Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1932)
- Date
- 1932-10-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 41 Der Israelit 6. Oktober 1932 Oesterreich. Roschhaschono-Unruhen; in Wien. > Wien/ 3. Okt. , Die Pessimisten, die glaubten, daß die Nationalsozialisten ungeachtet der Versprechungen ihrer Führer und der umfassenden Vorkehrungen der Polizei die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen werden, am jüdischen Neujahrsfeste antisemitische Krawalle zu veranstalten, haben Recht behalten. Die nationalsozialistischen Demonstrationen am Sonntag, den 2. Oktober, in den Wiener Straßen trugen einen ausgesprochen antisemitischen Charakter. Aus der Mitte der demonstrierenden Menge, die aus etwa 230 000 Personen, Männer und Frauen aller Altersstufen, unter ihnen zahlreiche Stadt- und Staatsbeamte in Beamtenuniform, geschätzt wurde, ertönten unablässig wilde antisemitische Hsufe. Die nationalsozialistischen Führer aus dem Reiche wie Goering, Hauptmann Rohm, Dr. Frank II und Julius Streicher hielten anfeuernde Ansprachen von denen besonders die von Frank und Streicher sich durch eine bedenkenlose Judenhetze auszeichneten. Die nationalsozialistischen Redner behaupteten, daß die Juden es verhindert haben, daß Hitler in Macht in Deutschland ergreife. Tausende Polizisten flankierten die Straßen, durch die die Nazi-Massen zogen. Besonders wurden die Synagogen bewacht. Die jüdischen Andächtigen verließen die Synagogen und Bethäuser, in denen die Andacht schon früher beendet war, erst, als die öffentlichen Demonstrationen der Nazis zu Ende waren. Dennoch sollte es nicht ganz ohne Judonkrawalle abgehen. Von der Ringstraße, wo die Hauptumzüge stattfanden, zogen Nazitrupps in die Nebenstraßen und machten Jagd auf Juden, die gerade die Bethäuser verließen. Insbesondere hatten sie die provisorisch eingerichteten jüdischen Bethäuser im Auge. Vor einem Cafehaus in der Sperlgafse, im Judenviertel der Leopoldstadt, sammelte sich ein größerer Nazitrupp. Räume dieses Cafehauses waren für die Hohen Feiertage als Vethaus eingerichtet worden. Nun behaupteten Nazis, daß aus diesem Cafehaus auf die Demonstranten Revolverschüsse abgegeben und daß von den Etagen der benachbarten Häuser Stühle und andere Einrichtungsgegenstände auf sie geworfen wurden. Die Nazis drangen in das Cafehaus und in die Beträume ein und stürzten sich auf die Andächtigen. Da der G'ttesdienst bereits vorüber war, befanden sich nur noch etwa 15 Andächtige in den Räumen, die sich den Eindringlingen entgegenstellten und tapfer ihrer Haut wehrten. Bei dem. Handgemenge wurden fünf Juden und sechs Nationalsozialisten verletzt. Die verspätet eingetroffene Polizei verhaftete 42 Nationalsozialisten, die nach vernommenem Verhör zum größten Teil wieder entlassen wurden; bloß drei der Exzedenten wurden in Haft behalten und werden in das Landesgericht eingeliefert werden. Gegen sie wird Anklage wegen Hausfriedensbruchs, Religionsstörung und Sachbeschädigung erhoben werden. Bei der Schlägerei ging das gesamte Mobiliar des Cafes in Trümmer. Tschecho-Slonmkei. Tschechoslowakisches verwaltungsgericht gegen , ,;:r Schächtverbot. Prag, 27. Sept. Die Jüdische Gemeinde Gablonz hatte bei der Stadtgemeinde, später bei der Stadtvertretung Gablonz um die Bewilligung ritueller Schlachtungen im städtischen Schlachthaus ersucht, war jedoch abschlägig beschieden worden. Die Bezirksverwaltung vertrat jedoch ebenso wie die Landesbehörde den Standpunkt, daß eine Verweigerung ritueller Schlachtung einer Verletzung der den Juden verfassungsmäßig gewährleisteten Rechte der freien Ausübung der Religion darstelle. In dem nun entstehenden Rechtsstreit entschied das Verwaltungsgericht gegen das Schächtverbot und begründete mit Rücksicht auf einen von der Stadtgemeinde Gablonz vorgebrachten Einwand, daß auch wenn die Jüdische Gemeinde durch mehrere Jahre keine rituelle Schlachtung verlangt und bewiesen habe, daß sie ihre Kultusbedürfnisse auch anderswo befriedigen könne, eine Verletzung des Rechts der Ausübung der Religion darin zu erblicken sei, daß die Juden ihre Kultusbedürfnisse nicht am Orte selbst befriedigen können und gezwungen sind, sich anderswo hinzuwenden. Selbst wenn sie die Möglichkeit hätten, rituelle Schlachtungen anderswo vorzunehmen, bezw. Die Woche. Berlin. Zu Hindenburgs Geburtstag überbrachten direkte Glückwünsche der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde, des Preußischen Landesverbandes und der Reichsarbeitsgemeinschaft. — Die aktuelle Wochenschau einiger Lichtspieltheater zeigt eine Chorprobe zu Kol Nidre in der „Neuen Synagoge" (Oranienburgerstr.) unter Leitung von Alexander Weinbaum und I mit einem Oberkantor als Solist. Reichlich geschmacklos! — Der 11 jährige Wundergeiger Ruggiero Ricci hat vor einigen Tagen in der Berliner Philharmonie ein Konzert gegeben und ein 1000köpfiges Publikum zu Ausbrüchen der Begeisterung hingerissen. Der Reichskanzler, 8 Gerhard Hauptmann und Einstein unterhielten 8 sich am Schluß des Konzerts eingehend mit dem 8 kleinen Künstler und ließen sich mit ihm photo- 8 graphieren. Ruggiero Ricci, ein zweiter Pehudi 8 I Menuhim, ist Kind italienischer Iu - 8 d e n. Genf. An den Beratungen der I n t e r- 8 nationalen Konferenz der priva- 8 ten Organisationen für W ander- 8 sch u tz nehmen einige jüdische Delegierte teil. 8 Den Vorsitz, führt der Vertreter der Londoner 8 jüdischen Gesellschaft für Schutz von Frauen 8 und Mädchen, Herr Salomon Cohen. — 1 Der Völkerbundsrat hat bei der Neuorganisation 8 der Völkerbundskommission für internationale 8 geistige Zusammenarbeit mit Bedauern von 8 der Demission Prof. Albert Ein- 8 st e i n s als Mitglied dieser Kommission 8 Kenntnis genommen. Wien. Für die Rosch Haschanatage hatten die Nationalsozialisten große Kundgebungen in verschiedenen Stadtteilen, auch in der von Juden bewohnten Leopoldstadt angesagt. Das Polizeipräsidium erlaubte die „Spaziergänge" aber nur unter der Bedingung, wenn die Judenbezirke gemieden und für absolute Ruhe und Ordnung garantiert wird. Die Garantien wurden gegeben aber, wie an anderer Stelle gemeldet, nicht überall eingehalten. Warschau. Eine oberflächliche Statistik ergibt, daß 25 000 Warschauer jüdische Familien zu den Feiertagen öffentliche Hilfe in Anspruch nehmen mußten. — Unter der Führung des jüdischen Arztes Dr. Henryk Schpidewis begibt sich in diesen Tagen im Aufträge der „Warschauer Wissenschaftlichen Gesellschaft" eine Expedition aus Polen nach Portugal und Spanien, um unter den dortigen Marranen medizinische, demographische und anthropologische Untersuchungen zu führen. Die Expedition wird im Einvernehmen mit dem Marranenforscher Ing. Samuel Schwarz und dem Marranenführer 8 Kapitän Arthur Carlos de Harros B a sto arbeiten. — Der ITA. wird vom amerikanischen Konsulat in Warschau mitgeteilt, daß die zuerst von der polnischen Presse, dann von der Presse in der ganzen Welt gebrachte Meldung, der Synagogendiener von Fabianiz Salomon Dawidow.icz hätte von einem verstorbenen Neffen in den Vereinigten Staaten 75 Millionen Dollar geerbt, erfunden sei. kowno. Im. Alter von 69 Jahren verstarb in Kowno dek' ^- Advokat Oskar F -i n k e l st e. i n , einer :der Führer der litauischen Juden.L,Er: wurde 191-4 in die litauische Natl0MalverfämmlstNg1i gewühlt : ■; und gehörte auch dem, Zwesten, 'und dem: dritten litauischest Sejm gsistErstMar Mitglied der , '} j.'i Exekutive des Jüdischen"Nätionalrats, Vor- ■ sitzender von;Hias-Jca-EnüK>irect und führen- : - des Mitglied der Jüdischen Volkspartei. Bukarest. Da der Ueberfall auf den Abgeordneten Landau, über den wir an anderer Stelle berichteten, bisher ungefühnt blieb, erwägt der Jüdische Parlamentsklub die Einleitung einer wirksamen Protestaktion. In einem Telegramm an Landau:gibt u. a. auch Oberrabbi- 8 acr Zirelsohn namens der Lanüe^orgam- 8; fation der jüdischen Partei seiner Empörung 8 .' über den Vorfall ' Ausdruck. London. Infolge 8 : des Ausscheidens von Sir Herbert Samuel 8 und seiner Kollegen aus der von Macdonald 8 geführten Nationalen Regierung ist nur noch e i n Jude im Kabinett, und zwar Höre Be- :. lisha, der bisherige Parlamentssekretär beim Handelsministerium,.der zum Staatssekretär für' Finanzen beim Schatzamt ernannt wurde. . Jerusalem. Der jüdische Arbeiter-Sportverein „Hapoel", der soeben aus dem palästinensifch- . jüdischen Sportverband mit der Begründung . ausschied, daß der Verband vom Makkabi beherrscht wird, lud arabische Sportvereine ein, mit ihm einen allgemeinen Palästina-Sportverband zu bilden. Die Araber lehnten das Angebot ab. koscheres Fleisch einzuführen, könnte dieser Umstand nicht ihr Recht beeinflussen, eine Befriedigung ihrer diesbezüglichen Bedürfnisse an Ort und Stelle anzustreben. MaMi». Für unsere Brüder in Rußland.! Wilna, 3. Okt. Nicht ein Hilferuf aus Rußland dringt heute zu uns. Unsere Brüder in Rußland sind bald so weit, daß ihnen die Stimme zum Rufen versagt. Aber ein Hilferuf für die Juden in Rußland! Er kommt vom „ C h o - f e z C h a j i m " und von Rabbi C h a j i m O s e r Grodzenski in Wilna. Wer wird in den Tagen vor Jom Kippur einem Ruf dieser ersten Führer in Israel sein Ohr, sein Herz und seine Hand verschließen? Hiermit einige Auszüge aus diesem Appell: Hunderttausend deklassierte Juden in Rußland darben, insbesondere die Rabbinen, die Lehrer der Thora, sind jeder Existenzbasis bar und der buchstäblichen Hungersnot preisgegeben, ohne daß von irgendwo im Lande selbst Hilfe winkt. Eine große Hilfsaktion ist leider nicht möglich. Es können aber kleine Lebensmittelpakete geschickt werden. Und dieser Pflicht sollte sich k e i n e r entziehen! Wie könnten wir uns sonst an Speise und Trank an den Festtagen gütlich tun, müßten wir dabei denken, daß dort jüdische Familien nicht einmal in der Lage sind, am Festtage ihren Kindern ein Stückchen trockenes Brot zu reichen? Es ist uns in Thora und Talmud genugsam ans Herz gelegt, wie die wahre jüdische Festesfreude nur im Erfreuen bestehen kann. Wenn wir uns auch nicht verhehlen, wie schwer die ökonomische Krisis auf allen auch in den europäischen Ländern lastet, so können wir uns doch dadurch nicht von der Bruderpflicht entbinden denen gegenüber, die auch das Allernötigste für den Tag entbehren müssen und die einzig und allein auf uns angewiesen sind, da im Heimatlande selbst alle Kräfte auf ihre Vernichtung hinarbeiten. Die zwei genannten Führer wenden sich an die Rabbinen der ganzen Diaspora und an die Männer der Tat, den Versand von Lebensmittelpaketen nach Rußland im Kleinen zu organisieren. Vor Pessach sei besonders in England und in Wien Großes auf diesem Gebiete geleistet worden. Unzählige jüdische Menschen wurden vor dem Verhungern gerettet. Nun, da die Feiertage der Weihe und der Freude da sind, und ein härter Winter vor der Türe steht, muß sich jenes Liebeswerk in gesteigertem Maße wiederholen. (Indem wir diesen Appell empfehlend wiedergeben, erklären wir uns bereit, Spenden für diesen Zweck entgegenzunehmen, um sie an die Zentralstelle für Lebensmittel pakete nach Rußland in Wien weiterzuleiten. Redaktion des- „Jsraelit".) - Rutzland. l $ Rofch Hafchcma in Rioskau. / M o s k a u, 3. Okst; Die Moskauer'Synggogen waren an den beiden Rösch Haschana-Tagen außerordentlich überfüllt. Aber auch'die von .destj kölümütlistischen jüdischen Klubs veranstalteten antireligiösen Kundgebungen hatten starken Zuspruch besonders'von Seiten der Jugend. Der antireligiöse Feldzug als solcher machte keine Fortschritte. Die jiddischkommunistische Presse klagt, daß die Gottlosen-Organisationen untätig seien, während die „klerikalen Kreise" eine intensive Tätigkeit entwickeln. PalSfiiva. Eine Aguda-Abordnung beim High Commissioner. I e r u s a l e m, 29. Sept. Der High Commissioner, General Sir Arthur Wauchope, empfing am 28. September eine Abordnung der Agudas Jisroel, die an ihn die Forderung nach offizieller Anerkennung der orthodoxen jüdichen Gemeinden Palästinas stellte und ferner besondere Einwanderungszertiikate für jüdische orthodoxe Elemente, sowie Befreiung der in öffentlichen Aemtern tätigen Juden von der Arbeitspflicht an Sabbattagen verlangte. Der High Commissioner erklärte, er achte durchaus die religiösen Gefühle der Orthodoxie und werde sich bemühen, für die zur Sprache gebrachten Angelegenheiten eine Lösung zu finden.