Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 48 (24.11.1932)
- Date
- 1932-11-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 48 t'O.FiC i. , Ä cm s. ‘ 24. November 1932 Sy£ftttE|UTt d« itll 25. Marcheschwan 569 Begründe! von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1.30 Mark monatlich; Ausland: Vierteljahroretse (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Bersann»s1 Deutsch-Lsterreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Fr rnkreich 28 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga5. Holland 8 fl.; Italien ab 1.1.88.18 Lire; Juso» flaoien 83 Din.; Litauen 7.50 Ltt.; Rumänien ab 1. 7. 27. 150 Lei; Polen 4 deutsche Gold» mark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowaket 35 Kronen; Angarv Pengö 8 ab 1. Juli 1937; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen 8.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldyfennige.! ~ - ' Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 60 Toldpf. für die stebengesp altene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 40 Pf. Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Textseite 3.— Mk., vorletzte Textseite 380 Ml.; Thiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt, nach Tarif. Bei laufenden Geschäfts«»;.: Jul. Schmidt. Ostendflraße 83 Tel. 45888. Platzvorfchr. ohne Verbindlich!. Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto-Frankfurt (Main) Nr. 19802. - Außerdem an: Postsparkasse Wien Nc. 79 M.-Postsparkassennt Budapest Nr. 18434.-PostscheSkonto Warschau Nr. 190757. - Postscheckamt Zürich Nr. VIU7354. — Postscheckamt Amsterdam Nr. 34889 - Postscheckamt Prag Nr. 79.080 — Rumänische Kreditbank Bukarest und ihre samt!. Filialen Der Ö:.lchtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten sich ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt «. M. Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit" für den Monat Dezember Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten; Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt a.M„ Überliefertes Judentum und fortschrittlicher Konservativismus. Von Rabbiner Dr. Eli Munk in London. Der Dozent am Iews' College in London, Rabbi Dr. I. Epstein, hat es unternommen, in einer Sammlung von Aufsätzen dem englischen Juden einige Probleme moderner Orthodoxie vertraut zu machen.*) Schon der versuch an sich ist zu begrüßen. Denn London ist die Hochburg des Liberalismus geworden. Die altenglische Iudenheit hat sich den kirchlichen ^formen des Landes angepaßt. Die Einwanderung ist seit '*ctn Krieg zum Stillstand gekommen. Auch wer sich noch als Cingewanderter fühlt, ist von.der rapiden gedanklichen und organisatorischen Entwicklung der Orthodoxie. auf dem Kontinent nicht mehr berührt worden. Seit 1914 hat sich nichts geändert. Samson Raphael Hirsch ist noch nicht entdeckt, zur Organisation in Gemeinden oder verbänden liegt kein Zwang vor, wenn man nicht gerade Wert darauf legt, ein jüdisches Grab sich rechtzeitig zu sichern. So führt ber Weg der Jugend trotz zahlreicher Religionsschulen zum Abfall. . Die fugend uns zu erhalten, ist Epsteins Sehnen. Rlit starkem Gefühl und innerster Ueberzeugung wird öie Offenbarung als Basis unseres Lebens prokla- *) Judaism of Tradition, Essays by Rabbi Dr. J. Epstein, London, Edward Goldston Ltd. 1931, miert. Wege des religiösen Unterrichts werden untersucht, die historische Methode mit Recht verworfen, unentwegte Förderung des religiösen Bewußtseins gefordert und vor allem religiöse Festigkeit des Lehrers als Grundbedingung anerkannt. (Hier liegt das wesentliche Problem in England). Wissen und Glauben werden beleuchtet, Wendelssohns Philosophie kritisch gewürdigt. Ein politisch-historischer vergleich zwischen E^rus und Balfour scheint abwegig und paßt nicht recht in den Rahmen dieses "Buches. Jedoch ist Epstein in einem entscheidenden Punkt ein Irrtum unterlaufen. Wie wird das jüdische Gesetz den wechselnden Bedingungen und Umständen aller Zeiten gerecht? .Nicht durch Abschaffung eines Gesetzes (sagt Epstein), sondern durch Einführung bestimmter Maßregeln zu seiner Aiilderung aus der Grundlage der halachischen Ueberlieferung, die dem gechriebenen Gesetz Biegsamkeit und Anpassungsfähigkeit verleihe. Beispiel: prusbol und Heter Iska. Dann aber seien manchmal aus gewichtigen Gründen Gesetze auch neu interpretiert worden, indem man mehr den Geist als den Buchstaben betont habe (Aguna). Auch seien zeitliche Suspendierungen zu einer Dauereinrichtung geworden (Uiedecschrift der mündlichen Lehre). Uatürlich könnten solche Maßnahmen stur vom S^nhedrion oder einer sonstigen anerkannten Versammlung von Gedole Hatora beschlossen werden. Wan sollte daher zur Lösung dringender Gegenwartsprobleme (z. B. Sabbtabeobachtung, Ehaliza stsw.) ähnliche Wege ausfindig machen und zu diesem Zweck solle die thoratreue Iudenheit der ganzen Welt eine regelmäßige Versammlung von Thoragrößen der ganzen Welt konstituieren. Die Synode würde, in einem Wort, für die jüdische Religion tun, was der Zionismus für. den.jüdischen Rationalismus versucht, indem die Synode die Wiedergeburt der M dischen Seele fördert, wie die nationale Bewegung die Wiedergeburt des jüdischen.Körpers fördert. 7Nan sieht: die Existenz des Rabbinischen Rates der Agudas Iisroel ist in London noch nicht bekannt oder wird als solche nicht gewürdigt. Der Rat ist ja noch nicht zu häufig in öie Erscheinung getreten. Aber eine Anerkennung des Prinzips hätte diese Institution verdient, selbst wenn man sich nicht als Agudist fühlt. Jedoch kann die Aufgabe einer Synode nie und nimmer sein, das Gesetz neu zu interpretieren. Die mündliche Lehre ist so unveränderlich wie die schriftliche, und'unsere Aufgabe ist nicht, sie der Zeit anzupassen, sondern ihre Prinzipien auf die Zeit anzuwenden. Jeder Tag schafft neues Recht, aber die Grundsätze bleiben die gleichen. Und es läßt sich dabei leben. Die schriftliche und mündliche Lehre hat mit jedem Gesetz auch die Grenzen fcstgestellt, innerhalb derer es wirksam ist. Wie in jedem Recht, kann niemand strafbar sein, der einen verbotenen Zweck auf einem nicht verbotenen, d. h. „erlaubten" Weg erreicht. Diese „erlaubten" Wege sind aber im Gesetz selbst enthalten und nicht neu interpretiert. Wer so handelt, mag manchmal ganz im Gegenteil gerade nicht im „Geiste" des Gesetzes handeln, aber er macht sich nicht strafbar. Die Agunagesetze sind nicht neu interpretiert, also erfunden worden, sondern beruhen auf mündlicher Ueberlieferung (vgl. Sifre Deut. 19, 15). Die Suspendierung des Verbotes, die mündliche Lehre nieöerzuschreibeN) geschah — wie ausdrücklich im Talmud vermerkt (Temura 14b, Gittin 6Oa) — mit vollem Bewußtsein in dem Bestreben, sic zu erhalten. Aber es wäre doch ganz widersinnig, daraus schließen zu wollen, man könne etwa das Sabbatgesetz ändern, damit man den Sabbat halten kann. Im Vorwort schreibt Chief-Rabbi Dr. Hertz, der Leser werde in Dr. Epstein einen eifrigen und mutigen Verteidiger des historischen und ewigen Judentums finden, welches Epstein aus Gründen der Klarheit als „überliefertes Judentum" bezeichne. Wan fühlt, die „Gründe der Klarheit" sollen wohl eine leise Kritik enthalten. Die Erklärung ergibt sich aus einer Definition, die Dr. Hertz anläßlich des Jubiläums der United Synagogue und des Iews' College im letzten Jahr gegeben hat: Die United Sxmagogue habe dem englischen Judentum seinen besonderen Charakter gegeben. Durch ihr Beispiel und ihren Einfluß hat sie fortschrittlichen Konservativismus — d. h. religiösen Fortschritt ohne Aufgabe überlieferter jüdischer Werte und ohne Entfremdung von >dem Kollektivbewußtsein des Hauses Israel — zur englisch-jüdischen Auffassung in der Theologie gemacht. Der oben skizzierte Fehlgriff Dr. Epsteins hat es Dr. Hertz ermöglicht, traditionelles Judentum mit seinem „historischen^ gleichzustellen. In Wahrheit jedoch bedeutet sein historisches Judentum eine Anerkennung alles Gewordenen in der Religion, selbst wenn es nicht im Geiste der Ueberlieferung geworden ist, solange man nur irgendwie die überlieferten religiösen Werte nicht aufgibt. Ueberliefertes Judentum dagegen bedeutet in Wahrheit unentwegte Treue dem alten Gesetz und seinem Geist, und trotzdem verlangt cs „Fortschritt". Denn die neuen Probleme, die jeder Tag uns bringt, sollen am Gesetz der Ewigkeit gemessen und entschieden werden. Der „historischen" Theorie des Chief- Rabbi und der United G^nagogue ist daher ein reines überliefertes Judentum entgegenzusetzen (wie es Rabbi Dr. Schönfeld schon vor langer Zeit als Aufgabe der Adaß Iisroel formuliert hat).