Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1933)
- Date
- 1933-04-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der. Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) ' Die eigentliche Amtseinführung machten nicht die Lichter, Kränze,. Guirlänöen und Gesänge, sondern ein buntes Licht stieg mit einer Droscho am Sabbat nachmittag auf, das alle in seine Strahlen zwang. Gerüstet sozusagen bis auf die Zähne standen die Jünger da, kampfbereit. Das Thema war bekanntgegeben, -der. Stoff feit Wochen in allen Lehrhäusern durchgearbeitet worden.' Rabbi Salman Leih, der Einheimische, zu allem anderen auch noch mit der Macht des Reichtums ausgestattet, hatte noch zahlreiche Anhänger, die die Hoffnung nicht aufgaben. Ganze Iugenötrupps wurden mobilisiert, richtig ausgerüstet mit allen-Waffen des Geistes. Sie standen nun da vor Rabbi Salman Leib und seinen Anhängern wie „die Pfeile in der Hand des Helden .. Ts. kam nach einigen leisen Versuchen gar nicht zum Treffen. Als hätte Rabbi Mosche alle etwaigen Linwände vorausgeahnt, legte er gleich das Fundament so an, das; kein Angriff, saß. Kaum zeigte sich die erwartete Lücke, wo man anzusetzen gedachte, und schon war sie wieder geschlossen, verbaut, verpanzert. Angestellte Fragen beantwortete der Rabbi, entzog ihnen den Grund, Barrikaden richteten sich auf. Cs war an ihn nicht heranzukommen. Aus Angriffslust der jugendlichen Hörer wurde Interesse und daraus Spannung, Zustimmung, Andacht. Was war das? Rabbi Salman Leib, der große Rivale, nickte, lächelte, horchte verklärt und nickte wieder, sprach ganze Partien mit, redete herein, aber nicht opponierend, sondern angerührt, mitgehend. Und als Rabbi Mosche fertig war, trat als erster Rabbi Salman Leib auf ihn zu und grüßte ihn laut: „Friede mit Cuch, mein Lehrer und Meister! . . An diesem ersten Sabbat wurde die Freundschaft eines Lebens begründet. Die Anrede „Rabbi u Mori", Lehrer und Meister, behielt Rabbi Salman Leib auch später als hochverehrter Rabbiner von Serdahely bei, wenn er sich in Sachen der Lehre und des Lebens an den preßburger Oberrabbiner wandte. XXI. Inpreßburg. preß b ü r g , die weiße Stadt an der Donau, mit den barocken, langfluritzen eng- und hochgebauten Giebelhäusern in den Iudengassen, würde Residenz des jüdischen Geistes. Das große Licht, das die Stadt! aus dem Westen erhalten hatte, strahlte wieder hinaus, hundertfarbig nack allen Seiten, nach Ost und west. Cs war ein gutes, reiches und geordnetes Erbe', das Rabbi Mosche von Rabbi Mcschulam Tusmemtzer übernahm, aber er wollte es mit jugendlicher, frischer Kraft und mit Unterstützung aller, auch derer, die ihm gestern noch fremd oder gram waren, erhalten und weiter ausbauen. Die Thoraschulen wurden erweitert, neue gegründet, Lehrer und Schüler hatten im neuen Rabbi, der oft zu ihnen kam, ihren Freund und Berater. In allen Lethäusern saßen in der Dämmerstunde die Menschen an langen Tischen, die Gelehrten vor ihren Talmudfolianten, die der unteren geistigen Schicht arm Lehrer, die ihnen aus Agaöa- und Muffarbüchern vortrugen. Handwerker und Lehrlinge hatten ihre eigenen geistigen Heime, wo sie Belehrung und Aufrichtung fanden. Kein Jude sei geistig heimatlos und enteignet. „Die Thora ist so groß wie der Crdenraum und breit wie die Meeresfläche" und ist in siebenzig Sprachen, für jeden nach seiner Kraft verkündet worden. Da gibt es schwierige steinige Wege, die der kundige zu ebnen hat und liebliche Pfade, die auch die Schwachen und Müden wandeln können . . . Und alle sind im gemeinsamen Raume unter der großen Sonne vereinigt. In kurzer Zeit hatte der neue Rabbiner seine starke Hand über alle Vereine und Institutionen gelegt, die Liebesdienste an Lebenden und Toten, Gesunden und kranken, Armen und Mittelständlern, Cinheimischen und Fremden zu üben hatten. Alles fügte sich willig. Wer etwas zu erübrigen hatte, war zum Geben veranlaßt, wer in.Rot geraten war, konnte sich dem weisen, verschwiegenen Rabbi offenbaren, und es wurde ihm auf diskrete Art geholfen. In guter Stimmung, pflegte Rabbi Mosche zu scherzen: „wie ich mich vor Belästigung schütze? Die Wohlhabenden, dien kommen, müssen ihren Obolus hinteclassen, die Aermeren bctommcn ein Darlehen — und beide Teile lassen sich nicht mehr blicken .. ." Aber in Wahrheit kamen sie alle, mit ihrem Glück und ihrem Leide, mit ausgestreckten Händen — zu geben oder zu nehmen. Rabbi Mosche war die ausgleichende soziale Gerechtigkeit in der Gemeinde. Im Mittelpunkte seines Wirkens stand aber das L e h r h a n s , für welches ihm Gemeinde und Freunde unbegrenzte Mittel zur Verfügung stellten. Zuerst nur die Seele der Gemeinde, wuchs sich das Lehrhaus des Chata m Sofer — so wurde der Rabbi schon nach Veröffentlichung seines ersten Responsenbandes allgemein genannt — schon in wenigen Jahren zur Seele des Judentums aus, im Ungarlanöe und in den benachbarten Ländern, preßburg wurde zur Wallfahrtsstätte für die Jünger aus aller Welt, Mittelpunkt einer neuen jüdischen Jugendbewegung, die nicht so neu war, sintemalen sie vom Geiste der babylonischen Schulen getragen und getrieben war. ' von den Besten der Besten in den Lehrhäusern aller Welt kamen die Jünger nach preßburg, um sich hier zu vervollkommnen und an der großen starken Persönlichkeit Rabbi Mosches emporzuranken, von seiner eigenen Lehrmethode erzählte man sich Wunder. Cs gab fast kein gemeinsames Lehrhaus, jeder arbeitete für sich und konnte sich die Cigenart bewahren. Rur eine große Schiurstube vereinigte alle flir zwei Stunden im Tage beim Lehrvortrage des Rabbi und wöchentlich und monatlich je einmal bei deu „kleinen und Großen Verhören". Die Lehrweise des Frankfurter Rabbi Mosche Sofer war neu und bezwingend. Hatte man bis jetzt nach polnischer Art kursorisch gelernt, um recht viel Wissensstoff sich zu erwerben, wobei es nur Wenigen, Auserlesenen, gegeben war, der Weite und Breite festen Unterbau in der Tiefe zu sichern, so sah sich der Lernende in der Schule Rabbi Sofers vor ein neues gestellt. Vorherrschend war die G u g j a, das Grundmotiv eines Gedankenganges. Dieses in die rechte Mitte eines Lernpensums gestellt, war Brennpunkt, um den sich alles, was auf dem weiten Gebiet von Talmud, Kommentaren und Dezisoren dazugehörte, kristallisierte, bis der Grundkern, von tausend Lichtern umflossen, ganz und klar herausgearbeitet da lag. Zum Schlüsse stand eine fertige Halacha in ihrem herrlichen p^'ramidenbau, vom Fundamente im Schriftverfe bis zur Turmspitze und der wehenden Fahne auf dieser Spitze da. Wer an einer solchen Sugja teilhatte, hatte in zwanzig Traktaten zu blättern, Dutzende von Kommentaren nachzulesen, in unzählige Dezisoren cinzusehen. All diese Blumen und reifen Früchte am Wege wurden als dauerndes Wissensgnt mitheimgenommen. An 6ctt Deduktionen schärfte sich der Geist, und ordnender Sinn arbeitete an der Sammlung, an der Zusammenfügung der einzelnen Bausteine. Wochenlang entflammte sich das Interesse junger, glühender Menschen an solchem Bauwerke. Cs waren .Banajich-Bönajich, Baumeister- SöhaeL ...... „Cs mehren sich die Schüler in unserem Gebiete". Das alte Gebet ging in Crfüllung. Und preßburg trug die Opfer mit dem Stolz und der Freude, die steigender Ruhm vinbringt. Was in dieser Werkstätte des Geistes erarbeitet wurde, wurde aufnotiert, niedergeschrieben, festgehalten. Die ersten Sendschreiben, die ersten Responfcn und Gutachten, unter diesen auch Kampfrufe, gingen in die Welt hinaus und ließen die Menschen in den Rabbinerstuben und Lehrhäusern aufhorchen. Hier lagen die dicken Bücher und Hefte auf, in denen alle Abhandlungen, alle Gutachten, die ganze Ausbeute anregender Tage, im Lehrhause und stiller, nachdenklicher Rächte, fein säuberlich ausgezeichnet wurden — für spätere Drucklegung. Das Vorderblatt eines jeden Buches und Heftes schmückte in einer Schrift, die an die Kunst des Vaters in Frankfurt erinnerte, ein hebräisches Gedicht, Gebet und Loblied.. Mit einein Dankliede schloß das Heft ab, „ S ch i r a t h M o s ch e " , der Gesang Mosches, nannte er diese frommen Lieder. Ihrer manches begann mit den heiligen Textwocten: „Os joschir Mosche", damals sang Mosche .... Wer von den Jüngeren nach preßburg kam, hatte sich in einen Organismus einzuorönen, der voin obersten Lehrer und Leiter bis zum - jüngsten Jünger alle vereinigte. Kopf und Herz dieses Organismus war Rabbi Rlosche Sofer. von ihm gingen die Richtlinien des Denkens aus, von ihm die Pulsschläge, die das Ganze belebten. An diesem Stamme rankten ste sich, alle, einer mehr, der andere weniger, hoch. Was hier wesensfremd war und nicht mitkam, fiel von selbst, ohne Geräusch, ab. Der Lebensraum dieses einheitlichen, geistigen Gebildes in preßburg stieß alles Fremde und Störende aus, wie der gesunde Körper schädliche Gifte. Hier regelte sich alles bis ins Kleinste wie mit der Kraft eines Ratürgcsctzcs. Man .wußte, Rabbi Mosche stand Sonnner wie Winter, ob Werktag oder Sabbat und Feiertag, vier Uhr morgens auf und war wenige Minuten später in seiner Lernstube beim Studium und für alle, die .ihn suchten, zu haben. Cr weckte, wie König David mit seiner Munderharfo, im Winter mit dem Lerngesange den Morgeig um dann gleich mit seinen Schülern im Lcbrhause das Morgengebet zu verrichten. Cs gab welche, die eigens Stunden vor Tag anfstanden, um sich am Bilde der Morgendämmerung zu weiden, da Rabbi Mosche, in den Talith weißgehüllt, mit dem großen Tefillingehäuse aus der breiten Stirn, wie ein Cngel des Herrn Zebaoth den kurzen Weg von seiner Wohnung ins Lehrbaus machte, ein Bild, 'so schön, als gehörte es mit zum Sonnenaufgang. Jochim, der alte Gemeindehirtc, der im Sommer uin die Zeit die Kühe, Schafe und.Ziegen der Stadt auf die Wolde hinausführte, blieb apder Ccke stehen, tutete fo\ f&n Horn und ließ feine Herde eine Weile halten, um, wie ein General an der Spitze der Truppe, den noch.Höheren zu grüßen. Bauern, auf dem Wege zur 2lrbe.it, blieben stehen und entblößten das Haupt vor der weißen Erscheinung, die ihnen so gewohnt und vertraut war, wie der rote Son.nenstrcifen im Osten. Rach langem, inbrünstigem Gebete, ein ticfeg Crlebnis für alle Teilnehmer, verharrte er. noch .in Talith gehüllt, eine gute Stunde beim stillen Studium aus Schnlchan 2lrnch, gewissermaßen Vorbereitung für den Schnlchan Äruch, den Frühstückstisch, den ihm Malchen, das treue Weib, in der Wohnung deckte. Cs kamen Stunden, in denen keiner störend in seine Lernstnbe treten durfte und Gäste nur in dringendsten Fällen empfangen wurden, denn der Rabbi bereitete sich für die Vorlesung in der Ieschiwah vor. Tr bereitete sich immer gewissenhaft vor und gab auch im kleinen Kreise kein Thorawort von sich, ohne eingehende Einsicht -in die Materie. „Rur der Ofen," scherzte er, „der genügend Holz und Kohle, ausgenommen hat, wird richtig Wärme ausströmen, eine Lampe muß reichlich mit Oel gefüllt sein, wenn sie Licht spenden soll . . ' (Einem Wanderrabbi, der sich seiner Vertrautheit in der Schrift rühmte und alles nach dem Gedächtnis auswendig herausspruöelnö, sich als Stegreiflamdon produzierte, sogar prahlte, jeden Text auf den ersten