Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1932)
- Date
- 1932-08-11
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 33 Der Israelit immer wieder versuchte, jenes veraltete Werkzeug des Verstandes zu benutzen, um ihr Recht zu beweisen. Der Glaube entzieht sich jeder Kritik. Glauben heißt ein Absolutes fühlen und wer glaubt, der weiß. Der Gottlose fragt: Warum ist G'tt? Ich antworte ihm: Warum sollte G'tt nicht sein? — Der Rationalismus ist auch Glaubenssache. „Wissenschaft-Zweifel, Religion- Wissen, Kunst-Illusionen haben." Die Kunst ist ein Spiel für den überzeugten Religiösen, eine befreiende Hypnose für den Skeptiker. Die obigen Gedankengänge durchziehen auch, mehr oder weniger abgewandelt, den zweiten Teil des Buches: „Aufbau eines neuen Geistes in Lebenskunst." Darum versucht der Autor, dem heutigen Menschen, der seine Religion verloren hat, der vielfach ein gläubiger Skeptiker ist — er weiß, daß er nichts wissen kann, und glaubt daher, was er fühlt — immer wieder auf eine hohe Kunst als Zuflucht aufmerksam zu machen. „Der Glaube an die Wissenschaft hat Bankerott gemacht. Die Gewißheit wohnt in unseren Sinnen und unserem Herzen. An sie wenden sich die Künste der Empfindung. Sie wirken auf unser Bewußtsein, Unterbewußtsein, Gemütsleben und Verstand. Durch die Kunst tritt die Illusion an die Stelle der Wirklichkeit, sie lenkt ab." D. I. Goldschmidt. «Die hebräischen Druckereien in Sulzbach". Verbesserungen und. Ergänzungen II. Von Bezirksrabbiner Dr. M. Weinberg in Regensburg. Selbstverlag. Preis Mk. 2.20. Die zahlreichen Besitzer dieses geschätzten und bereits selten gewordenen Werkes des Verf. werden diese zweite Ergänzung lebhaft begrüßen. Unter Mithilfe mehrerer gelehrter Bibliophilen sind die „Sulzbacher Druckereien" nun so ziemlich lückenlos bearbeitet und alle Drucke registriert. Ein Stadtbild von Sulzbach nach einem Original-Druckstock der hebräischen Druckerei aus dem 18. Jahrhundert sowie eine Photographie einer offiziellen handschriftlichen Einzeichnung im allerersten Sulzbacher Druckwerk heben den Wert des Merkchens, ebenso wie ein Gesamtregister aller Sulzbacher Druckerscheinungen am Schluß des Buches. Junge Frau von 1914. Roman von Arnold Zweig. Berlin 1931. Gustav Kiepenheuer Verlag. Die vielen Zehntuusende, die aus Arnold Zweigs meisterlichem Kriegsroman, der „Geschichte des Sergeanten Grischa" das vielfarbige Bild der in dem Rahmen der deutschen Okkupationsarmee in Rußland sich abspielenden psychologischen Entwicklungen auf sich wirken ließen, werden mit Spannung zu diesem Anfangsromau greifen, der nachträglich den Beginn einer Grischa-Trilogie oder -Tetralogie darstellen soll. Im Mittelpunkt steht ein guter Bekannter aus dem Grischa-Buche, der jüdische Student B e r t i n, dessen relativ recht einfache? Liebesverhältnis zu der Tochter einer reichen Bankierfamil.e aus Berlin W. von den Tagen des Kriegsbeginns bis etwa ein Jahr später verfolgt wird. Es endet mit einer Kriegstrauung nach mancherlei peinlichen Erlebnissen. Die Stärke des Buches ist wiederum, wie beim Grischa, eine geradezu fabelhafte Gestaltungskraft in der Darstellung der besonderen L-timmungen und Psychosen, die der Kriegstaumel bei den Massen, bei den Militärs, und insbesondere in den jüdischen Kreisen Deutschlands hervorgerufen hat. Die Erlebnisse des Herrn Hugo Wahl, der sich zuerst im Glanze Ludendorffs sonnt, hochgeehrt von der ihm nach Oberost gewordenen Einladung und der schließlich enttäuscht und erschüttert von dem gewissenlosen Spiel mit armen, verlorenen Menschenleben sich abwendet, ist ein Meisterstück der Darstellung. Ob es nötig war, die Realistik und die Rücksicht auf die Aktualität des Kampfes um den. § 218 soweit zu treiben, wie es in einzelnen Partien des Buches geschieht, sei dahingestellt. Unseres Erachtens hätte durch ein Weniger auf diesem Gebiete der ästhetische Gesamteindruck des Buches nur gewinnen können. Es läuten die Glocken. Phgntasien über den Sinn des Lebens. Von Carl Ludwig Schleich. Berlin-Friedenau. 1931. Concordia. Deutsche V e r l a g s a n st a lt. Lwdbd. Mk. 3.75. Diese neue unverkürzte Ausgabe des in über 100 000 Exemplaren verbreiteten Schleich'schen Buches zeichnet sich zunächst einmal durch einen spottbilligen Preis aus, der die Anschaffung jedermann ermöglicht. Schleich ist ein Unikum insofern gewesen, als er die Qualitäten des ernsten, kritischen Naturwissenschaftlers und Mediziners mit einer geradezu übersprudelnden dichterischen Phantasie zu vereinigen verstand. Diese Phantasie hat das Buch von den überall im Weltall läutenden und singenden Glocken geboren. Aber das Buch ist dennoch durchaus ernst zu nehmen, denn es träumt nicht, sondern vergeistigt nur und nimmt zum Teil kommende Erkenntnisse voraus. Fest steht Schleich zum Unsterblichkeitsgedanken, sowie er auch der Auferstehung bekanntlich eine Lanze gebrochen hat. Moses im Lichte der Agada. Von Dr. phil. Aaron Rosmarin, 515 W.-124th. Newyork 1932. The Goldblatt Publishing Co. New York. Diese ungeheuer fleißige Arbeit, über deren Absicht das kurze Vorwort genügend orientiert, bringt sämtliche agadische Stellen, die das Leben Moses betreffen. Der Verfasser hat diese Angaben einfach in ein Leben des Moses hineingeflochten, das er normalerweise — Vorgeschichte, Abstammung, in Aegypten, in Aethiopien, in Midian, Zug nach Aegypten, Auszug, Wüste, Tod — teilt und fesselnd erzählt, die Anmerkungen bringen die Quellen und etliche Aufklärungen. Benutzt sind — zählt man die Talmudtrakiate einzeln — über 100 Schriften. So werden Leistungen, Charakteranlagen und Schicksale Moses gemäß der^ Auffassung der Agada hier deutlich. Man muß dieses schaffen anerkennen und kann sich nicht wundern, daß die Differenzen der Quellen so wenig Beachtung gefunden haben; nur gelegentlich sagen die Anmerkungen etwas. Daher ist bei Josephus und seinen Mitteilungen der Hinweis oder die Stellungnahme zu S. Rappaport (Agada und Exegese bei Fl. Josephus, z. B. zu 67,240 dort Anm. 138 ff.) unterblieben. Die „Monatsschrift" wird bisweilen nach der alten, bisweilen nach der neuen Folge zitiert. Wenn es erlaubt ist, sich so auszudrücken, kann man sagen, daß wir hier eine abgerundete Biographie des Moses vor uns haben, die Jeder mit Freude und Dank gegen den Verfasser lesen wird. ' P. Dom Biblisch-Hebräischen bis zum Reuhebräischen. Von Dr. Samuel Grünberg. Schriftenreihe des Bundes Jüdischer Akademiker Nr. 6. Berlin NW. 87, 19 32. Auf 18 Seiten wird in dieser aus dem Vortrag hervorgegangenen Broschüre, die den bekannten Dozenten des Berliner Rabbinerseminars zum Verfasser hat, eine Geschichte der hebräischen Sprache von den Anfängen bis auf unsere Tage gegeben. Die Einleitung dient allgemeinen, psychologiscben Erörterungen über Sprache überhaupt, während der Hauptinhalt die Zeit der biblischen Schriften, des Talmuds, der spanisch-arabischen Literatur, der rabbinisch-chassidischen Literatur, der Aufklärungsliteratur und der noch andauernden Renaissance behandelt. An genügenden Beispielen wird jede Zeit charakterisiert und das unaufhörliche Leben und Wachsen der hebräischen Sprache erwiesen. Aber einen neuen Aufschwuno, eine neue Entwicklung und Bereicherung erfuhr die hebräische Sprache erst in der Gegenwart, in der sie wirklich als Sprache des Volksmundes wieder auslebte. Ihr dient nicht nur Presse und Literatur, sondern das wirkliche Leben, das stetig Neues schafft und in den Umgang führt. — An der kurzen, klaren Darstellung wird jeder Leser seine Freude haben, er wird mit Nutzen und Dank die Geschichte unserer heiligen Sprache hier lesen. P. Probleme der Gesellschaft und des Staates bei Moses Heß. Von Irma Goitein. Beihefte zum Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Herausgegeben von Carl Grün b e r g. Heft 5. C. L. Hirschfeld, Leipzig. Preis Mk. 8.80. Moses Heß, der in jüdischen Kreisen durch sein „Rom und Jerusalem" bekannte Vorläufer, um nicht zu sagen Antizipator des modernen Zionismus ist in den letzten Jahren mehrfach Gegenstand eingehender Untersuchungen geworden. Er wird nicht mit Unrecht nicht nur der Vorkämpfer des Zionismus, sondern auch des Sozialismus genannt.. Irma Goitein will nun seine Beziehungen zu seinem Zeitgenossen Karl Marx, dem Schöpfer und theoretischen Begründer des modernen Sozialismus an seiner Stellung zu den zyiei enge miteinander zusammenhängenden Problemen Staat und Gesellschaft erforschen; sie kommt dabei zu dem Ergebnis, daß Heß zu bestimmten Zeiten Marx sehr nahe war, zu anderen sich sehr weit von ihm entfernte. Heß hat seine Theoreme wiederholt umgebildet, er war eben außerordentlich empfindsam und eindrucksfähig und so ist es auch erklärlich, daß Heß, der von Hegel ausgehend, sich über Strauß, Feuerbach so sehr den Marx'schen Lehren genähert hatte, daß er in jugendlichem Enthusiasmus Marx als den Mann bezeichnet, der der mittelalterlichen Religion und Politik den letzten Stoß versetzen werde und an einen Freund schreibt: „Denke Dir Rousseau, Voltaire, Feuerbach. Lessing, Heine, Hegel in einer Person vereinigt, ich sage vereinigt, nicht zusammengeworfen — so hast Du Dr. Marx." Später trennt er sich von Marx und kehrt zurück zu seiner geschichtlich-spekulativen Auffassung. Er wird Vorkämpfer Lassalles und des Zionismus, wie denn sein Judentum stets immanent war, wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte, daß er auf die sozialen Verhältnisse oft nur aus der Sonderstellung des Juden heraus reagierte. — Klar zum Bewußtsein kam ihm sein Judentum erst später und es ist keine Phrase, wenn er 1862 im ersten Briefe in „Rom und Jerusalem" schreibt: „Da stehe ich wieder nach einer 20jährigen Entfremdung in der Mitte meines Volkes." Die Verfasserin hat für ihre aufschlußreiche Studie sehr viel wertvolles handschriftliches Material verwendet und einen Teil davon, sowie seltene Druckschriften im Anhänge veröffentlicht. S. H. Lieben. Die Bildung von Absiraklbegriffen in der hebräischen Sprachgeschichte. Forschungsinstitut für Orientalistik in Leipzig. Assyriologische Abteilung. Von Lazar Gulkowitsch. Leipzig 1931. Ed. Pfeiffer. Preis Mk. 20.—. Eine grammatische Arbeit schwersten Kalibers, unternommen zu dem Zwecke, den Zusammenhang der geistigen Geschehnisse in der jahrtausendealten Geschichte des Judentums zu erfassen von der ältesten Zeit bis auf die heutige. Geschichte des Judentums deckt sich zeitlich mit der Geschichte der hebräischen Sprache; Aenderungen, Neubildungen in der Sprache sind hervorgerufen durch Vorgänge innerhalb des Judentums, allerdings durch geistige. Die Geschichte der sprachlichen Abstraktbildun- 11.. August, 1932 gen entspricht wohl der Geschichte der Bildung formaler: Begriffskategorien und erscheint darum dem Verfasser für seine Zwecke am geeignetsten. Sehr lehrreich sind die Zusammenstellungen der Abstrakta nach dem Zeitpunkte ihres ersten Vorkommens, wobei wir allerdings di.e bibelkritische Einstellung bei der Datierung der einzelnen biblischen Bücher entschieden ablehnen müssen. S. H. Lieben. Die Trauergebräuche bei den Israeliten. Äon Dr. Paul Heinisch. Biblische Zeitfragen, begründet von Nikel und Rohr, fortgeführt von Paul Heinisch und Friedr. Wilh. Maier. 13., Folge, Heft 7/8. Münster 1931. A s ch e n d o r f f' s ch e Buchhandlung. Ladenpreis Mk. 1.75 br. Die geschichtliche Einleitung, die der Verfasser liefert, belehrt 1. über die Vorarbeiten, die er zu Rate gezogen hat (d. h. meist evangelische und katholische Darstellungen) und 2. über seine eigene Forschungsmethode, die aus der vergleichenden Religionsforschung stammt und die Rücksichtnahme auf Dämonen und andere abergläubische Vorstellungen zur Beurteilung der gegenwärtigen Bräuche benutzt. So reichlich und anschaulich die Trauerriten gebracht und auch durch biblische Stellen belegt werden, so sehr sich auch der Verfasser bemüht, aus dem geringen vorbandenen Material noch eine Entwicklung herauszuarbeiten, im letzten Gedanken werden wir ihm nie folgen können, weil wir die Nachwirkung mythologischer Vorstellungen, für die kaum eine offene Spur vorhanden ist, ableugnen müssen. Man muß dabei allerdings betonen, daß der Verfasser in der Hauptsache vorsichtig zu Werke geht und nicht etwa jeden primitiven Brauch zur Erklärung von Israels Trauerriten heranzieht. Ein Beispiel: das Ablegen der gewöhnlichen und das Anlegen det Trauerkleider bezweckt „die bösen Geister täuschen zu wollen", ist aber nicht — wie anderswo — „gegen den Geist des Verstorbenen gerichtet" (oder das Totenmahl als unter Einfluß des Totenopfers stehend). Den tieferen Sinn der israelitischen Trauergebräuche hat der Verfasser dennoch erfaßt und so schreibt er mit Recht: „sie ehrten die Toten, aber die Eigenart ihrer Religion -bewahrte sie davor, die Toten zu verehren." Um dieser gerechten Schlußbetrachtungen willen darf man der fleißigen Arbeit die Anerkennung nicht versagen. Das früheste Vorkommen der Juden in Deutschland. In- - den im römischen Trier. Von A d o l f A l t m a n n. Herausg. von der Gesellschaft für nützliche Forschungen und dem Provinzialmuseum in Trier, 19 3 2. Kommissionsverlag der Paulinus- Druckerei G. m. b. H., Trier. Aus einem Vortrag, der zuerst in Trier und dann noch öfters gehalten wurde, ist diese wertvolle Schrift entstanden, die mit ihrem schönen Druck und den beigegebenen 9 Abbildungen das Interesse der Forscher und der Allgemeinheit für sich in Anspruch nehmen darf. Wir hören hier, daß die Ansiedlung von Juden in Trier älter ist als die in Köln, was letztlich durch eine 1901 bereits gefundene, aber nicht beachtete Tonlampe römischer Art bestätigt wird, deren oberer Teil das reliefartig eingebrannte Bild des siebenarmigen Leuchters zeigt, das ist — wie Altmann archäologisch nachweist — ein jüdisches Zeichen und könnte sogar von einer jüdischen Gräüerstätte herrühren. Daraus werden noch weitere Folgerungen über den Lebenserwerb der Juden und ihre gesetzliche Stellung gezogen. In dem Kampf für die Gleichberechtigung, den heute die deutschen Juden wieder führen müssen, wird auf diese Arbeit nicht ohne Nutzen verwiesen werden. Hier sieht man, was Gabriel Riester vor einhundert Jahren schon oft betont hat, wir sind nicht in Deutschland eingewandert, sondern eingeboren, wir haben diesen Boden bewohnt, als er noch gar nicht in deutschen Händen war. Warmer Dank dem Verfasser und dem Verlage, der die gut ausgestattete Schrift billig heraus gebracht hat. Ansprachen an die Schuljugend beim sabballichen G'ttesdiensie. Gehalten in den Hauptsynagogen in Wien von L. W i e s n e r, Selb ft verlag Wien II, Rernbrandtstraße 22. Der Verfasser schickt den Texten eine allgemeine Einleitung voraus, in der er über den Wert solcher Ansprachen spricht. Er übersieht, daß die Altersunterschiede beim Jugendg'ttesdienst sich, noch weit fühlbarer auswirken als bei einem allgemeinen G'ttesdienste. Er ist, recht eigenartiger Weise, gegen die Verwendung eines Gleichnisses, einer Erzählung, gibt aber wertvolle Winke für den Anfang solcher Ansprachen. Diese lesen sich gut und können vorteilhaft dem Zwecke dienen, für den sie bestimmt sind. — Warum man solche Ansprachen drucken läßt, das will mir nicht in den Kopf. Wer ist eigentlich als Leser gedacht? Die Schulkinder doch gewiß nicht! Ein erwachsenes Laienpublikum auch nicht! Bleiben übrig die Rabbiner oder Lehrer, die zu solchen „Exhorten" . herangezogen werden müssen. Ja, wenn diese erst solche Hilfsbücher und Proben benötigen, dann sollten sie die Kanzel nicht erst besteigen. Ich würde es eher vorschlagen, daß der Verfasser die Grundsätze, die sein Vorwort behandelt, mehr ausführt und sie der Öffentlichkeit der Interessenten zur Diskussion oorlegt. Darüber lohnt es sich wohl, Klarheit zu erreichen, nach welchen Grundsätzen diese Ansprachen angelegt werden sollen. Die Mühe und der Fleiß des Verfassers sollen dadurch nicht angegriffen werden. Rabbiner Dr. A. Posner, Kiel.