Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Wzie^tma und E#cl? Usraelif zum L.D-GL Organ -es Kun-rs gesetzestrrurr Mschrr Kehrer DMschlanös. Verantwortliche Schriftleitung: L. Kaufmann, SvrenvNngen (Kreis Offenbach) Zur 100. Wiederkehr des Geburtstages von Direktor Dr. Mendel Hirsch V"XT. 3. Februar 1833 — V'’* Direktor Dr. Mendel Hirsch, der anerkannte jüdische Pädagoge, der begeisternde Lehrer und Redner, der hervorragende Kenner des jüdischen Schrifttums, der Verfasser von „Die Haftoroth" und „Die zwölf Propheten", wurde am 3. Februar 1933 (r'xpn ozv t'-) geboren. Fast ein halbes Jahrhundert war Mendel Hirsch Lehrer und Direktor der von seinem genialen Vater gegründeten, nach ihm benannten „Samson Raphael Hirsch-Schule", 17 Jahre ehrenamtlich Leiter der Israelitischen Volksschule. Tausenden von Schülern und Schülerinnen verkündete er das Thorawort im Geiste wahren Judentums, im Geiste seines großen Vaters. Mit Liebe und Wärme warb er unermüdlich für rin yn oy min, durch die eigene Glut seines Herzens entflammte er die Jugend für Thora und profane Kultur in harmonischer Vereinigung und gegenseitiger Durchdringung. Wir brachten in der vorletzten Nummer den Hauptteil aus der Festrede beider akademischen Feier uns Anlatz des fünfzigjährigen Bestehens der Israelitischen Volksschule, der für die jüdische Schulwelt von programmatischer Bedeutung ist. Das darin niedergelegte pädagogische Glaubensbekenntnis des derzeitigen Rektors, gewachsen auf dem Boden der Gedankenwelt von S. R. Hirsch, stellt eine geradlinige Weiterentwicklung der Jdeengänge von Direktor Dr. Mendel Hirsch dar, der während der ersten 17 Jahre ihres Bestehens die Israelitische Volksschule ehren- und nebenamtlich im Geiste seines großen Vaters leitete. Wir bringen zur Illustration seines pädagogischen Wollens und Wirkens nachfolgend die Rede, die der erste Schulleiter bei der Einweihung des Schulgebäudes im Jahre 1891 gehalten hat. „So möge denn der Eingang der Schule in dieses Haus gesegnet sein! Möge diese Stätte — nur wenige Tage trennen uns ja von unserem Chanllkkaseste, dem jüdischen Licht- und Weihesest — eine Stätte des Lichts sein, in der das Licht der G'ttesfurcht und der Geistesbildung seine treue Pflege finden möge immerdar! Möge in diesen Räumen ein Geschlecht herangebilüet werden ausgestattet mit allem für das Leben nötigen Wissen und Können! Mögen aber diese Geschlechter zugleich stets hingeführt werden zu jenem Baume des Lebens, zu jenem ewigen Quell der Erkenntnis, auf dem sie sich und ihre Lebenspslicht erkennen mögen, auf daß sie festwurzeln in dem Boden des unverkürzten und unverkümmerten G'ttesgesetzes, jenes Gesetzes, das es verstanden hat, auch die sturmumtosten, bescheidensten Hütten des jüdischen Lebens zu Heimstätten des Lichts, der Lebensheiterkeit, des innigsten Familienglückes zu gestalten! Aber nicht ein einseitiger Geist der Weltflucht und der Isolierung ist der Geist, der hier gepflegt werden soll. Es werden hier Geschlechter herangebildet werden, durchtränkt mit jener Erkenntnis und durchdrungen von jenem Bewußtsein, daß es der Stolz des Judentums und seine welthistorische Mission ist, der Menschheit nicht nur den Glauben an den einen G'tt erhalten zu haben, sondern auch das Bewußtsein von dem freien Menschen; durchtränkt mit jener Lehre, die die G'ttähnlichkeit, die G'ttebenbildlichkert. die G'tteskindschaft aller Menschen ohne Unterschied der Abstammung, ohne Unterschied der Re-, ligwn auf ihre Fahne geschrieben hat; durchtränkt mit jener Lehre, welche eben deshalb die ewige Seligkeit allen reinen Menschen als solchen zuerkennt und das Ziel aller Menschheitsentwicklung nicht etwa darin erblickt, daß alle Menschen Juden, sondern daß alle Menschen reine Menschen werden; durchdrungen von jenem Bewußtsein, daß es ihre heilige Pflicht ist, gegen alle Menschen die Menschenpslicht zu erfüllen, in jedem Menschen ohne Rücksicht auf Rasse oder Religion den Menschenbruder zu sehen und zu achten und dem nichtjüdischen Bruder gegenüber als Sprossen des Abrahamsvolkes die doppelte Gewissenhaftigkeit als doppelt heilige Gewissenspflicht zu bewähren. Das ist der Geist, der hier gepflegt werden soll. Dann sind wir freilich eine konfessionelle Schule; — denn wir mit unserer eigenartigen Aufgabe, die es uns zur Pflicht macht, unsere 'Söhne und Töchter zum Verständnis der Bibel im Urtext zu führen, wir können nicht anders als eine konfessionelle Schule erstreben. Aber der Geist, der in dieser konfessionellen Schule gepflegt wird, er wird immer mehr das betonen, was die Menschen einet, als was sie trennt, und in diesem Geiste wird diese jüdische konfessionelle Schule an Universalität von keiner Simultanschule je übertroffen werden können. Denn der so erzogene, so herangebildete Mensch hat das weiteste Herz, den weitesten Blick, und. ohne alle konfessionelle Umschränkung, für alles Gute und Herrliche die stets bereite Tatkraft und die stets offene Hand. In diesem Räumen sollen Geschlechter herangeüildet werden, denen ferner ein Einblick erschlossen wird in die Gesetzmäßigkeit der Natur, auf daß vor ihrem inneren Auge die Erkenntnis aufgehe, wie nirgends die Willkür, überall die Herrschaft des Gesetzes es fei, die Leben und Gedeihen erzeuge, und es soll ihnen gezeigt werden, wie nach dem alten jüdischen Wort mnHn min Die wahre Freiheit nur auf dem Boden des freudigen Gehorsams gegen das Gesetz erblühte. Es soll ihnen endlich auch ein Einblick in die Gänge der Geschichte eröffnet werden, auf daß sie die sittliche Weltordnung ahnen und ihr Vaterland lieben lernen. Die jüdische Schule ist so glücklich, daß sie sich für diese heilige Pflege der Vaterlandsliebe nicht zu beschränken braucht aus die Pflege und Kräftigung all der tausend zarten Fäden, durch die der Mensch mit seinem Vaterlande verknüpft ist. Sie hat noch ein anderes mächtiges Agens, einen anderen mächtigen Faktor, der sie unterstützt in dieser Pflege des vaterländischen Sinnes. Dieses Agens ist das religiöse Pflichtgebot, das es dem Juden zur heiligen Pflicht macht, alles daran zu setzen für die Forderung des Wohles des Vaterlandes. Eine Jugend, die so geleitet, so herangebildet wird, die von diesem Geiste beseelt ist, können wir ruhig hinaustreten lassen ins Leben. Sie wird vorbereitet fein für die ihrer harrenden Kämpfe, gefeit gegen die Verführungen, die sittlichen und die sozial-politischen Verführungen. Und wenn es auch — darüber geben wir uns ja keiner Täuschung hin — nicht bei ausnahmslos allen gelingen sollte, wenn auch das Licht, das hier gepflegt wird, bei inanchem vielleicht vorzeitig erlischt, so spricht zu uns die Lichtlehre, die das Makkabäerlicht uns alljährlich in Erinnerung bringt:. nV ppr prr nnaa, wir haben unsere Pflicht erfüllt an den uns anvertrauten Menschensprossen, wir haben bei ihrer Bildung und Erziehung sorgsam geachtet auf mixa im, auf die herrschenden Zeitströmungen. Hätten wir freilich dieses nicht getan, hatten wir kein offenes Auge gehabt für die herrschenden Strömungen und Strebungen und den daraus sich ergebenden Aufgaben nicht Rechnung getragen, so könnten wir die Augen nicht ruhig, schließen. Durch den hier gepflegten Geist jedoch, werden unsere Kinder geschützt sein gegen alle Verführungen und treu im Leben verwirklichen dasjenige, wofür in der Jugend ihr kindliches Gemüt gewonnen und begeistert ward . . . I Möge G'ttes Segen ruhen auf den Lehrern und Lehrerinnen, die mit treuer Hingebung in menschheitpriesterlichem Sinne des Lichtes warten, das hier gepflegt wird. Mögen sie alle, wenn einst ihre Stunde schlägt, das beglückende Bewußtsein. haben — wie ja auch der betagte jüdische Mann alljährlich, wenn das Chanukkafest wiederkehrt, sich noch bewegt daran erinnert, wie einst das Lichtlein von seinem Vater ihm in die Hand gedrückt ward mit der Mahnung: „Trage es weiter, wenn ich nicht mehr bin!" — mögen sie alle das beglückende Bewußtsein mit hinübernehmen in die Ewigkeit, wenn ihr Arm erschlafft und das Licht ihrer Hand entsinkt, daß Kinder und Enkel da sind, die es aufnehmen und weitertragen, und dem Sinne treu bleiben und des Lichtes treu warten, dem die Ahnen ihr Leben geweiht haben." Oer Beitrag der Eltern zur Sünde des Kindes. Ist das möglich? Eltern, die doch nur das Beste ihrer Kinder wollen, sollten zu deren Vergehen, zu deren Untergang beitragen? Und doch ist es so. Man wird die Frage bejahen müssen, selbst wenn man alle Vererbungstheorie beiseite läßt, selbst wenn man in Abzug bringt die große Summe der Eltern, die durch bewußte Gleichgültigkeit dem jüdischen Gesetz gegenüber ihre Kinder der Sünde überlassen; man wird die Frage bejahen müssen, selbst wenn man nur von gesetzestreuen Familien spricht. Gesetzestreue Eltern pflanzen unbewußt und bewußt den Keim zur rnrny derer, die sie so gern vor ihr bewahren möchten. Und man fragt sich: nlnrny in gesetzestreuen Häusern? Gesetzesbruch bei Gesetzestreue? Im gleichen Hause? — Leider, ja und leider, sehr oft. Und gar nicht erst seit heute. Wir brauchen nur an das Haus Abrahams, das Haus Jizchoks, an das Haus Elis zu denken, und wir finden Beispiele des Abfalls und der Entartung schon in frühester Zeit. Aber so schmerzlich uns die Bilder auch berühren, besonders dann, wenn man ihnen das Friedensgemälde des i'iyi ogriip mit der wundervollen Belichtung durch weithin sichtbare und sichtverschaffende Tugenden des Gehorsams, der Unterwürfigkeit, der G'ttes- und Elternliebe entgegenhält, so niederschmetternd und herzzerreißend mancher Sohn durch Lästerungen, Verhöhnungen oder auch schon durch Widerspruch und Ignoranz auf gewissenhafte Eltern wirkt, man muß sagen, der Zustand ist nicht neu. Nur ist die Kluft erweitert worden, ganz besonders auf dem Gebiete der Religion. Und so sehr man glauben möchte, daß die Abfallserscheinungen nur immer in kleinerem Kreis, vielleicht nur in dieser und auch noch in jener Stadt sich zeigen, man wird eines anderen belehrt, wenn man einmal' aus den Zeitungen herausliest, aus den Vorträgen heraushört, wenn man sich bei Freunden in den verschiedensten Gegenden erkundigt: immer wird man hören: „es fei nicht mehr so wie früher." Und doch vernimmt man so oft das Schlagwort „wiederaufblühendes jüdisches Leben", von „neuem jüdischem Leben", in welchem so viele Jungens und Mädchen zum Judentum sich zurückfinden. Die Pioniere sind meistens Kinder orthodoxer Häuser. So sehr ich diesen Heldenmut und den Arbeitseifer bewundere: ich kann bei all dem nicht mehr feststellen, als daß dem Gesetz die Treue gebrochen und dem „neuen jüdischen Leben" zum Opfer gebracht wurde. Im Bilde gesprochen sähe das vielleicht so aus: .nv'üvn y'2» wmi mns 22112 oi>iv mm Befinden sich da alle Menschen auf der vorgeschriebenen Leiter oder Treppe, um die obersten Stufen der Vervollkommnung im Sinne der mm zu erlangen. Bis dann einige das ewige Wandern 122x021 i2'iv22 müde sind, umwenden und ihren Führern neben sich zurufen: „seht ihr nicht, daß viele gar nicht mitkommen. Der Abstand zwischen euch und euren Nachfolgern ist so groß geworden, daß diese schließlich ganz abbröckeln werden. Wir müssen langsamer gehen". — den nanpnm natürlich! — „oder wir müssen umkehren, den Vorteil, den wir hatten, aufgeben, und auch sie. den Weg aufwärts führen." So'werfen sie on'arc nvrn ab. — weil sonst der Zurückgebliebene,