Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1933)
- Date
- 1933-03-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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■9. Mär? 1933 Der Israelit Nr. 10 Seite 11 Die Ausgabe für die Klassenarbeit lautete: Die ersten 5 Sätze der Megillas Esther ins Deutsche übersetzen. Schnell machten sich alle ans Werk, auch unser Marel. Und nun fing er an: vip. — das weiß ich noch von den Schöpfungstagen, m'i das heitzt: Und es ward Morgen. '»'2— was kann das bedeuten? Das mutz ich mal suchen, aha, haben wir schon,. m Kanzel, Pult, Bühne. Also weiter, den Zusammenhang finde ich dann schon am Schlutz, wir dürfen ja auch ein wenig frei übersehen. — nun, was kann das wohl heitzen? Das ist sicher ein zusammengesetztes Wort, vielleicht aus ns und n? und V11 nrr d. i. Bruder, das kenne ich, vm undivdas mutz ich Nachsehen, v — v, also das heitzt falsch und tn~) heitzt Gift, aha, so ein falscher giftiger Bruder war das. -zbün — der König, vielleicht auch, der regiert 'der herrscht. rrinn- Was soll das heitzen? von Haudu in Hallei an. das kanns doch nicht sein. Also kommts wohl von Tim Glanz, Majestät. INI heitzt: die Versammlung, der Vorstand. Neger, Aethiopier. D’njpsi satf siebenundzwanzig. •) nx» das ist eine kleine Münze, vielleicht so viel wie Mark. *) Auf k oder y koinmts dem Ma.rl nicht an. nz'ny ach, fein, das kommt von th Gericht, Gesetz. Also jetzt wollen wir mal zusammenstellen: Eines Morgens (kam) vor das Richterpult ein falscher giftiger Bruder, das war so ein schlechter Lügenbruder, der mit Glanz die Negerversammlung beherrschen wollte, aber er mutzte siebenundzwanzkg Mark (Strafe zahlen) vom Gericht. Weiter kam Marl nicht, da schellte es schon. Nun was sagt ihr zu dieser Uebcrsctzung — wieviel Fehler sind darin und welche Note verdient Marl? Zwei wahre Geschichtchen von Kindern. I. Ist und Chajim unterhalten sich über die Frage: ist unser Lehrer, Herr Tohn ein Zied (Pole) oder ein Zecke (Deutscher). Zsi meint ein Zecke und begründet dies: ,.Haste nicht gehört, wie er hat gebenscht? Er hat doch nicht gesagt brich atho wie die Zieden, sondern boruch atho wie die Zeckes!" — Daraus Chajim: ' „Werd' ich dir geben a Beispiel: ^Als Molsche Rabbenu ist gegangen auf den Har totttai hat er nicht gegessen und nicht getrunken 40 Tage und 40 Nachte. Für wüs? Oven sennen gewesen die Mnlochim, haben nicht gegessen und nicht getrunken, hat er gemeint, er mutz auch. So machts Herr Lohn. Alle Lehrers sind Zeckes, benschen boruch atho, meint er, er mutz auch!" (Mitgeteilt von Frl. K. Emanuel, Berlin). II. Eine kleine Schülerin des 1. Schuljahres hat in der Fibel das Wort '»n gelernt. Stolz koiumt sie nach Hause und sagte zur Mutter: „Zch habe heute gelernt, wie ich auf Hebräisch zu dir sagen kann. Aber jetzt weis; ich nicht mehr — heitzt es Perfil oder Zmi?" (Eingesandt von Herrn Lehrer Wols und- Herrn Wallerstein. Siegburg). Das Rätsel lösten: Zakob Freimann, Helene Lidsbarski, Mathilde Lipschütz, Bella Wolfs, Nathan Carlebach, Eduard und Minni Merzbach, Frankfurt a. M.; Fanny Wolssahn, Thea und Ludwig Wertheimer, Käti und Rosi Weichselbaum, Artur Cassel. Herbert Rosemann, Lea Auerbach, F. und E. Lewy, Rosa Kessler, Franziska Kornblum. Brüder Wagschal, sämtl. Berlin; Selma Tempelhof, Heuny Heymann. Köln; Ruth Speier-Holstein, Köln-Mühlheim; Leo Katz, Elisabeth Stern, Melleck) und Ziwia Gleiter, Nürnberg; Nahei Fraenkel, Kiel; Margot und Herbert Reich. Kitzingen; Lilli Hirsch und Hanna Levy, Ladcnburg; Ruth Mannes, Schwabach: Meta Hamburger, Alzenau; Pauljakob Zeidel, München; Mirjaiu Zoelsoil, Haillburg; David Wilder, Emil und Philipp Pfeffer, Dresden; Judith Feist, Cauboirne, Ztzik Joffe, Memel; Zlfe Lewa,. Tilsit; Hanna und Walter Rosenthal, Köln; Zda Wreschner, Elias Munk, Frankfurt a. M.; Julius Klugmann. dlürnberg. Eine archäologische Entdeckung, die den Purimgelehrten viel Kopfzerbrechen machte?) Zu den wertvollsten Mitgliedern unseres Eheder im litauischen Städtchen N. gehörte eine Ziege, deren dürren Knochen und zottigen Haaren man es nicht ansah. wie produktiv sie sein konnte. Sie war Eigentum der Rebbezin, und mit dem halben Ein,er Milch, den die Rebbezin jeden Abend aus ihren Eutern herausmelken konnte, hatte sie, die dürre Ziege, mehr zum Haushalte beigetragen, als wir zehn Zungens zusammen mit denr kärglichen Honorar, das wir dem Rebben, Reb Zankel, allmonatlich brachten. Kein Wunder daruin, datz die Ziege so eine 2lrt Ehreubürgerrecht iiu Eheder genotz, sie war der Augapsel der Rebbezin. Wehe dem Zungen, der der Ziege etwas zu Leid tat. Das wurde viel strenger bestrafte als wenn er feinen Kameraden die Nase blutig geschlagen oder sein Chumischpensum nicht richtig gelernt hätte. Alles war verzeihlich, aber: „Rührt mir meine Ziege nicht an!" Einer unter den Zungen, B e r k e hietz er, war gewiß nicht der Beste in der Corona. Lernen konnte er nicht, und er bändelte mit Jedermann an. Aber keiner von uns verstand es wie er, mit der Ziege umzugehen, sie zu füttern und zu betreuen. Darum war er der Liebling der Rebbezin. Er war immun, ihin konnte nichts passieren. Er quälte und tyrannisierte UNS alle nach Herzenslust. Eine Beschwerde beim Rebben war nutzlos. Zede Strafaktion scheiterte am energischen Dazwischentreten der Rebbezin. Wir nannten diesen gefürchteten Kameraden „Berte, der Sar Hamaschkim", mit Anspielung auf seine Sonderstellung als Mann, der die Ziege tränkte. Eines Tages nach einem schweren Zusammenstoß mit Berke, wobei, wie immer, er der Angreifer und Schuldige war und ich statt seiner die Strafe erhielt, kain ich zur Derbützung seines Vergehens in den T u r m. Der Turm, das war das gefürchtete Gefängnis, der Karzer des Eheder: ein schmaler dunkler Gang zwischen dem großen Backofen und der Wand. Sitzen konnte man in diesem Raume nicht, kaum stehen. Nichts, womit die Zeit zu vertreiben, und zwei geschlagene Stunden auszuhalten. Es tobte in mir. Rache an Bcrke... Schon hatte ich meinen Plan. Ein Messerchen hatte ich bei mir. Die roten Ziegel der Ofenwand waren weich und nachgiebig. Also los! Zch fing an, mit Geduld und größter Präzisität, — ich hatte ja Zeit, — zu kritzeln und zu malen. Dieser Bauch, diese Hörner, der herrliche Bart. Er sah sogar zuerst aus wie der Bart des Rebben, aber noch ein paar Strähnen und nun war es der Bart der Ziege. Ileber-- haupt die ganze Figur: die Ziege der Nebbezin> wie sie leibt und lebt. Fast könnte man sie melken. Und nicht zu vergessen unten die Aufschrift; „Berke Sar Hamaschkim." *) Nach einer Erzählung von Israel Majofis in der jiddischen Sammlung „Humoristische Erzählungen". Verlag Rubin Matz, Berlin. Wem, sie morgen kommen und das sehen. Der Erzfeind ist lächerlich gemacht, ist erledigt. Rache ist süß! * . Leider nahm die Sache eine etwas unerwartete Entwicklung. Als ich am nächsten Tag ins Eheoer kam, empfing mich ein großes Wehgeschrei. Die Rebbezm rang, die Hände und schrie aus Leibeskräften: „Was hast du da gemacht, du Räuber, du Mörder? Hast mich total ruiniert. Die ganze Milch ist dahin. Alle Schulden getilgt! ..." Zur näheren Begründung dieser Anklage mutz folgendes bemerkt werden: Die Rebbezin, die weder lesen noch schreiben konnte und ihre Milch auf Kredit hergab, pflegte gerade diesen Ziegel, den ich zum Untergründe meines Rachebildes gemacht habe, als Notizbuch zu j gebrauchen. Mit einer Kohle pflegte sie sich hier ihre, Zeichen zu machen. Kurzer Strich bedeutete halben Liter, langer Strich einen ganzen Liter Mllch. Geschlossener Krejs hieß soviel wie „bezahlt "usw. Nun hatte ich ihr ganzes Kontobuch zerstört, ihre ganze Bilanz vernichtet. Im Gedächtnis hatte sie nichts und auf der Wand stand so gut wie nichts mehr geschrieben. Unglücklich habe ich sie gemacht, alle Schulden erlassen, ein Moratorium. Die arme Rebbezin wußte nicht mehr, wie ein, wie aus. Von den Konsequenzen meines Kunstwerkes für mich will ich. lieber schweigen. Ich hätte wohl noch sehr lange unter den Folgen dieser Geschichte gelitten, wenn nicht bald darauf viel schlimmere Vorgänge alles andere zugedeckt und in Vergessenheit gebracht hätten. Nämlich: In der Nacht warf der Sturm den kleinen Ziegenstall ein und die Ziege mutzte im Eheder, in jenem Karzer zwischen Ofen und Wand untergabracht werde». Auch sie hatte scheinbar dort Langweile, denn sic vernichtete mit ihren Hörnern noch weitere wichtige Teile der Milchbuchführung. Auch au meinem Kunstgemälde hatte diese kunstfeindliche Ziege vandalische Vernichtungen angerichtet. Sie erhielt ihre verdiente Strafe. Wenige Tage später fiel sie der großen Zicgeuseuchc zum Opfer Uttd fand ein rühmloses Ende. Ein paar Jahre später wütete eine Feuersvrunst im Städtchen, die auch das Häuschen meines Rebben in einen kleinen Ziegelhaufen verwandelte. Dieser wurde mit der Zeit von einer großen Erdschicht zugeschüttet. * Als fünfzehn Jahre später die Eisenbahn durch das Städtchen geführt werden sollte, fand der Zngeiliour bei den Grabarbeiten eine altertümliche Tafel, vollbedeckt mit rätselhaften orientalischen Schriftzeicheu um ein stark verwischtes ebenfalls rätselhaftes Tierbild. Die Bauleitung schickte den kostbaren Fund an die Wissenschaftliche Akademie in Berlin, die die schwere Aufgabe hatte, das Bild und Worträtsel zu entziffern. Einige Monate später las ich in der Berliner „Monatsschrift für Archäologie" folgenden Bericht: „Nach schweren Bemühungen ist es gelungen, eine Tontafel zu entziffern, die man im Städtchen N. bei den Bauarbeiter, für die Eisenbahn gesunden hat. Der Fund stellt sich als seltenes Dokument aus der altägyptischen Epoche dar. Nach den bekannten wissenschaftlichen Schlüsseln konnte man die Schrift wie folgt deuten: „Ich, Zoseff. Sohn Jakobs, den das Weib Potiphars zu einer Sünde verleiten wollte, kam infolge einer Verleumdung ins Gefängnis. Pharao trau,nie von sieben fetten und sieben mageren Kühen. Wie der Sar Hamaschkim erzählte, datz ich Träume zu deuten verstehe, kam ich zu Pharao und wurde Vizelöuig." „Hochinteressant", schreibt die Zeitung weiter, „ist das Bild der einen mageren Kuh auf der Tontafel. Mau kam, daraus Anhaltspunkte für die Entwicklung der ägyptischen Kunst gewinnen. Rätselhaft bleibt nur, wann, wie und durch wen dieses bedeutsame historische Dokument aus dem alten Aegypten nach der K o w n o e r Gegend verbracht wurden ist." Zch sah mir den Bericht und das wiede,gegebene Bild an, und sütze Kindererinnernngen wurden in mir wach. Hier waren die letzten Striche nnd Riugelchcn der Rebbezin, hier war auch mein erstes Meisterwerk, das schöne Bild von der Ziege der Rebbezin. Oer Sorgenträgcr. Verzweifelt sagt Chajim: „Nun ists aus! Ich kann die Sorgen nicht mehr allein tragen, ich stelle mir einen Sorgenträger an, daß er für mich die „Daages" trage. „Und bezahlen, lieber Mann? Wie willst du dem Sorgenträger den Lohn bezahlen?" fragte die Frau. „Das wird seine erste Sorge sein," meinte Chajim. historisches. I. Die Begrüßung. Als die Frankfurter Gemeinde 1845 mit Leopold Stein den ersten Reformrabbiner anstellte, wünschte der Vorstand von Rabbi Salman Trier, dem damaligen frommen Oberrabbiner, daß er Dr.. Stein als feinen'Substitut anerkenne tmö einführe. „Sie müssen ihn begrüßen," beharrte der Vorstand, „er ist doch quasi Ihr „Dajan". „So, so," sagte der alte Rabbi, „dann werde ich ihn bei der Einführung mit „Boruch Dajan h o e - e m m es" begrüßen . . ." Man nahm von seiner Beteiligung Abstand. II. Ein Veto gegen die Orgel. Bei einer Enquete über Einführung der Orgel sprachen sich die Frauen einmütig gegen die Orgel aus. Begründung: Wenn unten die Orgelpfeifen spielen, hört man oben sein eigenes Wort nicht. Gestliche Paradoxa. Wenn der neue Präsident der ft. S. A. die Träne Ninsel abschafft, wird ihr keiner eine Träne nachweinen. In der „Chorschul" zu Lemberg erklärten die zehn Minjanleute, denen auch das Fasten an den Fasttagen für die ganze Geineinde obliegt, solidarisch, daß sie bei den teueren L e b e n s rn i t t e l p r e i s e n für das bisherige Gehalt nicht mehr fasten könnt e n. „Mehr laufen, lieber Freund, inehr Bewegung." mahnte der Arzt nach der gründlichen Untersuchung. „Was find Sie eigentlich von Beruf?" „Ich habe als Bote die Beiträge von sieben jüdischen Vereinen einzukassieren."