Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1933)
- Date
- 1933-05-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 20 Der Israelit 18. Mai 1933 Die nächsten Nummern des „Israelit" erscheinen: Ar. 21 am Mittwoch, den 24. Mai 1933. Ar. 22 am Dienstag, den 30. Mai 1933. Ar. 23 am Donnerstag, den 8. 3uni 1933. Sehr mobil Wir beabsichtigen keine Polemik und reden uns nicht ein, durch Argumente ad hominem VOR einem starken willen geschaffene geschichtliche Tatsachen erschüttern zu können.' Aber wir gewahren mit Befriedigung, das; das neue Deutschland die li irche als gewaltigste und unentbehrlichste Geistesmacht für den Aufbau ■ eines gesunden Volkslebens zu respektieren und zu schützen gedenkt, und die Kirche zum mindesten — auch die evangelische — wird bei aller rassischen Fundamentierung niemals die Brücken abbrechen können, die sie selber mit ihrer eigenen Heilsgeschichte verbinden, und die ja denn doch Rasse und Blut dem geistigen Kosmos des g'ttgeschaffencn geschichtlichen Gesamtlebens der Völker organisch einordnen. ' Hier also ist der eine Ansatzpunkt, an dem ein Gespräch mit dem neuen deutschen Staat über die künftigen Formen j ü d i s ch e n G e m e i n s ch a f t slebens in Deutschland beginnen must, auch wenn man die Juden selbst, ungeachtet ihrer bisher nicht angelasteten formellen Staatsbürgerschaft, individuell wie als Gruppe fortan verfassungsmäßig als Angehörige eines in Deutschland wohnenden fremdnationa- Wohin geht die Fahrt? Die geistigen Umrisse des „Dritten Reiches"^ wie es mit der nationalen Revolution in Deutschland Wirklichkeit geworden ist, beginnen allmählich auch nach der positiven Seite deutlicher hervorzutreten. Wan darf annehmen, das; den führenden Persönlichkeiten des neuen Regimes durchaus daran gelegen ist, über die Periode der Gewaltsamkeiten und der chaotischen Gesühlsausbrüche endlich hinwegzukommen, so sehr man diese als unvermeidbare Notwendigkeiten empfinden, ja aus einem neuen Ethos heraus rechtfertigen zu dürfen glaubte. Daß man geregelte Trinen eines friedlichen Gemeinschaftslebens zu schaffen wünscht, nicht nur für die Sieger, sondern auch für die Besiegten und nicht nur für die vollbürger ari- . „ f._ , , ,, ~ _ ... scher Raffe, sondern fiit «„.Menschen, denen nun lcn VMamme» betrachten tmll. Denn dieser Volkseinmal der Wille der Vorsehung seit einem Jahrtausend fast den deutschen Boden als Heimat und als Schauplatz geschichtlichen Fortlebens angewiesen hat, ist wohl vorauszusetzen. Das jüdische Volk, dem diese nicht-arischen Menschen angehören, sollte auch als Volk dem Arier kein unbekannter und geheimnisvoller Fremdling sein; die tausend Jahre, in denen die jüdische Bibel und die von Juden erfühlten und geschriebenen heiligen Schriften des neuen Testamentes dem deutschen Wesen unauslöschliche Züge ausgeprägt und dieses Wesen von innen heraus gebildet und bestimmt haben, sie können nicht von heute auf morgen aus der Geschichte, ja nicht einmal aus den rassischen und blutmäßigen Seinsunterlagen der deutschen Kultur getilgt werden. Wer will ermessen und errechnen, ob an der von schlichten, frommen Müttern ererbten Seele deutscher Menschen, deutscher Künstler und Schöpfer, Davids Psalmen und das prophetische Pathos jüdischer G'ttes-Künder im Einzelfall größeren oder geringeren Anteil haben als das nordische Blut der Wikinger oder die Lrbschaftsmaffe isländischer Recken? Wan mag diese Betrachtung für belanglos und stamm ist kein Anonymus von irgendwoher, sondern das Volk — d e r Bibel. Aber es ist auch von einer anderen Seite Her eine Voraussetzung klarzustellen, bevor dieses Gespräch mit Nutzen für beide Teile beginnen kann. Waldemar Bonsels hat vor einigen Tagen eine Untersuchung über die geistigen Wurzeln des von ihm durchaus gebilligten neuöeutschen Rassen-AnKsemitismus veröffentlicht, die jeden Rangstreit, jede Höher- oder Winderbewertung der arischen und semitischen Rasse ablehnt und sich bloß an den Begriff der Verschiedenheit heftet. Die Juden hätten schon vor etwa dreiausend Jahren eine ausgesprochene völkische Lebensform, eine Religionsgemeinschaft und Kultur besessen, die Deutschen dagegen besäßen erst seit etwa fünfhundert Jahren eine festgelegte Schriftsprache, seien also ein verhältnismäßig junges Kulturvolk, das gewissermaßen noch im Stadium des unbewußten Wachstums, des gefühlsmäßigen, voc-intellektualistischen Werdens begriffen sei. Da müsse denn die wesensfremde jüdische „Aufgel i ch t e t h e i t " , die alles heilige Geheimnis austceibt und durch die Ueber-Intellektualisterung, durch die auf die Spitze getriebene kritische Bewußtheit eines überalterten Kulturvolkes ersetzt, ein gefahrvolles unzeitgemäß halten, weil ja grade das R a s s e - j Clement der Zersetzung für das naive deutsche Wesen prinzip in seiner vorbehaltlosen Ausschließlichkeit j bilden. das Fundament des neuen deutschen Staates sein sott, > Hier wird das, was unsre Gegner gewöhnlich als und weil das Losungswort der Befreiung von naturbeöingtes Erbteil des jüdischen Blutes hinfremdrassigem, jüdischem Einfluß für die Konsequen-, stellen, der angebliche überbewußte, gefühlsarme, kriteften im nationalsozialistischen Lager sich auch auf j tische Intellektualismus des Juden, dem geschichtlichen das „Ms Testament" erstreckt. «Aller des jüdischen Stammes in die Schuhe gc- Leid und Erhebung. Von Rabbiner Dr. M. Lewln in Hamburg. <nnx vfrnn '2 ny®ixi 'N'vin xs7xi '-i „Heile Du G'tt mich, dann bin ich heil, befreie mich, dann bin ich frei, ja. Du bist mein Ruhm." Dieser Satz ist Israels Gebet geblieben in der Flucht der Zeiten und im Wandel der Geschlechter, immer zeitgemäß und immer auch den Keim der Erfüllung in sich bergend. Wo das nach Heilung und Errettung lechzende Menschenherz sich zu G'tt erhebt, da wächst die Hoffnung und teilt das Licht des Himmels das Gewölk der Sorgen und Kümmernisse. Es ist jüdische Art auch geworden, daß wir, sooft wir mit dem Propheten so beten, niemals nur an persönliches Leid und eigene Sorgen denken. Wir rufen immer zum Hmmel um Hilfe, um G'ttes befreiende Liebe für die Gesamtheit, alle Bekümmerten und Beladenen schließen wir in unsere tägliche Bitte ein. Und wenn wir nicht nur mit den Lippen beten, dann gewinnen wir den Antrieb, wo wir können und wie wir es vermögen, selber anderen zu helfen und ihre Sorgen zu teilen nnd uns so als Sachwalter G'ttes, als seine Sendboten zu bewähren, als seine Kinder, die dem Vater in seiner allumfassenden Liebe und Güte nachzustreben trachten. Wir beten aber auch dann um Heilung der Leidenden, um die Hilfe G'ttes für die nach Erlösung Ausschausnden, wenn wir, dis einzelnen, des Tages froh sein können und nicht unter Wunden und Krankheiten zu leiden haben. Das ist eben auch der Notschrei Israels, das ewig leidet und duldet und immer wieder von neuen Sorgen heimgesucht wird. Wann wäre dieses Gebet da nicht am Platze gewesen? Es ist jetzt die Zeit dernmvv, die Wochen des Zählens, des Sehenns und des Höffens lassen uns wieder in unserer Geschichte blättern. Da lesen wir gar zu deutlich, wie oft und wie mannigfach unsere Stammesseele aufschreien mußte ob der Not und des Druckes in all ihren Abarten, weil buchstäblich der Himmel .,^122 wie Eisen" und die Erde "Nvw2 kupfern" für Israel geworden zu sein schien, ohne Licht und Wärme, ohne Frucht und Teilnahme das ganze Leben für die Väter dahinging. Wir lesen aber auch in unserer i Geschichte und Vergangenheit von G'ttes Liebe und Gnade, wie sich das verheißungsvolle Wort der Schrift bewährte: vxr ds rjxi „Und dennoch!" Israel verkümmerte nicht, das Land stählte feine Kraft und wurde ihm ein Quell der Läuterung. Israel fand sich zu G'tt zurück, es betete in seinen G'tteshäusern, schuf sich in seinen Häusern Familienheiligtümer, lernte und schöpfte unverdrossen aus den Tiefen seiner Lehre und erlebte die Erfüllung der Verheißung: 'vyb ö’-isn px» am vmin ie?x o’juwn v'72 vnivn2» /s ’jk /p*>xV onb vi'.ib D’ian „Ich gedenke ihnen den Bund der Vorfahren (nicht der Stammväter allein, sondern auch wv2Dn mi2 den Bund mit den Stämmen, den Nachkommen der nm), die ich aus Mizrajims Land heräusgeführt vor den Augen der Völker, ihnen zum G'tt zu werden. Ich, G'tt." Dieser Bund besteht fort. Darum dürfen wir nimmer verzweifeln und sollen alle Erlebnisse als eine nn2ni> als eine Warnung und Zurechtweisung auffassen. Der N2V, wie.war er vielfach ins Wanken gekommen —, das jüdische Haus, wie wenig zeugte es oft von jüdischer Art und Sitte! Ist es da uns nicht, als ob wir da schoben — das Ergebnis wirb dadurch nicht besser und vor allem — nicht w a h r e r. Haben denn alle diese superklugen Rassentbeoretiker wirklich keine Ahnung davon, daß Heine nnd Börne, Feuchtwanger und Zweig, Georg Herrmann und .Wassermann, Marx und Freud, oder die Journalisten und Theaterkritiker des Berliner Tageblattes und des Berliner Börsenkuriers geistig durch und durch Produkte des modernen, ebensowohl, deutschen, wie angelsächsischen und keltischen Rationalismus sind, daß die w a h r e jüdische Rasse, das wahre jüdische Blut, wie es unter der beispiellosen dreitausendjährigen Zucht der jüdischen Religion geworden ist, durch niemanden weniger repräscnliert ward als durch jene Entwurzelten, die seelisch in allen ihren Wesenszügen Europäer, Deutsche des 20. Jahrhunderts sind, aber keine! Juden? Herr Bonsels stellt uns das Zeugnis eines dreitausendjährigen Kulturvolkes aus. Er ahnt nicht, wie dieses Volk geworden ist und weiß nicht, wie es i n W a h r h e,i t a u s s i e h t. Dreitausend Jahre! So lange ist's grade her, daß „G'tt vom Sinai einzog" in die Witte, in das nationale Herz dieses Volkes, mit seinem Feuergesetz sein ganzes werden, Wachsen und Leben erfaßte von der stillen Stunde -des K e i m e n s eines jüdischen Menschensprossen an im Ehegemach, von der Blutcrzeugung. und Lluterneuerung an in Speise und Trank, von dem Uebergang pflanzlichen und tierischen Protoplasmas in den menschlichen «Organismus an über alles individuelle und soziale Leben hinweg bis zu den höchsten Gestaltungen nationalen Gruppendaseins in Gesellschaft und Staat, eben um dieses Volk herauszuheben aus den naturgesetzlichen Bedingungen des OkiApVl' des „ A l t w e r d e n s " , ihm seine naive, gläubige, gleich dem Säugling an der Mutterbrust seinem G'tte angeschmiegte Lebenshaltung inallen Stürmen der Geschichte zu bewahren. Sind die Hanövoll deutsch-jüdischer Asstmilanten mit ihren literarisch-journalistischen Exponenten, die alle Untugenden ihrer nichtjü bischen europäischen Umgebung angenommen und übertrumpft haben, sind sie das jüdische Volk? Wir-protestieren gegen diese unwissenschaftliche, der historischen Wahrheit ins Gesicht schlagende Unterstellung. Das j ü ö i s ch e V o l k, wie es in Millionen im Osten sein eigenes Leben lebt, ist ein gläubiges, in jugendlicher U n b e w u ß t h e i t und in der seligen Unberührtheit eines g'ttöurchörungencn Mystizismus zukunftsträchtiges Volk! Und von diesem seiner eigenen naturhaften Art treugebliebcnen Volks kern führt eine ganze Skala seelischer Nuancierungen bis zum westeuropäischen aufgerüttelt werden sollen und grell und herzerschütternd in den Ohren es uns klingt: "mn2voxv27w. Nun wird es befriedigen seine Sabbate, — Drox n» vxi cw ox ninm „Nun werden sie bekennen ihre Schuld und die Schuld' ihrer Eltern." Es ist ein schönes Wort unserer Lehrer: 2,7V' M'72 NX 'N22I1' „Ich werde gedenken meines Bundes (mit und durch) Jakob." >7211 1,7'^XI Xi>» 2022 Nlvlpv NVVN2 Fünfmal wird Jakob „voll" geschrieben, Elijahu fünfmal aber „mangelhaft". '1’22 T^lXJ 7V2'1 X2'V P27V IN'bx Vt? NIX Vül 2PV' N1N1P» NDKN2 „An fünf Stellen ist Jakob ein Buchstabe von Elijahu einverleibt, das zum Zeugnis, daß dieser kommen und die Erlösung der Jakobssöhne verkünden wird." Im heißen Ringen und sich läuterndem Streben hat Jakob jenen Namen sich erkämpft, mit dem unser Volk als bxiV' als Kämpfer für G'tt und Wahrheit benannt wird. Die späten Nachkommen sollen sich ihres Ahns würdig erweisen, dann kommt Elijahu. ihnen Heil und Erlösung zu verkünden. ,]iysnn nnai nait?a j’Vxaa nawn ^X7v' dk „Wenn Israel in Reue ganz zu G'tt zurückkehrt, wird es erlöst, — denn so verheißt der Prophet: Durch Umkehr- und Geduld wird euch Hilfe." Das sei unser Leitwort jetzt und in aller Zeit. Dann wird unsere Einkehr Fruchb und Segen, Ruhe und Frieden uns bringen, daß wir am Ende jubelnd sprechen: inv2» '7 rrm '72 nt52'7c?x 7aan ttd „Gesegnet ist, wer auf G'tt vertraut und dem G'tt der Quell seiner Zuversicht bleibt." Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. S ch ach * nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon ®. nt. b. H., Frankfurt a. M. — Drum Hermon Druckerei, Frankfurt a. M-:.