Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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0rzief^ung and JLel? acjc zum Organ -es Krm-es gefetzrstrener Mischer Kehrer DeMIchlan-s Verantwortliche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offenbach) Zum 50 jährigen Bestehen der Israelitischen Volksschule in Frankfurt a. M. Rede des Rektors Karl Ochsenmann, gehalten bei der akademischen Feier im Volksbildungsheim am 20. November 1932. Wir haben uns hier zusammengefunüen, um durch eine Stunde andächtiger Sammlung das 50jährige Bestehen unserer Schule feierlich zu begehen. In unseren Tagen, in welchen dunkle Wolken unser deutsches Vaterland überschatten, in oenen drückende wirtschaftliche Not auf dem.deutschen Volke lastet und insbesondere auf der jüdischen Glaubensgemeinschaft, feiern wir keine Jubelfeste. Aber wir wollen doch den Zeitpunkt, an dem unsere Schule 50 Jäher besteht, aus dem Gange der . Alltagsarbeit herausheben. Feierstunden, die nichts als Gefühlserregungen für, den Augenblick erzeugen, rauschen vorüber und erfüllen ihren Sinn nicht. Nur Feierstunden, die Besinnung, Aufrichtung und Willensanstöße geben, werden ihrer Aufgabe gerecht. . . Das erste Gefühl, das in dieser Weihestunde unsere Brust durchdringen muß, ist tiefe, innige Dankbarkeit. Wer die Sonne nach 28jährigem Laufe ihre Bahn beenden und-wieder beginnen sieht, wer die. Wiederkehr des Sonnenzyklus erlebt, der muh nach der Anordnung unserer Weisen dankbar zum Herrn emporrusen: Tm meranr ntm> nvs. Gelobt sei Er, der das Schöpfungswerk vollbracht hat. .; Nach demselben Grundsätze müssen, wir. die wir das erste halbe Jahrhundert unserer Schule zu Ende gehen und das zweite neu beginnen, sehen, von doppelter Dankbarkeit durchflutet, unseren Blick nach zwei Seiten hin richten.- Einmal müssen wir Auge und Herz erheben zu Ihm, ohne dessen Hilfe kein menschliches Werk Erfolg und Gedeihen, Dauer und Bestand hat, und unseren Lippen entringt sich, in freudiger Demut das dankbare Wort: „Sei gelobt, himmlischer Vater, daß Gnade vor Dir gestruden hat das Werk Deiner Kinder, daß Du es beschützt und gestützt und huldvoll erhalten hast." Dann aber ist unser Gedenken auch ein Dank an die Dahingegangenen und an die Lebenden, die in freudigem Opfersinn ihr Bestes zum fortschreitenden Gedeihen unserer Schule beigetragen haben. Was meine Amtsvorgänger, die Schulleiter, jeder in seiner Art, in treuer Hingabe an die Sache, mit steter Äienstbereitschaftmit Einsatz ihres Könnens geleistet haben, das ist in den verschiedenen zur Feier des Tages erschienenen Publikationen bereits gewürdigt worden. Mit besonderem Nachdruck möchte ich von dieser Stelle aus Hinweisen auf die innerhalb. der vier Schulwände sich im Stillen vollziehende, als Kleinarbeit nicht immer in ihrer Bedeutung gewürdigte Leistung der Männer und Frauen, die zum Teil 40 Jahre und darüber an der Schule tätig waren und sind. Wir haben die Freude, zwei solcher Lehrerveteranen heute unter uns zu haben. Ich weise hin aus die Mitarbeiter, die, nicht immer frei von den Kümmernissen und bitteren Sorgen des Lebenskampfes, ihre ganze Kraft dem Schulwerke geweiht haben und noch weihen. Einen Namen, der in den Veröffentlichungen nicht hervortritt, muß ich, , trotzdem sein Träger am liebsten in Anonymität verharren möchte, äüs der großen Zahl derer die dieses Werk haben fördern helfen, in Dankbarkeit hervorheben. Fast ein Vierteljahrhundert, davon 21 Jahre als Vorsitzender, ist. Herr Jacob R o s e n h e r m die führende Persönlichkeit der Verwaltungskommission. Was er in diesen Jahren rastlosen Strebens und Wirkens, verantwortungssroher Leistung für die Schule gearbeitet hat, geht weit über den Rahmen einer ehrenamtlichen Tätigkeit hinaus. Seine Aktivität, seine Gestaltungskraft waren von starker Wirkung auf die Entwicklung der Schule. Selbstlos hat er seine hohe geistige Begabung und seine hervorragende Arbeitskraft in den Dienst der ihm anvertrauten Aufgabe gestellt. Was er für Recht erkannt hat, suchte er mit unerschütterlicher Folgerichtigkeit durchzuführen. Mit der Klarheit des Denkens und der ruhigen Sicherheit des Urteils, gepaart mit organisatorischem Geschick und Schlagfertigkeit des Wortes, vertrat er unzähligemale vor Behörden und Parlamentariern in Wort und Schrift die Rechte und Interessen der Schule — dabei immer hinter sein Werk zurücktretend. All das verpflichtet die Schule zu tiefgefühltestem Danke. Wir wünschen und hoffen, daß seine Schaffenskraft uns noch recht lange erhalten bleiben möge. In dieser Feierstunde umschwebt uns der Geist zweier Männer, er stärkt und kräftigt uns über sie hinaus für die weitere Arbeit. S. R. Hirsch der furchtlose Streiter für G'ttesrecht, hatte schon im Jahre 1854, ein Jahr, nachdem er die nach ihm benannte Schule als Quell ewiger Erneuerung für jüdisches Leben gegründet, im ersten Monatsheft des Jeschurun eine pädagogische Grundthese aufgestellt, die leider in vielen Kreisen in Vergessenheit geraten, dabei aber noch so giltig ist wie am-ersten Tage. „Was uns befähigen kann, ungeteilten Herzens, bewußtvoll und entschieden den Kampf in der zwiespältigen Zerklüftung der Zeit zu bestehen, das ist die innige Vermählung des religiösen Wissens und Lebens mit echter, wahrhaft sozialer Bildung. das ist die innige, aufrichtige Vermählung von pn tv? 07 min, wie es Leben und Erbgut unserer großen Altvorderen gewesen." Dieser geniale Erzieher hat auf der Höhe seiner erfolggekrönten volks-; pädagogischen Wirksamkeit vor etwa 50 Jahren den Ruf zur Errichtung der israelitischen Volksschule zu Frankfurt a. M. ergehen lassen. Er ist der g e i st i g e. V a t e r .unserer Schule. S. R. Hirsch fand in dem unvergeßlichen Philanthropen Selig Gold sch midt ^xt. einen treuen Weggefährten. Die Israelitische Volksschule zu Frankfurt a. M. ist seine Schöpfung. Er hing an' ihr mit jeder Faser seines Herzens, er förderte sie mit der ihm eigenen Zielbewußtheit und Tatkraft, e.r gründete ihr eine Heimstätte, er sorgte und wirkte unablässig für sie. Für sie zu sorgen und zu wirken, ist in kindlicher Pietät Tradition in seiner Familie geworden und geblieben. Selig Goldschmidt, aus einem kurhessischen Dörfchen und kleinen Verhältnissen stammend, hatte sich in unablässigem Streben, dabei nicht um Fingersbreite vom rechten Wege abweichend, zum Weltkaufmann emporgearüeitet, der in der Kulturwelt als Autorität im Kunsthandel galt. Er, der bei Königen und Fürsten aus- und einging, schämte sich nicht seiner Herkunft und verlor auf sozialer Höhe niemals das Gefühl für die Tiefe, und deshalb suchte er den vom Schicksal weniger Begünstigten zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen. Direktor Dr. Mendel Hirsch V"!» hat das Charakterbild von ihm und seiner ihn in seinen Bestrebungen unterstützenden Gemahlin Clementine n-?» in zwei Worte zusammengefaßt 'nnvvi wovv. Sie waren glücklich in dem Glücke, das sie änderen bereitetem Dieser großzügige Edelmensch ist der Gründer unserer Volksschule. Das Erbe dieser großen Männer zu hüten und zu wahren, ist uns ein heiliges Vermächtnis. „Religiöse Erziehung einer jüdischen Jugend, die treu festhalten soll an dem Glauben ihrer Väter, Vermittlung einer Bildung, die ihre Zöglinge befähigen soll, ihren Beruf zu erfüllen, dem städtischen Gemeinwesen und dem Staate treu zu dienen, Ausrüstung der Jugend für das Ewigkeitsleben der Thora wie für das Gesellschaftsleben des Alltags," das ist das uns gesteckte Zieh ein unverletzliches Testament. Wenn wir durch Assimilation unseren religiös-kulturellen Eigenbesitz aufgeben, dann büßen wir unersetzbare Werte ein. Mit der Abkehr vom Gesetze, dem p o"n. dem Baume des Lebens, schwinden die Lebenskräfte unseres Stammes. Wir erleben die heutige Zeit als einen grundsätzlichen Umbruch. „Alle Fragen des Geisteslebens dringen bis zu den letzten Prinzipien vor> werden zu grundsätzlichen Fragen, weil eben die bislang festen Grundlagen nicht mehr anerkannt und geglaubt werden." In dieser allgemeinen geistigen Unsicherheit sehnt sich der Gegenwartsmensch nach einem beruhigenden Ziele, 'sucht er nach einem festen Halte. Wir sollten deshalb glücklich sein, in dem vom warmen Lebenshauch des Schöpfers durchzitterten Gesetze eine Bindung zu besitzen, wo alles ringsum ins Wanken gerät, eine Stütze im Glauben zu haben, wo alles skeptisch verworfen oder zumindest angezweifelt wird. Wir feiern heute das fünfzigjährige Bestehen, das Jobeljahr unserer Schule. Für diesen Zeitabschnitt, den Abschluß der Jobelperiode, erging an das birnn p ma an die oberste Gerichtsbehörde in Israel das Gebot: 'N2'v' W? paa im onrnpi n:t? wvvnn na» na Dnenpi „Heiliget das fünfzigste Jahr und rufet mm aus im Lande allen seinen Bewohnern." Die Etymologie des Wortes uni ift ungemein schwierig. Im Traktat'» nron w«n erklären unsere Weisen übereinstimmend seine Bedeutung mit dem Satze nirnn aVa mm mm ]*•, heißt nichts anderes als nmn' Freiheit. Unter mmn verstehen sie jedoch nicht Freiheit schlechthin, sondern die sittliche Freiheit. Zu dem Verse im 2. B. M. 32 nn^.n bv nmn Hin 7a anaia anannv Die Schrift ist eine G'ttesschrift, eingegraben auf die Tafeln: bemerken sie: »npn $>a nnn ai>K mnrv Lies nicht mnn, sondern nmn Sie wollen damit sagen: Nur wer in dem gütlichen Gesetze lebt, ist frei, nicht wer tun kann, was er will, ist frei, sondern wer wollen kann, was er soll. Um frei zu sein, muß G'tteswillen das Menschenherz durchdringen, wie die G'ttesschrift die Steintafel. „Wir stehen mitten in einer Krise, die sich durch alle Gebiete des Geistigen hinüurchbewegt. Daß alle bisher feststehenden Ideale und Normen ihren Giltigkeitsanspruch verloren zu haben scheinen, das ist das große und tragische Erlebnis unserer Gegenwart." Wenn in unserer Zeit der Glaube an die erzieherische Macht so gewaltig abnimmt, dann ist eine der Hauptursachen das Schwinden jener Ehrfurcht, von der Goethe in der pädagogischen Provinz sagt, daß eines niemand mit auf die Welt bringt, und doch es das ist, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten ein Mensch ist. „Letztes Geheimnis aller pädagogischen Arbeit bleibt für alle Zeit die Bindung des Zöglings an den Erzieher, gestützt auf Liebe und Haltung auf der einen Seite, auf Vertrauen und Achtung akif der anderen." Wenn nun aber die Jugend von heute in ihrem Ringen nach Lebensgestaltung entschieden subjektiv eingestellt ist. sich viel selbständiger und unabhängiger fühlt als in hinter uns liegenden Zeiten, so liegt darin eine der größten Schwierigkeiten.der Jugenderziehung. Sie darf niemals ersticken und töten, was sich eigenartig und selbständig bilden will, sondern sie muß sich dadurch überflüssig machen, daß die Erzogenen Freie werden und frei sein können. Aber Freiheit bleibt immer das letzte Wort, darf niemals das erste Wort der Erziehung sein. „Der Erzieher, der einerseits Anwalt der kindlichen Seele ist, die er frei und selbständig wachsen lassen sott, anderseits Vertreter des objektiven Geistes, zu dessen Höhe er das junge Geschlecht emporzuheben verpflichtet ist, hat das Recht und die Pflicht zu handeln, wenn das Kind ihn auch nicht ruft, um es vor Verbildungen und Verkrümmungen zu behüten." Zu diesem Standpunkt, daß der Erzieher nach Georg Simmels Worten bei jedem Akte seiner Tätigkeit zwei entgegengesetzten Tendenzen zu dienen hat, dem Befreien und Binden, bekennen sich letzten Endes alle führenden Geister der zeitgenössischen Pädagogik. Wenn der verewigte Münchener Altmeister