Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1933)
- Date
- 1933-01-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 1 5. Januar 1933 Der Jsrae l i t land nicht reis. Wir leben hier noch stets im Frieden mit unseren Brüdern, auch wenn sie es mit der Erfüllung der Mizwos nicht so streng nehmen. Diese sagen noch immer, der „Kutscher muß nüchtern sein, wenn auch die Passagiere etwas angeheitert sind." Das heißt: offiziell muß alles streng koscher sein, da auch ihr Magen erlaubte Speisen vertragen kann, während die orthodoxen Mitglieder der Gemeinde von den nicht koscheren Speisen nichts genießen dürfen. Sind unsere liberalen Brüder in die Verwaltung von Gemeinde, Armenverwaltung, Waisenhäusern usw. berufen, dann fügen sie sich streng dem Religionsgesetz, gleichgültig, ob sie in der Mehrheit sind oder nicht. Ich erinnere mich, daß bei Besprechung des Frauenwahlrechtes, einer der Vorsteher die Idee aufwarf, ob man nicht einem Kongresse von 100 Rabbinern die Frage zur Entscheidung vorlegen wolle, worauf eines der liberalen Mitglieder prompt antwortete: „Was nützt uns die Entscheidung der 100 Rabbiner, unser Oberrabbiner ist nicht dafür, und allein das ist für uns entscheidend." Wenn dies auch schon einige Jahrzehnte her ist, dieser Geist lebt noch heute unter unseren Brüdern fort. Sie sehen daraus, daß Ihr Vergleich mit dem „Einbruch" nicht so daneben war. Die Herren und Damen, welche jetzt einen liberal-jüdischen Verein gegründet haben,, oder gründen wollen, stiften Feindschaft zwischen den Brüdern, die bis jetzt in Frieden und Eintracht zusammen gearbeitet und gelebt haben. Es gibt, so weit ich weiß, in ganz Holland keine Gemeinde, kein Waisenhaus, keinen Verein in der jüdischen Gemeinschaft, worin nicht alle Richtungen in der Verwaltung vertreten sind und einträchtig au' dem Boden der Religionsgesetze zusammen arbeiten. Uebrigens ist die Reform, die sich jetzt hier einen Platz erobern möchte, nicht populär, sie entspricht der holländischen Gemütsart nicht, man sagt allgemein „Matte in Germany“. Als Kuriosum möchte ich noch melden, daß am Sonntag Mittag (laut Mitteilung des Hanüelsblads) unter Leitung des Herrn Dr. S. Salomonski — wieder ein neues Licht — ein Chanukahdienst abgehalten wurde. Die Herren wissen scheinbar keine andere Manier, sich lächerlich zu machen. Wie Sie bereits berichteten, wohnen von den ca. 125 000 Juden Hollands ca. 62 000 in Amsterdam, d. h. Aschkenasim (Sefardim gibt es in Amsterdam ca. 6500.) Im Jahre 1931 wurden hier 389 Ehebündnisse geschlossen und fanden 15 Ehescheidungen statt. Unsre Armenverwaltung hatte im selben Jahre ein Budget von fl. 591.141, das Krankenhaus hat 300 Betten und die Altersoerforgungsanstalt beherbergte am 1. Januar 1932 68 Männer und 87 Frauen; es läßt sich denken, daß hierfür eine große Anzahl Beamten, Verpfleger usw. nötig sind. Man bedenke, daß die dazu gehörige Apotheke 70 921 Rezepte anfertigte. Polen. Beth Zacob-Schlußfeier in Rrakau. 56 neue Lehrerinnen. Krakau, 2. Fan. -Am 23. Kislew fand in Krakau die sechste Abschlußprüfung statt. Als Vorsitzender der Prüfungskommission fungierte Direktor Dr. Deutschländer, Wien. Diesem feierlichen Ereignis haben nebst den Dozenten der Anstalt, Mitglieder des Kuratoriums und einzelne Persönlichkeiten der Stadt beigewohnt. 59 Kandidatinnen erhielten das Reifezeugnis und begeben sich schon in den nächsten Tagen auf ihre Posten. Die Schlußfeier fand am selben Abend im Festsaale des Seminars statt und wurde an; 2. Chanuka-Abcnd in Verbindung mit einer Sijumfeicr der Absolventinnen auf Thora fortgesetzt. Den Referenten der Schülerinnen folgten Ansprachen der Dozentinnen, Frau S ch e n i r e r, Fräulein T e i t e l - bau m. des Leiters, Herrn O r l e a n und der Kuratoriumsmitg'iedern Herren Spira, Deutscher, K u r m a n n. Zum Schluß sprach Herr Dr. D e u t s F) - l ä n d e r ermunternde Worte, die seitens der jungen Lehrerinnen mit Begeisterung ausgenommen wurden. Beschränkung der Autonomie an den polnischen Hochschulen. Warschau, 2. Jan. Der Volksbildungsminister kündigt an, daß er der nächsten Sitzung des Sejm einen Gesetzentwurf betreffend A u f r e ch t e r h a l t u n g der Ruhe an den Hochschulen zugehen lassen werde. Laut diesem Gesetz obliegt es dem Rektor, für die Ordnung auf dem Teritorium der Universität oder der Hochschule zu sorgen und sich zu diesem Zwecke der Sicherhietsorgane zu bedienen, denen jederzeit freigestellt sein muß, aus dem Boden der Hochschulen einzuschreiten. In dem Motivenbericht zum Gesetz wird ausgesührt, daß anders als durch solche drakonische Maßnahmen eine Sicherung des normalen Studiengangs und des Lebens und der Gesundheit der Studierenden nicht erzielt werden könne. Der Gesetzentwurf sieht noch andere Beschränkungen der Autonomie der Universitäten und schärfere Bestimmungen für die Handhabung des Disziplinarverfahrens gegen Ruhestörer vor. Jede Rektorwahl wird der Bestätigung durch den Volksbildungsminister unterliegen. Anlaß zu diesem Gesetzentwurf gaben die zahlreichen antisemitischen Ausschreitungen an den polnischen Universitäten und Hochschulen, die einen solchen Umfang angenommen hatten, daß sie das Staatsleben gefährdeten. Deutschland zur Nachahmung empfohlen! von der orthodoxen Kulturarbeit in Warschau. Warschau, 1. Jan. In der Sitzung der Schulabteilung von Sabbat abend, die bis nach Mitternacht dauerte, wurde das Schulbudget für 1933 eingehend besprochen. Nach einer langen erschöpfenden Rede von Ratmann Meschulem Kaminer wurde die Eröffnung einer oierklassigen jüdischen Volksschule auf religiöser Grundlage in der Vorstadt Prag« beschlossen. Tschechoslowakei. Zum Wegzug des Lhuster Raw. Bratislava, 4. Jan. Aus Anlaß der Ueberfiedlung des Chufter Raw, Oberrabbiner Zwi D u f ch i n s k i, als Nachfolger von Rabbi Chajim Sonnenfeld nach Jerusalem» erläßt ein Vorbereitungskomitee einen Ausruf an alle früheren und gegenwärtigen Schüler der Duschinski'schen Jeschiwa in Galanta und in Chust im In- und Auslande, sich zusammenzutun und nach Möglichkeiten zu suchen, das innige Verhältnis der Liebe zum vielverehrten Lehrer von neuem zu knüpfen und auch im heiligen Lande auf die Dauer zu erhalten. Zu diesem Zwecke soll demnächst, noch vor Abreise des Oberrabbiners, eine Zusammenkunft aller stattfinden. Alle Interessenten im In- und Ausland werden daher auf desem Wege gebeten, sofort ihre Namen und Adresse sowie die ihrer auf der Jeschiwa zu Galanta wie zu Chust bekannt zu geben und zugleich mitguteilen, ob esi an der geplanten Zusammenkunft teilzunehmen gedenken. Die Zuschriften sind zu richten an Ephraim Kaiser, Bratislava, U r - fulinergasse 10. Palästina. Das Bombenattentat in Nahalal. Jerusalem, 28. Dez. Das Bombenattentat auf das Haus des jüdischen Kolonisten Joseph Jacoby in Nahalal im Emek hat tragischere Folgen gehabt, als anfangs vermutet wurde: Joseph Jacoby und sein neunjährigerSohn, die durch das Attentat schwere Verletzungen erlitten, sind beide im Hospital zu Haifa an den Folgen dieser Verletzungen verstorben. Der gesamte Jischuw ist durch diese Vorfälle in Erregung und Trauer versetzt worden. Das Begräbins des Knaben Jacoby fand am 26. Dezember, während fein Vater noch lebte, in Nahalal statt. Den ganzen Tag ruhte die Arbeit in Nahalal, die gesamte Bevölkerung der Kolonie schritt hinter dem kleienn Sarge her. Dr Chaim Arlosoroff, Leiter der Palästina- Exekutive der Jewish Agency, hielt eine Ansprache an die Bevölkerung, in der er die strikte Forderung an die Adresse der Falästina-Regierung aussprach, solchen Terror-Aktionen durch entsprechende Maßnahmen ein für allemal ein Ende zu machen. Am 27. Dezember verbreitete sich in ganz Palästina die Nachricht, daß auch Vater Jacoby im Haifaer Hospital verstorben war und daß am gleichen Tage die Belattung in Nahalal stattsinde. Vertreter aller zentraler jüdischer Körperschaften begaben sich zur Trauerseier nach Nahalal. Die gesamte Bevölkerung von Nahalal und der benachbarten Kolonien nahm an der Bestattung teil. Am offenen Grabe sprachen Dr. Chaim Arlosoroff, Ben Gorion,BenZwi, Joseph S p r i n z a k und andere Arbeiterführer. Alle Redner betonten, daß die Juden im Hinblick auf den mangelnden Schutz seitens der Landesi behörden die Forderung nach Installierung eines Jüdischen Selbstschutzes erheben müssen, sowie, danach, dßa die Einwanderung von Juden nach Palästina erhöht werde, damit das jüdische Element im Lande in sich gestärkt dastehen könne. Jacoby war vor 11 Jahren aus Amerika — er hatte in Kalifornien studiert — nach Palästina gekommen. Der High Commisfioner Sir Arthur Wauchope hat an den Leiter der Palästina-Exekutive der Jewish Agency, Dr. Chaim Arlosoroff, ein Beileidstelegramm aus Anlaß des Todes von Joseph Jacoby und Sohn gesandt. Vermischtes. Lin Revolveratlenkal auf Csriel Carlebach. Hamburg, 5. Jan. Am Mittwoch abend wurde von kommunistischer Seite auf den Feuilletonredakteur des „Israelitischen Familienblatt", E. Carlebach, ein Revolverattentat verübt, wobei C. am Kopfe und an der Brust sehr ernstlich, wenn auch G. s. D. nicht lebensgefährlich verletzt wurde. Die Täter sind entkommen. Esriel Carlebach hat im Sommer vorigen Jahres Rußland bereist und sich jetzt durch seine in seinem Blatte veröffentlichten Reiseberichte, obwohl sie in sehr gemäßigtem Tone, mehr stimmungsvoll als politisch aufreizend, gehalten sind, bei den Kommunisten sehr mißliebig gemacht. Vor kurzem ist eine Warnung vor (oder an) E. Carlebach, unterschrieben von einer „Arbeitsgemeinschaft jüdischer Werktätiger, Hamburg", in Hunderten von Exemplaren verbreitet worden. Ob das Attentat nun mit jenem Flugblatte in Verbindung steht, wird die Untersuchung festzustellen haben. Hardheim (Baden), 3. Jan. Im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft des Bezirkes Buchen zur Förderung des religiösen und geistigen Lebens auf dem Lande, lud Herr Lehrer Willi Werth eimer. Buchen, unsere Gemeinde, sowie die Nachbargemeinden zu einer großangelegten Chanukahfeier ein. Der Vortrag des Herrn Lehrer Kaufmann. Tauberbischofsheim, über „Jüdischen Humor und Witz", sowie die Theateraufführungen der Jugendspielschar des Bezirkes Buchen „Wie in der Laubhütte ein Chanukahfpiel entstand", (von Irma Dresdner) und die „Wunderärztin" (von Ester Carlebach), fanden großen Beifall. Große Beachtung fand auch die Vorführung eines Filmstreifens über die Aufbautätigkeit in Erez Jisroel, welcher äußerst geschickt in das erste Theaterstück eingefügt wurde. Für unsere Gemeinde und die vielen von auswärts erschienenen Gäste war dieser Abend ein Erlebnis. Mit außerordentlicher Befriedigung und warmen Worten des Dankes dem rührigen Veranstalter der Feier, dem Herrn Referenten und vor allen Dingen den kleinen Bühnenkünstlern, schied man erst in vorgerückter Stunde voneinander. Zlake Moravce (Tschecho-Slowakei), 3. Januar. Auf Verlangen des hiesigen Vorstandes hielt der hier als Gast weilende Herr Oberrabbiner Markus Schlesinger aus Eisenstadt (Burgenland) in der Synagoge eine nem und verstand es, durch feine begeisterten und begeisternden Worte alle Zuhörer für mwn und wahres anzueifern. (Weitere Vermischtes siehe Seite 11.) Die Woche. . Der große Sijum des Schahvereins. Im Vordergrund und Mittelpunkte des Großen Sijums stand dieses Jahr der H ad ran des Herrn Rabbinatsaffefsor Dr. Schlesinger, der so viele Interessenten anzog, daß nach 3 Uhr in den gestopft vollen Saal kein Mensch mehr hineinkonnte. In zweistündiger fließender Rede behandelte der Redner eine ganze Reihe von komplizierten Sugjoth, sie in kunstvoller, von souveräner Vertrautheit mit der gesamten Materie zeugender Art miteinander verbindend. Trotz der Enge und dichten Schwüle im Saale harrte die Menge, gespannt lauschend, bis zuletzt aus. Die Feier selbst mußte wegen der am gleichen Abend folgenden O e f f e n t l i ch e n V e r s a m m l u n g des Orthodoxen Rabbinerverbandes, — wenn auch bei einer Beteiligung wie kaum in den letzten Jahren, — mit stark gekürztem Programm vor sich gehen. Herr Rachelohn entbot für das Präsidium des Schaßvereins den Gruß an die Versammlung, an die vertretenen Institutionen und Vereine, insbesondere an die Vertreter der Gemeindeverwaltung und grüßte dabei die neu berufenen Dajonim Dr. Posen und Dr. Schlesinger. Ein herzlicher Gruß galt auch dein vielverehrten Herrn Jakob Becker, der demnächst sein Domizil nach ps verlegt. In ehrenvollen Worten gedachte er Emanuel Kaufmanns i»rsT, und schloß, wie er angefangen hatte, mit einer sinnigen Definition des Begriffes von 'iVw und ai Herr Jacob Rofenheim überbrachte den Gruß des Vorstandes und der Verwaltungsinstanzen der Jsraeliti-