Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1933)
- Date
- 1933-06-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. rr 19» Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zelt der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) XXVIII. Geistige L n t s ch e i d u n g s k ä m p f e. Die stürmischen winde, -die auf die erste Freiheitssonne folgten, rüttelten mancheinen auf, trieben ihn zurück ins Vaterhaus. Aber vieles, das die grelle Sonne ausgedörrt hatte, warf jetzt der -Sturm vollends ab und löste von der lebendigen Wurzel. Vom Verluste der äußeren Freiheit bedroht, ‘ suchten viele die innere Freiheit und glaubten, sic ln der Befreiung vom Gesetze zu finden. Neue Lehrer, Führer kamen diesem Suchen und Sehnen gern entgegen, indem sie das religiöse Leben in neue Formen faßten, um so den; Bruch mit dem Judentum zu einem Bruche mit der T r a d i t i o n zu mildern. So ' wurde aus der Assimilation die Reform geboren. Briefe aus der alten Heimatstadt Frankfu r t, der Stadt des Rabbi pinchas Hurwitz und Rabbi Rossou Adler, drückten Rabbi Mosche ganz danieder. Dort hatte sich erst ein kleiner Kreis um eine neugegründete höhere Schule gebildet, die sich einen Ramen znlegte, als sei die Philanthropie, die Menschenliebe, eine ganz neue Sache und nicht Bestandteil des alten Judentums, heiliges Gebot der Thora; die Bewegung erhielt nach dem Tode des alten Rabbi neuen Aufschwung und neuen Zuzug. Jetzt war jene Stadt der Weisen und Gelehrten, die die Heimat seiner Kindheit war, nur noch ein geistiges Trümmerfeld. Man schrieb ihm, daß der, „Heilige Verein" vom Vorstand der Gemeinde abgesetzt sei, daß ein sogenannter Kondukt Angeführt wurde, dem sich die Alten mit der letzten Kraft widersetzten. Sie wollten nicht von Kondukteuren, so sagten sie in ihrem barocken Ghettowitz, in die ewige Heimat gefahren werden . . . Der „Heilige verein" selbst, eine Gründung von Rabbi Jesajas Hurwitz zur Zeit der Fettmilchverfolgungen um 1600, setzte sich kräftig zur Wehr. Daß er sich durchsetzen würde, durfte man von jenen im beständigen Anblick des Todes hartgewordenen Männern erwarten, aber daß solche Fragen in jener alten, heiligen Stadt auftauchten, solche Kämpfe überhaupt möglich waren, war für den Rabbi unsäglicher Schmerz. Man -berichtete ihm weiter, daß es den Reuerern geglückt war, den G'ttesdienst in der Synagoge so zu verfälschen und die heiligen Institutionen so zu vernachlässigen, daß die immer noch sehr große, aber unorganisierte Schar der Altfrommen sich in die kleinen Schulen zurückziehen und für ihren Bedarf 'an rituellem Fleisch usw. die Rachbargemeinden in Anspruch nehmen mußte. In anderen Gemeinden Deutschlands sah es nicht besser aus. In Seesen bei Braunschweig hatte schon vor längerer Zeit ein Israel Jakobson einen Tempel mit Glocken und (Orgelspiel und deutschen Gebeten eröffnet. Das Spiel war nicht von langer Dauer. Dem von demselben Jakobson mit mehr ^Glück in Berlin wiederholten Experiment wurde vom König Friedrich — nicht ohne Zutun der Treugebliebenen, worüber der posener Rabbi Akiwa dem Schwiegersohn berichten konnte — ein jähes Ende gemacht. Tr liebte, dieser gerade König, „das leer e Blatt zwischen dem alten und neuen Testament" nicht . . . Run hatte Hamburg den schwersten Ansturm abzuwehren. „Aber ist das nicht immerhin eine Besserung, etwas wie Rückkehr?" fragten welche. „Früher geistreichelten sie in den modernen Salons, von denen eine Türe zur. Taufe führte. Heute wollen sie doch etwas wie Judentum, Synagogen, eigene Schulen." „Und gerade damit beginnt die Gefahr," belehrte der Rabbi. „Tinzelne, die für sich der Religion den Rücken kehrten, gab es immer schon im Judentum. Was machte das? Sie fanden sich.— aus Scham und Reue — zurück, denn sie waren die Anderen; oder verloren sich im Strome der Welt, ohne Spuren zu hinterlassen; wie dürer Blätter ohne Schaden für den Baunr abfallen. Als sich Gruppen von Abgefallencu um e i n Programm fanden, so daß der Tinzelne sich nicht mehr -schämen und nichts,zu bereuen hatte, da entstanden die Sadduzäer, die Ka-räer und der Riß war da, von jenen vollzogen. Der Prozeß wiederholt sich heute, mit der Absage an das alte Gesetz, an die alte Synagoge, mit der Lossagung von Messias und Zion, mit der Orgel und dem.deutschen Gebete Sie haben sich von uns gesondert, und an uns istes nur, die Tatsache der Sonderung zu registrieren, auf daß unser kreis rein und heilig bleibt". Für die Abwehr und Reinhaltung des eigenen Grundes. mußten nun alle Kräfte zusammengefaßt werden. Line G u t a ch t e n s a m m l u n g gegen die Neuerungen, insbesondere gegen Orgel und deutsches Gebet, unter dem Titel „Dies die Worte des Bundes" trug einen Warnungsruf Rabbi Mosche Sofers' aus pceßburg an der Spitze. Von preßburg aus erhielten alle, die an ihrer Stelle auf der wacht zu stehen hatten, klare Weisung. In sein Responsenwerk reihten sich neue Blätter ein, Blätter der Treue und der Verdammung, Verdikte von ewiger Gültigkeit für alle Zeiten, in denen sich zersetzender Geist gegen die Tradition vorwagen sollte. „ . . . Und hätten wir die Macht und die Möglichkeit, wir würden uns ganz von ihnen trennen, uns mit ihnen nicht verschwägern, auf daß wir nicht von ihnen angezogen werden, und ihre Gemeinschaft werde gesondert, wie die -des Zadok und Baitus, des Anan und Saul (Karäer). Das alles zur Halacha, nicht zur praktischen Handhabung ohne Zustimmung und Genehmigung der Regierung ..." (Ch.S.Vl,89.) Und je schärfer seine Sprache gegen die andere Seite war, um so eindringlicher und liebevoller wurden seine Mahnungen und Warnungen an sein e Gemeinde, seine Schüler. „Line Königstochter war auf den Tod erkrankt," erzählte er. „Der kundigste Arzt des Landes bemühte sich um sie die Rächt hindurch. Am Morgen traf der König den Arzt mit gezücktem Schwerte an der Außentüre des Krankenzimmers, „was soll das?" fragte der König. Sagte der Arzt: „Ich habe mich gemüht und geplagt um die Kranke, solange Hoffnung war, nun da ich keine mehr habe, obliegt mir nur noch, mit der Waffe in der Hand zu verhüten, daß sich andere dem Krankheitsherde nähern und anstecken ..." Ja, das Wort war zum .Schwerte, das die Gesunden vom Krankheitsherde fernhielt. Für seine Person hatte er den Bruch, für den cs keiner behördlichen Genehmigung bedurfte, vollzogen. So kam es denn, daß der Mann, der bis dahin nur das Ganze im Auge hatte, stets nur für oder wider Sachen und Ideen kämpfte, ohne im einzelnen Menschen, einerlei woher er kam, etwas anderes als den Menschen und den Bruder zu sehen, sich nunmehr im Rähkämpf gezwungen sah, auch gegen Personen und abgegrenzte Personengruppen vorzugehen. „Suruh uo, wendet euch ab von den Zellen jener frevel-- basten Männer," mahnte, flehte er, ja beschwor er alle, insbesondere die Lauen und die Matten in seinem. Kreise, mit den Worten Mosis an die Nachbarn der Korah-Rotte. „keine Seele, die einmal mit am Sinai gestanden und noch mit einem noch so dünnen Faden uns verbunden ist, darf Israel verloren gehen." Darum richteten sich feine werbenden Worte und beschwörenden Mahnungen in Liebe ohnegleichen sogar an die Linzeluen im großen gedankenlosen Heere der irregeleiteten* Für die Führer und Verführer an der Spitze aber, die mit Verleumdungen, ja auch mit 2lngebereien die Gewalt über, das Gesetz und ihre Träger an sich zu reißen suchten, hatte er kein Wort der Gnade ünd des Lrbarmens. Aus dem Munde, der zu segnen gewohnt war, aus dem sich sonst Lehre, Licht und Liebe in breitem Strome ergossen, kamen Fluch und Verdammnis, Aechtung und Abweisung. L w a l und G r i - s im waren ganz nahe gerückt in Rede und Schrift des alten Rabbi. „Warum so hart und streng, Herr Oberrabbiner," spottete einer jener Führer vom Geiste Ahrou Thoriners. „Steht doch geschrieben, man müsse sogar die Sünder Israels mit in sein Gebet einschließen." „Tun wir auch, und noch weit mehr als das," parierte Rabbi Mosche scharf. „Für euch und euresgleichen haben wir sogar ein ganzes eigenes Gebet: W'lamalschiniin..." Damals kamen die barten Worte aus dem Munde des gütigen Meisters: „Bcstfre Remad, al tiga bom Iad. — Hand weg von allen Werken des Dessauers!", mit dem er seinen Schülern sogar die Benutzung der Menöelssohn'schen Bibelübersetzung strengstens verbot. Damals wurde das Wort geprägt: „Lbodosch ossur mit hatauro b'chol mokaum — alles Reue ist von Thorawegen allenthalben untersagt;" der Satz, der sich an der Ouelle auf das neue Getreide vor dem ersten Omer bezieht, war nun Merkwort dafür, daß von keinem Brauche, und schiene er noch so gering und bedeutungslos, in seiner Gemeinde und den Gemeinden seiner Führung auch nur um Haaresbreite abgewichen werden durfte. „Was," sagte er, „ihr versteht den Grund dieser Gepflogenheit, den Sinn jenes alten Gebetes nicht? Wißt ihr das Rezept des Arztes zu entziffern? Aber ihr vertrau k, laßt die Medizin unfertigen und gesundet dabei. Kennt ihr Ziel und Richtung des Schiffs, das euch durch die Wellen trägt? Ihr vertraut Kapitän und Steuermann, die sie kennen, und gelanget ans Ziel . . Diese Unerbittlichkeit bekam jetzt auch ein deutscher Gelehrter, Dr. p i n n e r, zu spüren, der sich mit der Idee herumtrug, eine deutsche U e b e r s e tz u n g des Talmuds berzustellen. Lr batte zuerst das Ohr und das Interesse des Rabbi für „das Werk zu Lhren Israels" gewonnen. Run, da die anderen für ihre Irrlehren in Rebcrsetzungen ihre Grundlagen festlegten, setzte Rabbi Mosche auch diesem versuche pinners sein eisernes Rein entgegen. Galt sein Kampf und seine 2lbwehrarbeit zunächst Deutschland, so fragte man sich in den Reihen der Trcugebllebenen ln Deutschland: warum sollte uns nicht diese starke Führerbanö nabe sein und im Lande selbst den Weg weisen? So gelangte an ihn der von vielen Hunderten unterstützte Ruf, die Stelle eines O b e r r a b b i n e r s von Deuts chlanö, mit dem Sitz in Fürth, der Stadt des ersten Kämpfers, Rabbi Hirsch Ianow, anznnchmen. Tine Weile erwog Rabbi Mosche das Angebot, eine kurze Weile nur. Bald aber gelangten Briefe aus Prag und aus B u d a p e st und aus anderen Städten in Ungarn, Oesterreich, Böhmen über Vorgänge in. ihren Gemeinden, die ihm zeigten, daß er kein Recht hatte, den Posten, auf den ihn eine höhere Vorsehung durch Vermittlung seines Lehrers Rabbi Rosson gestellt hatte, nur für einen 2lugeublick zu verlassen. „Ls wird ein 2l n d e r e r kommen," tröstete er die Gemeinden in Deutschland und den Vorstand von Fürth. Ob er gerade seinen Sitz in Fürth haben wird, ist nicht von Belang. Vielleicht kehrt die Thora in ihre alte Herberge am Main zurück. Lr durfte seinen Posten nicht verlassen, denn nun griffen die Flammen auch auf das Donaugebiet über. Ja-, in feiner eigenen Stadt, gleichsam unter seinen 2lugen, fanden die neuen Strömungen, ähnlich wie in feiner Vaterstadt Frankfurt, ihr Bett in einer all seinen Warnungen zum Trotze gegründeten Primarschule. Nicht von ihm, dem zuständigen Oberrabbiner, sondern vom Araber 2l h r v n L h or i n e r — „Acher" nannte ihn der Volksmund, zu-