Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1932)
- Date
- 1932-11-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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V-ä E.D-CX. £rzie^unj uni Lefjre Pätfaqosissdje Beilage zumjOsraelif Organ -es Hun-es gefetzestrener jüdischer Kehrer Dk«sichlLnds. >, »W, 'miiwn in i«iii iniMirTr~iin~m«j-j■ mi ■ w i ■ n i n ■ i Verantwortliche Schriftleitnng: S. ßaufmau::, Spiendlingen (SRcis Cilenbcul)) Zur ZubrläümsfeierdeLäojährige» Bestehens der Israelitischen Volksschule zu Frankfurt am Main. S. R. Hirsch ist der geistige Vater der Israelitischen Volksschule. Van der Kanzel der Synagoge in der Schützenstraße herab hatte sich der große Führer, der ein Viertetjahrhundert früher die Realschule ins Leben gerasen, „das; sie religiöses Wissen und religiöses Streben 'mir ed)ter, wabrbüjt sozialer Bildung in innigen. Zuscs.'na>enhang bringe/' an seine Gemeinde gewandt: „Wissen Sie, nwirre Brüder and Schwestern, daß wir hierin Franksurt nrehr als 200 jüdische Schüler und Schülerinnen haben, die nichtjüdische Volksschulen besuchen, von denen nur 3 nicht am nac schreiben? Haben wir da nicht die Pflicht, eine jüdische Volksschule zu gründen?'" Der zündende Ruf verhallte nicht wirkungslas. Nach kurzer Zeit übergab Selig Golüschntidi \>-s? dem von ihm iibcr alles verehrten Rabbiner eine Spende von 20 000 RM., die den Grundstock für die Israelitische -Volksschule bildeten. Nachdem mannigfache Schwierigkeiten, wie solche einem jeden neuen unternehmen sich eulgegeuzustellen pflegen, beseitigt waren, wurde die Volksschule am 1. Juni 1882 iü 'den ehemaligen Räumen der Realschule im Haufe Schüllenstraße 14 eröffnet. Aus kleinen Llnfän'aen ist die Schule hervorgegangeu. Mit einer Klasse und ungefähr 40 Schülern und Schülerinnen trat sie ins Leben. Zwanzig Jahre später ist die Schülerzahl auf 341 angewachsen <173 Knaben und 168 Mädchen), die Zahl der Klassen aus 8, welche 6 aussteigende Stufen bilden, der Lehrkörper ans 7 ntännliche und 3 weibliche Lehrkräfte. Die 4 unteren Klasse:; sind einjährig und'nach Geschlechtern getrennt. Vom Jahre 1921 ab sinkt — eine Folge des Krieges —. die Schülerzahl. Von 1924 an steigen die Zahlen mit dem Inkrafttreten des Grundfchulgefetzes langsam an. Im 50. Jahre ihres Bestehens besuchen 784 Kinder — 376 Knaben und 408 Mädchen — die Schule. In 18 Klassen unterrichten 10 männliche und 9 weibliche Lehrkräfte und 1 Hilfskraft. . Die Schule war 1882 in den; Schullokale in der Schutzensirafts eröffne; morden. Die Klassenrämne waren dunkle, düstere Zilnmer, in denen zuin Teil bei Tage offene, flackernde Gasflammen brennen mußten. Die Errichtung des Schulgebäudes in der Bärenstrahe, das am 23. Dezember 1891 seiner Bestimmung übergeben wurde, mit 8 großen Klassenräumen, drei Reservezimmern, einem Lehrer-, Lehrerinnen- und Amtszimmer sowie einer Wohnung für den Pedell, bedeutet deshalb einen gewaltigen Fortschritt. Die Israelitische Volksschule verdankt dieses Schulhaus und seine Einrichtung ihren; großzügiger, Gönner und Erhalter Selig Goldschmidt. der mit jeder Fiber seines Wesens an feiner Schöpfung hing. Die Feier des 25jährigen Bestehens der Anstalt konnte mit der Einweihung der Turnhalle, der Rektorwoh-rung und . ' ' .. ruug Rothschild zu.danken Die letzte Umgestaltung des Schulgebäudes wurde 1929 vollzogen, indem die Rekorwohnung umgebaut wurde, um au ihrer Stelle 3 moderne Lehrsäle zu gewinnen. einen Zeichen-, eine;; Musik- und einen Lehrsaal. - Die erste,; 17 Jahre wurde die schule nebenamtlich von Dr. Mendel Hirsch Wr dem genialen Leiter der Er hat, wie seine beiden Vorgänger, den; Schulorganismus mit nachhaltigem Ginfluß ein persönliches Gepräge gegeben. Iin letzten Vierteljahre der Verichtszeit wurde die Leitung den; Lpzealoberlehrer der Samson Raphael Hirsch Schule, Karl Ochsenniann, übertragen. Der zur Verfügung stehende Raum gestattet es nicht, sie finanziellen Verhältnisse der Schule ausführlich zu besprechen, wie sie anfangs aus den Zinsen von hochherzigen Stiftungen, Jahresbeiträgen und Spenden von Freunden und Gönnern erhalten wurde, wie dann die Israelitische Neligionsaesellschaft als Patronatsbehärds die Deckung der Fehlbeträge übernahm, wie heute noch, da die städtische Subvention, die Beiträge der Erziehungsberechtigte!; und sonstige Zuwendungen bei weitern nicht, ansreichen, den Etat auszugleichen, an die Opferwilligkeit der Schulgemeinde die größten Anforderungen gestellt werden. Es ist aus demselben Grunde nicht ncäglich, auf Details des inneren Schulbetriebes einzugehen, wie es in dieseu; Rahmen auch unterbleiben inuß, die segensreiche Tätigkeit der Fürsorge auch-nur mR wenigen -Strichen zu zeichnen: Schulpflege, Ferienkolonie, Frühslücksspeü suug, Beschaffung von Lehrmitteln — Einrichtungen., die von Monat zu Monat immer größere Bedeutung für die Volksschule gewinnen in einer Zeit, da die körperliche und seelische Not der Heranwachsenden Jugend den rcnlerrrchtlrchen und erzieherischen Erfolg der Schularbeit aufs schwerste gefährdet, für deren Durchführung die Schule den einzelnen Behörden, Vereinen und Stiftungen zu grösste!'.: Danke verpflichtet ist. Die jüdische Volksschule, um mit den Worten ihres ersten Leiters, Direktor Dr. M. Hirsch, zu reden, ist eine ionsessiouelie Schule, die aber immer mehr das betaut, ko.-:- die Menschen eint, als :vos sie trenn;. Der Geist, der in dieser konfessionellen. Schule gepflegt wird, will die Iugen-d festige:; und stärken für die ihrer harrenden' Kämpfe, will sie vorbereiten, in; Leben das zu verwirklichen, wofür in der Jugend ihr kindliches Gennit getuwuu’H und begeistert wird. Die 'schule möge allezeit eine Stätte sein, irr der G'ttesfurchk und Geistesbildung treueste Pflege finden! Pädagogische Streiflichter im Talmud. Van Rabbiner Dr. ZU. Lewin in Hamburg. iFortsehwig.) Als nachahmenswertes Beispiel wird ein Lehrer gerühmt, der unerschöpflich in seiner Ruhe und Geduld einen Stoff bis vierhundert Mal'-) mit seilten Schülern durchgegangen ist/") Siehst du einen Schüler, den; eine Sache Aschwer wie Eisen" bleibt, so liegt es daran, daß ihm der Stoff nicht geordnet vorgetragen wurde.") Auf Fragen antworte nicht stammelnd und stockend, sondern klar und bestimmt, darum sei dir. was du vorträgst, ganz und gar geläufig/'') Wer nachlässig in seinem Lehrberufe ist, lädt den Fluch des Himmels auf sich/") Insbesondere hüte sich der Lehrer selbst vor Fehlern, in seinem Vorträge. „Hat sich ein Fehler eingeschlichen, so ist er nicht wieder oder nur schwer herauszubringen/"') nd dss Schulbades verbunden werden. Diese Vergröße- Man gehe schrittweise vor und suche nicht, wie es wärt ung ist in erster Linie der Munisizenz der Familie von lick; heißt, „bündelweise" den Stofs einzuprügen'") uni tmmmnn -r„ Xirtt-f*-!, heOeiOiap fjrfi midi p in er Fur?i>n kl-ari'n lind Anstalt stellte. Nach ihn:, in der Zeit des inneren Umbaues, stand Rektor Baruch Stern 7 Jahre an der Spitze. und befleißige sich auch einer kurzen,' klaren und anschaulichen Ausdrucksweise, man gehe aber, wo es angängig ist, auf eine.rationelle Begründung ein/") Wo es sich einrichten läßt, komme man dem Gedächtnis mit mnemotechnischen Mitteln entgegen/'") „Wie die Gärten am Stefandas ist ein Bild für die Lehrer, welche aus ihrem Herzen Einsicht und Weisheit schöpfen, nm sie in; Offenbar unseren; „hundertmal" gleichend. ) (Rubin 54 b. ") Taon. 8 a. '') Kid. 30 a. ) Boba b. 21a. '-) ibid, 18. 'ch Aboda s. 19 a. ) Erub. 54 a. die Seelen ihrer Zöglinge zu verpflanzem Solche Bedeutung wird der Persönlichkeit des Lehrers zuerkamit. .Hinter der Kraft seiner Worte soll sein Wesen, sein Charakter stehen, um die jungen Seelen in seinen Bann zu ziehen. Die Lehre soll förmlich vorgelebt werden. Das ist die wirksamste Beeinflussung, wenn sich der Erzieher Mit seiner Persönlichkeit für eine Idee einsetzt. Es ist ein schönes Bild, das die Rabbincn da gebrauchen. Die hl. Lade war van innen und außen in gleicher Weife mit reinem Golde belegt zun; Hinweis dafür, daß Lehre und Leber; in vollen Einklang zu bringen find.--) Die Einsicht ist gewiß eine wichtige Vorbedingung der Willensstärkung, sie verbürgt aber nicht, daß der Mensch auch seiner Einsicht gemäß handelt. Das Gute nmß auch erlebt werden. Das ist auch der Sinn der talmudischen Mahnung an die Schüler, sich ihren Lehrern allerivegen anzuschließeich und sie in Wort und Handlung auch außerhalb der Schule zu beachten.-") Wir sehen also, wie auch die Weisen der talwudischen Literatur M o - ra 1 vädagogik fordern und des Lehrers Persönlichkeit für den rechten Erfolg von Erziehung und Unterricht verantwortlich machen. Das verpflichtet den Lehrer, daß er fort und fort an sich selber arbeitet und sich niemals als einen Fertigen wähnt und das nicht bloß als geistiger Bildner und Erzieher, sondern auch als ethische Persönlichkeit. Er soll sich in seinen Zöglingen wiederholen. Wehe, wemi es nicht Tugenden sind, die er fortzuerben hat! Eine ganze Zukunft hängt van ihm ab. Vielleicht schwebt dieser Gedanke den Alten vor, wenn sie sogen: „Die Welt (die sittliche) wird mir durch den Hauch der Schulkinder erhalten/''') Bedeutsam ist es auch, daß selbst der wissensreichstc Lehrer immer nur den Ehrennamen trägt eines Talmid Chacham. Er bleibt ewig ein S ch ü I e r der Weisheit. Wo der Lehrer seinen Schülern als eine Persönlichkeit in dem hier gezeichneten Sinne entgegeukritt, da ist eigentlich auch das rechte Verhältnis zwis ch e n L e h r e r u u n d S ch ü lern garantiert. Die Autorität ergibt sich da ohne Zuhilfenahme jedes äußeren Zwanges. Sie fließt aus der Würdigung und Verehrung der geistigen und sittlichen Eigenschaften des Leh-! rers nnd führt zu Vertrauen und kluger Selbstzucht, j Wem; etwa dach eine Rüge sich notwendig erweist, da > gilt die Mahnung an dei; Lehrer: „Stößt die linke Hand! einen zurück, so möge die rechte ihn wieder heralibrinj gen."-'') Einer gewissen Zucht, meinen die Alten, wird inan nie ganz entraten können, sie sei. aber mit Liebe j gepaart und habe immer nur das Ziel, die jungen Menj scheu zu freien Persönlichkeiten zu erziehen und ihre i Selbstachtung und Selbstwürde zu heben. Man vergleiche! in diesem Zusammenhänge das -bedeutsame Wort aus! den Vätersprüchen: „Die Ehre deines Schülers sei dir j so teuer wie die deine." -(i) Dieser Satz zeugt von kluger j pädagogischer Eiitsichk. Die Schonung des sittlichen Ehrgei fühls der jungen Menschen bedingt ihre besonnene;md > gerechte Behandlung lind bereitet den Boden vor. ans i dem die besten, edelsten ni:d reifsten Früchte der Erziehung gedeihen. — Bei einem solchen auf Vertrauen beruhenden Verhältnis zwischen Lehrern nnd Schülern, da wird es dieseu nickst schwer werden, die Mahnung zu beherzigen: Der Schüchterne lernt nicht/'') Das Schlimmste und Verheerendste, das in seinen Folgen und Wirkungen gar nicht vorauszubestimmen ist, kann durch eine falsche Einstellung erwirkt werden, wenn etwa ein Minderwertigkeitsgefühl in einem Schüler aufkommt. Dieben den Glücklichen, den Reichbegabten konnnen sich die Schwächeren, die mit geringelt geistigen Fähigkeiten ausgestattet siitd, häufig armselig nnd hilflos vor. Sie wogen kaum einen geistigen Anlauf, in einen Wetteifer vermögen sie sich überhaupt iticht mit ihren Genossen chnzulassen. Was kann aber!jier nickst der Lehrer leisten, wenn er solche ermmiilt die Schwachen immer wieder an sich heranzieht und mR immer neuer Geduld dne -i:j Erub. 54 b. -') Ruin. 24. 0. --) Ioma 72 b. -■■) Aboda 9 b. -') Sab. 119 a. -') Sota 47 a. -") Abot 4, 12. -ch Abot 2, 5.