Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-02-09 · Heft 6 (9.2.1933) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 6 (9.2.1933)
Date
1933-02-09
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450762--79395-2537143
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

' Seite 4 Nr. 2 Der Israelit Blätter 9. Februar 1933 d e r n der anerkannten religiösen Gemeinschäften Vorbehalten sind. Es ist unnötig, im einzelnen die Lage der orthodoxen Judenheit zu prüfen hinsichtlich der Gerichtsbarkeit in Angelegenheiten des Personenstandes, der Ausführung der Ehescheidungen, der milden Stiftungen usw., weil es offenkundig ist, daß wegen des Fehlens der offiziellen Anerkennung ihre Lage .weit weniger günstig und befriedigend i st. als diejenige der der ..Kneses Israel" ungehörigen Juden. Die Teilung der Juden in verschiedene Gemeinden ist, wie die Petitionäre m i t Recht ausführen, nicht auf Palästina beschränkt. Die „Agudas Iisroel" ist eine die Welt umspannende Organisation. Es gibt andere Länder, wo verschiedene jüdische Gemeinschaften von der Regierung sanktioniert worden sind." Der Berichterstatter geht alsdann im Schlußteil seiner Ausführungen auf die von ihm vorgeschlagenen beiden Fragen an die Mandatar macht ein. die er der Mandatkommission zur Annahme empfiehlt und die auch angenommen und inzwischen vom Völkerbundrat bestätigt worden sind. „Die Frage, iiber welche die Kommission eine Meinung ausdrücken soll, ist. ob die Weigerung der Mandatarmacht, dem Gesuche der orthodoxen Judenheit um Anerkenung als besondere Gemeinschaft zu entsprechen, sich mit den B e st i m m n n g e n des Mandates für Palästina verträgt. Artikel 2 des Mandates macht die Mandatarmacht verantwortlich für den Schutz der bürgerlichen und religiösen Rechte aller Einwohner Palästinas ohne Rücksicht auf Raffe und Religion und Artikel 15, der sich mit der Gewissensfreiheit uyd mit der freien Ausübung aller Formen des Kultus beschäftigt, schreibt vor, daß keine Unterscheidung irgend welcher Art gemacht werden soll zwischen den Einwohnern Palästinas auf Grundlage von Raffe, Religion oder Sprache. Wenn man alles das berücksichtigt, was oben in Bezug auf die Behandlung der verschiedenen Religionen und ihrer verschiedenen Bekenntnisse und in Bezug auf die Lage der orthodoxen Judenheit selbst dargelegt worden ist, fühle ich mich verpflichtet, auszusprechen, daß die Petitionäre. indem sie die gleiche Behandlung für sich beanspruchen, wie sie die Kneses Israel genießt, von vorneherein im Recht zu fein scheinen (have a stroni« „prima hnie" cmtc). Die von der Kommission bei einer früheren Gelegenheit getroffene Feststellung, daß die Bestimmungen des Mandates „die Mandatarmacht kaum zu nötigen scheinen nur e-: n e einzige jüdische Religionsgemeinde anzuerkennen," mögen im Sinne des gleichen Gefühls interpretiert werden. Die Gründe, welche von der Mandatarmacht für ihre ablehnende Haltung angegeben werden, scheinen diese Haltung nicht ZU rechtfertigen. Die Anerkennung der Agudas Jisroel-Zentrale muß nicht notwendigerweise einen Präzedenzfall darstellen, der die Regierung von Palästina zwingen würde, ähnliche Vollmachten jeder anderen Gesellschaft von Juden zu bewilligen, die sich darum bewerben. Es ist klar, daß die Regierung volle Freiheit behalten würde, die Ansprüche jedes anderen Falles, der ihr je unterbreitet werden würde, zu prüfen und einen Unterschied zu machen zwischen einem wichtigen Teile und einer kleinen Splittergruppe von Juden. Der zweite Grund läuft in die Behauptung aus. daß die gegenwärtige Lage der orthodoxen Judenheit befriedigend fei und keine Aenderung erforderlich mache durch die Gewährung der Rechte einer anerkannten Gemeinde. Diese einfache Negation der Beschwerde n der Petitionäre ist kaum überzeugend. Indessen, da die Verpflichtungen, die in dem Mandat niedergelegt sind, ein Ganzes bilden, muß die Frage, bepyr man eine endgültige Meinung über die vorliegende Angelegenheit äußert, geprüft werden, ob die Anerkennung der orthodoxen Gemeinschaft die Administration hindern würde, ihre anderen Mandatverpflichtungen zu erfüllen. insbesondere diejenigen der Errichtung des jüdisch-nationalen Heimes. Die orthodoxen Juden selber, die nur an religiösen Angelegenheiten interessiert sind, bekämpfen die Politik der Zionisten in Bezug auf das Nationale Heim keineswegs im Prinzip. Auf der anderen Seite ist es wohl bekannt. daß diejenigen Juden, die in der Kneses Israel organisiert sind, der Anerkennung einer anderen jüdischen Gemeinschaft stark widerstreben aus dem Grund, daß die Einheit der jüdschen Bewegung dadurch gefährdet werden könnte. Die Kneses Israel ist nun in der Tat gemäß ihrer Konstitution eine rein religiöse Körperschaft. Aber in praxi scheint sie von ihren Anhängern mehr und mehr angesehen zu werden als die nationale oder rassenmäßige Organisation aller Juden Palästinas neben der Jewish Agency, einer öffentlichen Körperschaft, welche die W e l t judenheit repräsentiert und die durch Artikel 4 des Mandates anerkannt ist. In der gewählten Versammlung der Kneses Israel tragen die Parteien mehr einen politischen als einen religiösen Charakter (Arbeiterpartei, Zionisten, Revisionisten usw.). Der Waad leumi ist mit politischen Fragen beschäftigt, wie z. B. das Memorandum zeigt, das er der Kommission im Juni 1931 unterbreitet hat und das sich mit Dingen beschäftigt wie: allgemeine Politik der Palästinaregierung, Einwanderung, Sozialgesetzgebung, öffentliche Sicherheit. Sir John Hope Simson-Vericht. Aus all diesen Tätigkeiten erhält man den Eindruck, daß die Kneses Israel der Tatsache nach eine Institution zur Verteidigung und Förderung sowohl allgemeiner als religiöser Interessen der Juden in Palästina ist und insbesondere des jüdisch-nationalen Heimes. Die Politik der Negierung in dieser Angelegenheit ist nicht ga n z k l a r. In der .Darlegung vom 29. Januar 1926 erklärt sie. daß „der Waad leumi offiziell anerkannt wird als der Sprecher der jüdischen Bevölkerung Palästinas" und daß er von der Regierung zur Diskussion über Dinge, welche innere jüdische Angelegenheiten betreffen, herangezogen wird. Wogegen in den Bemerkungen zu dem oben erwähnten Memorandum des Waad leumi die Mandatarmacht die Ansicht ausdrückt, daß der Waad leumi nicht ermutigt werden sollte, gegenüber der Mandatkommission eine Stellung einzunehmen vergleichbar mit derjenigen der Jewish Agency, der einzige« anerkannten Körperschaft unter Artikel 4 des Mandates, zum Zwecke „der Beratung und Mitwrkung bei der Verwaltung solcher ökonomischer, sozialer oder anderer Angelegenheiten, welche die Errichtung des jüdisch-nationalen Heimes und die Interessen der jüdischen Bevölkerung Palästinas berühren." Unter diesen Umständen und da die britische Regierung weder in ihren Bemerkungen zur Petition, noch in. den mündlichen Erklärungen des bevollmächtigten Vertreters ihre Ansicht darüber erklärt hat. ob die Existenz einer zweiten anerkannten jüdischen Gemeinschaft ihre Aufgabe schwieriger machen würde, welche das jüdisch-nationale Heim betrifft, muß diese Frage, welche von großer Wichtigkeit in der hier zur Beratung stehenden Angelegenheit ist. weiter geprüft werden im Lichte einer ergänzenden Information, die von der Mandatarmacht zu liefern ist. Es gibt einen zweiten Punkt, den zu klären wünschenswert erscheint. Befragt, ob es noch andere Gründe gäbe für die Ablehnung des Gesuches der „Agudas Israel", hat der bevollmächtigte Vertreter dargelegt, daß die Ablehnung nicht etwa einem Gefühle des Vertrauensmangels zuzuschreiben sei. daß die Palästina-Regierung es nur für ratsam erachte, die Juden in einer einzigen Gemeinschaft zu organisieren und die Fragen der Gruppenbildungen für den Augenblick zurückzustellen. Diese Darlegung könnte so verstanden werden, daß sie die Absicht der Regierung dahin kundgibt, z u einem gewissen Zeitpunkt die Bewerbung der Petitionäre doch noch in Betracht zu ziehen. Aber diese Interpretation ist nicht gewiß. Alle diese Erwägungen führen zu dem Schluß, daß die Kommission noch nicht imstande ist, dem Völkerbundrat eine endgültige Empfehlung hinsichtlich der von den Petitionären angeregten sehr delikaten Frage zu unterbreiten. sondern daß sie, bevor dies geschieht, weitere Erklärungen vom der Mandatarmacht über gewisse in Betracht kommende Punkte fordern sollte. Ich schlage daher der Kommission vor. in ihrem Berichte an den Völkerbundrat folgende Bemerkungen zu der Petition zu machen: „Die Kommission. nachdem sie die Petition der Agudas Israel vom 30. Juli 1931 usw. usw. geprüft hat und in Berücksichtigung der verschiedenen vorangegangenen Petitionen und Bemerkungen der Mandatarmacht dazu; ferner hinweisend aus die Bestimmungen von Artikel 2 und 15 des Mandates von Palästina, jedoch erwägend, daß vor Asußerung einer endgültigen Meinung zu dieser Petition zusätzliche Erklärungen von der Mandatarmacht zu fordern notwendig sind. Empfiehlt, daß die Mandatarmacht eingeladen werde, eine endgültige Erklärung über folgende zwei Punkte abzugeben: a) Ob nach Meinung der Mandatarmacht die Anerkennung einer solchen jüdischen Gemeinde in Palästina sie hindern w ür d e bei der Erfüllung anderer Verpflichtungen, welche aus dem Mandat entstehen und insbesondere der Verpflichtungen betr. Errichtung eines jüdisch-nationalen Heimes und, wenn dies der Fall sein sollte, in welcher Werse; b) Ob die Erklärung, welche von dem bevollmächtigten Vertreter gegeben wurde, daß die Palästina- Regierung es für ratsam erachte, die Juden in einer einzigen Gemeinschaft zu organisieren und die Frage der Gruppenbildung fürden Augenblick zurückzustellen, besagen soll, daß das Gesuch der Agudas Iisroel wahrscheinlich in naher Zukunft doch in Erwägung gezogen werden soll? Jüdische Jugendbewegung. Die „Frauengruppe der Agudas Iisroel Hambugvereinigte am Dienstag, den 10. Januar, ihre Mitglieder und Gäste zu einem Teeabend, der sich großen Zuspruchs erfreute. Stand doch km Mittelpunkte des Abends eine Aussprache über das Thema „Jüdische Jugendbewegung", ein Thema, dem alle jüdischen Mütter ja ebenso großes Interesse entgegenbringen müssen wie die Jugendlichen selbst. Denn der Jugendbund ist eine Macht der ihre Kinder miterzieht, die oft genug sogar deren spätere Lebensbahn entscheidend bestimmt. Sollten die Eltern nicht verpflichtet sein, diesen — durchaus nicht geheimen — Miterzieher gut kennen .zu lernen? Sollten die Führer der jüdischen Jugendbünde sich nicht immer wieder der Verantwortung bewußt werden, die sie gegenüber der Erhaltung des jüdischen Familienlebens tragen? So sprach zuerst Herr Studien-Assefsor S. A. H e ck - scher über die psychologischen Grundlagen, die'den Jugendlichen zunr Ausbau eines eigenen Jugendlebens in. einem Bund führen. Die allgemeine deutsche Jugendbewegung der Vorkriegsjahre entbehrte nicht eines revolutionären Hintergrundes; denn sie richtete scharfe Kritik gegen die Welt-der Erwachsenen, gegen die damalige „Gesellschaft", von deren äußerem Prunk bei innerer Leere sie sich energisch abweudele. Zu irgend positiver Tat im Großen gelangte sie aber nicht — vielleicht weil Krieg und Umwälzung nach dem Kriege der Well ein ganz neues Gesicht gaben. Nun wünscht die Jugend,' sich in dieser neuen Welt eine Position zu suchen — und damit treibt sie in die Politik hinein. So werden aus den Jugendbewegungen die den Parteien der Erwachsenen angeschlossenen „Jugendbünde". Die jüdische Jugendbewegung —: insbesondere die auf gesetzestreuer Basis — war aber Ute nur negativ, nur kriiikübend aufgetreten, sondern sofort mit dem einen positiven Ziel: wieder jüdischer werden als die vorige Generation! Auch darin liegt Krillk. Aber eins, die zum mindesten von einem großen Teil der Elternhäuser doch freudig begrüßt werden mußte. Wichtig für unsere Eltern ist es aber auch, genau zu wissen, welche Jugendbewegung das Ziel jüdischer Jntensivierung im religiösen Sinne, welche es im nationalen Sinne, welche es lediglich im Sinne dieser oder jener Internationale betreiben. Als zweiter Redner des Abends suchte Herr Stud. Res. I. C o h n unseren Müttern eindringlichst die augenblickliche Lage der jüdischen Jugend und damit die jetzige Aufgabe des Jugendbundes zu erläutern. Er bat um mehr Achtung vor dem Willen der jü-tschen Jugöikd der zur geschlossenen jüdischen Lebensform drängt, und den Kompromissen der Erwachsenen abgeneigt ist. Konflikte mit dem Etternhause können dabei wohl entstehen — aber doch nur aus der religiösen Konsequenz der Jugend. In seiner ganzen bedrohlichen Tiefe müssen aber auch die Eltern das zweite wesentliche Moment mit ihren Kindern mitsühlen: das Schicksal der Jugendlichen! Ileberslüssig fühlt er sich in dieser Zeit der Arbeitslosigkeit — und das lähmt seine Kraft, ja leicht auch seinen jüdischen Willen. Deshalb hat ein jüdischer Jugcndbund momentan die Pflicht, über drei Hauptfragen Klarheit zu schassen: über die allgemein menschliche religiöse Lage, über das Schicksal des jüdischen Volkes und über seine soziale Lage im Jetzt und Hier. Das führt natürlich mitten hinein in praktische Fragen und Lösungsversuche — und damit in die Politik. Daher entspinnen sich im „neutralen" Esra heute Kämpfe um politische Fragen. Den brennenden Fragen der Berussumschichtung der deutschen Juden und der Vorbereitung für Erez Iisroel steht der Jugondbund weit positiver gegenüber als ein großer Teil der Elternschaft, die das Wagnis so großer Umstellung zunächst in Sorge stürzt. Auch hier sind Konflikte zwischen Elternschaft und Jugendbund sehr wohl möglich. Der Jugendführer bittet die Eltern zum Schluß um Aussprache. um Beratung im einzelnen Fall und den Besuch von Elternabenden, die vom Jugendbund von Zeit zu Zeit veranstaltet werden — also um Mitarbeit. Diesem Appell wurde dann in der Diskussion bereits Folge geleistet. Ellern und Jugendführcr trennten sich in dem frohen Bewußtsein, daß der Abend in der Agudas Iisroel Frauengruppe ein erster Schritt zu besserem gegenseitigen Verstehen und ersprießlicher Zusammenarbeit bedeutete. Aus der Bewegung. Breslau. Die Winterarbeit der hiesigen Agudohgruppen begann außer den regelmäßigen Schiurim am Sonntag, den 4. Dezember 1932 mit einem Vortrag des Herrn Gemeinderabbiners Dr. Hoffmann über „Die Juden in der Krise, vom w'irtschaftlicheü Gesichtspunkt aus gesehen"-. Herr Dr. Hosfmann, der sich in dankens-. werter Weise auch der hiesigen Frauengruppe für diesen Winter durch Vebernahme eines Vortragszyklus über die „Prophetie im Judentum" zur Verfügung gestellt hat, brachte an diesem Vortragsabend nach einer kurzen geschichtlichen Betrachtung, sowie Umreißung der materiellen Lage der Breslauer Judenheit, insbesondere der religiösen, . eine' Fülle von Vorschlägen, wie man im Augenblick dazu beitragen kann, die Not etwas zu lindern. An den Vortrag schloß sich die Generalversammlung der hiesigen Ortsgruppe an, in welcher der alte Vorstand nach Entlastungserteilung wieder gewählt wurde. Dabei wurde festgelegt, daß der Vorstand sich durch die Cooptierung jüngerer Mitglieder erweitern solle. Eine weitere, ebenfalls sehr gut besuchte und gut gelungene Veranstaltung war die Chanukahfeier, die am Dienstag, den 27. Dezember 1932, am 5. Ehanukahabend, stattfand. Den Abend eröffnete ein Chorgesang, dem sich ein eigens für diese Feier von einem hiesigem Agudisten verfaßten Prolog, der in wirkungsvoller Weife von dessen Tochter zum Vortrag gebracht wurde, anschloß. Es folgte dann die Aufführung der Lebensgeschichte Josephs, dargestellt durch den Vortrag der diesbezüglichen Bibelstellen in hebräischer Spräche. Die Einstudierung und Leitung dieses Stückes lag in den Händen von Frau Jetty Sllberberg. Gemütliches Beisammensein bei Tee und Gebäck sowie ein Sologekgenvortrag mit SUaoierbegleitung füllten die daran anschließende Pause aus. Schließlich folgte ein weitere Theaterstück „Jahrmarkt" von Fräu A. Zadik verfaßt und auch einstudiert, das durch seinen humoristischen Inhalt die Stimmun der Auwesgenden noch weiter hob.. Befriedigt verließen die vielen Gäste aitt späten Abend den Festsaal, so mancher vün Ihnen belüden mit einem aus der reichhaltigen Tombola stammenden Gewinn beladen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.