Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1932)
- Date
- 1932-09-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit Nr. 40 Seite 7 29. September 1932 ' Schweiz. Internationale Einführung der 4O-Stundenwoche. Genf, 20. Sept. Das Internationale Arbeitsamt beruft auf den Januar 1933; eine Technische Vorkonferenz ein, die über die Möglichkeit der Schaffung einer internationalen Konvention zur obligatorischen Einführung der 40-Stunden-Arbeitswoche in der Industrie beraten soll, die geeignet wäre, die Arbeitslosigkeit in allen Ländern zu mildern. Auch die dem Völkerbund nicht angehövigen Staaten, Amerika "und Sowjetrußland, sollen geladen werden. Die Einzelheiten werden vom Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes bei seiner nächsten Tagung noch festgesetzt werden. Oesterreich. Der neue wiener Erzbischof und die Juden. Wien, 21. Sept. Wiens neuer Erzbischof, Universitätsprosessor Dr. Theodor Jnnitzer, gilt als der am judenfreundlichsten gestimmte katholische Politiker Oesterreichs. Als Universitätsrektor hat er energisch jeden Versuch zu antisemitischen Ausschreitungen unterdrückt und die Gleichberechtigung der jüdischen Studentenschaft gewahrt. Ebenso wahrte er die jüdische Gleichberechtigung als Unterrichtsminister, wenngleich manche seiner Versprechungen nach dieser Richtung infolge des Widerstandes seiner Kollegen im Ministerium Schober nicht erfüllt wurden. Professor Jnnitzers Sympathien gelten besonders dem religiös - konservativen Judentum. Er unternahm als Palästina-Altertumsforscher wiederholt Reisen in das Heilige Land. In seinen Vorträgen vor dem katholischen Volke Oesterreichs gedachte er auch lobend des jüdischen Aufbauwerks in Palästina. Es wird allgemein angenommen, daß der neue Erzbischof einen entschiedenen Kampf gegen das Nazitum in Wien, und zwar von seiner Position als deutschnational gesinnter Katholik aus, führen wird. Wegen seines ausgeprägten sozialen Sinnes und seiner umfassenden sozialen Hilfstätigkeit genießt Erzbischof Jnnitzer grotze Liebe und Verehrung bei den breiten Massen d^ Wiener Bevölkerung. Gemeindewahlen in Wien. Wien, 27. Sept. Die Wahlen in der Repräsentanz der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde sind für den 4. Dezember 1932 ausgeschrieben worden. Alle jüdisch-politischen Parteien sind bereits in den Wahlkampf eingetreten. Man rechnet mit einem harten Kampf und mit bedeutsamen Verschiebungen im Kräfteverhältnis der Gemeinde-Parteien. Union österreichischer Juden und Agudas I i s r o e l werden wahrscheinlich auch diesmal den Wahlkampf gemeinsam führen und eine gemeinsame Liste aufstellen. Die Verhandlungen zur Einigung der zionistischen Gruppen auf eine gemeinsame zionistische Liste nehmen einen günstigen Verlauf. Sehr schwierig gestalten sich die Einigungsverhandlungen der linken Front, da die werktätigen Juden (Sozialdemokraten) ein Zusammengehen mit der Vereinigten zionistisch-sozialistischen Partei (Poale Zion-Hitachduth) jetzt noch ablehnen. Redaktronswechsel bei der „Jüdischen Presse". Wien, 23. Sept. In der heutigen Nummer der „Jüdischen Presse" teilt der Schriftleiter, Rabbiner Dr. Joel P o l l a k, mit, daß er mit dem neuen Jahre aus der Leitung des Blattes ausscheiüet, die in die Hände einer Arbeitsgemeinschaft der Wiener Jugendgruppe der Agudas Jisroel übergeht. Der bisherige Schriftleiter dankt den opferbereiten Freunden, die die Sorge um die Erhaltung dieses Organs der Orthodoxie mit ihm teilten, oder das Blatt durch sachliche Kritik förderten. Er gibt der Hoffnung Ausdruck, daß es der aus jungen orthodoxen Männern bestehenden Arbeitsgemeinschaft, welche die Weiterführung des Blattes übernimmt, gelingen wird, die Zeitung nicht nur zu erhalten, sondern durch die Heranziehung neuer Freunde aus dem weiter Lager der Indifferenten das Organ auszugestalten und seine Wirksamkeit noch erfolgreicher zu machen. Polen. Die Budgets von 6OOO jüdischen Gemeinden in Polen. Warschau, 23. Sept. Das polnische hauptstatistische Amt veröffentlicht eine öon I. Bornstein ausgearbeitete Statistik über die Budgets von 6000 jüdischen Gemeinden des früheren - Kongreßpolen usid Galiziens in den Jahren 1926 bis 1929. Der Statistik ist zu entnehmen, daß in diesen Gemeinden 251.910 jüdische Kultussteuerzahler vorhanden sind. Insgesamt machen die Budgets dieser Gemeinden jährlich eine Summe von 27 Millionen Zloty aus. Bei Hinzurechnung der Budgets der Gemeinden in den polnischen Ostprovinzen würde die Gesamtbudgetziffer die Ziffer 42 Millionen Zloty erreichen. Von 1926 bis 1929 haben sich i% Budgets im Durchschnitt um 50 Proz. erhöht. Haupteinnahmequellen der Gemeinden sind die Schächtgebühren, die allein 10 Millionen Zloty jährlich erbringen, während die Kultussteuern nur 7 Millionen Zloty jährlich betragen. An Rabbinergehältern werden 4 Millionen Zloty, für Schächtinstitutionen il/2 Millionen Zloty, für Talmud Thora-Schulen 1200.000 Zloty, für rituelle Bäder 1 Million Zloty, für Palästinazwecke 32.000 Zloty, für Verwallung 3 Millionen Zlotyfür Verwaltung 3 Millionen Zloty jährlich ausgegeben.' Deutsch-jüdische Gemeinden kommen der polnisch-jüdischen Gemeinde in Rolno zu Hilfe. Warschau, 21. Sept. Die jüdische Gemeinde der polnischen Stadt K o l n o in der Nahe der deutschen Grenze bei Johannisburg in Ostpreußen wendet sich durch die ITA. mit einem Appell an allen jüdischen Gemeinden in Polen, den Opfern des großen Brandunglücks in Kolno zu Hilfe zu kommen. In dem Aufruf wird mitgetelit, daß 75 Proz. der 5000 Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung der Stadt ohne Obdach geblieben sind und von ihren Kleidern und anderen Habseligkeiten fast nichts retten konnten. In diesen Tagen besuchte Kolno der Präsident der jüdischen Gemeinde Johannisburg und übergab dem Hilfs-Komitee als erste Unterstützungsrate feiner Gemeinde einen Betrag von 150 Mark. Aus anderen jüdischen Gemeinden Ostpreußens sandte man Kleidungsstücke für die unglückliche jüdische Bevölkerung in Kolno, die aber von der polnischen Zollkammer zurückbehalten worden sind. Die jüdischen Gemeinden in den deutschen Grenzstädten haben sich mit einem Appell an alle jüdischen Gemeinden in Deutschland, der jüdischen Bevölkerung in Kolno zu helfen, gewandt. Die Ursache der großen Brandkatastrophe konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Eine Abordnung des polnischen Rabbinerverbandes beim Kultusminister. W a r f ch a u, 25. Sept. Kultusminister Jendzejewicz empfing eine Abordnung des polnischen Nabbinerverbandes, die vom Verbandspräsidenten Oberrabbiner L e w i n, dem Vizepräsidenten Rabbiner Kanal und dem Exekutivmitglied Rabbi Poroczkin aus Surk geführt war. Die Abordnung forderte vom Minister eine Verbesserung der materiellen Lage der Rabbiner in Polen und besprach mit ihm auch die Auswirkung der letzten Regierungsverordnung betreffend Sparwirtschaft in den jüdischen Gemeinden, die dazu angetan sei, die Existenz der Gemeinden zu untergraben. Die Abordnung forderte auch eine Erweiterung der Kompetenz des Rabbinerverbandes. Der Minister versprach, die Forderung des Rabbinerverbandes in positivem Sinne zu erledigen. Eine Abordnung des Rabbinerverbandes, bestehend aus Rabbi Lewin-Rzeszow, Rabbi Kanal und dem Direktor des Nabbinerverbandes, Dr. Langleben, besuchte den Kardinal Kokowsky und richtete an ihn die Frage, ob die Mitteilung der in Kutno erscheinenden Zeitung „Tigodnik" aus Wahrheit beruhe, wonach er, Kokowsky, die Verleihung des militärischen Verdienstkreuzes an Rabbi Trunk in Kutno mißbilligt und dabei erklärt habe, die Juden in der ganzen Welt seien die erbittertsten Feinde des polnischen Staates. Kardinal Kokowsky empfing die Abordnung außerordentlich freundlich und ermächtigte sie zu der Erklärung, daß er die ihm von der Kutnoer Zeitung in den Mund gelegten Worte niemals gebraucht habe. Erste Beth Iakow-Handels- und tvirtschaftsschule in Polen. Lodz, 23, Sept. Der unermüdlichen Arbeit des Lodzer Beth Jakow- Kuratoriums ist es zu verdanken, daß in Lodz die erste Beth Jakow- Handels- und W i r t s ch a f t s f ch u l e gegründet werden konnte. In der Zeit des schweren Konkurrenzkampfes weiß man den Wert der gründlichen Kaiserstrasse27 Fachausbildung mehr zu schätzen als früher. Die Kaufleute in Polen find heute gesetzlich verpflichtet, eine geordnete Buchhaltung zu führen und es fällt schwer in Polen, geeignete fachlich ausgebildete junge Mädchen für Buchhaltung und Büroarbeiten zu finden. Die neugegründete Handelsschule will diesem Mangel abhelfen. Die Mädchen werden in alle Gebiete der Handelswissenschaft eingeführt, auch in Handelsrecht und allgemeine Wissenszweige, die der Angestellten einen weiteren Horizont geben. Die Schülerinnen werden auch in der Hauswirtschaft unterrichtet, ebenso in Handarbeit und in der Hygiene. Neben den anderen Fächern wird das größte Gewicht auf den jüdischen Unterricht gelegt, besonders in Tnach, jüdischer Geschichte, Hebräisch und den Grundlagen der jüdischen Lehre. Die Schule ist so gedacht, daß Absolventinnen, die sich für den Lehrerinnenberus entscheiden, nur noch ein Ergänzungsjahr das Krakauer Lehrerinnenseminar zu besuchen haben. Rutzland. S.magogermot in Moskau. Moskau, 22. Sept. Unter den religiösen Juden Moskaus besteht große Sorge im Hinblick auf den Mangel an Synagogen für die kommenden hohen jüdischen Feiertage. In Moskau leben etwa 250 6JO Juden, für die aber nur vier Synagogen, die insgesamt etwa 3000 Andächtige aufnehmen können, vorhanden sind. Man befürchtet, daß Tausende Andachtswillige in diesem Jahre in den Synagogen keinen Platz finden werden. Bis vor wenigen Jahren konnte man noch freistehende Säle für Andachtszwecke an den hohen Feiertagen mieten, heute gibt es solche Lokale nicht mehr, so daß man daran geht, auf dem Alten und auf dem Neuen jüdischen Friedhof Moskaus, sowie in privaten Wohnhäusern Andachtsstätten einzurichten. Rumänien. Tätlichkeiten gegen jüdische Deputierte im Rumänischen Parlamente. Bukarest, 27. Sept. In der Sitzung des Parlaments vom Montag abend kam es zu unerhörten antisemitischen Skandalszenen. Als der bekannte Vorsitzende des Jüdischen Parlamentsklubs, Dr. Mayer Ebner, die Tribüne verließ, wurde er von einem Cuzisten angegriffen und zu Boden geworfen. Als dann Dr. Landau die Tribüne betrat, um gegen den Roheitsakt Protest einzulegen, wurde er überschrieen. In der Pause wurde dann Landau überfallen und zu Boden geschlagen. Journalisten kamen den angegriffenen jüdischen Deputierten zu' Hilfe. Die gleich zusammengetretene Disziplinarkommission beantragte den Ausschluß der Cuzisten Robu und Adam für zehn Sitzungstage. Ueber den Antrag wird das Plellum zu befinden haben. Der Präsident der rumänischen Kammer betont die Gleichberechtigung der Juden. Bukarest, 23. Sept. In der am 22. September abgehaltenen Sitzung der rumänischen Deputiertenkammer richtete der jüdische Abgeordnete Dr. Josef Fischer eine Kleine Anfrage an den Minister für Kultus und Unterricht, in der auf die verspätete und unvollständige Auszahlung der gesetzlichen Staatsbeihilsen für den jüdischen Kultus hingewiesen und verlangt wurde, daß der jüdische Kultus von den staatlichen Behörden nicht anders behandelt werde, als die übrigen anerkannten Religionsbekenntnisse. Der Antisemitenführer Prof. A. C. C u z a unterbrach den Redner und erklärte, für den jüdischen Kultus sollten überhaupt keine öffentlichen Gelder verwendet werden. Die Aeußerung Cuzas wurde vom Präsidenten der D e p u t i e r t e n k a m m c r, Cicio Pop, mit der Bemerkung zurückgewieseu, in diesem Falle dürften von den Juden auch keine Steuern verlangt werden. „Die Juden," fügte Kammerpräsident Pop hinzu, „sind gleichberechtigt. Jeder Bürger genießt in unserem Lande die gleichen Rechte." Die Antwort des Kultusministers auf die Anfrage des Abg. Dr. Fischer ist noch nicht erfolgt.