Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1932)
- Date
- 1932-11-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 47 Der Israelit 17. November 19L2 Schwierigkeiten ihnen aus dem Wege räumt und jeden ihrer Erfolge, er fei noch so unbedeutend, anerkennt. So weicht allmählich die Schüchternheit, der Eifer wird gesteigert und die Lernlust vermehrt. Hier paßt der Vergleich: „Der Feigenbaum, je mehr du ihn rüttelst, desto mehr Früchte gewinnst du."-Z Klug 'und wirkungsvoll ist sicher auch die Mahnung, die an die Schüler ergeht, sich selbst zu fördern und gegenseitig zu stärken. Da heißt es:-") Ich habe viel von meinen Lehrern gelernt, mehr aber noch von meinen Genossen."") Hier wird förmlich die Verantwortung für jeden einzelnen auch der Gesamtheit der Schüler zugewiesen und damit die Klassengemeinschast in eine höhere Sphäre versetzt. „Wie sich Eisen an Eisen schärft, so gewinnt an Kraft und Ausdauer einer durch den anderen."'") Leben muß Leben erzeugen, und wo das Schulleben diesen Namen voll verdient, da keimt für alle Beteiligten des Lebens höchstes Glück, die rechte innere Zufriedenheit. (Fortsetzung folgt). Der neue badische Lehrplan für den israelitischen Religionsunterricht. Von S. Rofenfelder in Ladenburg. Referat, gehalten in der 29. Mitgliederversammlung des Landesvereins israelitischer Lehrer und Kantoren in Baden. Der alte Lehrplan ist nunmehr ein halbes Jahrhundert alt, konnte also sein Jobeljahr feiern. Wenn man beachtet, daß die Schaffung des neuen Planes ein Jahrzehnt beanspruchte, so könnte man annehmen, daß 50 Jahre eigentlich noch kein hohes Alter für einen Lehrplan bedeuten. Die Notwendigkeit der Neubearbeitung ist in den Fortschritten der allgemeinen Pädagogik und in den veränderten Anforderungen an die jüdische Schule im besonderen begründet. Ich erinnere nur an die verringerte Stundenzahl, die heute eine weit bessere Zeitausnützung erfordert. Der badische Lehrerverein hat beizeiten die Notwendigkeit eines neuzeitlichen Lehrplanes erkannt und seine Schaffung gefordert. Die zu dem Zwecke eingesetzte Pädagogische Kommission hat die Arbeit wesentlich gefördert. Ihre Vorschläge wurden fast alle in unfern Lehrplan ausgenommen. Der vorliegende Lehrplan ist seinem Umfange nach weder ein Minimalnoch ein Maximallehrplan, sondern ein Rahmenlehrplan. Eine andere Form kommt bei den vielfältigen Schulverhältnissen gar nicht in Frage. Der glückliche Gedanke eines Rahmenlehrplans bringt eine ganz neue Lösung vieler Schwierigkeiten und Hindernisse. Der Lehrerpersönlichkeit soll möglichste Freiheit gewährt werden. Diese Freiheit, die in der Idee des Rahmenlehrplanes liegt, hat natürlich mit Willkür nichts zu tun. Der Zeitmangel bedingt eine Zurückstellung und Verminderung des Lehrstoffes. Dafür muß die Beeinflussung der religiösen Gesinnung in den Vordergrund treten. Es wird also nicht ein Höchstmaß von Stoff, sondern eine Vertiefung der Gesinnung verlangt. Die Arbeit des ursprünglichen Lehrplanausschusses scheiterte an der Behandlung des hebräischen Unterrichts. Die guten Erfahrungen mit neuzeitlichen Methoden brachten auch diese Frage zur Reife. So entstand in wenigen Sitzungen der vorliegende Plan, der vom Oberrat fast ohne Aenderung gutgeheißen und zur amtlichen Einführung gelangt ist. In der Zeit nach dem Kriege haben wir in Baden schon manches Segensvolle geschaffen. Ich glaube, auch unser Lehrplan kann sich sehen lassen und kann auch für andere Länder, selbst für einen einheitlichen deutschen Lehrplan vorbildlich sein. Wir haben bei der Abfassung alle verfügbaren sonstigen Lehrpläne verglichen und glauben bei dieser Beurteilung nicht unbescheiden zu sein. Das will natürlich nicht heißen, daß unsre Arbeit vollkommen sei und keine Verbesserung vertragen könne. Ich will in einem kurzen Referat über die praktische Auswirkung sprechen. In der Einleitung wird zunächst die Notwendigkeit begründet. Das ist nicht selbstverständlich. Wir Lehrer können nicht etwa im Bewußtsein einer Unfehlbarkeit und in Hinweis auf eigene Leistungen behaupten: Der Lehrer ist das' Buch, Der Lehrer ist die Methode, Der Lehrer ist der Lehrplan. Solche Phrasen kann man schon da und dort hören. Das klingt wie: Ani wslo acher. Schon die Einheitlichkeit und die Ordnung im Unterricht und beim Uebergang in andere Klassen und zu anderen Lehrern verlangt einen gemeinsamen Lehrplan. Auch das nun einmal unentbehrliche Klassenbuch ist im Lehrplan verankert. Ein Klassenbuch gehört zum Betrieb einer ordnungsmäßig geführten Schule. Ich habe es bei Stellenwechsel und bei Vertretung von Kollegen schon immer vermißt. Das Klassenbuch Dient nicht nur der Kontrolle durch Aufsichtsbeamte, sondern auch der Selbstkontrolle. L>s) Erub'in 54, 2. an) Taan. 7 b. 30) Das sind die Mitschüler, die Mitstrebenden. 31) Taan. 7 a. In den Allgemeinen Bestimmungen ist die Rede von den Aufgaben und Zielen des Religionsunterrichts im allgemeinen und der einzelnen Fächer. Das sind die üblichen unerläßlichen Formulierungen, die nun einmal nicht fehlen dürfen, damit die Sache ein Gesicht hat. Praktisch kommt dabei nicht viel heraus. Als dis Arbeit des Unterrichtsausschusses zu Ende war, da haben wir diese Sätze gewissermaßen als Schönheitspflästerchen hingeflickt. Das Wesentliche eines Lehrplans ist und bleibt der Geist, mit dem er erfüllt wird, nicht aber die buchstäbliche Formulierung. Von den Unierrichtsgrundfähen heißt es u. a.: „Der Lehrer wende die Unterrichtsweise an, die in der Jugendpsychologie und Pädagogik ihre Grundlage hat." Cs sollte ja nicht denkbar sein, daß ein Lehrer bei seiner Seminarausbildung stehen bleibt, daß er an veralteten Methoden zäh festhält, daß er für Neues nur ein Achselzucken übrig hat, daß er zeitlebens sich nicht die Mühe nimmt, auch' einmal etwas Neues auf dem Gebiete der Methodik zu probieren, daß er Neuerscheinungen noch nicht einmal anschaut. Es genügt auch nicht, neuzeitliche Lehrbücher einzuführen und damit nach alter Methode fortzuwursteln. Also z. B. eine neuzeitliche Fibel nach der alten Chedermethode durchzulesen und durchzuübersetzen. Das ist gerade, als wolle man ein Pferd vor ein Auto spannen. Damit kommt das Neue und Gute in Mißkredit. Es sollte selbstverständlich sein, daß jeder Lehrer geistig, beruflich sortschreitet, pädagogische und methodische Neuerungen beachtet, sie sich zu eigen macht und sie sinngemäß zur Anwendung bringt, daß er Fachzeitungen liest, die jüdischen und die allgemeinen, die ja in jedem Lehrerzimmer unengeltlich offenliegen. So selbstverständlich solche Dinge sind, so nötig ist es, sie in Erinnerung zu bringen. Zur Frage der Lehrbücher hat der Unterrichtsausschuß noch keine Stellung genommen. Er wird sich damit noch befassen müssen. Nun will ich zu den einzelnen Lehrgegenständen manches sagen. Das hebräische auf der Unterstufe ist zum erstenmal nach neuen Grundsätzen lehrplanmäßig festgelegt. Für die Fibelstufe werden Sprech-, Schreib- und Leseübungen verlangt. ' Sprechübungen auf der Unterstufe gewinnen den Wortschatz für Schreib- und Leseübungen. Als Schrift dient die vereinfachte Druckschrift (Druckschreibschrift). Die Schüler sind zur selbständigen Erarbeitung der Texte anzuleiten und sollen nach dem 4. Schuljahre imstande sein, an der Hand eines Vokabulariums und mit Hilfe ihrer grammatikalischen Kenntnisse leichte Texte mit Verständnis zu lesen. Die seit Jahren erprobte Neuerung hat sich bewährt und hat alle Hoffnungen erfüllt. Es ist freigestellt, im ersten oder im zweiten Schuljahr mit Hebräisch zu beginnen. Ich möchte nicht eine Verschiebung in das zweite Schuljahr empfehlen. Der Zeitmangel gestattet uns diese Verzögerung nicht. Auch pädagogische Gesichtspunkte können nach meiner Ansicht ein Hinausschieben nicht rechtfertigen. Penkaieuch ist in einer Auswahl gedacht, wie sie etwa in der Bearbeitung von Abraham-Rotschild zusammengestellt ist. Hiernach kommen auf eine Woche etwa 3—5 Verse. Nur in der 7. und 8. Klasse der Volksschule wären 8 Verse zu behandeln. Wenn wir ooraussetzen, daß schon vom 5. Schuljahre die Schüler ohne Vorbereitung leichte hebräische Texte mit Verständnis lesen können, so bedeuten im 8. Schuljahre 8 Bibelverse keine große Aufgabe. Im Bibellesen ist hebräischer oder deutscher Text zur Wahl sreigestellt. Hebräisch ist — wo die Möglichkeit vorhanden — natürlich vorzuziehen. Gebete beginnen erst mit dem 4. Schuljahr. Der Stoff ist zu abstrakt und bedarf der Vorbereitung durch ein Uebungsbuch. Eine Auswahl der einzelnen Stücke ist im Lehrplan nicht angegeben. Es wird für jeden Lehrer ein Leichtes sein, sich für seine Schule eine solche Auswahl zusammenzustellen. Zu längerer Aussprache gab die Frage Anlaß, ob die Festgebete für Scholausch regolim und Jomim nauroim in einem oder in zwei Schuljahren behandelt werden sollen. Als Stoff für die Festgebete kommen in der Hauptsache nur die Schmone esre in Frage. Weiter reicht die Zeit kaum. Da nun die Hauptgebete von Scholausch regolim in den Hauptgebeten von Jomim nauroim fast ganz enthalten sind, ist es gerechtfertigt, beide Gebetgruppen in einem Schuljahre zu behandeln. Nach der uns zur Verfügung stehenden Zeit hätten wir also im 8. Schuljahr oder in der Untertertia hauptsächlich die Musao-Schmone esre von Rofchhafchonoh durchzunehmen. Uebrigens werden wir unter Gebstkunde alljährlich häufige und wichtige Stücke aus den Festgebeten behandeln. Hebräische Sprachlehre ist in der Grundschule gefühlsmäßig, also durch Reihenbildung usw. den Kindern näherzubringen. Vom 4. Schuljahre an ist systematische Behandlung gedacht. Grammatik ist natürlich kein selbständiger Lehrgegenstand, sondernist im Anschluß an die übrigen hebräischen Lehrgegenstände zu behandeln. Zur Geschichte wurde die Frage' aufgeworfen, ob man in den beiden ersten Schuljahren chronologisch verfahren, oder ob man Geschichten nach Kindertümlichkeit auswählen soll. Der Lehrplan hat die Frage für beide Ansichten entschieden. Der Stoff für das erste und zweite Schuljahr ist zusammengefaht. Jeder Lehrer kann verfahren, wie er will. Aber am Ende des 2. Schuljahres muß das Pensum beider Klassen erreicht sein. Ich selbst verfahre immer chronologisch, also; 1. Jahr: Urgeschichte bis Abraham. 2. Jahr: Stammväter. Mit dieser Frage habe ich mich ein ganzes Jahr lang befaßt, und durch den ersten Vogen meiner biblischen Geschichte versuchte ich zu zeigen, wie einfach und anschaulich man die Urgeschichte in Mort und Bild dem Verständnis auch der Kleinsten nahe bringen kann. Umfangreich ist der Stoff im 6., 7. und 8. Schuljahr. Die Lösung ist schwer und leicht. Geschichtsstoff ist dehnbar. Jeder löse die Aufgabe, wie er kann. In meinem Geschichtsmerkbuch habe ich gezeigt, was mir nötig erscheint. Mancher hat dort den Stoff zu dürftig gefunden. Ich glaube nicht, daß jemand für mehr Stoff die Zeit erübrigt. Wiederholung ist in allen Klassen nach Mäßstab der vorhandenen Zeit erwünscht. Religionslehre ist auf der Unter- und Mittelstufe kein selbständiger Lehrgegenstand. Die Behandlung des Lehrstoffes erfolgt im Anschluß an die übrigen Lehrgegenstände und an das. religiöse Jahr. Von der Mittelstufe an ist der Lehrstoff systematisch zusammenzufassen. Auf der Oberstufe''wird die Religionslehre selbständiger Lehrgegenstand und ist von vornherein systematisch zu behandeln. Systematik heißt nicht geisttötendes-Frage- und Antwortspiel, sondern natürlicher, verstandesmäßiger Aufbau unter Berücksichtigung der inneren Zusammenhänge. System ermöglicht leichtes und rasches Zurechtfinden, läßt den Zusammenhang der Dinge erkennen und gibt die Gewähr für Vollständigkeit. Neben dem theoretischen Unterricht sind die Schüler, soweit wie möglich, zur praktischen Erfüllung der Mizwos anzuleiten: In der Familie: Gemilus Chesed, Feier des Schabbos und der Feste, Segenssprüche, häusliche Gesänge (Semiros) usw. In der S y n a g o g e durch Unterrichtsgänge (Führung durch die Synagoge) Beteiligung am G'ttesdienst und Gemeindegesang, Einführung in Gebrauch der Gebetbücher und dergl. (Tefillo, Machsor, Chumosch, Luach). Im Verkehr mit der Außenwelt durch Erziehung zu pflichtbewußten, aufrechten und vornehmen jüdischen Persönlichkeiten. Der Lehrstoff für den Religionsunterricht läßt sich eigentlich nicht mechanisch auf die einzelnen Schuljahre verteilen, denn fast alljährlich bieten sich Anknüpfungspunkte für die meisten Teilgebiete. Dennoch wurde im Lehplan wegen der Einheitlichkeit, also aus rein technischen Gründen, eine Verteilung des Stoffes auf die einzelnen Schuljahre vorgenommen. Ein praktischer Schulmann wird gewiß auch nach dieser Aufstellung mit Erfolg arbeiten können. Der Lehrplan ist da. Der Wurf mußte einmal gewagt werden. Es mußte einmal Neues versucht werden. Die Ansichten werden verschieden sein über diesen und jenen Punkt. Nun gilt es: ausprobieren und greifbare Verbesserungsvorschläge machen. Die Verfasser bilden sich gar nicht ein, daß ihr Werk fehlerfrei sei. Dieser Lehrplan braucht auch-nicht wieder ein halbes Jahrhundert zu halten. Er kann auch teilweise in kurzer Zeit verbessert und ergänzt werden. Ein Lehrplan ist aber kein Allheilmittel. An sich macht er den Unterricht weder gut noch schlecht. Auch der beste Lehrplan ist in der Hand eines Stümpers wertlos. Ein wesentlicher, ich möchte sagen, der wichtigste Satz des ganzen Lehrplans scheint mir der zu sein: „Der Lehrplan wird somit zur ständigen Aufgabe, die der Lehrerschaft zur Lösung gegeben ist." Ich habe schon früher angeregt, pädagogische Arbeitsgemeinschaften zu bilden, um Cinzelsragen auf dem Gebiete des Religionsunterrichts zu lösen, Teilgebiete zu bearbeiten. Es gibt noch ungeheuer viel hier zu leisten. Ich meine nicht, daß man die Fachzeitungen mit seichten Schwatzereien füllen und alte Gedanken hundertmal Wiederkauen soll. Wir brauchen vor allem für unfern Nachwuchs praktische Ratschläge, kurze Winke und Anregungen aus der Unterrichtspraxis. Stoffauswahl und Lehrproben aus allen Gebieten. Ich will noch weiter gehen: Es fehlt uns noch ein großes methodisches Unterrichtswerk, eine große jüdische Methodik von erfahrenen Fachleuten. Gewiß können und sollen die Handbücher der allgemeinen Methodik und die Spezialwerke nichtjüdischer Verfasser uns sehr wertvolle Dienste leisten. Aber zur Ergänzung müßte man einschlägige Werke der jüdischen Methodik besitzen. Ich würde mich freuen, wenn unser Lehrplan nach 'einer Fertigstellung nunmehr auch nach dieser Richtung... Anregungen gäbe, nicht nur'für Baden, sondern auch über die Grenzen unseres badischen Landes hinaus.