Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1933)
- Date
- 1933-05-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 21 Der Israelit 24. Mai 1933 tums und der Allgemeinheit. Ein echter Lehrer, der seinen Schülern zugleich Vater und Berater war. Viele Hunderte von Lehrern, de heute noch in Deutschland und auch im Ausland wirken, nennen sich mit Stolz seine Schüler und gedenken in Verehrung der unterrichtlichen Unterweisungen und reichen Anregungen, die sie ihrem Meister zu verdanken haben. — In noch jungen Jahren gründete Nathan Eschwege im Jahre 1880 mit mehreren gleichgesinnten Kollegen den Jüdischen Lehrerverein für das Königreich Bayern. — 1893 veröffentlichte Eschwege die „Zahlenbilder für Brüche", einen Rechenapparat, der schnell Eingang und Verbreitung fand. — 1894 schrieb Nathan Eschwege die Biographie seines hochverehrten Lehrers, die als Beilage zum Schulberichte 1894 der Höchberger Schule erschien („Leben und Wirken des Rabbiners Lazarus Ottenfooser"). 1898 erschien das in vorzüglichem Hebräisch geschriebene m nnm ein recht brauchbares Rsligionsbuch, das in zahlreichen Schulen mit bestem Erfolg gebraucht wurde. (Die besondere Bedeutung dieses guten Büchleins haben wir seinerzeit in diesen Blättern in einem Artikel gewürdigt.) So fand Nathan Eschwege über den Rahmen seiner Tätigkeit als Lehrer und Leiter der Israelitischen Präparandenfchule. als väterlicher Freund. Berater und Helfer feiner Schüler noch Zeit, für die Allgemeinheit tätig zu sein. Allzufrüh wurde er den Seinen and dem großen Kreise einer Verehrer entrissen. — Wenn man heute nach Höchberg konimt und diese einst so. schöne Kehillo verwaist vorfindet, hat man doch die dortige Schule trotz der mm ihres hehren Gründers in Höchberg geschlossen und nach Würzburg verlegt! — so gedenkt man in Dankbarkeit und Verehrung dessen, der das geistige Erbe seines großen Lehrers Rabbi Eloßor Ottenfooser so treu gehütet: des hochverdienten Nathan Eschwege ^>"21- Höchberg. Wenn der Name „Höchberg" an unser Ohr klingt, steigen die Jahre in unserer Erinnerung empor, die wir vor mehr als vier Jahrzehnten dort verbracht, und mit ihnen besonders dis Gestalten unsrer damaligen Lehrer, denen es oblag, uns Jungen in die Welt des Judentums . einzuführen, des Leiters der Anstalt Nathan Eschwege ^"st, dem in vorliegender Nummer unsres Blattes zu seinem 25. Todestage liebevolles Gedenken ein Denkmal gesetzt, sowie unseres damaligen Gemorohlehrers '> Als ich vor ungefähr 43 Jahren als kaum 13jähriger Junge aus meinem oberhessischen Heimatdorse nach Höchberg kam, da war ich wochenlang von bangem Erstaunen erfaßt ob der Welt, in die ich hier eingetreten war. Dort in der Heimat lebte man schlecht und recht in Elternhaus und Gemeinde als jüdischer Mensch, wie man es vor sich sah, und was man als Jude tat und unterließ, war wirklich nichts anderes als mnftn d’ipir mxn Hier in Höchberg aber war man ineine Atmosphäre gekommen, die erfüllt war von jüdischem Wollen und Tun. Hier atmete jeder Stein nun nana und v'vv nm’* Cs bedurfte, wie gesagt, erst einiger Zeit, bis man sich eingelebt und erfühlt hatte, worum es hier ging. Es war snp nsisden man betreten, und man bekam als 14jähriger Junge allmählich eine Ahnung von der Kraft, mit der die n->in den jüdischen Menschen umzuformen vermag, um ihn hinanzuführen zu der Höhe des Sinai-Erlebnisses, brr'bm mvvvi nwa ^«’Vnaar Es waren vor allem die Gestalten unsrer Lehrer, die uns voranleuchteten als vrrn 'iivs, uns in unablässigem Streben und nie ermüdender Arbeit den Weg zu zeigen, den wir als jüdische Menschen und Lehrer zu gehen berufen waren. Wir waren damals noch jung, standen noch inmitten unsrer körperlichen, geistigen und sittlichen Entwicklung. Wenn auch so mancher von uns im späteren Lebensgange erlahmte und dem ihm in Höchberg gezeigten Ideale nicht nachzuleben vermochte, wir haben doch alle von dem Geiste, der uns in der Präparandenschule umflutete, mit hinausgenommen ins Leben, und so manches Samenkörnlein, das wir in Beruf und Leben in geöffnete Herzen gesenkt, ist das Ergebnis der Erziehungsarbeit, die die Talmudthoraschule in Höchberg an uns selbst vollbracht hat. Und heute? Im vorigen Jahre war es mir erst möglich, wieder einmal nach Höchberg zu kommen und die Stätte zu besuchen, wo ich drei schöne und bedeutungsvolle Jugendjahre verbracht. Es läßt sich denken, welche Freude mich darob erfüllte. Aber — die Anstalt steht zwar noch an ihrer alten Stelle, der Speisesaal im Hause Ehrenreich, in dem einst wahre Schlachten um das größere Stück Hering und die Pellkartoffeln ausgefochten wurden, ist auch noch vorhanden; jedoch die Stimme der nun ist verstummt, die „Stimme der Turteltaube" wird nicht mehr gehört, die Zeit des „Singens" ist vorüber; nur die toten Steine, aus denen die Mauern des Anstaltsgebäudes gefügt, erzählen noch von eifrigem Lernen. Der n«ix Reb Lösers, des Gründers der Schule, ist nicht Rechnung getragen worden, wie bereits der Kollege in vorstehendem Artikel gesagt. Wenn Steine menschliches Fühlen zeigen könnten, dann würden sie sicher weinend klagen, daß man ihr viivn ma im Stiche gelassen und ihm die Lehrer und Lerner genommen habe. Wir stehen den bayrischen Verhältnissen zu fern, um beurteilen zu können, ob unbedingte Notwendigkeit vorhanden war, die mn-Schule von Höchberg nach Würzburg zu verlegen. Wir nahmen bei unserem Besuche wahr, daß Höchberg selbst im Laufe der Jahrzehnte sich zu einem ansehnlichen Orte entwickelt hat und daß die Verbindung mit dem nahen Würzburg auch günstiger geworden ist. Vielleicht hätte sich doch ein Weg finden lassen, die Anstalt in Höchberg zu belassen und die Vereinigung mit dem Würzburger Seminar unbeschadet der geringeren räumlichen Entfernung möglich zu machen. Die Freude, die wir empfanden, als wir nach 40 Jahren wieder einmal vor dem Anstaltsgebäude standen, wurde empfindlich gestört durch das Gefühl tiefer Wehmut, denn das rege Leben und Lernen, das dort einst herrschte, ist verstummt, Höchberg und seine Talmudthoraschule gehören der Vergangenheit an. K. Generalversammlung der „Vereinigung gesehestreuer jüdischer Lehrer im Freistaate Hessen". Zu der am 1. Januar üs. Js. um 11.30 Uhr vorm, beginnenden Generalversammlung hatte sich eine stattliche Anzahl von Mitgliedern und Gästen im Hörsaal der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft zusammengefunden. Der Vorsitzende, Koll. Kahn -Höchst, begrüßte die Anwesenden und gedachte zunächst in ehrenden Worten der Heimgegangenen Mitglieder, des Ehrenvorsitzenden unseres Vereins, Ehrmann-Frieüberg t>"r, dessen Name mit der Gründung und Entwicklung des „Unabhängigen Vereins" stets verknüpft bleiben wird, sowie des Kollegen Strauß-Griesheim r. Er erwähnte ferner die Herren, die die '^at hatten, in der abgelaufenen Vereinsperiode ein Jubiläum zu feiern: die Kollegen Kaufmann-Schotten, Heß-Düdelsheim. Kaufmann-Dieburg, Kahn-Hechtsheim. Aus dem Jahresbericht führen wir weiter au: der Beschluß der im Jahre 1931 stattgehabten Generalversammlung, der auf Antrag Kaufmann-Schotten gefaßt wurde, daß die Mitgliedschaft des Vereins auch zur Mitgliedschaft des „Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer" verpflichte, wurde für die in Hessen wirkenden Kollegen restlos durchgeführt. Der Jahresbeitrag für Verein und Bund wurde durch Vorstandsbeschluß auf 7 Mk. festgesetzt. Durch die Verringerung der Jahresbeiträge waren wir leider -auch genötigt, die Pensionsbeträge für die vom Verein zu unterstützenden Witwen entsprechend zu ermäßigen. Der Verein hat vier Exemplare der von der Rabbiner Hirsch- Gesellschaft herausgegebenen Monatsschrift „Nachalath Zwi" abonniert und läßt sie unter seinen Mitgliedern zirkulieren. Der größte Teil der sogenannten Standesfragen, die in früheren Jahren die Arbeit unseres Vereins ausmachten, ist von dem Hessischen Landeslehrerverein übernommen worden, so daß sich naturgemäß unser Tätigkeitsgebiet verkleinerte. Wir stehen aber in ständigem Konnex mit dem Landeslehrerverein, und gar manches, was dort geleistet wird, findet durch uns teils Vorbereitung, teils tatkräftige Unterstützung, so daß auch manche Leistung des Landeslehrervereins auf unser Konto zu buchen ist. Herr Kahn erstattete alsdann in feiner Eigenschaft als Vereinsrechner die Rechnungsablage für die Jahre 1931 und 32. Die Einnahmen betrugen 1677.39 Mk.; ihnen stehen an Ausgaben 1110.31 Mk. gegenüber. Es ergibt sich also ein Saldo von 567.08 Mk. Das Vermögen des Vereins beträgt 6792.26 Mk. Die Jakob Lebermann-Stiftung hatte in den Berichtsjahren eine Einnahme van 53.30 Mk. und besitzt ein Vermögen von 755.53 Mk. Die Rechnung wurde von den Kollegen Heß-Düdelsheim und Simon-Pfungstadt geprüft und dem Rechner Entlastung erteilt. Es verdient noch erwähnt zu werden, daß sich die Zugänge zur Hilfskasse sehr verringert haben, wohl als Folge der allgemeinen Wirtchaftskrise, aber auch wohl deshalb, weil uns ein tatkräftiger und eifriger Förderer fehlt, wie es der leider zu früh Heimgegangene Freund Jakob Lebermann war. An der sich anschließenden Aussprache über den Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden beteiligten sich die Herren Warhastig-Darmstadk, Stern-Lauterbach, Studienrat Munk-Frankfurt, Adler-Frankfurt, Dr. Merzbach-Darmstadt, Strauß-Michelstadt. Es wurden mancherlei Anregungen gegeben, die geeignet erscheinen, bevnders die ideellen Ziele des Vereins zu fördern. Die Vorstandswahl ergab die Wiederwahl der seitherigen Mitglieder. Es folgt das Referat des Kollegen B i ck - Michelstadt, über „Sexualethik und jüdische Jugend". Es dürfte sich erübrigen, uns über den Inhalt des Vortrags auszulassen, da wir hoffen, ihn in einer der nächsten Nummern von „Erziehung und Lehre" bringen zu können. An der sich anschließenden Ansprache beteiligten sich die Herren Rabb. Dr. Merzbach- Darmstadt, Rektor Ochsenmann-Frankfurt,, Warhaftig- Darmstadt und der Unterzeichnete. Der von dem Unterzeichneten Schriftführer eingebrachte Antrag auf Aendernng des Namens unseres Vereins wurde ohne Widerspruch angenommen. Der Verein führt jetzt den Titel „Vereinigung gesetzestreuer jüdischer Lehrer im Freistaate Hessen". Kollege Lewisohn-Seligenstadt übernimmt für die nächstjährige Versammlung einen Vortrag. Schluß der Versammlung um 2.30 Uhr nachm. Der Schriftführer: L. Kaufmann, Sprendlingen. Buchbesprechung. Lexikon der Pädagogik der Gegenwart. Herder- Verlag, Freiburg (Breisgau). Für keine Wissenschaft sind alphabetische Lexika von solch enormer und vielseitiger Bedeutung wie für die Pädagogik. Denn mit ErziehunF^und Unterricht hat jeder Mensch im Laufe seines Lebens zu tun. Er benötigt sicher nicht selten Auskunft über diese und jene praktische oder theoretische Frage. Neben dem „Rein" und dem „Noloff" gibt es feit Mitte vorigen Jahres ein Lexikon, das sich zur Ausgabe gemacht hat, alles das zusammenzufassen, was in den letzten Jahrzehnten an neuen theoretischen und praktischen Erkenntnissen und den durch sie bewirkten praktischen Maßnahmen auf dem weitläufigen Gebiete der Pädagogik, kurz und treffend genannt: „Gegenwartspädagogik" entstanden ist. Hat man früher die Pädagogik gewaltsam vom „vollen Lebensprozeß der Kultur", wie der Redakteur, Privatdozent Dr. Josef Spieler, so prachtvoll im Vorwort sagt, abgetrennt und das bestätigt sich immer wieer bei der Lektüre des „Roloff". des „Rein" und anderer früher erschienenen Lexika, so ist die Gegenwartspädagogik gewissermaßen charakterisiert durch das fortwährende Bestreben, die Pädagogik als den Ueberbau, den Aufbau auf die Grundlage aller Kultur, die Wirtschaft, zu sehen und entsprechend zu behandeln. Ohne gesunde wirtschaftliche Verhältnisse des Einzelnen keine sinnvolle Pädagogik! Das wird heute jedem wohl zum Greisen deutlich. Diese Zusammenhänge herauszüschälen, hat man sich hier redlich bemüht, . natürlich ganz objektiv, denn das Lexikon will allen pädagogisch Interessierten dienen. Elias Gut, Seminarstudienrat in Köln, hat das jüdische Blldungswesen darin abzuhandeln versucht. Wer sich darüber näher informieren will, sei auf meinen Aussatz: „Der Artikel Israelitische Pädagogik im Lexikon der Pädagogik der Gegenwart" in Nr. 129 der „Blätter für Erziehung und Unterricht" des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine, die als regelmäßige Beilage zum Israelitischen Familienblatt in Hamburg erscheinen, hingew lesen. Fast durchweg populär geschrieben, wird das Lexikon, das man in allen größeren deutschen Bibliotheken wird einsehen bezw. zum Teil aus ihnen wird nach Hause entleihen können, auch Nichtlehrern^ Mte Dienste leisten können. Ernst Lewy, Berlin. Me verschaffen wir unseren Frauen und Töchtern mehr religiösen Sinn? Von Konrektor I. Speyer in Frankfurt a. 21t (Schluß.) Mit der Entlassung aus der Schule darf der Eifer nicht aufhören. Die Fortbildung in der religiösen Erziehung muß durch regelmäßige Kurse gepflegt werden. Es wäre ein Leichtes und durch die geringsten Opfer zu erzielen, daß der Schule entwachsene Manchen in besonderen Stunden in die wirkliche Kenntnis der heiligen Schrift und der jüdischen Geschichte eingesührt würden. Es könnte sich daraus ein Vereinigungspunkt förderlichster Wirksamkeit herausbilden. Sicher würde dieser bald allgemeiner Anerkennung und Teilnahme sich erfreuen. Mit der Zeit würde es sich ernrichten lassen, daß einzelne Mädchen oder auch junge Frauen abwechselnd Vorträge aus der jüdischen Geschichte, aus der Literatur oder aus der heiligen Lehre halten und dadurch Zeugnis oblegen, wie tief und innig sie in den Gedanken- und Gefühlsinhalt des Judentums sich versenkt haben, wie viel ihnen von der Hoheit und Reinheit wahren jüdischen Lebens aufgegangen ist. Es wäre lebhaft zu begrüßen, wenn es den Ehrgeiz der jüdischen Mädchen anspornte, für ihre Religion und Geschichte Begeisterung zu bekunden. Wenn sie damit zeigen würden, daß sie auf diesem Gebiete gut Bescheid wissen und dadurch befähigt wären, judenfeindliche Angriffe jederzeit abwehren zu können. Mit-dieiem vermehrten religiösen Unterrichte soll aber auch eine kräftigere Heranziehung des weiblichen Geschlechtes zum öffentlichen G'ttesdienste einhergehen. Den jüdischen Müttern muß empfohlen werden, ihre Mädchen schon früh daran zu gewöhnen, daß sie an dem G'ttesdienste der Gemeinde, besonders an Sabbat- und Feiertagen teilnehmen. Besonders den jüdischen Lehrerinnen muß es eine Pflicht sein, mit ihren Schülerinnen beim Gebete der Gemeinde an Sabbat- und Festtagen im G'tteshause zu erscheinen. Die Befestigung in der Kenntnis der Liturgie, die vertiefte Aneignung des in der Schule Gelehrten und Geübten, die Hebung des Zusammengehörigkeitsgefühls, die' Weckung des Anteiles am Gemeindeleben und den öffentlichen jüdischen Interessen, das wären so einige von den Wirkungen, die ungesucht als Frucht dieser Institution sich ergeben würden. Statt den Kultus nach angeblich modernem Stile ummodeln zu wollen, würde das weibliche Geschlecht für den in der Jugend gewöhnten altväterlichen Kultus erzogen und eine Belebung des G'ttesdienstes bewerkstelligt, dem mit Verständnis und innerem Anteil" gefolgt würde. Nach und nach hätten sich die Mädchen so daran gewöhnt, jeden Sabbat zum G'ttesdienst zu erscheinen. Es wäre ihnen dann' dies ein innerliches Verlangen, das sie nicht versäumen wollen. Sie gewöhnen sich auch daran, die religiösen Hausfrauenpflichten mit der Mutter in Lust und Liebe zu erfüllen und helfen, damit das jüdische Haus wieder neu zu erbauen.