Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1933)
- Date
- 1933-04-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 17 lichkeiten ohne jedes Examen einer Lehrerbildungsanstalt mit dem wichtigen Amt betrauen, das kleinere Gemeinden überhaupt zu besetzen haben. Nachbemerkung der Schriftleitung: Vorstehenden Artikel entnehmen wir der Nr. 4 des Kölner „Jüdischen Wochenblattes". Wir freuen uns und mit uns wohl alle „Ehemaligen Kölner", daß es durch die Entschließung des Kuratoriums ermöglicht wird, das Kölner Seminar, wenn auch in veränderter Form, weiter bestehen zu lassen. Wir grüßen unser Seminar und die an ihm wirkenden Kollegen und wünschen reichen Erfolg für die altneue 'Aufgabe der Ausbildung von jüdischen Religionslehrern: wir erwarten, daß auch die gesetzestreuen Organisationen und Gemeinden sich bereit finden, das Interesse, das sie dem Kölner Lehrerseminar stets entgegsngebracht, auch der neuen Religionslehrerakademie zuzuwenden. Es bedarf wohl nicht der besonderen Erwähnung, daß auch die Freie Vereinigung der „Ehemaligen Kölner" die neue Kölner Religionslehrer-Akademie als die legitime Nachfolgerin ihres Seminars betrachtet und deren Errichtung mit freudiger Genugtuung begrüßt. Eine Chrestomathie als Rückgrat des jüdischen Ankerrichts? Von Lippmann Kurzweil in Kopenhagen. Jahrhundertelang hat man Jüdisch gelernt und gelehrt, ÖI5 plötzlich in unseren Tagen die brennende Frage aufgeworfen wird, was soll gelehrt werden: oder wie es die Resormbeflissenen, um mit den profanen Disziplinen Schritt zu halten, ausdrücken: was soll das Rückgrat des jüdischen Unterrichts bilden? Ist es die Biblische Geschichte, das Gebetbuch oder gar der Pentateuch? Besonders Scharfsinnige erwägen sogar Neuhebräisch oder Jiddisch. Weshalb auch nicht? Es macht dem Kinde Freude, auf hebräisch zu erzählen, was die Mutter am Freitag zu erledigen hat, oder wie prachtvoll der Vogel im Garten singt. Freude am Unterricht steht an der Spitze der modernen Didaktik. Indessen wollen wir uns nicht in Spekulationen verlieren. Es ist für den Chronisten jedenfalls interessant, zu buchen: Im Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man das Rückgrat des jüdischen Unterrichts' — vielleicht wird er „Religionsunterricht" schreiben — verloren. Lehrer der Tat appellierten zu wichtigen Zusammenkünften, die für den Klall, für die Erhaltung des Judentums von unsäglicher Bedeutung waren. Die Chancen für das Zustandekommen eines taurohfremden jüdischen Unterrichts waren recht günstig, da der Konjunkturmesser des damaligen Geisteslebens auf „Krise" stand. Wie, wenn der Chronist nur einseitig orientiert war, wenn er erfuhren hätte, daß das Judentum als ununterbrochene Kette triumphierend in das drohende Chaos der Nachkriegszeit hineinragte und sich, wie so oft in der jüdischen Geschichte, als unantastbarer Eckstein am Gebäude der Völker bewährt hatte. Es ist eine unverbrüchliche und unabänderliche Wahrheit, daß die Tauroh und ihre Träger eine Weltmission zu erfüllen haben, daß die Tauroh in ihrer Reinheit ewigen Bestand hat. Es war fast in jedem Zeitalter nur ein kleiner „Rest", der ob seiner Güte als Garant für die Lebenskraft der G'tteslehre austreten konnte. Diese gideonitische Elite läßt sich auch nicht von den heute so beliebten Augst- und Verzweiflungspsychosen einschüchtern. Der Hüter Israels schläft auch heute nicht! Viel, ja sehr viel haben wir im Osten verloren, sollen wir darob verzagen oder gar neue Wege beschreiten, die das Judentum den inodernen, spekulativen Anschauungen ausliefern? Moderne Anschauungen, wie lange modern, um wiederum als veraltet abgeschüttelt zu werden?! Wer unser Judentum als ein Helianthus auffaßt, müßte ihm auch Helios andichten, vielleicht wäre uns diese Sprache minder gefährlich als die mit verpupptem Akzent. Das Rückgrat des jüdischen Unterrichts ist und bleibt die mw So selbstverständlich dieser Gedanke im Kleide eines Satzes aussieht, so wenig richtet sich die Praxis danach. Junge Menschen, die ganz min übersetzt und besprochen haben, urteilen über jüdische Probleme mit einer inneren Sicherheit, gehen über gewisse Zeitgeschwülste mit einem selbstbewußten Achselzucken vorbei, zerreißen den Schleier der Romantik, mit welcher sooiele Zeitströmungen agitieren. Allerdings — und das soll hervorgehoben werden — muß bei der Durchnahme der mm auf die geläufigsten Zeitfragen eingegangen werden, die taurohwidrigen Hypothesen aus dem Gebiete der Naturwissenschaften derart ins Licht der Wirklichkeit gestellt werden, so daß die nam* in ihrem vollen Glanze als die ewig Unbesiegbare hervortritt. Man wird einwenden, daß diese einseitige Forderung auf Kosten von und Biblischer Geschichte geht. Doch nur scheinbar. Seien wir doch ehrlich und fragen uns nach dem Sinne des biblischen Geschichtsunterrichts. Wir wollen hier nicht untersuchen, wo er seinen Ursprung hat; es genügt festzustellen, daß er uns wenig Ehre bereitet. Begründung: Heinz hat in der ersten Stunde Geschichte, soll über den zweiten punischen Krieg erzählen. Die dritte Stunde Biblische Geschichte, Sauls Krieg gegen Amalek. Versetzen wir uns einen Augenblick in Heinz' Geistesleben. Assoziiert liegen Rom-Amalek. Kathago- Jsrael, Hannibal-Saul. Man versteht, was wir zu bemängeln haben. Doch nein! Die Biblische Geschichte liegt den Kindern näher als die Weltgeschichte, sie hören jene Der Israelit 27. April 1933 mit offenem Munde ZU, wenn der Lehrer es versteht, sie recht spannend zu gestalten. Können wir dieses geistige Erlebnis nicht auch durch ein Märchen hervorrüfen?l Wir lernen in der Biblischen Geschichte auch gute Charaktere kennen, die auf das Kind erzieherisch wirken sollen; tut dies die Weltgeschichte etwa nicht? Wozu also Biblische Geschichte überhaupt im jüdischen Unterricht?! Wir hatten tatsächlich Gelegenheit, jüdische Gelehrte kennenzulernen, die keine Biblische Geschichte lehrten, ja sogar unter unseren deutschen Kollegen gibt es Ausnahmefälle, wobei ein Teil des stundenplanmäßigen Biblischen Geschichts-Unterrichts dem ,nun-Unterricht „geopfert" wird. Wer Biblische Geschichte als selbständige Disziplin im Rahmen des jüdischen Unterrichts auffaht, hat niemals den Sinn unseres van verstanden. Was uns ein Kapitel aus van spendet, können die besten Biblischen Geschichtsbücher nicht ersetzen. Wenn überhaupt die Rede von einem jüdisch-biblischen Unterricht sein kann, so ist er praktisch folgendermaßen auszuüben: Im ersten Schuljahr Schöpfungsgeschichte bis Jakob, zweites Schuljahr Josef bis Josua, drittes Schuljahr Richter bis Teilung des Reiches, viertes Schuljahr bis Schluß die Bibel und kurze Repetition (Disposition). Für die folgenden Jahre wird die Geschichte der Juden (nachbiblische Geschichte) bis zur Gegenwart entsprechend verteilt. Der Biblische Geschichts-Unterricht verlangt eine, höchstens 1^ Stunden wöchentlich. Beim Unterricht der Biblischen Geschichte ist darauf zu achten, daß die Schüler lediglich den wirklichen Hauptinhalt der Bibel in großen Zügen kennenlernen, damit der Lehrer beim vro-Untcrr'cchk eine gute Orientierung des durchzunehmenden Stoffes voraussetzen darf. In der Biblischen Geschichts-Stunde braucht nur sehr wenig über Moses erzählt zu werden, bestimmt keine Midraschim; auch die Zehn Gebote sollen nur zum Teil erwähnt werden, da all diese Aufgaben vom van-Unterricht gelöst werden. Es ist auch von Wichtigkeit, daß der Lehrer die richtige Form und Wärme des Erzählens wählt, damit die Kinder — aber auch alle — die Geschichte miterleben. Die Biblische Geschichte muh dem Kinde in dieser Kürze stets im Gedächtnis bleiben, sie muß das Lieblingsfach der Schüler werden, denn damit gewinnt der min—> später van-Unterricht einen kräftigen Ansporn. Betrachtet man die Biblische Geschichte als Vorbereitung zum V3Ji=Unterrid)t, dann möge ihr ein, wenn auch bescheidener. Platz im jüdischen Unterricht angewiesen werden. Die Biblische Geschichte verpflichtet uns zu nichts, sie kann beim Nichtjuden dieselbe Anerkennung finden wie in einem unserer Häuser. Die Biblische Geschichte enthält 10 Gebote, die mm 613! Wenn man also das Rückgrat des jüdischen Unterrichts sucht, geschieht dies nur, weil man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. Indessen sind wir der Meinung, daß man den Wald nicht sehen will und wären erfreut, wenn sich diese unsere Ansicht als irrig erweist. Die nun übt nun einmal Alleinherrschaft im jüdischen Unterricht und Leben aus, daher verträgt sie kein wie auch immer geartetes Surrogat. •xaaa anaa vivb Me verschaffen wir unseren Frauen und Töchtern mehr religiösen Sinn? Unsere Frauen und Töchter haben gegen früher — mit sehr wenigen Ausnahmen — viel weniger Sinn für religiöse Bestrebungen. Andere Gedanken leiten sie zit nebensächlichen Sachen hin, die sie für zeitgemäßer betrachten. Damit geht aber das jüdische Haus verloren, und gerade unsere Weisen legten darauf den größten Wert. Sie sagten: „Das Haus Israels, das sind die Frauen". Der' Rabbi des Altertums sprach von seiner Frau nicht anders als von seinem Hause und damit wußte er sie nicht höher zu ehren. Im Judentum ist der Glaube vor allem Erziehung und darum ist die Mutter die berufene Priesterin des Hauses. Auch andere Völker haben ihre Frauen verehrt und verherrlicht. Aber nur die Juden blicken so auf ihre Stammütter, wie aus ihre Stammväter. Die jüdische Geschichte weih von Seherinnen und Führerinnen des Volkes zu berichten. Darum kann nichts schmerzlicher sein als die Wahrnehmung, daß die Säule des Hauses Israel nicht mehr die unzweifelhafte Festigkeit und Tragfähigkeit von ehedem zeigt'. Wir bemerken, daß die Haltlosigkeit bei den jüdischen Mädchen und Frauen die bedenklichsten Verheerungen anzurichten begonnen hat. Es muß darum unsere Sorge sein, die religiöse Erziehung des werblichen Geschlechtes mehr als bisher im Auge zu behalten. Früher genügte es, im Judentum geboren und ausgewachsen zu sein, um das jüdische Leben als natürliches Erbe, als Mitgabe des Elternhauses in Besitz zu nehmen. Die Kenntnis vom Glauben war Sache des Unterrichts, der Schule. Der Unterricht war der Männer Teil und Vorrecht. Der Glaube war die Atmosphäre des Hauses, die Frucht der mütterlichen Erziehung, die Wirkung des Beispiels, das von der Mutter ausging, das wirkliche Erbe der Frau. Früher bedurfte darum das weibliche Geschlecht keines besonderen Religionsunterrichts. Man rechnete so fest und so unbewußt, wie ein gesunder Organismus mit seinen Gliedern. Mit dem Eindringen der neuen Zeit mit ihren veränderten Anforderungen und Anschauungen in die jüdischen Familien, war das weibliche Geschlecht wehrlos ihren Einwirkungen preisgegeben. Es hat das Beispiel verloren und den Unterricht nie besessen. Darum sah es sich des Segens aus dem Haufe beraubt. Nun aber gilt es nicht darüber zu klagen, sondern es handelt sich darum, diese mißliche Erscheinung zu heilen. Wir müssen Sorge tragen, den religiösen Sinn unserer Mädchen und Frauen zu heben und zu pflegen. Aus diesem Gebiete, auf dem noch so gut wie alles zu tun übrig ist, eröffnet sich dem Judentum unserer Zeit ein Arbeitsfeld. Bei redlichem Eifer verspricht unserem Bemühen eine reiche Ernte. Wir wollen gegen die versäumten Jahre nicht Anklagen erheben, sondern das weibliche Geschlecht schützen und fördern, sowie durch segensreiche Einrichtungen unsere Lebenskraft betätigen. Wenn wir unsere Ausgaben klar erkannt haben, wissen wir, wo und wie wir einzusetzen haben. Von altersher ist uns bekannt, daß Religiösität nicht als etwas Fertiges übertragen werden kann. Vielmehr ist sie ein Produkt, das nur allmählich herangezogen und entwickelt wird. Wie man, nach dem Goethe'schen Worte „Mehl nicht säen kann," so kann man auch den Glauben nicht fertig in das Herz legen. Unsere oberste Sorge muß es sein, frische Körner auszustreuen, Saaten großzuziehen auf dem Ackerfelde der religiösen Erziehung, im Gemüte der Jugend, im Herzen der Kinder. Unsere oberste Sorge muß sein, die junge Saat zu gewinnen und den neuep Boden zu bepflanzen. Während es früher galt, durch die Eltern die Kinder zu bestimmen, muß heute die Losung umgekehrt lauten: „Von den Kindern zu den Eltern!" Hier handelt es sich um eine sehr wichtige Sache und darum darf man nicht zögern, die Arbeit zu beginnen. Lange zu bedenken ist gefährlich. Hier heißtes zu erobern, was schon fast verloren ist. „Wer eine Seele in Israel erhält," lehren unsere Weisen, „der hat eine ganze Welt erhalten." Da das Haus in dieser Zeit meist versagt, hat die Hebung des religiösen Sinnes im weiblichen Gefchlechte ihre stärkste Förderung vom Unterrichte zu erfahren. Der Glaube bedarf einer Pflanzstätte, keiner Schule. Aber durch die veränderten Verhältnisse der Jetztzeit kann auch ein Notbehelf zu einem wichtigen Hilfsmittel geformt werden. Heute muß mit erweitertem Pflichtenkreise. mit erhöhter Bedeutung die Schule an Stelle des versagenden Hauses treten. Hatte man früher gemeint, die Erziehung in der Religion genüge, auf das Wissen in religiösen Stoffen sei beim Mädchenunterrichte weniger Gewicht zu legen, so muß heute auf das Letztere großer Wert gelegt werden. Der Mangel an religiöser Erziehung muß durch verstärktes Wissen ersetzt werden. An die Stelle des einst durch Muster und Vorbild Erreichten muß der verbesserte und vermehrte Unterricht treten. Was einst das Elternhaus und die Umgebung, mit einem Worte das Loben leistete, das soll heute die Schule allein zustande bringen! Dabei richtet sich unser Auge vor allem auf die Segnungen des verstärkten Unterrichts im Hebräischen. Aber wie? In den Schulen wird laut Stundenplan in der Woche drei Stunden Religion erteilt. Ein winziger Teil wird dem Unterricht im Hebräischen eingeräumt. Was in der kurzen Zeit im Hebräischen erreicht werden kann, ist herzlich wenig. Im Hause selbst wird selten der Unterricht im Hebräischen unterstützt. Die Zeit, die hierfür erforderlich ist, wäre mit Leichtigkeit zu gewinnen, wenn auf so manches Minderwertige, Ueberflüssige, ja sogar Schädliche verzichtet würde. Es wäre und ist hoch an der Zeit, unsere Kinder unsrer heiligen Sprache zurückzugeben. Die Mädchen müßte beim Verlassen der Schule ein fester Schatz innerlich angeeigneten hebräischen Sprachgutes ins Leben hinausbegleiten. Es darf unter keinen Umständen darauf verzichtet werden, daß selbst den minder Begabten die Hauptgebete und die Glaubenslehren in der heiligen Sprache geläufig und vertraut sind. Was ich hier fordere, ist kein unerreichbares Ziel. In meinen früheren Stellungen an jüdischen Volks schulen des Ostens wurde die Aufgabe gelöst. Die Knaben, wie die Mädchen, besuchten nachmittags die hebräischen Stunden und hatten beim Verlassen der Schule soviel Kenntnisse im Hebräischen, daß sie die wichtigsten Gebete der Werktage, wie des Sabbats und der Festtage übersetzen und den Inhalt der Gebete mit ihren eigenen Worten wiedcrgeben konnten. Hier in Frankfurt 0: M. wird dieses Ziel von sehr wenigen Lehrern erreicht.-Nur eine Schule darf sich rühmen, ihre Schüler und Schülerinnen so weit zu bringen. Daß es erreicht werden kann, wenn genügend Zeit dem Hebräischen eingeräumt werden kann und wird, dafür sind Beispiele zu finden. Darum mühten jüdische Volksschulen an Plätzen, wo genügend jüdische Kinder vorhanden sind, gegründet werden und solche Schulen, wo sie bereits bestehen, unterstützt und die Kinder in sie geschickt werden. Ebenso müßten diese Schulen von pädagogisch erfahrenen Rabbinern oder tüchtigen Lehrern besucht werden, um ihrem Unterrichte Antrieb und Sporn zu verleihen. Die Verteilung von Büchern aus dem Gebiete des hebräischen und jüdischen Schrifttums «u besonders eifrige Schülerinnen müßte allgemein eingeführt sein, um nicht nur den erweckten Eifer anzufachen und zu erhalten, sondern auch das Interesse an der eigenen Literatur für das Leben zu erziehen und zu zeitigen. V (Schluß folgt.)