Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-12-01 · Heft 49 (1.12.1932) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 49 (1.12.1932)
Date
1932-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450751--79222-2536960
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nr. 49 Der Israelit 1. Dezember 1932 gen Strömungen sagt, ist absolute reale Wahrheit. Er hört den Hammerschlag des Aufbaus, den pulsschlag der neuen Zeit, und verfolgt sie mit den Augen des Sehers. Und er spricht es klar und deutlich aus, er, der Dichter der jüdischnationalen Ideologie, was wir a u s z u s p r e ch e n nie gewagt h a t t e n. Ob nun der Mörder Mendel Glaß heißt oder nicht, seblst dann, wenn cs im Falle de vriendts gar kein Jude gewesen fein sollte; entscheidend ist, daß, wie Zweig die Dinge sieht und zeigt, es einer gewesen sein und zu jeder Zeit wieder sein könnte! . . . 'kommt es doch im historischen oder Reportageromane weniger darauf an, daß der und jener dieses und jenes wirklich gesagt und getan hat, sondern einzig und allein darauf, daß nach dem Wesen der Menschen, nach der Lage der Dinge und nach der Struktur der Zeit all das wirklich gesprochen und geschehen sein konnte . . . Indes, gab und gibt es jüdische Mörder? Rein! Aber es gibt in Zeiten des Rausches bei allen Völkern im Uebergangsstadium Verblendung, die einen Mord nicht mehr als Mord, sondern als heroische Ruhmestat ansieht, und Mendel Graß ist Objekt und Opfer solcher Verblendung: Aber Mendel Glaß entgegnete gelassen (dem Kommissar), ohne eine Spur von Hohn: „Was steht auf Erden fest? Was die öffentliche Meinung dafür erklärt. Oeffentliche Uebereinstimmung ist nach diesem Kriege als einziges Kennzeichen übrig geblieben; und die öffentliche Meinung, auf die es ankommt, hat zum Fall de Vriendt gesprochen."- „Sehr schwierig. Lassen wir mich einmal beiseite, so bezichtigen Sie jemanden eines politischen Mordes. Dabei billigen Sie sich die gleiche Ueberzeugung zu wie ihm: ebenfalls auch einen Mord zu begehen, wenn ich Sie recht verstehe, und zwar einen unpolitischen?"- (Seite 328—329.) Mit der Liebe zum Laude und Volke bringen diese jungen Menschen einen Haß mit in die altneue Heiinat, der sich dem blindwütigen nationalen Hasie gegen die Juden in den Ländern Ost- und Mitteleuropas würdig zur Seite stellen darf. Hören wir sie selbst in dem für das ganze Buch so entscheidenden Gespräch der jungen Ohaluzim auf dem Karmel: „Wir haben nicht die Araber zu fürchten, nicht die Engländer und nicht die Liberalen, nur diese G'ttesanbeter, diese Hunde und Volksfeinde, diese grauenhaften Heuchler. Ach, wie ich sie gehaßt hcübe, wenn sie daheim in ihren schwarzen Röcken, ihren Pejes und hohen Stieseln immerfort „in Schul' liefen, ihre Augen verdrehen, sich schütteln, gurgeln und heulen: „oidedoi!" Und: „so hat der Raw gesagt", und: „so hat der Rebbe gesagt": und spielen darf ein Junge nicht und Handarbeit lernen darf er auch nicht, nur im Cheder sitzen, wo einen ein Idiot von Lehrer prügelt und dreißig kleinen Kindern zur gleichen Zeit beibringen soll, was für einen Segensspruch man beim Händewaschen sagt und was für einen, wenn es gewittert.-" „Noch widerlicher sind mir die Gebildeten unter ihnen, die Westlerischen, die richtig mit Messer und Gabel essen, und denen die Schaufäden zwischen einer modernen Weste und einer modernen Hose heraushängen." „Natürlich nur zu Hause," meint jetzt der Rundliche, Rotbäckige. Seine Augen hat er zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen. So lehnt er mit dem Rücken an einem Baum, das Kinn auf den Knien. „Der hat recht, eine Warnung scheint nötig. Diese Leute tragen uns ihr Ghetto bis ins Herz Jerusalems nach." (Seite 156—157.) Sie landen zu einer Zeit im Haifaer Hafen, da die Zeitungen voll der Beschimpfungen und Drohungen gegen den „Verräter" sind. Einen Revolver müßte man haben. Ber hat einen. Mendel leiht sich ihn aus. Der andere ist begeistert: „Eigentlich müßte man es selbst tun." Einerlei wer, die Tat ist anonym, das Volk tut sie." (Seite 158.) Wo kommt uns auf einmal solche nie gekannte Jugend her? Lasten wir es uns vom vielwistenden Ingenieur Säumen erklären: „Sie, (Dr Klopfer) verstehen sich nicht auf unsere Juden. Wir wissen ja doch, wie gründlich unsere Stammländer uns umprägten. Sie denken deutsch und an deutsche Juden. Ich denke russisch und an russische. Unsere jungen Kerle schlagen zu, wenn man ihnen jemanden als Verräter hinstellt." Heinrich Klopfer nickte erschrocken. Dies war richtig gesehen und gesprochen. Was verstand er von den Grundkräften in den Seelen.derjenigen, die unter dem Drucke des Zarentums und der Gegenwart des Krieges ausgewachsen waren? Den Unterschied zwischen deutschen, österreichischen, russischen, britischen Juden spürte man I auch in Jerusalem und bis zum Grabe: und was war j dann erst von den Fremdheiten zwischen den nordischen und den orientalischen Juden zu erwarten? Wären die! Kinder nicht gewesen — die Zukunft hätte bedenklich j ausgesehen.-(Seite 202—203.) Hier der dunkle Grund, sagen wir schon, der A bg r u n d, aus dem solche Tragödien hervorschießen. Hier die Atmosphäre, in der die Mendel Glaß gedeihen. Es wäre ungerecht, zu behaupten, der Zionismus habe diese. Atmosphäre geschaffen, oder daß er sie wünscht. Aber wahr ist, daß er zur Trockenlegung dieser geistigen Sümpfe sich noch um keinen Eukalyptus bemüht hat. Er hat die gewaltige Erziehungsarbeit, die angesichts einer solchen Jugend sich ihm geradezu aufdrängte, einfach übersehen. Man hat —. und hier gewinnt die künstlerisch und menschlich unmögliche und unsinnige Lösung Arnold Zweigs, ohne daß ec es gewollt hätte, einen großartigen Zug ins Symbolische — das Urteil und den Ausgleich dem Jam Hamelach überlasten. Spiel und Sport, Fußball und Wettrennen, Makkabiaöe und Meisterschwimmen sollten es schaffen, sollten die Jugend erziehen und ihre Kraft erproben und ertüchtigen .. . Sie sind, diese Prachtjungen, trainiert genug, um in jedem Falle das rettende Ufer zu erreichen. Man dachte aber nicht daran, daß all diese Kunststückchen der Arme, Fäuste und Muskeln das Selbst- und Kraftgefühl dieser Iungens noch steigern, ihre seelische Entwurzelung vermehren in dem Maße, wie sie sich nach oben und außen emporranken, die Atmosphäre noch schwerer beladen, bis die Entladung.erfolgt ist — mit einem Schuß ... Wer ist der Mörder? Keiner. Das „Volk" — die unreifen Jungen auf dem Karmelberg glauben, es zu repräsentieren — habe Blutrache geübt, . . . Als Kunstwerk wird dieser Roman in' der literarischen Welt gewiß keine Umwälzung hervorufen. Aber in die politische Strömung ist mit ihm ein -Stein geflogen, der die Wellen wild aufschäumen lasten wird. Ein Menetekel ist der Zwelg'sche Roman, weniger für de vrendts Heimkehr, als fürd i eHei mk e h r H u n ö e r t e r u n d T a u s e n ö e r, die auf dem Heimatboden, der u r j ü d i s ch e n H e i m a t Valet sagen. Die Warnung wirkt um so dringlicher und erschütternder, als sie vom Dichter als solche gar nicht'gedacht ist. Wochenrundschau. Der judenreine Reichstag. Wie sich der neue Reichstag gestalten und was er auch bringen mag, die Juden wird man für seine! Maßnahmen oder Fehlgriffe mit dem besten und bö-! festen Willen nicht verantwortlich, nicht einmal mitj verantwortlich machen können, denn er ist — zum erstenmal — v o 11 f o m m e n j u ö e n r e i n. _ Der „Schild", Organ des R. j. F., bucht diese Tatsache als Erfolg der Judenfeinde, mit dem sie sicb für ihren Stimmenrückgang ein wenig trösten mögen. Sie haben es erreicht, daß die Parteien, die immer jüdische Kandidaten an aussichtsreicher Stelle nominierten und damit die Iuöenfeindschaft ablehnten, unter dem Druck der antisemitischen Hetzereien nicht mehr den Mut haben, jüdische Namen an aussichtsreicher Stelle aufzustellen. So sind die deutschen Juden in diesem Reichstag durch keinen Abgeordneten, der sich zum Judentum offen bekennt, vertreten, ein Vorkommnis, das seit Bestehen eines Reichsparlaments einzig dasteht. Natürlich befinden sich unter den 680 Abgeordneten einige Dissidenten, von denen bekannt, wird, daß sie jüdischer Abstammung sind, aber mit Juden und Judentum haben diese nichts zu tun. Ene gewisse Dynamik weist dieser Säuberungsprozeß auf, die so aufschlußreich ist wie die Fiebertafel am Bette eines Kranken: In den Rachkriegs- Roichstagen, die man so gern als „Iudenparlamente" verschrie, saßen Juden in ganz verschwindender Anzahl. Am stärksten waren die Juden in der versas- Ribka. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Ribka, die zweite Stammutter unseres Volkes, wird von der heiligen Schrift mit besonderer Sorgfalt gezeichnet. Sie wirb mit den Worten eingeführt: njn’ Lv8i vi-ir>2 in» nx-i» v2iv »yam „Sehr schön anzusehen war das Mädchen, eine Jungfrau, noch kannte kein Mann sie." Züchtig wie sie war, bleibt Ribka ein unbekanntes Mädchen trotz ihrer Anmut, froh, ihrem Vaterhause dienen zu können mit der Kraft, die ihr verliehen. Von wahrer Herzensgüte getrieben, erfüllt sie nicht nur Eliesers Bitte, — ohne erst viel zu versprechen oder überhaupt viele Worte zu machen, reicht sie ihm den Krug, und nachdem er getrunken, erbietet sie sich: mwb i>2 dr ly 2rn?-r i»>»3> dj „Auch deinen Kamelen will ich schöpfen, bis sie sich satt getrunken." Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, ging sie hurtig an die Arbeit mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie' für ihre besondere Hilfsbereitschaft und für ihre Eignung, als Jizchaks Frau in Saras Zelt einzuziehen, zeugte. Offenbar war es auch dieser Drang zum Wohltun, der gar keine. Bedenken in ihr aufkommen lieh, als sie vor die Entscheidung gestellt wurde: v'rrn ay »Di-on „Willst du mit diesem Manne gehen." Schlicht und gerade heraus, antwortet sie: Ich will gehen." Sie weiß, was sie mit ihrem Entschlüsse auf sich nimmt. Sie darf es aber wohl wagen, Saras bedeutsames Erbe anzutreten. Des Midrasch Weisen merken hieran: »2lmii na i»t»-im-vn Durch Winke gaben die Angehörigen Ribka zu verstehen, daß sie ihre Frage verneinen sollte. Sie aber ließ sich nicht beirren und sprach förmlich: ibrr »2vwv2 rrl-v »2012 bv „Auch wider eureu Willen, selbst ohne eure volle Einwilligung möchte ich dem Manne folgen." Was konnte sie mit ihrer Hingabe und Selbstlosigkeit, die ihr eigen waren, an der Seite eines Laban wohl erhoffen! Erwartungsvoll folgt nun Ribka Eliefer, der ihr das größte Vertrauen von dem ersten Augenblicke ihres Zusammentreffens mit ihm eingeflößt. Und wie gestaltet sie ihre erste Begegnung mit Jizchak, dem sie angetraut werden soll, den sie — wie die Weisen es so sinnig sagen — tut wir vnRi sah in der Kraft und Pracht eines eines Mannes? Noch bevor sie es gehört, daß es Jizchak fei, der ihr entgegenkommt, bvrn bx» bvni ließ sie sich vom Kamel hinab. Das findet sie offenbar ungeziemend, reitend einem unbekannten Manne zu begegnen. Das könnte mehr, als sie es wünscht, sein Augenmerk aus sie lenken. &21W, rpvxn npni „Sie griff nach -dem Schleier und verhüllte sich," da der Unbekannte ihr als Jizchak vorgestellt wurde. Ist das nicht eigenartig, daß dieses Mädchen das Antlitz verhüllt, wo ihm der zukünftige Gatte entgegentritt? Eigenartig wohl, — doch aber für wahrhaft jüdische Art und Sitte zeugend und Beispiel und Vorbild für Israels Töchter, die in den Stammmüttern -die Leuchten ihres Geschlechtes sehen. All das läßt uns wohl begreifen, was uns nun die mw erzählt: ">b ’nni npm jir np'1 i»r mw nbvRN priL» NR2'1 ' 'i»R 'iNR pnx’ onri nanR’i hwrV „Jizchak führte sie in das Zelt Saras seiner Mutter. Er. nahm Ribka und sie ward sein Weib, und er gewann sie lieb. So ward Jizchak getröstet nach seiner Mutter." Es wird mit diesen Worten das vollste Lob Ribka gespendet und zugleich auch das schönste Urteil über die Bedeutung der Frau im jüdischen Hause gefällt. Jizchak gewinnt seine Gattin als das Ebenbild seiner Mutter lieb. Er sieht sie mit allen weiblichen Tugenden llusgestattet. die der Sara eigen waren, darum findet er sich jetzt erst nach, dem Heimgange seiner Mutter wieder getröstet, lebensfroh und schaffensfreudig. Das ist der Adel des jüdischen Weibes, das dem Manne Trost und Stütze -in seinem Leben bietet. Mit frohem Sehnen fühlt sich Ribka Mutter. Der Herr, der sich nach einem Worte unserer Weisen über das Gebet der Frommen freut, hat Jizchaks Flehen erhört. Ihr künftiges Glück kündigt sich ihr aber durch Schmerzen an. ,'T »R «mib ibm »23R NI n»V |2 DR N»RN1 „Da sprach sie: Ist dem so, warum ich?" Und sie ging, G'tt zu befragen. Von des Lebens Jammer gepackt, stellt sie wohl die bange Frage nach dem „Warum"? Sie zweifelt jedoch nicht. Um so mehr sucht -sie G'tt und forscht nach einer Antwort über ihre Frage, nach Sinn und Bedeutung der Leiden. Diese Lösung vermitteln ihr die Lehrhäuser jener Tage. Sie vernimmt die Kunde, daß sie Mutter werden soll zweier ganz verschieden gearteter Söhne. Da wird es ihr klar, daß diese schmerzensreiche Zeit bald abgelöst werden wird von einer um vieles noch sorgenvolleren. Mit wahrhaft mütterlicher Liebe und Zärtlichkeit widmet sie sich der Erziehung ihrer Söhne. Trotz aller ihrer Sorgfalt vermag sie nicht, den klaffenden Gegensatz zwischen den Knaben zu,überwinden. Das geht über ihre Kraft. ' ] D’^ITR 2v» DU W’R 2pvi nw W’R VS »V W'R 1WJI »INI D'-1S3Il iblZ" „Da auswuchsen die Knaben, ward Csau ein. jagdkund, ger Mann, ein Mann des Gefildes, Jakob aber ein schlichter Mann in Zelten wohnend." Hier deutet die hl. Schrift in klaren Worten den scharfen Gegensatz an und auch, wer von ihnen, berufen sei, fortzusetzen die Kette derer, die die Aufgabe haben, als Träger des abrahamitischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.