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Der Israelit · 1933-05-18 · Heft 20 (18.5.1933) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 20 (18.5.1933)
Date
1933-05-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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18. Mai 1933 Der Israelit Nr. 20 Seite 3 Wenn vorige Woche einer der führenden Geister des neuen deutschen Staates in einer öffentlichen Rede erklärt hat, das neue Deutschland schöpfe fortan den kategorisch e n I m p c r a t i u des Sitte n g e f e tz e s allein a n s/ d e m Blute — so würden wir den schnödesten verrat an n n s e r e r geschichtlichen Aufgabe üben, wenn wir Juden durch Konstituierung als „ n a t i o n a l e M inderheil" neben und innerhalb dieser arischen Volksgemeinschaft uns auch nur scheinbar auf den Boden ähnlicher ethischer Voraussetzungen stellten. Line „nationale" Verfassung, die ihren kategorischen Imperativ aus den dunklen Urgründen des Blutes ihrer nationalen Subjekte schöpft, ist für das Judentum — unannehmbar, noch dazu wenn in die Reihen dieser nationalen Subjekte zwangsweise zu Tausenden Männer und grauen hineingetrioben werden sollen, die durch Blutmischung und unjüdische Lebensgestaltung ihr innerstes Wesen längst in den schärfsten Gegensatz , zu allem gebracht haben, was unerläßliche Voraussetzung jüdisch e n Rationallebens ist. Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit" für den Monat Juni Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt aJVL Eine Acußerung, die der bekannte Leiter des „Völkischen Beobachters", Dr. R o s e n b e r g , letzte Woche in London getan bat, läßt uns hoffen, daß man auch in den maßgebenden nationalsoziaiistischen Kreisen letzten Endes den hier vertretenen Gedankengängen nicht ganz ohne Verständnis gegenübersteht. 2iofcnbviß äußerte, wie der v. B. vorn 9. Mai berichtet, „auf die Linwände Lady Oxfords, daß die Maßnahmen gegen die Juden n i ch t gegen die R e i i g i o.ii sge nt e i n s ch a f t, sondern gegen die Juden als Vertreter eines politischen Systems gerichtet seien." Zu dieser Erklärung stimmt zwar wenig die ungefähr gleichzeitig erfolgte Sperrung der spärlichen Staatszuschüsse fiir den jüdischen Religionsunterricht im preußischen Budget, auch wird" mau nicht behaupten können, daß die Vernichtung tausender jüdischer Wirtschaftsexistenzen lediglich Vertreter eines bestimmten politischen Systems getroffen habe — aber man wird ja begreifen müssen, daß im Drunter und Drüber einer revolutionären Bewegung zunächst nicht alles nach dem inncrstcn Wollen der weiterblickenden Fiihrer sich vollzieht, und man braucht darum an der subjektiven Ehrlichkeit der Rosenberg'- schen Erklärung nicht zu zweifeln. Hoffen wir, daß ihr recht bald Taten folgen, Taten, diecher jüdischen Gemeinschaft bei allem äußeren Goluslcid, das nun einmal ihr historisches Schicksal ist, die Zuversicht innere r Erhebung und Läuterung, der Festigung ihres köstlichste n Besitzes: i h r c s r e l i g i ö f e it Erbes gewähren! Wochenrstndschau. Asstmilanten hinüber, den nur der aller wissenschaftlichen Wahrhaftigkeit bare Haß noch als Repräsentanten jüdischen volkscharaklerg astsehen , kann. In dieser Skala steht die deutsche Orthodoxie, trotzdem sie unter der Wucht des vielfach mißverstandenen schicksalhaften Dy nun-Prinzips oder sagen wir ehrlicher, unter der Wucht des Schulzwangs, kostbare jüdische Werte dem flachsten europäischen Rationalismus preisgeben mußte, noch immer als eilt lebendiges Beispiel dafür da, welch' gewaltiger Schutzwall gegen die von Herrn Waldemar Lonsels für so gefährlich erachtete inteUektualistische Ueberspitzheit die Lebensmacht der jüdischen Religion bildet. Ist y? mtellektualistifche Ueberspitzheit, sein ganzes L e b e n in gläubigem vertrauen einer übersinnlichen Idee zu opfern, sein Erwerbsleben durch die strengste Sabbathut, die Karriere und w i r t s ch a f t l i ch e Zukunft seiner Kinder durch die überall hemmenden Spciscgesctze aufs Spiel zu setzen, und die moderne Anbetung des eigenen Intellekts durch demütige Unterordnung unter zweitausend, dreitausend Jahre alte „vorbeugungsmaßregeln und Zäune" zu desavouier m? Und selbst die viclverlcumdete „talmudische Dialektik", deren intellektuelle Klarheit allerdings ein höchst wohltätiges Gegengewicht gegen das Versinken ins Chaos leidenschaftlicher Gefühlsbrünste mit ihren sittlichen Gefahren bildet, sie trägt in der Agada das entscheidende, charakterbildende Element in sich, das alle erfundenen Anklagen von einer r a f s c n m ä ß i g , jüdischnational fundierten „intellektnalistischen Ueberspitztheit" der Juden als Volk ins Bereich der tendenziösen Fabeldichtung verweist. Freilich ist eines wahr: das jüdische Volk oder, wenn man das lieber hört, die jüdische Rasse kann gesund bleiben und I"e b.c n nur unter der absoluten, unabdingbaren Herrschaft seiner geschichtlichen Lebcnsbedingung: u n t e r d e r H e r rs ch a f t des o f f e n b a c t e n G ' t t e s w >i l - lens, u n t e r - d e r Herrschaft de s j ü d i - schon G ' t t e s r e ch t e s : der im Gesetze Leben gewordenen Thora. Ihre Herrschaft ist ein konstitutiver Wesenszug des jüdischen Volksdaseins. Die jüdische Gemeinschaft zur Konfession schlechtweg zu machen, ist zwar eine Lüge. Die jüdische Gemeinschaft zur Ration oder zur Rasse schlechtweg zu deklarieren, in der sich jeder seine religiöse Uebeczeugung aussuchen kann, ist aber f eine ge ringer e Lüg e. Solange nun das öffentliche Recht der Völker, unter weiten zu leben seit dem Jahre 70 das Goluslos der jüdischen Ration geworden ist, keine a n d e r e n Rechtsformen für die jüdischen Gruppen kennt als Konfession oder — nationale Minderheit, entsteht die bange Wahl zwischen zwei prinzipiell gleich inadäquaten Organisationsfocinen, -die allerdings auch beide bei allseitigem guten Willen der Anpassung an das Wesen, das sie decken und schützen sollen, fähig sind. Der Gedanke, den Freytag-Loring- Hoven aus dem Prinzip des neuen deutschen Rasse- Staates heraus vor einer Woche in die Debatte geworfen hat, .ist nach den eben entwickelten Gesichtspunkten zu beurteilen. Dieser Gedanke mußte kommen. Will das Deutsche Reich ein Staat der reinen arischen oder germanischen Rasse sein und nur den Rassegenossen Vollbürgerrecht zugestehen — wag liegt näher als nun auch die R a s s e f r e m d e n nach dem gleichen Prinz-ipe korporativ zu organisieren und ihnen in diesem Rahmen ihr kulturelles Eigenleben, eventuell mit staatlicher Unterstützung und unter staatlicher Aufsicht, zu garantieren. Man wird nach dem Obigen begreifen, daß das geschichtliche I u >d e n t u m , wie es heute in 'Deutschland allein die sogenannte Orthodoxie vertritt, den Gedanken in diese r Form mit e b e n s o l ch e r C n t s ch i e ö e n h e i t a b l e h n t. wie ihn das neu-zionistische Rationaljudentum begrüßen dürste.. Wir lehnen ihn ab, nicht aus politischen Gründen (gleich dem jüdischen Liberalismus), sondern aus Gründen der religio s-e n Wahrhaftigkeit und aus v e r a n tw o r t u n g sb e w u ß t s e i n w o r d e r G e s ch i ch t e. Rur eine nationale Minderheitsversaffung, die als obersten Grundsatz die Identität von Konf e s s i o n u n d Ration verkündete, die u n u m - s ch r ä n k t e A u t o r i t ä t des Religionsg e s etz e s und seiner berufenen Interpreten über alle nationalen Lebensäußerungen sicherte und aus den Reihen der bestimmungsberechtigten vollbürgec jeden ausschlöffe, der dem G'ttesgesetz bewußt die Treue bricht — nur eine solche der historischen W e s e n s a r t des G'ttesv o l k e s e n t s p r c ch e n d e nationale Minderheitsvcrfaffung ist für die gesetzestreue Iuöenbeit diskutabel. Schottert eine solche Verfassung — die man unsre tw egen theokratisch trennen mag, die aber die individuelle Gewissensfreiheit in keiner Weise zu gefährden brauchte — an inneren oder äußeren Widerständen, dann bedeutet die Organisation jüdischer Cinzelgemeinden und Gcmeindeverbänöe aus konfessioneller Grundlage, sobald nur Erzieh u n g und Wohlfahrt mit einbezogen werden, auf alle Fälle auch vom st a a t s p o l i t i s ch e n Gesichtspunkte aus ein tausendfach geringeres Risiko, als die künstliche Schaffung einer k o n f esst o n s l o s e n , ihres historischen Adels und aller r e l i g i ö f <e tt Bindungen beraubten, angeblich „jüdischen" nationalen Minderheit, die dann, losgelöst von ihrem Mutterboöcn, w i r klich ein Raub des modernen Intellektualismus mit der Zielrichtung zum — gottlosen Bolschewismus werden müßte! Die Intercffenten-Tnnflinge und die Mischehe-Sprossen zweiter und dritter Generation, die "Aufgelichteten" des Tagebuchs uitd der Weltbühne wären die geborenen Führer dieser „nationalen Minderheit"! Das kann weder der Staat wollen, noch — die Kirche, die ja doch schließlich auch noch ein Wort mitzureden haben wird, bevor sich der Prozeß des Ersatzes aller religiösen Offenbarung und aller rein geistigen Kommunikation durch das alleinseligmachende, Werte zeugende Blut öurchgesetzt haben wird. Ehret die Arbeit, auch die jüdische. Zu unserem Leitartikel „Rach dem Tage der Arbeit" gingen uns mehrere Zuschriften zu, die, ob znstimmend oder ergänzend, doch in ihrer Gesamtheit die brenne n de Aktualität dieser Frage beweisen, einer Frage, die gar keine ist, die in der Theorie längst gelöst ist. von einigen bekannten H a tt d w e r k e r f i r - m e n wird uns bestätigt, daß in der jüdischen Bevölkerung tatsächlich ein erfreulicher Rmschwung zu Gunsten des jüdischen Handwerks zu merken ist. Richl nur, daß der jüdische Handwerker jetzt mehr gesucht und in Anspruch genommen wird, auch feine soziale und gesellschaftliche Stelluttg ist heute eine andere und bessere als in früheren Jahren, da man auf den Handwerker wie auf einen Menschen zweiter Klaffe herabschaute. Andere Cittsendec wiederum erheben die alle Klage über schlechte Erfahrungen, die sie mit jüdischen Handwerkern in Bezug ans Zuverlässigkeit uitd Kostenberechnung gemacht hätten. Darauf einzugehen, wäre müßig, nachdem an dieser Stelle schon wiederholt betont worden ist, daß, sofern keine alten Vorurteile, die längst überwunden sein sollten, hier, im Spiele sind, es die Schuld des Kunden selbst ist, wenn er über Zuverlässigkeit und Kostenpreis sich nicht erst Klarheit verschafft. Daß es, neben anderen, jüdische Handwerker mit einem H ö ch st ttt a ß an Leistungsfähigkeit in jeder Großstadt gibt, wird heute keiner bestreiten. Weniger befriedigend sind die 2lnssagen von jüdischen K a u s l e u t e n , insbesondere Inhabern von offenen Warengeschäften, die sich immer noch nicht über den 2lndrang jüdischer Kundschaft beklagen können. Cs mag dies damit Zusammenhängen, daß der Konsunt itt der verarmten jüdischen Mittelschicht überhaupt ans das Rotwendigste zusatnittengeschrumpft ist. Leider aber hat auch noch das jüdischste aller Gewerbe, das Hotelgewerbe Anlaß zu klagen. Daß heute noch jüdische Reisende am jüdischen Hotel vorbeigingen, um in einem Hause Wohnung zu nehmen, wo sie vielleicht geduldet werden, vielleicht auch nicht, sollte man nicht für möglich halten, es scheint

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