Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1933)
- Date
- 1933-05-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettoöä'mmerung. (Fortsetzung.) AM Als der Winter mit Bersten und krachen der Eisschollen, mit dem Schmelzen der Schneehügel zur Reige ging, bewegte sich ein Leichenzug zur Höhe des letzten /Friedens hinauf. Hinter der Bahre her ging gesenkten Hauptes Rabbi Mosche und hinter ihm die ganze Gemeinde. Sie trauerte mehr m <i t dem Rabbi, als um die Tote, die sie kaum kannte. Die preßburger Jahre Malchen s', der Rebbezin, waren stille Dulderjahre, verklärt vom sanften Glanze eines verglühenden Lichtes. Sie sah den Gatten steigen, und versank immer tiefer in sich. Cin stilles Leben, von den Tönen der Ewigkeit umrauscht, verdämmerte in den Horizont. Und hinterlleß einen Schein, in dein die Ungekannte die Gloriole einer stillen Heiligen erhielt ... XXVI. Wiederaufbau. Das stille Heim Rabbi INosches wurde, nachdem man Malcheu hinausgetragen hatte, noch stiller, obwohl in Lehr-, Lern-, Besuchs- und Besöinstube das Leben nach wie vor in vollem Strome rauschte und brauste. Das stille Walten INalchens war eine ruhige Insel mitten in diesem Branden und Brausen. Leer waren nun die geweihten Räume jenseis des lauten Getriebes, die Ruheinselwon einer wilden Welle glatt weggeschwemmt. Mitten im Leben, das ihn in tausend Ausstrahlungen umrauschte, in dem er ordnend und regelnd stand, legte sich die Leere um ihn und verdüsterte seine Seele. Wan sah Rabbi Mosche nicht mehr lachen, das Scherzwort, mit dem er jeden Schiur zu eröffnen pflegte, blieb aus. Der Hausbochur brachte ihm, nicht gerade «in anmutiger Aufmachung, das Frühstück, das zumeist unberührt blieb, weibliche Personen, die in Haus und Küche tätig waren, dursten zu seiner persönlichen Bedienung nicht ins Zimmer treten. Cs war wieder ein grauer Herbstmorgen. Draußen wartete Baruch <frenk, der Schammes, auf die Liste der Parteien, die heute vor Besdin geladen werden sollten. Der Bochur brachte die Post. Wieder Briefe, Bittgesuche, halachische Anfragen aus aller Welt. Ein dickes versiegeltes. Schreiben mit Halbmondzeichen auf der exotischen, vielfach übertuschten Marke hatte einen weiten Weg hinter sich. Cs kam aus dem H eiligen Lande und er las <s zu allererst, wie Gkuß von der Mutter. Rot herrschte in G'ttes Stadt und G'ttes.Oand, aber die jüdischen Menschen harrten aus, in Treue und Heiligkeit. - Treue um Treue wird von den Brüdern >in den Ländern der Diaspora erwartet. Die Gelehrten und Kslaliiti in Jerusalem hatten' beschlossen, die oberste Leitung des Sammelwerkes in seine Hand zu legen und ihn, den preßburger Oberrabbiner, Rabbi Mosche Soser, zum „ M o r o d 'Ar o I i s r o e l " , .„obersten Herrn von Crez Israel^, zu ernennen. Rabbi Mosche legte den,.Brief beiseite. Dicht im mindesten stimmte ihn die große Ehrung und Auszeichnung gehoben. Cr wußte, Neue Aufgaben erwuchsen ihm mit dieser (Ernennung.: Cr wollte sich ihnen unterziehen — der geliebten Mutter Zion wegen .... Cin anderer Brief mit Stempel und Aufschrift erweckte seine besondere Aufmerksamkeit. Cr kam aus Posen und vom großen Rabbi Akiwa Gins- Cg e r, dem posener Oberrabbiner. Rabbi Mosche faltete den ersten Teil zusammen, um mit dem Auge den Titulationen zu entgehen. Eine kurze halachische Bemerkung fiel ihm ins Auge. Kurz und lapidar war der Stil dieses seltsamen Rabbi Akiwa, den er persönlich nicht kannte, -immer, erinnerte an die lakonischen Bemerkungen und Randglossen des Wilnaer Rabbi Lire, die wie mit einem scharfen Nadelstiche ganze Welten aufreißen. Cin Streiflicht wie aus einer Zauberlaterne, und eine ganze Gegend war in Licht getaucht . . . Für feine Person liebte und übte Rabbi Mosche diese Art nicht. Cr liebte die Ausführlichkeit, die Gründlichkeit, die Gliederung und den Aufbau vom Fundament bis zur Turmspitze, damit er auch für spätere Zeiten fest und stchtbarlich für alle daständ und keine neuen Rätsel aufgab, wo es galt, Rätsel zu lösen. Aber nichtsdestoweniger bewunderte er jene Männer, denen es gegeben war, im Königskleiöe voll funkelnder kleiner Edelsteine durch die Welt der Lehre zu wandeln. Cs waren Könige, die kurz und klar zu d e n G e n e r ä l e n nur sprachen. Cr, Rabbi Mosche, wollte Lehrer des Volkes sein . . . Die gelehrte Abhandlung nahm kaum fünf Zeilen ein. Was folgte und die ganze Seite des Briefes ausfüllte, war eine persönliche Angelegenheit, gleichsam auch zum Thema aus dem Traktate „Kidduschin" gehörend. Cr hatte Familiensorgen, der große Rabbi Akiwa, dessen unzählige Geisteskinder in Gestalt von Responsen, Gutachten und Randglossen zu allen Teilen der talmudischen Literatur in schönstem Schmucke durch die Welt wunderten. Line junge Tochter, weise und tugendsam, war mit einem Sohne von Rabbi Leib Kalischer, dem Lissaer Rabbiner, verheiratet. Dieser junge Rabbi, Geist vom Geiste des Vaters, hatte gerade die Rabbincrstelle in Fraukirchen angenommen, als er plötzlich einer schweren Krankheit erlag. Run saß seine, Rabbi Akiwas Tochter, die junge Rabbinerswitwe, verlassen da. Cr, der große Freund und Lehrer, Rabbi Mosche, „der Fürst seines Volkes, in dessen Haus Israels Beste und Cdelste sich finden," er wüßte vielleicht Rat, vielleicht einen passenden Schwiegersohn für seine verwitwete Tochter, den glücklich zu machen, sie wohl -imstande sei. Rabbi Moschi las den Brief einmal und noch einmal und reichte ihn schweigend Rabbi Daniel Prosnitz der gerade gekommen war, ihn *ur Bes Din- Stube abzuholen. Warum er den Brief Rabbi Daniel gereicht hatte, wußte er selber nicht. Cs geschah, wie aus innerem Zwange. Cr gab oft halachisch-wiffenschaftliche Fragen weiter, um die Meinung auch anderer anzuhöreu. Dieser Immilienbrief war aber an ihn und nur an ihn gerichtet. Hatte er überhaupt ein Recht darauf, das.Anliegen Rabbi Akiwas anderen zu unterbreiten? Rabbi Daniel, Prosnitz.nahm. aber. den. Brief. wie einen Auftrag entgegen, von dem er nicht sprach, von dem er aber auch nicht, mehr loskam. Cr schrieb mehrere Briefe in der Sache und hatte mehrere erhalten. Cs waren wieder mehrere Wochen verstrichen. Man wollte in preßburg mit tiefer Besorgnis wahrgenommen haben, daß das Aussehen des. Rabbi nicht mehr so frisch war, seine Kleidung nicht mehr die peinliche Sauberkeit und Ordnung vonfrüher aufwics. Die sonst so fürstliche Gestalt verlor ihre gerade, aufrechte Haltung. Man erzählte sich allerlei von einer Durchbrechung der altgewohnten Ordnung im Leben des Rabbi. Cs durften weibliche Dienstboten nicht sichtbar walten im Hause, noch immer stand zur persönlichen Dienstleistung für den Rabbi nur ein Hausbochur zur Verfügung, der nicht zu den Geschicktesten gehörte. In einer Stunde seelischer Depression, bei einem schlecht gedeckten Tische, traf ihn Rabbi Daniel; die Taschen voller Briefe und Papiere, kam er daher wie ein Postbote. Cr hatte in der Sache von Rabbi Akiwa Gins-Cger, richtiger der seiner verwitweten Tochter, etwas getan. Freilich, berichtete er, mußte er erst in Erfahrung bringen, ob es sich der Mühe lohnte, ob er die Arbeit auch an eine Würdige verwandte. Denn nicht immer feien große Väter eine Gewähr für die Güte der Kinder. Für die der Töchter schon ganz und gar nicht . . . Aber nun seien die Auskünfte von allen Seiten da. Line Frau fei die Rabbinerswitwe, würdig ihres großen Vaters, würdig ihres jungverstorbenen Mannes, eine Frau von Geist und Gemüt, von einer Klugheit und einer Frömmigkeit, wie man sie vereint wohl selten bei Frauen finde. Rabbi Daniel redete sich förmlich in Begeisterung für die Frau hinein, die ec mit eigenen Augen nie gesehen hatte. „Und ihr habt einen passenden Gatten für sie?" unterbrach Rabbi Mosche das ihn wenig berührende Frauenlob. - „Da könntet ihr ja gleich nach Posen schreiben und Rabbi Akiwa direkt den Vorschlag machen." „Habe ich auch bereits getan," berichtete Rabbi Daniel und kramte in den Schubladen feines wandelnden Archivs in allen Taschen. „So wäre denn die Sache für mich abgetan, und wir könnten zu unseren eigenen Anliegen übergehen," meinte Rabbi Mosche etwas erleichtert. „Rein, nein," sprang Rabbi Daniel auf, „nicht abgetan, die Sache hebt erst jetzt für den Rebben an." „Wie?" „Der Rebbe hat mich noch nicht einmal gefragt, wer hier als Gatte für die Rabbinerswitwe in Betracht kommt." „Cs wird schon der richtige sein, wenn ihr ihn ausgesucht habt, und er dem posener Raw recht ist." „Will ich auch meinen," schoß Rabbi Daniel heraus. „Ls i st der richtige, der preßburger Raw kann wahrlich Rabbi Akiwa in Posen schon recht sein." Rabbi Mosche stand betroffen auf. , Cr hatte wahrlich nicht geahnt, wohin sein Freund Rabbi Daniel hinauswollte, und es beunruhigte ihn der Gedanke, daß dieser jetzt an Verstellung von seiner Seite glauben könnte. Rabbi Daniel sah sich im Zimmer um, sah hin zum nicht ganz sauber gedeckten und schlecht bestellten Tische, sah zur Decke hinauf, wo Spinnen lustig und beharrlich aus ihren Geweben balanzicrten, sah zu den Bücherregalen hin, auf den Staubschichten die Bände grau färbten. Mit den 2l u g e n sprach der Freund, da er fürchtete, mit dem Munde zu verletzen: Rein, teurer Rabbi, so geht das nicht weiter. Dieser große Geist muß einen gesunden Leib als Behausung haben. Jedes Heiligtum bedarf einer „Asarab", was so viel wie Vorhof, aber auch Hilfe und Cntlastung bedeutet. And jene Rabbinerstochter, die Rabbinerswitwe, fe! hier die richtige Frau am rechten Platz. Davon sprächen Dutzende von Briefen, die jetzt all seine Taschen wie einen Blasebalg aufblähten. Rabbi Mosche ging mit langen Schritten,im Zimmer ans und ab,, crlq kölvpfte-cc-mit einem Gedanken. Dann blich er vor Rabbi Daniel stehen und sah ihm klar ins Auge. „Höret, Daniel, ich kämpfe meinen Lebtag gegen jede Art von Hochmut. Mir ist es becsits zum zweiten Male, daß ich nach einem 2lntrag aus eurem Munde nach einem Mussarwerk greifen muß, um mich wieder zur Selbstbesinnung und Selbstbeschcidung zu bringen. Das erste Mal damals, als ihr mir vom Preßburger Rabbinat schriebet ..." „Und damals, Rabbi, hatte ich recht, und dieses Mal habe ich a u ch recht," wurde Rabbi Daniel lebhaft, sogar ein wenig ungeduldig. „Höret, Rabbi Daniel, damals mögtt ihr recht gehabt haben oder nicht. Rabbi-Meschulam war tot und ihr wart im Glauben, ich könnte mich mit jenem messen. Das Los war der gleichen Meinung . . . Jetzt, gilt es für mich, mich mit einem Rabbi 2lk!wa, dem posener Oberrabbiner, zu messen. Wißt ihr, wer dieser Rabbi Akiwa ist?" Cr zeigte auf einige aufgeschlagene Bände und ein Aktenbündel aus dem Tische. „Ich weiß es." „Wißt ihr, daß ich im Vergleiche zu diesem Großen, vielleicht Größten im heutigen Israel, ein Ignorant, ein Am.Haarez bin? Ich soll Schwiegersohn dieses Größten werden?" Die Lebhaftigkeit Rabbi Daniels ging nun in eine Fröhlichkeit über, die fast unbändig wurde. Cr mußte sich Lust verschaffen; mit einem heiteren Wort, ob es hier angebracht war oder nicht: