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Der Israelit · 1933-03-16 · Heft 11 (16.3.1933) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 11 (16.3.1933)
Date
1933-03-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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I vy Sj trziefjung und Letjre Pädaqo^isclje Seila^e zum „Osraeli!" Organ des Kunöes gefchestreuer WW er Kehrer Deutschlands. Verantwortliche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen lKceis Offenbach) Die jüdische Pädagogik in ihrer Bedeutung für die Gegenwartsfragen. Von X Raphael in Beckum. In feiner Rundfunkrede vom 15. Dezember fand General von Schleicher, der damalige Reichskanzler, wesentliche Worte zur Problematik der Jugend. Unserer jüdischen Gedankenwelt klingt es nicht neuartig, wenn man endlich von einer Anschauung Abschied nirnmt, die schon allein vor dem bloßen Begriff der „Jugend" in Ehrfurcht und Rührseligkeit erschauerte und die im Jung- Sein an sich die Entfaltung höchster Vollkommenheit erblickte. So war jedenfalls die Gesinnung emporgeblüht, die — wie General Schleicher formulierte —in der Jugend „das Salz der Erde" zu sehen wähnte. Gewiß geht die Aufpäppelung dieser Gesinnung nicht etwa auf die aufwühlende Zeit von 1918 zurück; dieser Abschnitt hat nur konsequent bescheinigt, was eine bestimmte Kategorie von Schulmännern bereits seit dem Beginn des Jahrhunderts dem, Geiste eingehämmert hat, nämlich jene angebliche Besonderheit: dieses zwanzigste Jahrhundert sei d i e Epoche des Kindes. In einer derartigen Parole mußte der Grundgedanke eines durchaus individualistischen Weltbildes alle Vorbedingungen schaffen, die eben ein paar Jahrzehnte später den gewaltigen Kult mit der Jugend, mit jugendlichem Mut und mit jugendlichen Heldentum des Weltkrieges treiben ließen. Die tiefinnere Verbundenheit der Idee einer „befreiten" Jugend mit dem herrschenden liberalistischen Prinzip, die Verkoppelung des jungfrohen Idealismus mit einer, Zeit, die an die Wurzeln sämtlicher Artoritäten und Bindungen unbeirrt auflöserisch heranging, — diese in sich unsaubere Synthese mußte eine ungeheure Zersetzung aller Werte nach sich ziehen. Sie sägte auch den Ast ab, auf dem die eingebildete Beschaulichkeit und Geruhsamkeit einer ganzen Epoche saß. Die „befreite" Jugend, das Resultat einer überspitzten liberalistischen Erziehung, wandte sich — auf der Suche nach dem Ur-Grund und dem Wesentlichen — mit großer Schärfe gegen jene Gesinnungstendenz gerade, die zur „Freiheit" eben dieser Jugend geführt hat. Die Plattform der Auseinandersetzungen ist ausgewechselt worden. Eine vorgestrige Zeit ringt um den guten, alten Liberalismus. — verteidigt etwas, was nicht mehr atmet, — ruft „Freiheit" und „Gleichheit"; und das Heutige, dos was die Realitäten der Gegenwart zu formen bereit ist, verlangt einhellig und eindeutig nach Tradition und Autorität, nach Konzentration, nach einer Freiheit, die von dem zusammenfassenden Willen der verantwortungsbewußten Gebundenheit untermauert ist, und sie kämpft fanatisch gegen Erscheinungen der Auflösung. der Tarnung und Verwischung. Jugend galt immer — im Jargon früherer Zitate ausgedrückt — als „Sturm und Drang". Aber beinahe immer im zerstörenden, negativen, niederreißenden ' Sinne. Sehr oft als' Ausdruck der kraß-individualistischen Durchsetzung und der subjektivsten Ellenbogenfreiheit. Diesen Typ mag es auch heute geben. Doch ist er nicht mehr das Symbol für den Aufbruch einer Zeit. Existiert heute ein Begriff „Jugend", dann sieht er sich als Beispiel einer disziplinierten Zusammenfassung. Er tritt auf die Bühne der. Gegenwart als Kameradschaft, als Arbeitsgemeinschaft oder — und das ist seine Lieblingsbezeichnung — als Kollektiv. . Im Erleben dieses Kollektivs wird sich manche arrogante und herausfordernde Spitze abschleifen. Zudem, sind diese. Zusammenballungen Ergebnisse und Notwendigkeiten einer entsetzlichen Krisenzeit. In ihnen wird das Elend gemeinsam getragen, und man spürt gemeinsamen Pfaden ltnö Schlichen nach, um die gemeinsame Not zu mildern. Cs ist nicht zu verwundern, wenn im Laufs der! Geschehnisse und einer überaus zugespitzten Situation der Sinn des Kollektivs zum Ausgangspunkt behördlicher Erziehungsarbeit geworden ist. Markant tritt dieses Moment in der planmäßigen Organisierung des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD.) an die Oefsentlichkeit. Hier scheint sich eine besonders zeitgemäße Form kollektivistischer Gruppierung zu bilden. Gleichzeitig erwarten uns an diesem Wendepunkt wichtige Aufgaben, wenn wir von der Warte des bewußten und positiven Judentums aus an eine Betrachtung der damit verbundenen Erwägungen gehen. Und wir müssen von unferein speziellen Sein her an grundlegende Feststellungen gehen; und wir müssen das ohne Lauheit und vor allem ohne jenen Fatalismus tun, den wir — fälschlicherweise und nicht ohne Gefahr — mit „jüdischem Optimismus" vevtaufdjen. Die mit dem FAD. eng zusammenhängenden typischen Jiic-endfragen beschäftigen auch andere, auch kirchliche Kreise; die religiöse Verantwortung steht hier vor höchst schwerwiegenden Entscheidungen. Bedenken allgemeiner Natur werden laut, seitdem im FAD. eine Zusammenfassung der jungen Menschen in Lagern projektiert und teilweise durchgeführt wird. Dieser Tage beschäftigt sich die holländische Oefsentlichkeit mit denselben Ueberlegungen, und man erfährt, daß die Ausdehnung die FAD.-Lager auf mehr als sechs Wochen für eine moralische Gefährdung der in ihnen untergebrachten Jugend gehalten wird. Unsere Aufgabe -kann es naturgemäß nicht mehr sein, die gesamte Einrichtung oder den Gedanken des FAD. überhaupt zu verwerfen. Mit solchen leeren Demonstrationen ist nichts zu verhüten oder zu gewinnen. Die Idee ist aus dem Entwicklungsgänge der Gegenwart herausgewachsen. Wir haben sie zu bejahen. Wir haben allerdings darüber hinaus die Pflicht, mit jüdischer Verantwortung uns der im FÄD. vorhandenen jüdischen jungen Menschen anzunehmen. Leider hat man noch keinen einwandfreien Ueberblick und kennt zu wenig den Kreis der jüdischen Menschen im FAD. Zur Teilnahme am FAD. sind Aufforderungen ergangen. Bereits im Juli 1932 wandte sich der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten an die jüdische Jugend. In einem Ausruf hieß es damals u. a.: „. . . Dieser freiwillige Arbeitsdienst kann für unsere junge Generation ein außerordentlich wichtiges Erziehungsinittel und maßgeblicher Faktor für die körperliche und sittliche Ertüchtigung werden. Die Erfahrungen, die in den Arbeitslagern der Organisationen aller politischen und religiösen Richtungen bisher gemacht wurden, sind in diesem Sinne durchaus positiv ..." Man wird, so gut gemeint ein solcher Aufruf sein kann, die gesetzestreuen Führer — und vor allem wohl die Lehrerschaft, die in einein besonderen Kontakt mit der jüdischen Jugend zu stehen hat — zur größten Aufmerksamkeit und Umsicht auffordern müssen. Letzten Endes ist es für UNS keine Lösung, unsere Jugend einfach in ein Kollektiv zu stellen und ihr eine vorübergehende „Erleichterung" von materiellem Druck zu verschaffen. Selbst wenn diese Arbeitsgruppen teilweise nur „ans Juden" bestehen sollten. Einsetzen muß hier neben dem Kampf um materielle Sicherung für uns Juden eine planmäßige Erziehung zum Jüdischen. Einsetzen muß sich hier zunächst das traditionelle Judentum mit seinen geistigen Machtiuitteln, allerdings mit einein sehr bestimmten (Ouanlmn von Opserbereltschaft und Bekennermut. Das Rad der Ereignisse kurzerhand rollen zu lassen, abzuwarten, anderen großzügig den „Vvrtritt" zu lassen, — möglicherweise eine "Art „Seelsorge" nachgemachter Observanz zu. züchten: das ist Versündigung! Dem jüdischen Menschen im FAD. wird mau mit besonderem Takt und mit einer Einführung ganz eigener Struktur zu. nahen haben. Man wird ihn einzeln gewinnen. müssen. Seiner Freiheit muß inan zur Verfügung stehen, wie man seinem ganzen Sorgenkomplex mit größter Bereitwilligkeit und sehr oft mit größtem Begreifenwollen zur Verfügung stehen muß. Abseits darf keiner gelassen werden. Die „Erfassung" dieser Menschen darf nicht allein statistischen Wißbegierden dienen; diese — teilweise deklassierte — Jugend bedarf einer seelischen „Erfassung" ohnegleichen. Selten standen wir vor so viel Fiasko wie heute. Vielleicht wird der Weg zu diesen jüdischen Menschen am sichersten von der Jugend aus gefunden werden. Das wird eine der schwersten, aber jüdischsten Arbeitsziele unsrer gesetzestreuen Judenheit und ihrer Führer sein. Wenn man die ersten Brücken geschlagen hat, wird man immer wieder versuchen müssen — und da gibt es zahlreiche Methoden und Mittel —, einen jüdischen Bereich zu vermitteln: jüdische Abende oder jüdische Stunden. Einladungen und Briefwechsel, Diskussionen und Unterhaltungen. Mit ostentativer Geduld. — und nicht ohne Enttäuschungen. Mit Rundbriefen jüdischen Inhalts wird man diesen Menschen das Interesse für Judentum und Jude-Sein zu wecken oder zu vertiefen haben. Man soll ihnen die jüdische Presse und jüdische Literatur, Bücher, Schriften zugänglich machen. Ein wichtiger Schritt wäre: diese gesamte große und zeitnahe Erziehungsarbeit zu zentralisieren und innerhalb des traditionellen Judentums eine Arbeitsstelle für die Janngviffnahme und Durchführung dieser Aufgaben zu.schaffen. Das ist kein neuer Bürokratismus. Das könnte selber zu einer kleinen Zusammenfassung junger Menschen zu einem freiwilligen Arbeitsdienst für die jüdischen Teilnehmer am FAD. draußen führen. Oder man schafft solche Hilfsstellen spontan (an mehreren zentral gelegenen Orten des Reiches. Dazu braucht man keine Resolutionen und Entschließungen großer Organisationen und keine Tagungen, sondern — was jedoch schwieriger sein mag — jüdische Begeisterung und eine überzeugte Kenntnis vom Wesen unsrer Gegenwart. Den sachlichen und pädagogischen Untergrund zu fundieren, ist natürlich dem jüdischen Elan unsrer Lehrkräfte und unsrer Führer anheimgestellt. Und davon wird nicht wenig abhängen. Aber der Wert der jüdischen Pädagogik erfährt seine eigentliche Schätzung nicht im Erfolg der Schulstuben. Heute entscheidet sich olles Grundsätzliche zu bedeutenden Teilen außerhalb unsrer engeren Wirknngggebiete, nicht zuletzt in all den Kollektiven und Gruppen, die ringsum in der großen Welt zu Lösungen ersuchen, doch auch zu Experimenten Zusammenkommen. Da muß die pädagogische Energie mit doppeltem Eifer und mit verdreifachtem Geschick einsetzen. Andere Möglichkeiten bieten sich bei der Gestaltung des — ebenfalls von der Reichsregierung projektierten — Notwerks der deutsch e u Jugend. Man kann der Entwicklung dieses grüßen Planes nicht mit -! guten Rezepten vorgreifen. Doch dürste es ratsam sein,! jedes Stadium im Werden des Notwerk-Gedankens im j 'Auge zu behalten, um nicht völlig unvorbereitet und ahnungslos im gegebenen Moment mit der zusätzlich j jüdischen Hilfe eingreifen zu müssen. Die Tatsachen, die; an uns herantreten, dürfen bei uns und unserm jüdischen Wollen kein chaotisches Durcheinander.vorfinden. Dieses Notwerk will sich an die aus den Berufen verdrängte und von dem Arbeitsprozeß forngehaltene Jugend wenden, will sie zu Lehrgängen, Kursen und zu einer neuen Form der Kameradschaft zusammenbringen und gewissermaßen eine Verbindung mit dem Bezirk des beruflichen konstruieren. Man weiß noch nicht, in welchem 'Ausmaß hierbei geistige, ethische und ideologische Einflüsse zur Geltung gebracht werden, bezm. gebracht werden können. Zum Teil hört man, daß die Berufsschulen und ihre Erziehungseinwirkung in den Aufgabenkreis des Notwerks gespannt werden sollen. Mag sein, daß man in anderen Teilen eine eingehende Heranziehung der „Schulmänner" nicht gern sieht. — die Jugend selbst wird sicher in ihren „Ansichten" über Schulmeisterei hier ebenfalls bestimmend auftreten, — wie dem auch sei: unsere jüdische Pädagogk muß mit großer Hingäbe sich den Problemen widmen, die sich für das traditionelle und positive Judentum auf dem Wege eirrer erzieherischen und vor allen Dingen seelischen Mitwirkung bei der Ausgestaltung des Notwerks ergeben. Auf keinen Fall dürfen sich die aufbanenden jüdischen Kräfte, die Faktoren einer religiösen Verlebendigung, bei der entscheidenden Umwälzung von selber ausschalten, die mit sichtbarem Schwünge das Weltbild der Jugend und die Umrisse ihres Zrifammenlebens ergriffen hat.

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