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Der Israelit · 1932-10-13 · Heft 42-43 (13.10.1932) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 42-43 (13.10.1932)
Date
1932-10-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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:mm ' Der Jsraelit Das unveränderte Laubdach. riSSS Eine kleine Zeitgeschichte. Von Natur aus war Israel Lachwitz ein Optimist. Vielleicht dankte er dieser Eigenschaft sogar seinen Namen. Denn er lachte gern und lächelte Jedermann aus guten Augen an, war guten Mutes und stets in heiterer Laune, auch wenn etwas im Leben schief ging. Schon sein Aussehen, sein Wort brachte den Menschen Trost. Ts lag etwas in seinem Hellen Gesichts als stände darauf geschrieben: „Vicht verzagen, auch das kann zuin Guten sein!" Dieses Jahr ist Israel Lachwitz in den Tagen vor Sukkoth nicht gerade gut aufgelegt. Man trifft ihn auf der Straße, wünscht ihm alles Gute. Cr erwidert freundlich mit lachendem Gesicht, wie immer, aber inan merkt: das Lachen hat etwas Gezwungenes. Er ist nicht mehr so ganz der alte. Und das seitdem er von einer längeren Reise, die er gegen Sommerende gemacht hatte, zurück ist. Sein Rücken ist seitdem etwas gebeugt, sein Bart hat ein paar Silderflreisen, die Augen trüben Schein und die Stimme etwas matten Klang. Das immer noch Helle Gesicht hat einen verborgenen leidenden Zug. Er stützt sich auf seinen großen geschwungenen Stock. Israel Lachwitz wird älter, ist gewissermaßen vom Alter angesprungen. Man fragt sich im Städtchen: „Was ist mit Israel Lachwitz?" Und alle wissen, was mit ihm sei. Früher einmal! . . . Dieses „Früher einmal" gibt Antwort auf alle Fragen. Wer früher Rabbi Israel gekannt, wer gesehen hat, wie er die ernsten Festtage gehalten, wie er in den Tagen zwischen Jom Kippur und Sukkaus ganz mit dem Werk an der Laubhütte ausgefüllt war, wie er da so tänzelte, ja getragen wurde „von Sieg zu Sieg", der begreift den stillen Kummer Israels in diesem Jahre. Die ersten Hammerschläge nach Jom Kippurausgang pflegten im Städtchen aus Israels Hof zu ertönen. Er selbst, Rabbi Israel Lachwitz, stand da wie ein Kapitän auf der Kommandobrücke, in der Mitte seiner Söhne und seiner Gehilfen. „Hier das Brett und dort die Leiter!" Und dann die fast heilige Prozedur des Deckens mit 'den Tannenzweigen, die schon vor Jom Kippur im Hofe stch zu einem Berg schichteten. Ls kamen die Schmuckgehänge, die Leuchter, die Kandelaber, die Bilder. Eine Sukkoh, wie ein Palast. Wie es sich eben für Rabbi Israel Lachwitz gehört. Am ersten Festabend pflegte das ganze Städtchen nach Beendigung der Synagoge sich erst den Glanz und die Pracht in Israels Hütte anzusehen. Im Laufe der Festtage mußte jeder in Israels Hütte einmal vom guten Weine, von 6cit goldenen Aepfeln, vom zimtbraunen Lebkuchen etwas kosten, „Brocho machen", wie er sagte. Und einmal in der Festwoche wurde in Israels Sukkoh „das Fest des Wasserschöpfens" abgehalten. Die ganze Gaffe hallte von Sang und Freude wider bis zum Morgengrauen. So war es Jahr für Jahr. So war es noch vor zwei Jahren, in etwas verkleinertem Maße sogar noch voriges Jahr. Aber das letzte Jahr brachte die Wandlung. Ls ging abwärts, mit jedem Tage tiefer. Das große schöne Haus wurde verkauft, mit ihnt auch die ganze Sukkoheinrichtung. Israel Lachwitz wohnte mit Familie in Miete. Gegen Sommerende waren die Dinge so weit gediehen, daß er sich für einige Wochen nach dem Auslande begab, um ein paar entfernte verwandte aufzusuchen. Er kam, wie schon gesagt, mit gebeugtem Rücken und angegrautem Haare, mit verzerrtem Lächeln im helleir Gesichte wieder. Und nun kanr das Sukkausfest. Er möchte, wie sonst, aller Welt zulächcln. Aber wenn er sich seiner früheren Sukkoh erinnert, wenn er daran denkt, daß er jetzt sich einige Gulden für ein paar Bretter leihen muß, um notdürftig eine Hütte zusammenzustellen, dann vergeht ihm das Lachen. Alles andere konnte er in Demut und Ergebenheit Kragen, aber die Sukkoh weicht nicht aus seiner Erinnerung. In eine fremde Sukkoh gehen? Rein, das kann Israel Lachwitz im Gedanken an die frühere Pracht nicht. Run'ist das Fest da. Zum ersten Mal in seinem Leben sitzt Rabbi Israel mit Familie in einer Laubhütte, die aus einigen brüchigen Brettern zusammengesetzt ist, vier Ellen im Ausmaße, und einen Sack an Stelle der Türe hat. Die schweren silbernen Leuchter fehlen, die blinkenden silbernen Pokale auch. Rabbi Israel tritt, wie immer, mit einem vergnügten „Gut Iointow!" in die kleine Sukkoh, setzt stch auf das wackelige Holzbänkchen, will die „Uschpisin", die „höheren Gäste" mit den üblichen Iubelgebeten begrüßen. Aber etwas sitzt ihm in der Kehle und läßt die Worte nicht über die Lippen. Cr möchte singen, aber das Weinen ist ihm näher, da er zu den leeren, kahlen Wänden hinschaut. Das Licht, das Leben, die fröhlichen Chöre, der Sang und Klang der alten Sukkoh, all das umrauscht seine Sinne. Fast hält er es nicht für würdig, die höheren Gäste in diesem engen Raume zu empfangen. Ja, die wände sind kahl, grau, wackelig und voller Löcher. Hinwegsehen möchte er, hinaufsehen. Da streifen seine Augen das Dach, das Tanncngrün. Durch das Grün sieht man den klaren Rachthimmel. Cs blinken Sterne in die Hütte. Wenn man nach oben schaut und nur nach oben, ist die Sukkoh genau so wie sie immer in den früheren Jahren war. Das gleiche Laub, der gleiche Himmel, die gleichen Sterne. Man darf nur nicht rundherum schauen. Immer nur nach oben, nach oben . . . Sogar der Mond, groß und rund, ein goldener Teller, leuchtet jetzt über das Laubdach. Genau so wie früher. Cs hat sich nichts geändert. Da entringt sich der Brust Israels ein Gesang, der alte Gesang, ein Lobgesang zum Empfange der Uschpisin. „Komm, Abraham, heiliger Vater, in meine Hütte. Und um dich herum Isaak, Jakob, Josef, Moses, Ahron und David! ..." Durch die Gaffe dröhnt ein Gesang. Cs ist der Uschpisin-Gesang aus Israels Sukkoh. Rabbi Israel Lachwitz singt, als hätte sich nichts geändert. Cr steht nach oben, und da hat sich wirkl i ch n i ch t s g e ä n ö e r t . . . Das Zudenkum. mit keinen nichtjüdischen Augen gesehen. Es schon unser Schicksal: Unsere Lehre ist aufgerollt vor aller Welt, unser E'tteshaus öffnet seine Pforten Juden und Nichtjuden, unser Ritual, unser Gesetz, unsere Bräuche spielen sich hinter geöffneten Türen ab, so daß sie Jedermann beschauen und prüfen kann. In aller Oesfentlichkeit, weil wir nichts zu verheimlichen haben. Und dennoch kennt uns die Welt nicht, will uns nicht kennen, spricht von „Geheimlehren der Juden", von „Barbarei hinter geschlossenen Türen", von „Geheimplänen rachsüchtiger Weisen von Zion". Die Einladung an die Welt, seit dem weisen Salomon: „Und auch der Fremde, der nicht zu unseren: Stamme gehört, komme in das heilige Haus", gilt heute noch, wird aber nicht beachtet. Oder nur befolgt, um Belege für alte Vorurteile zu suchen. Man kennt uns nicht, weil man uns nicht kennen will. Man will uns nicht kennen, weil ein Kennenlernen des Judentums und seiner Lehre gleichbedeutend wäre mit einer Absage an die Götzen der Gewalt und des Luges, die heute uoch die Welt beherrschen. Aus der Schreckenskammer der jüdischen Geschichte taucht hie und da ein nichtjüdischer Name auf, den jüdische Dankbarkeit in die Galerie der unsterblichen 'ran nn-iK gehoben hat. Wo sind sie heute, diese außenseitigen Ehassidim? Vielleicht ein Märchen nur? Da legt der P h i I o - V e r l a g , just zu den Festtagen, die die Welthoffnung und den Glauben an die Menschheit Hinausrufen, uns ein Buch auf den Redaktionstisch, das uns zeigt, daß es G. s. D. noch Propheten der Wahrheit in der Welt gibt, die uns verstehen, sich die Mühe nehmen, uns ganz zu erkennen und den Mut (ja es gehört Heldenmut - im dazu) haben, das Resultat ihrer Kenntnisse und Erkenntnisse in einer Form zu künden, der sich nur derjenige verschließen kann, dessen Auge und Ohr unheilbar für Licht und Wahrheit getrübt sind?) Dr. I. Weigl nennt seinen 323 Seiten starken Band glatthin „Das Judentum " und will, wie der Untertitel besagt, eine volkstümliche Darstellung des Judentums geben. Noch nie ist das Wort Volkstümlichkeit in edlerem Sinne gebraucht worden, wie in diesem Falle. Ein Nichtjude von hoher Bildung, von einem Ethos und einer Wahrheitsliebe beseelt, wie wir sie heute kaum uoch in der Literatur finden, Arzt von Beruf, stoßt in seinem Bilduugsdrange auf jüdische Literatur (nicht Literatur über das Judentum). Glühende Liebe zur Wissenschaft und eiserner Fleiß lassen ihn alle Schwierigkeiten überwinden und ermöglichen ihm den Eingang in die hebräische Q u e l I e n l i t e r a t u r. Und da er außerdem Meister des deutschen Stiles und der schöngeistigen Form ist. fühlt er schon geradezu die heilige Berufung in sich, die von ihm erkannten Wahrheiten der Welt zu verkünden; aller Verkennung, Verkleinerung und Verleumdung entgegenzuschreien: So ist das Judentum, so und nicht anders! ... So ist das Weiglsche Buch entstanden, ein Quellenbuch für Nichtjuden, die sich über jüdische Dinge orientieren wollen, ein Buch der Erhebung und der Erbauung auch für jüdische Jugend, ein Buch des Trostes und der Aufrichtung für uns alle: so stellt sich das Bild dem reinen von der Parteien Haß und Hader ungetrübten nichtjüdischen Auge dar! Aus 38 Seiten erzählt uns Weigl aus der jüdischen Geschichte in den Ländern der Zerstreuung, um dann auf das W e s e u der jüdischen Religion, die Glaubens- und Wissenslehre einzugehen, wobei neben der Bibel auch Talmud und rabbinisches Schrifttuiu als Belege herangegogen werden. Eine Betrachtung über den jüdischen Kalender leitet zu den F e st t a g e n über, die mit ihrer Fülle von Licht und Liebe dein nichtjüdischen Schriftsteller und Menschenfreund Töne von dramatischer Wucht abringen. Es folgt das Gesetz des Tages, das Ritual, die Bräuche. Wie begeistert und verständnisvoll dieser Arzt und Wissenschaftler von den Speise-, Ehe- und Reinheitsgesetzeu der Juden spricht! Die Einzelbilder fügen sich zu einem Gesamtbilde im Kapitel über das Judentum als S t a a t s r e I i g i o n. Das Literaturverzeichnis am Schluß zeigt den edlen Schweiß der Arbeit in der Gelehrtenstube, den man bei der leichtflüssigen, poetisch verklärten und hinreißenden Darstellung leicht übersieht. Wir wünschen dem Verlag und dem Verfasser, daß ihnen das große Licht, das sie mit diesem Werke in Häuser und Herzen getragen haben, zurnckstrahlt in der Form der Anerkennung — nicht allein der Anerkennung ihrer Mühe und Arbeit, sondern vor allem der Anerkennung der hier n i e d e r g e I e g t e n Wahrheitsgehalte', Ideen und Erkenntnisse. Das Buch trägt Sabbatlicht in jüdische Häuser und läßt dieses Sabbatlicht aus dem jüdischen Hause in alle Gassen h i n a u s strahle n. Eine Welt könnte daran genesen. -tz. Ainderecke. Der wunderbare Regen. Cs war einmal vor vielen hundert' Jahren, da zog ganz Israel hinauf zum ^>;n nach Ieruschalajim, um dort das Sukkothfest zu feiern. Rings um die Mauern der Stadt erhoben stch die Zelte der Wallfahrer und eine große Wenge Menschen strömte mit freudigem Lärmen der Stadt zu. Aber in Jerusalem selbst war man von einer ernsten Sorge bedrückt: das Waffer in den Zisternen und Brunnen reichte nicht mehr ans für die vielen fremden Gäste k Regen war vorerst noch keiner zu erwarten — und die Menschen dürsteten doch nach Wasser! Da war aber ein reicher Mann in der Stadt, mit Rainen Rakdimon den Gorion, der ging zunr mächtigen Statthalter von Jerusalem und bat ihn, er möge ihm doch zwölf Brunnen voll Waffer leihen; *) Das Iudeutu m. Eine volkstümliche Darstellung von Dr. I. Weigl. Philo-Verlag G. m. b. H., Berlin 1932. D3D

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