, Historiker und Theologen gewiß sehr anziehend wäre, in der Nationalbibliothek in Jerusalem zu arbeiten. Denn sie scheint sich doch zu einer einzigartigen wissenschaftlichen Universalin ihrer Presse anstimmen! Ein gewisses Maß von Sie gesfreude und Siegesbewußtsein mag für sie angebrach sein, nicht aber, um die öffentliche Meinung über Pa lästina zu vergiften! „Wir sind die Retter der deutschen Juden, unsere Presse ist die tonangebende in Deutschland geworden," so schallt es von deutscher zionistischer Seite Mit solchen Mittelchen die öffentliche Meinung für Pa lästina gewinnen zu wollen, steht wahrhaftig einem Je hudi ganz und gar nicht an.. Schließlich kann solch eine Denk- und Schreibweise nur dem Gegner Wasser aus seine Mühlen geben, und das zu verhindern, sollte aller Juden oberster Grundsatz, zumal heute, sein, meine Herren von der zionistischen Belegung! Für den Wissenschaftsmann jedenfalls ist Palästina so erschütternd und betrübend es , auch klingen mag, nicht da! Zählen wir nicht alle Fehler und Unterlassungssün den auf, die es soweit kommen ließen. Der größte Fehler der gemacht wurde, war der, daß nicht im entferntesten genügende Geldsummen für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung gestellt wurden. Die Universität Jerusalem hätte ausgebaut werden müssen, wissenschaftliche Forschungsinstitute hätten angegliedert werden müssen, die Nationalbibliothek nach Berliner Muster tadellos aufgebaut und organisiert werden müssen! Sie sichernsich beste und prompte Erledigung ihrer Inserataufträge wenn Sie dem wirklichen Fachmann diese übergeben Außer der Generalvertretung des „Israelit“ für Frankf. Geschäftsanzeigen übernehme auch Aufträge für die Frankfurter Zeitung und allen anderen Tages- und Wochenzeitungen zu Originalpreisen. ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT-M., OSTENDSTRASSE 83 TELEFON 45866. Bericht über die Arbeitsgemeinschaft jüdischer Lehrer am Niederrhem. Die Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Lehrer am Niederrhein ist aus zwanglosen Zusammenkünften an verschiedenen Orten hervorgegangen und steht seit dem Jahre 1928 unter der bewährten Leitung unseres lieben Kollegen Nußbaum aus Bocholt. Seit dem letzten Bericht im Februar 1928 fanden 15 Versammlungen in der Loge zu Duisburg statt, die durchschnittlich von 18 Hörern besucht waren. An Gemeinden beteiligten sick): Dortmund, Recklinghausen, Essen, Oberhausen. Duisburg, Ruhrort, Hamborn. Mörs, Dinslaken, Wesel, Bocholt und Borken. Die Lehrstoffe werden aus allen Gebieten der jüdischen Wissenschaft genommen. Im letzten Jahre wurden lehrreiche Vorträge aus der Liturgie der jüdischen Festtage gehalten, die nack) gründlicher Vorbereitung zur lebhaften Aussprache gestellt wurden. Unsere Hauptzeit ist dem „Lernen" gewidmet (Midrasch. Raschi, Mischnah und Talmud) wertvolle Stücke aus rra -naio omos und rar wurden durchgearbeitet. Es werden den Kollegen durch das große Wissen und den seltenen Fleiß unseres sehr geschätzten Leiters Quellen erschlossen, die. den meisten Hörern während ihres Studiums aus Mangel an Zeit verschlossen blieben. Die hier gewonnenen Kenntnisse werden im Unterricht innerhalb der Gemeinden, auf der Kanzel und in Borträgen fruchtbar gemacht. —In der Pause und am Schlüsse des Unterrichts tauschen alle Anwesenden Erlebnisse, Erfahrungen über behördliche Verfügungen, Institutionen und Gemeindeangelegenheiten aus. Das rege Interesse und die zunehmende lebhafte Beteiligung sind der beste Gradmesser für die Nützlichkeit der Kurse. Es ist nur zu bedauern, daß wir infolge geringer Mittel unseren Kreis beschränken und von der Anschaffung notwendiger Werke absehen müssen. Wir danken an dieser Stelle nochmals dem Landesverband für den uns gewährten Zuschuß und sprechen die Bitte aus, uns auch weiterhin trotz der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse durch Gewährung von Zuschüssen fördern zu wollen. Hans Grünewald. Hamborn. Das Jüdische Lehrerseminar in Köln. Wir brachten in der vorletzten Nummer unseres Blattes eine Mitteilung des Kuratoriums des Jüdischen Lehrerseminars in Köln, die die Weiterführung des Seminars als ReligiAnsakademie in Aussicht stellte. Wie wir hören, ist inzwischen die Absicht des Kuratoriums Wirklichkeit geworden: An die Stelle des Lehrerseminars ist die Religionslehrerakademie getreten. Es ist aber notwendig, daraus hinzuweisen, daß es naturgemäß der Nachfolgerin unseres alten Seminars nicht besser geht, als es ihrer Vorgängerin ergangen ist. Es macht sich in sehr fühlbarer Weise ein starker Mangel der zur Weiterführung der Anstalt notwendigen Geldmittel geltend. Wenn schon in guten Jahren das Seminar stets schwer um seine materielle Existenz zu kämpfen hatte, so ist dieser Kampf erst recht in diesen Hunger- und Notjahren zu einem Verzweiflungskampfe geworden, der die kaum sichtbaren Fruchtansätze wieder zum Welken zu bringen droht. Das Lehrerkollegium des .Seminars wendet sick) darum in einem dringenden Aufrufe an die ehemaligen Schüler des Seminars und bittet sie, dazu beizutragen, „unsre Anstalt, die erprobte Trägerin echter, altjüdischer Lehrertradition, über die Not der Zeit hinweg zu erhalten und unsre Lehrer, die über ein Menschenalter in hingebungsvoller Arbeit dem Seminar, dem jüdischen Lehrerstande und dem Judentum gedient, vor dem Schlimmsten zu bewahren." Wir hatten in einem Schlußworte zu oben erwähnter Kundgebung des Seminarkuratoriums die Erwartung ausgesprochen, daß auch die Freie Vereinigung der „Ehemaligen Kölner" die Weiterführung des Lehrerseminars als Religionslehrerakademie mit Freude begrüßen dürfte. Wir hoffen darum, daß trotz der Not der Zeit der Aufruf des Lehrerkollegiums die Herzen der „Ehemaligen" rühren wird und sie nach Möglichkeit dazu beitragen läßt, das Seminar auch in seiner neuen Form zu erhalten und weiterzuführen. Die Erinnerung an die Gestalten unsrer dahingeschiedenen Lehrer, Dr. Plato und Dr. Carlebach wird uns den Mut eingeben, zu helfen, daß ihre Anstalt, für deren Erhaltung sie ihr Herzblut hingegeben, nicht dem Untergänge verfällt. Es wird ferner für die „Ehemaligen Kölner" von Interesse sein, daß am 16. Januar 1934 ein Halbjahrundert seit dem Tage verflossen ist, an dem das Seminargebäude seiner Bestimmung übergeben wurde. Ob eine Jubiläumsfeier, natürlich in bescheidenstem Rahmen, stattfindet, steht noch dahin. Wenn es sich machen läßt und die Nöte der Zeit es gestatten, kommen wir wieder einmal zusammen in dem Gebäude Unseres Seminars St. Apernstraße 29/31. Buchbesprechung. Biblische Geschichte. II. Stammväter. Von S. Rosenfelder. Laden bürg a. N. Seblstverlag des Verfassers. Dem 1. Hefte seiner „Biblischen Geschichte", das wir in der Juninummer unsres Blattes vom vergangenen Jahre besprachen, läßt Nosenfeider jetzt das zweite Heft, Geschichte der Stammväter, folgen. Wir können wieder auf die kindertümliche Einfachheit der Sprache Hinweisen, in der die Geschichten dargeboten sind. Sie ersetzen natürlich nicht die ausmalende und plastische Darstellung der Erzählung des Lehrers, eignen sich aber vorzüglich zum Nachlesen für die Kinder der Unterstufe und ermöglichen eine rasche und gründliche Einprägung des dargebotenen Stoffes. Sie suchen die schlichte, sachlich und prachlich einfache Ausdrucksweise der Sprache der Thoru leizubehalten und sind doch eine recht gelungene Ueberetzung in die Kindersprache. Das scheint uns der Vorzug zu fein, den das Rofenfelder'sche Büchlein gegenüber den seither erschienenen „Biblischen Gesck)ichten" bietet. Auch die den Text begleitenden zeichnerischen Darstellungen verdienen in ihrer unterrichtlichen Verwendungsmöglichkeit empfehlend erwähnt zu werden. L.

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