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Der Israelit · 1933-05-24 · Heft 21 (24.5.1933) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 21 (24.5.1933)
Date
1933-05-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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äda^jCKji ajje zum Organ -es Kun-es geseyestreuer Wischer Kehrer Deutschtan-s. Verantwortliche Schriftleitung: L. Kaufmann. »Sprenvlingen ’ (Kreis Offenbach) Unsere Schule im Kampf gegen den Marxismus. Von 2. Raphael. Epidemisch hat sich die Psychose vom „jüdischen" Marxismus ausgebreitet. Die Köpfe sind verwirrt. Nicht bloß die der notorischen sind unbelehrbarsten Judenfeinde. — was uns mit eigentlicher Nachdenklichkeit zu erfüllen hat: die trostlose Verheerung, die der Moüebegriff Marxismus in jüdischen Gehirnen angerichtet hat. Man muß sich nur einmal unsere jungen Menschen daraufhin ansehen. Es sind sehr vele darunter, die eine jüdische Schule besucht haben. Jetzt suchen' sie ihr jüdisches „Erleben" im Jugendverein. Die jüdische Schule von damals hat versagt, muß versagt haben. Sonst würde man nicht jetzt so leichtfertig und im Stil einer blasierten Eleganz im Marxismus „den Ersatz" für das Judentum, oft sogar noch weitergehend: die Fortsetzung und Vollendung des Judentums finden. Oder zu finden glauben! Es ist ein regelrechtes „Glauben" (dieses Wort im banalsten Snne!), — obwohl diese Jünglinge mit Erbitterung gegen jeden Glauben „kämpfen". Das Hineinstürzen in die marxistische Anpassung zieht schlimme Kreise. Arbeitsgemeinschaften jüdischer Marxisten bilden sich. Eine Diskussion mit diesen jüdischen Deserteuren — ihr Marxismus ist jene Art von Bequemlichkeit, die den liberaliftischen Matadoren Anlaß zum Abfall vom positiven Judentum gibt — ist unendlich erschwert. Der Jude wird nämlich gleich hunüertsünfzig-prozentig, wenn es einer „neuen" Idee gilt. Die Radikalität muß über jede innere Hemmung und über die letzten eventuellen Minderwertigkeitskomplexe hinwegschreiten. Sie muß schließlich auch von vornherein die Bedenken der nichtjüdischen Genossen, der Jude sei gar kein vollwertiger Marxist, erschüttern. Darin liegt die bizarre Seite der jüdischen Tragödie. Die Flucht in den Marxismus entspringt bei unseren jungen Juden nur selten der Notwendigkeit der eigenen wirtschaftlichen Situation oder gar, wie das heute heißt, der proletarischen Haltung. In den weitaus meisten Fällen bleibt sie eine Abart der liberalistischen Auflösung: der Sucht, das Judentum zu überwinden, es möglichst unsichtbar und unauffällig zu machen, sich der Umwelt anzupassen, — nicht zuletzt auch: die Phantasie einer jüdischen Missionstätigkeit. Dieses Traktätchen-Judentum, innerlich blaß und ausgezehrt, fällt dem Ansturm dann zum Opfer. Das leichte Spiel, das der Marxismus hat. hat nicht so sehr seine Ursache in der wirtschaftlichen Lage, sondern — und hier denke ich an den jüdischen Bereich — viel mehr in der grenzenlosen Ausgehöhltheit und Trägheit jenes Randjudenturns, an das sich die marxistische Ideologie besonders gern heranmacht. Wo nichts Jüdisches mehr vorhanden ist, und wo man höchstens mit dem Spiegelbild einer Pietät zwischen hohen Feiertagen und Kaddischgebet.en jongliert, da ist die Einbruchsstelle für den Marxismus reif. Dis gesetzestreuen Gruppen, konzentriert und gefestigt, stehen dieser fortschreitenden Zersetzung verständnislos gegenüber. Ihnen kann nichts passieren.' Sie haben jüdischen Boden unter den Füßen. Dennoch, .— die Erkrankung des jüdischen Volkskörpers zwingt zu einer Umstellung, verlangt endlich ein Herausgehen -aus der Passivität, ruft nach der» offensiven Judentum, erkennt, daß es gegen den Marxismus keine allgemeine kämpferische Geste oder Demonstration gibt und auch keinen Bann, sondern daß hier eine bewußte Erziehungsarbeit, stetig und langsam und konsequent, einzusetzen hat, und wir sprechen es deutlich aus: diese Arbeit muß in der jüdischen Schule b e g i n n e n! Die Keime der Epidemie muß man kennen. Man muß genau wissen, wo der Gegner steht und unter welcher Flagge und Firma er austaucht. Der Marxismus, der ungeschminkt beispielsweise im Kommunismus auftritt, ist nicht der gefährlichste Feind. Ihn spürt man; denn er verhüllt und verheimlicht nichts. Seine Programme — sie nennen sich die orthodoxe Fortsetzung des Marxismus — liegen offenkundig im Leninismus da, sie interpretieren die Lehren des Karl Marx. Aufgabe der jüdischen Schule kann es nun natürlich niemals fein, erschöpfende und in alle Details gehende Darstellungen über den gesamten Bau marxistischer Theorien zu vermitteln. Man käme so nur zu marxistischen Kursen. Der Angelpunkt unserer jüdischen Arbeit liegt dort, wo der Marxismus -an den idealistischen, religiösen und ethischen Grundwahrheiten zu rütteln bemüht ist, und wo er das jüdische Fundament unserer Existenz atomisiert. Aufzuzeigen gilt es daß es niemals eine in sich unwahrere und törichtere Konstruktion gegeben hat als jenes Wortgebilde vom „jüdischen Marxismus", das überall dort geistert, wo vom Geist des Judentums nicht mehr die Spur einer Ahnung fühlbar ist. Der „jüdische" Marxismus stammt von einem typisch liberalisierten Juden, dessen Jugendschrift über „die Judenfrage" (1844) weiter nichts als ein antisemitisches Pamphlet übelster Sorte gewesen ist. Weit näher stehen diese Argumentationen („Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Judentums? Der Schacher. Welches ist fein weltlicher G'tt? Das Geld . . .") dem modernen antijüdischen Affekt. Sein Ziel war die restlose Auflösung des Judentums, ein Untergang im Geistigen wie ihn nicht einmal die heutigen Judengegner sich erträumen. Diese Schrift von Karl Marx ist nicht vergessen. Sie ist noch immer das Standardwerk jener Marxisten, die eine Judenfrage zu „lösen" beabsichtigen, — allerdings in recht primitiver Weife. Hinweisen muß man sodann auf die übliche Anschauung: im Marxismus herrsche der Gedanke der ungehinderten Religionsfreiheit nach dem schon geflügelt gewordenen Passus „-Erklärung der^ Religion zur Privatsache" (Erfurter Programm der Sozialdemokratie 1891). Die marxistische Praxis im heutigen Rußland soll man nur vorsichtig zu diesem Zwecke herbeizitieren (wenngleich in diesem Zusammenhang unseren Lehrern das absolut sachliche Buch von Dr. Adolf Ziegler „Die russische Gottlosenbewegung", eine authentische Darstellung init vielem Material, Verlag Kösel und Pustet, München, 1932, empfohlen werden soll!), — wertvoller ist das Studium der Aufsätze marxistischer Epigonen, vor allem diejenigen Lenins zum Thema der Religionsfreiheit. Schon Marx selber hat in seiner oben erwähnten Jngendschrift eine andere Auffassung von Religionsfreiheit gehabt als die Führer der SPD. von heute. Lenin geht konsequent weiter und folgert: Marxismus ist Materialismus. Als solcher steht er der Religion genau so schonungslos feindlich gegenüber wie der Ma- 'terialismus der Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts oder derjenige Fenerbachs. Das steht fest. Aber der dialektische Materialismus von Marx und Engels geht weiter als die Enzyklopädisten und Feuerbach, indem er die materialistische Philosophie auf die Geschichte, auf die Sozialwissenschaften anwendet. Wir müssen gegen die Religion - ankämpfen. Das ist das ABC des g e - f a m l e n Materialismus, folglich auch des Marxismus. (Lenin im Jahre 1909). Die Taktik der deutschen Sozialdemokratie von 1891 und ihre These von der „Privatsache der Religion" nennt er „eine Verballhornung des Marxismus in der Richtung des Opportunismus" und erinnert daran, daß Engels in den neunziger Jahren positiv gegen diese Erklärung der Sozialdemokratie Stellung genommen hat. Unzählige Beweise für die antireligiöse Gesinnung des Marxismus — besonders so weit er aggressiv, maßgebend und expansiv in Erscheinung tritt — liefern die Offenheiten der Führer. Der jüdische Pädagoge greife nur zu der kleinen Broschüre von Lenin „Ueber Religion" (Verlag für Literatur und Politik) oder zu den Berichten über Tagungen und Konferenzen marxistischer Parteien. Daß sich"gelegentliche Aenderungen in der Kampfmanier emstellen, ist bei der fabelhaften Routine und propagandistischen Geschicklichkeit der marxistischen Drahtzieher' kaum verwunderlich. Das darf unseren Weg nicht einen Augenblick lang beirren, muß höchstens unsere Spannkraft erhöhen. In bestimmten Gegenden werden zu bestimmten Zwecken besonders sanfte Reden gehalten. Gerade gegenwärtig finden sich Berichte über eine äußerst vorsichtige Aüsdrucksweise marxistischer Führer in Fragen der Religion. (Hierzu: Bericht in der „Täglichen Rundschau" vom 5. Februar 1933). Eben so wenig dürfen Broschüren ablenken, die für Wahlen verbreitet werden, und in denen vor allem der materialistische Grundgedanke des Marxismus manche Abschwächung erfährt. Jeder Kenner der marxistischen Lehren weih aber, daß der Marxismus mit seiner Ablehnung aller idealistischen, überirdischen und geheimnisvollen Kräfte und mit der konstanten Negierung der g'ttlichen Vorsehung im Sein und Werden der Geschichte steht und fällt. Man kann im Anschluß daran zahllose weitere Stellen aus den Veröffentlichungen führender Marxisten bringen. Bucharin fordert den antireligiösen Kampf um die Kinder, die antireligiöse Erstürmung der Familie (Aus: Das ABC des Kommunismus). „Wir sind verpflichtet, jede religiöse Weltanschauung zu zerstören," ist die Meinung Jaroslamskys. Interessante Forderungen findet inan im Programm und Manifest der III. Internationale, die mit Eifer hinter der Gottlosenbewegung steht: „ . . eine besondere Stellung hat unter den Aufgaben der die breiten Massen erfassenden Kulturrevolution der Kamps gegen das „Opium für das Volk", die Religion. Dieser Kampf muß hartnäckig und systematisch geführt werden . . ." (Seite 56). In großen Zügen muß der verantwortungsbewußte jüdische Führer, und das ist in diesem religiösen Kampfe in erster Linie die Lehrerpersönlichkeit, die Stellen und Angriffsflächen kennen, wo wir eine Front des jüdischen Widerstandes gegen planmäßige oder leichtfertige Zerstörung auszurichten haben. Noch kommt hinzu die Aufrüttelung der Geruhsamen im eigenen Lager. Selbstverständlich können wir es nicht bei der Erkenntnis von der Schwere der Situation und der Regsamkeit des Gegners bewenden lassen. In unserne Schulen muß gleichzeitig jüdisch aufgebaut werden, über das Lernen hinaus der Wille zum gelebten und verwirklichten Judentum. Eine Idee, und wenn sie auflösend und zentrifugal unsere Jugend besonders in ihren Strudel reißt, kann nur überwunden werden, wenn man ihr eine bessere, umfassendere, aktivere Idee entgegenstellt. So wird es Zeit für unser Judentum. Unsere Lehrer sollten die Zeichen dieser Zeit verstehen und aus der Uebermittlung des Wissens jungjüdische Energien zu wecken imstande sein, — ein Judentum aus der begeisterten Auseinandersetzung mit dem Marxismus erstehen zu lassen, das alle widerlichen Kleinlichkeiten und Kleinheiten überrennt und die jüdische Tat verkündet. Die ewigen imö wahrhaften Werte des Judentums können und werden nur im Kampf mit dem Ungeist der Zeit an die Oberfläche dringen. Hauptlehrer Nathan Eschwege Vst. (Zu seinem 25. Todestage.) Am letzten noa bv pnnrr waren es 25 Jahre, daß dem deutschen Judentum ein Mann entrissen wurde, dessen wir auch in diesen Blättern in Verehrung und Dankbarkeit gedenken. Nach einem Leben, das voll und ganz der n-njjn mm geweiht war, verschied damals der in allen Kreisen hochnngesehene Leiter der ehemaligen Höchberger Präparaudeuschule, Nathan Eschwege In jungen Jahren hatte ihn der Gründer und langjährige Leiter dieser Schule, der unvergeßliche Rabbi Eleasar O t t e u s o o s e r nach Höchberg berufen und ihm das Versprechen abgeuommen, sein Leben lang an dem Höchberger^-ma r-j 311 verbleiben. Nathan Eschwege hat der Schule, trotz späterer schwierigster Verhältnisse, die Treue gehalten. 33 Jahre hat er üort gewirkt. vorbildlich gelebt und gelehrt. Sein großes Wißen und ganzes Können stellte er in den Dienst der Schule und durch diese Schule in den Dienst des Gefamtjudent ’ivi; - r ■' ,fi'; ‘ .■ Ä >; :;i '; m

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