Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1933)
- Date
- 1933-03-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton Beilage xfZ'fr Lichk aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettsdämmerung. (Fortsetzung.); „Der Zukunft gehe ich mit leeren Händen eiügegen," zog Hirsch Ierwitz trübselig.das Fazit. „2lber es ist wahrlich nicht das, was. mich niederbeugt. Denn, habe ich mehr Anrecht auf Reichtum, Ansehen und Llnsinß, als all die armen Juden in. Prosnitz, Dresnitz, Boskowicz und überall in der Welt? Rur . . ." „Ich verstehe," ergänzte Rabbi Mosche, da der Schwager bekommenden Herzens schwieg, „es ist bitter, wenn man gewöhnt war, zu geben, zu helfen, zu retten, eines Tages mit wankenden ünieen und schlaffen Händen selber hilflos dazustehen. Das verstehe ich." „Vielleicht habe ich auch kein Anrecht auf das größte Glück und die größte Freude, die im Beglücken und Erfreuen bestehen," schickte sich der gefallene jüdische Magnat in sein Schicksal. „Wie sehr dieser Schmerz deine Armut adelt, brauche ich dir nicht zu beweisen," schürfte Rabbi Mosche weiter und tiefer. „Aber läßt sich mit deiner Erfahrung und Begabung, mit deinen Beziehungen und deinem Ramen nach Ablauf der verlustperioöe die Zukunft nicht von neuem aufrichten?" Ierwitz seufzte tief: „Im Geschäftsleben gelten Beziehungen, Ramen, Erfahrung viel, aber zu all dem ist noch anderes Kapital nötig, richtiges, klingendes Kapital und Kredit. Beides ist hin, wozu die Illusionen?" Run waren sie am Punkte, dessen Berührung Mosche all die Zeit fürchtete und peinlich vermieo. Cs war nicht mehr zu umgehen. „wie steht es, lieber Schwager, mit dem vermögen, das mir, deiner Schwester, unserem: Haufe bei unserer Verheiratung stchergestellt wurde?" Hirsch Ierwitz schien die Frage weder zu überraschen noch peinlich zu berühren. Er hatte sie erwartet. Gerade dieser Sache wegeck war er eigentlich hergekommen, denn mit eigenen Dingen seinen gelehrten Schwager zu behelligen, hätte er vielleicht gar nicht gewagt. . „Davon hätten wir zu allererst sprachen sollen," sagte er und.legte Akten und Dokumente auf den Tisch, was sichergestellt war, ist nach wie vor sicher. Cs waren zehntausend Gulden, in guten Papieren angelegt. Hier Hie 'Abrechnung und die Depotscheine, macht mit fälligen. Zinsscheinen etwas mehr wie zwölftausend Gulden... Ls. .ist.,dein vermögen. und wirst ,.cs^ in eigene Hand nehmen müssen. Ich bin" — er keuchte es tonlos hervor — „nicht mehr der Mann, Um "fremde Gelder zu verwalten ..." Rabbi Mosche sah verblüfft auf die Scheine. „Das war,. verzeih lieber Hirsch, unehrlich gehandelt," .entfuhr es ihm. .„Unehrlich?" — Hirsch Ierwitz fuhr auf wie von einem Stiche ins Herz getroffen.—. „du hast nicht gehört oder meine Worte nicht verstanden. Ich sagte, d e i jp Vermögen, ist i n t a k t,• sogar noch vermehrt. Siehe hin,..alles unberührt." - ,> „Darum,.wiederholte Rabbi Mosche' ganz deutlich,. „hast du eben u n eh r,l i ch!gehandelt, u n e h'r li ch.g e g e n 6 i d; selb st.- Dü hättest dich mit dem .Gelde vielleicht retten können."; Cs dauerte eineganze weile, bis- Hirsch Ierwitz begriff. Dann aber fuhr er -auf/ Der ganze alte Stolz . bäumte sich in ihm auf. ■' «Ich sollte fremdes Geld angreifen, bei mir deponiertes.. Gut? Meine eigenest.Mefchwister...berauben? Das tränst''du Nr zu? Kennst du mich für so einen?" „Wir wollen-in Ruhe reden, und einfach ein Stückchen Gmorö. lernen," beschwichtigte Rabbi Mosche und wußte, das Zauberwort „G'moro" würde allen Zorn Ides Schwagers glatt-zurückdämmen. „Die Sache gehört in Traktat „Bobo Mezioh". Also: Zwei Teilhaber schließen ein Geschäft ab, mit gleichem Anteil am Gewinn und Verlust. Indem sie nichts ausgemacht haben, kann das stille Abkommen nur so und nicht anders gemeint sein. Hat nun der eine gearbeitet, gewonnen und dem anderen, dem stillen Teilhaber, vom Gewinne zukouimen lassen, mehr als ihm ziemte. Hat sich aber dann das Rädchen gedreht und Verlust ist eingetreten, wie darf da der andere, der stille Teilhaber, sagen: mich berührt das nicht, ich habe an deinem Verluste keinen Teil? . . ." war das schon ein Lernen, im Singtone des Lernenden hergesagt, so folgte dem noch eine Reihe von Talmudstellen, Ansichten von Tossofisten, Äschert, Ehofchen Mischpot und späteren Dezisoren. Hirsch Ierwitz war betäubt. Konnte er, der Kaufmann, der gefallene Magnat, sich mit diesem so gerüsteten König der Halacha, in eine talmudische Diskussion einlassen? Cr hatte nur ein einziges, einfaches Argument: „Du hattest keine Mitschuld an meinem Ungemach. Habe mich in geschäftlichen Dingen nie mit dir beraten. Gäbe G'tt> ich hätte cs getan ..." „Mit schuld?", stieg der Gelehrte wieder auf den Loden der Tatsachen hinab. „Ich bin eher der Alleinschuldige an deinem Geschicke." Diese Selbstanklage des Schwagers setzte Hirsch Ierwitz zunächst in Verwirrung. Rabbi Mosche mußte deutlicher werden. „Denn mir wurde kundgetan, daß um meinetwegen der ganze Sturm über euch gekommen ist," zitierte er aus dem Buche Jona. „G'tt wies mich in dieses Land, daß ich eine Gemeinde führe. Ich flüchtete mich in den Wohlstand und die Behaglichkeit des Gartenhauses wie der Prophet Jona vor der ihm gewordenen Weisung . . . Daher, lieber Schwager, wogt der Sturm, der mir gilt und dich trifft ... Ich werde gehen, — Jona wird abgeworfen — und dein Schiff beginnt eine neue ruhige Fahrt; mit jener Summe als kleinem und gutem Anfänge. „Das könnte meine Rettung fein," jubelte etwas aus Hirsch Ierwitz heraus. „2lbec," — er unterbrach sich mitten im Satze — „was berechtigt mich, die Prüfung auf andere abzuwälzen? Rettung? Aber darf man sich retten auf Kosten Anderer?" Hirsch Ierwitz war genug bewandert im Talmud, um die Stelle aus einem anderen Traktate wörtlich anzuführen, in der eigene Rettung auf Kosten Anderer scharf verpönt wird. „So ist das nicht," erklärte Rabbi Mosche. „Ich trete ins neue Unternehmen mit dem Gelde ein — wiederum mit Gewinn- und Verlustanteil. Zunächst brauche ich das Geld nicht, da ich in Dresnitz auskömmliches Gehalt beziehe. Sollte unser Wunsch, Malchensheißes Sehnen nach einem-Kinde in Erfüllung gehen, dann mag das Kapital Eigentum der Rachkommen-. fein."; ■ Das sah schon ehermach einem Geschäfte aus, auf dus Ierwitz ohne Verletzung feines Stolzes erngehen konnte. Aber richtig kaufmännisch mußte es gemacht werden, mit gegenseitiger Unterschrift, auch mit der Malchens. Sie war nicht einmal sonderlich überrascht, die Männer nach dieser Auseinandersetzung ruhig, fast bei guter Laune anzutreffen. Sie wußte, von diesem Manne, der ihr Gatte war, m u ß t e Rat und Rettung kommen. -; - Allein mit.ihrem Bruder, mußte sie von diesem hören: „Heil dir/Schwester! Ich glaubte, dir'einen gelehrten, frommen Mann als Gatten zugeführt zu haben; er ist mehr als Has, er ist ein g a n z G r o - ßer, ein Hieliger. Heil dir, Schwester, die du das Weib eines solchen Großen und Heiligen sein darfst!" . XVII. . > D as erste R ab binat. Dresnitz, wie hingemalt in einen, von Tannenwäldern umsäumten Bergkessel, war für Rabbi Mosche zunächst nur eine Fortsetzung des stillen Glückes im Gartenhause zu Prosnitz. Richts, rein nichts erfuhr er von den gefürchteten Amtsbüröen, Ehrungen und Huldigungen mußte er mit Gewalt abwehren. Die Gemeinde stand hinter ihm wie eine feste Brandmauer hinter der leuchtenden Fassade. Fast alle Schüler aus dem Gartenhause in Prosnitz zogen mit ihm in Dresnitz ein. Cs kamen anhaltend mehr dazu. Unter ihnen auch jener prächtige Daniel, der, ein prosnitzer Kind und nur wenige Jahre jünger als Rabbi Mosche, diesem dort im baunu umgebenen Hause als Schüler und Genosse s.o treu und ergeben zu Füßen saß. wie einstens er, Mosche, selbst von innerem Drange getrieben seinem Lehrer folgte, so sah er jetzt seinen Schüler, Daniel, schon nach wenigen Tagen in Dresnitz. Cr trat ins Lehrhaus und nahm seinen Platz ein, den er im Garteuhause zu Prosnitz innehatte, an der Seite des Meisters. Die Residenz in Dresnitz war berichtet. Im ersten Briefe, der von Dresnitz nach Frankfurt an Rabbi Rosson abging, war nach den langen tiefen halachifchen Bemerkungen und Ansichten unten am Rande zu lesen: „Ich bin glücklich, in Ruhe und Frieden inmitten einer Gemeinde von guten, frommen, auch wissenden Menschen lernen und lehren zu können ..." Rabbi Rossons Antwort trug am Rande der vielseitigen gelehrten Abhandlungen die kurze Bemerkung: „Dein Glück beglückt mich, aber halte dich für noch höhere Aufgaben bereit . . ." Einzig diese geheimnisvolle Bemerkung bewog Rabbi Mosche, die Sendboten, die, kaum daß er hier warm wurde, jetzt alle paar Tage mit ehrenvollen Anträgen zu ihm kamen, zu empfangen und anzuhörcn. Sie kamen aus nah und fern, aus Mähren, Böhmen und Ungarn. Auch Boskowitz, die Leiöensstätte seines Lehrers, und Prosnitz, wo er sein Glück im Winkel hatte, umwarben ihn wieder. Die Boten aus Prosnitz brachten ein Schreiben von Hirsch Ierwitz mit. Am Gelde Rabbi Mosches, schrieb der Schwager, hafte Segen. Cs gehe wieder aufwärts, wenn auch der frühere Status noch nicht ganz erreicht sei. Auch sein, Mosches, vermögen wachse, denn nun nehme er die Teilhaberschaft ganz ernst, was ihm, Ierwitz, noch zum früheren Glücke fehle, das sei die Rähe des großen Schwagers. Sollte Rabbi Mosche dem Rufe der Gemeinde Prosnitz folgen, so würde damit auch in sein Haus die Sonne in ihrem früheren Glanze wieder einkehren. Mit den gleichen Boten übersandte Rabbi Mosche dem Schwager launig-ernste Antwort. Cs freue ihn, daß das Geld mehr Glück brachte als der Mann, dem es angeblich gehörte. Allein man dürfe das Schicksal nicht zum zweiten Male herausfordern. Jonas wurde abgeworfen und ruhig lacht wieder die See ... Cr sott nicht wieder aufs Schiff, um neuen Sturm heraufzubeschwören . . Im übrigen müßten all die Unterhändler recht unauffällig, am besten nachts, als Geschäftsreisende oder Sammelboten verkappt; kommen! und gehen. Denn die guten, ansonst sehr friedlichen und freundlichen Dresnitzor Vorständen in'diesem Punkte keinen Spaß. Ihre Geduld und Gutmütigkeit hätten kaum die Probe ausgehalten, ahnten sie, daß man gekommen war, ihnen ihren Rabbi zu nehmen. Man konnte in solchem Falle für nichts einstehen ... Einmal kam es auch heraus. Sehr zum Rachteile der M a t t e r s d o r f e r, die gekommen waren, mit dem Rabbi zu verhandeln. Am Ausgange der Stadt erhielten sie eine handfeste Reisezehrung, daß sie mit erhöhtem Respekte vor dem Rabbi von dannen gingen und mit dem festen Vorsatz, diesen jetzt erst recht den „festen Händen" der Mährenländler zu entreißen. Freilich mit dem Entschlüsse, die weiteren Verhandlungen nurmehr. Hoch lieber brieflich zu führen . . . Den Boten pflegte Rabbi Mosche im ernstgemeinten Scherze zu sagen: „Ihr glaubt wohl, einen billigen Rabbiner an mir zu haben, weil mir der liebe G'tt Kinder versagt hat und ich mit kleiner Familie komme, weit gefehlt, liebe Leute, ich bringe eine große Familie mit, die ihr auszuhalten hättet, mein Lehrhaus, meine Schüler ... Je mehr, um so lieber. Wer bietet mehr? ..." (Fortsetzung folgt.)