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Der Israelit · 1932-08-11 · Heft 33 (11.8.1932) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 33 (11.8.1932)
Date
1932-08-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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11. August 1932 2er Israelit Nr. 33 Seite 7 schau und in Lodz bekanntlich orthodoxe Mehrheitsfraktionen den Ton in der Gemeindestube an; in Lemberg wiederum und in Krakau ist die Orthodoxie einer der Grundpfeiler, auf denen die regierende unparteiische „Intelligenz". oder die gleich unparteiischen Wirtschaftsgruppen ihre Majorität aufbauten. Die Zionisten sind überall in Opposition. Die Wahlen in die Repräsentationsorgane aller jüdischen Gemeinden sind auf demokratischer Basis durchgeführt worden. In Warschau führten bei den Wahlen die Zionisten an. Sie bedienten sich mit Vorliebe der Wahllosung, als hätte die „Agudas Jisroel" die Regievungssphären beeinflußt, in die Wahlvorschriften einen Paragraph einzuschalten, demzufolge jene Personen, „die öffentlich gegen die jüdische Religion auftreten", aus den Wählerlisten gestrichen werden könnten. Da nun das jüdische Leben von derartigen antireligiösen Demonstrationen leider genug Beispiele aufweist und diese Klausel extensiv interpretiert werden könnte, wurde darüber großer Lärm geschlagen und die orthodoxen Parlamentarier wurden beschuldigt, sie hätten den Anstoß zum Ausschlüsse aller sündigen Juden aus der Gemeinschaft gegeben. Selbstverständlich entsprach dies nicht den Tatsachen, denn die als „§ 20" bekannte Bestimmung ging spontan aus der im Kultusministerium vorherrschenden Meinung hervor, daß die jüdischen Gemeinden ausschließlich religiöse Institutionen und daher von allen a n t i religiösen Einflüssen reinzuhalten seien. Aber ein starkes Wahlargument hatten die Zionisten doch, wiewohl in sämtlichen Gemeinden, in denen die Orthodoxie am Ruder stand, ostentativ vom § 20 der Wahlvorschristen kein Gebrauch gemacht wurde. Nichtsdestoweniger bekamen die wichtigsten Gemeinden ein ausgesprochen orthodoxes Gepräge. Wie sieht nun die radikal-zionistische Opposition in diesen Gemeinden aus? Kein Mittel ist zu gemein, daß es nicht benützt werden sollte, um den orthodoxen Mehrheiten störend in den Weg zu treten. In sämtlichen Parlamenten der Welt ist bereits eine Gewaltoüstruktion der Minderheit in der Geschäftsordnung unmöglich gemacht worden; in den jüdischen Kultusgemeinden in Polen ist sie aber noch alltägliches Brot. Die Warschauer Gemeindestube insbesondere ist heutzutage der einzige Kriegsschauplatz der Welt, wo mit Sesseln, Fauteuils, Tintenfässern, Wassergläsern und anderer derartiger Munition systematisch gekämpft wird. Bandagierte Köpfe von Verwundeten erinnern oft auch während der kurzen Ruhepausen, daß der Kriegszustand andauert. Redner der Mehrheitsfraktion, die ihrer Ueberzeugung Ausdruck zu geben sich vermessen, werden bei Mangel eines anderen Entrüstungsbeweises einfach angefpieen oder im Sturm von der Rednertribüne herabgeschleudert. In einer großen Provinzstadt passierte es schon, daß ein Gemeinderat von seinem Kollegen beim Kragen ergriffen und aus dem Sitzungssaal zur Tür hinausgeworsen wurde. Es ist eben jetzt die Periode von Box- und Ringkämpfen in der Kultusstube, wobei die Vorsitzenden ganz machtlos sind, da sie die Hilfe der Polizei nicht anrufen können, um ja nicht als „Delatoren" verschrieen zu werden! Aus der letztens stattgefundenen Generalversammlung der Warschauer Zionisten mahnte der Führer der zionist-i scheu Fraktion in der dortigen .Kultusgemeinde, Dr. Schipper, zur Einsicht und Besinnung. Man könnte dabei wahrlich von diesem treuen Gefährten I. Grünbauins nicht behaupten, er gehöre zu den mäßigsten Politikern. Aber es schaudert schon jedermann, wenn man das wilde Treiben in den jüdischen Gemeinden beobachtet und grade das national-jüdische Gewissen gebietet, da Einhalt zu tun, um nicht erröten zu müssen, wenn man an die einzigen Ueberbleibsel der jüdischen Autonomie denkt. Dennoch wurde Dr. Schipper majorisiert. Seine kriegerisch gestimmten Genossen ließen ihn nur schwer zum Worte kommen und wollten ihn damit von seinen ketzerischen Friedensabsichten abbringen, indem sie den Zusammen- Wochenkalender. vom 13. - 20. Aug. 1932 om 11. - 18. Ab 5692 > ,n1, t11- Samstag 13 11 wna tue? pnnrri Sonntag Montag Aug. 14 15 3K 12 13 Dienstag Mittwoch 16 17 1 14 15 “itpy npari Donnerstag 18 16 -- Freitag 19 17 Samstag 20 18 33 3PS oruch der orthodoxen Gemeindemehrheit prophezeiten und die süße Erbschaft, die der zionistischen Opposition Zufällen werde, in Aussicht stellten. Die Kampsrichtung siegte auch vollends. Dr. Schipper gelobte feierlich, Opposition nach wie vor mit all den sauberen Mitteln führen zu wollen. Ja, die Herren, die auf die Erbschaft warten, vergessen sehr leicht, daß alte Erbtanten, die man gerne als Krankenschwestern in einem epidemischen Hospital oder in einer anderen ähnlichen aussichtsreichen Stellung sehen möchte, gewöhnlich sehr lange leben. Und merkwürdig, wie man noch immer in Polen aus dem historischen Irrtum nicht herauskommen kann, als wäre das orthodoxe Judentum eine alte Erbtante. Es sind ja geradezu Tantalusqualen, die diese „Erben" schon Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang, ausstehen müssen und voraussichtlich noch länger ausstehen werden. Aber indem sie alle Schritte zur Uebernahme des feinschmeckenden Vermächtnisses unternehmen, wird unterdessen die jüdische Selbstverwaltung in Polen durch sie vollends zu Grabe getragen. England. Tagung des zionistischen Aktionskomitees. London, 4. August. Der weitere Verlaus der Sitzung brachte Debatten über organisatorische Fragen, insbesondere über die Beziehungen zu den R e v i s i o n i st e n und über die Zusammensetzung der I e w i s h Agency. Im Verlauf der Debatte wurde auch auf die Gefahr hingewiesen, die darin besteht, daß die Jugend enttäuscht über die Nichtverwirklichung ihrer Ideale durch die zionistische Bewegung, der kommunistischen Propaganda anheimfallc. Dr. Arthur H a n t k e berichtete über die Keren Hajessod-Arbeit. Die tatsächlichen Eingänge des Keren Hajesiod bis zum Jahresende würden Lst. 210.000 betragen. Der Referent hofft, daß der Rückgang der Eingänge aus Amerika bereits, den Tiefpunkt erreicht haben werde. Er beklagte die Konkurrenz, die dem Keren Hajessod durch die kleinen Sammlungen für Palästina entständen. Das Kolonisationsreferat erstattete Dr. H e x t e r. In der Konsolidierung der Kolonien konnte kein wesentlicher Fortschritt erzielt werden. Das Komitee, das in Palästina zur Förderung der Mittelstandskolonisation gegründet worden war, rnußte aufgelöst werben, weil es sich mit der Exekutive nicht einigen konnte. Wünschenswert sei eine Zentralstelle für die 'Vergebung von landwirtschaftlichen Krediten. Personalien. Rabbiner E. Samunov Riga. 31. Juli. Am 23. Siwan verschied hier nach langem, schweren Leiden der Rabbiner zu Windau, Rabbi Ephraim S a - m u n o v Mit seinem Hinscheiden ist der älteste Rabbiner Lettlands und eine der bedeutendsten Thora-Autoritäten unserer Zeit von uns gegangen. Er wurde in Pilten (Kurland) im Jahre 5620 (1860) geboren. Sein Großvater war der berühmte Gaon Rabbi Mordchai Urjo Samunov b")n, der seinerzeit die Rabbinerposten in Mitau, Zabeln und Windau bekleidete. Mir 14 Jahren geht der Verschiedene nach Woloschin, wo er in der weltberühmten Jeschiwo zum „Jlui" gekrönt wurde und der Gaon Rabbi Naphtali Zwi Jehudo Berlin (Neziw) hat ihm besondere Aufmerksamkeit erwiesen, denn er erweckte Wunder mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten und seltener Hasinodo. Im Jahre 1883 wurde Rabbi Samunov ^xt, der Schwiegersohn des Moskauer Rabbiners, Rabbi Chaim Berlin (Sohn des Neziws) W». Das erste Rabbiner-Amt übernahm der Heimgegangene im Jahre 1890 in Jakobstadt (Kurland), um nach sechsjähriger fruchtbarer Tätigkeit van der jüdischen Gemeinde Windau zu ihrem geistigen Führer gewählt zu werden, und da amtierte er 35 Jahre. Rabbiner E. Samunov y'xr, war äußerst beliebt bei allen Schichten seiner Gemeinde. Er nahm stets regen Anteil an allen Gemeinde- und allgemeingesellschaftlichen Angelegenheiten. Besonders schwer hatte es der Verblichene in Zaren-Zeiten, als Kurland vom Ansiedlungs- Rayon für Juden ausgeschlossen war. Es war oft seine Aufgabe, sich mit „Pidjaun Schwujim" zu befassen, um verhaftete Glaubensgenossen wegen Ueberschreiten der kurländischen Grenze aus dem Gefängnis zu befreien. Die Machthaber erwiesen Rabbiner Samunov stets große Achtung, sie bewunderten seine selbstlose Tätigkeit. Während der Revolution im Jahre 1905 war die Klal-Arbeit mit Lebensgefahr verbunden. Dieser Zustand hinderte jedoch den Dahingegangenen nicht, seinen Pflichten nachzukommen. Als die berühmte Inden-Ausweisung aus Kurland im Jahre 1915 erfolgte, stand Rabbiner Samunov b~xu an der Spitze der Hilfeleistung, er verließ seine Stadt als Letzter, nachdem erst die ganze Gemeinde in Ordnung evakuiert war. Am Bahnhöf, wo die herzlosen Zarenbeamten die Ausweisung überwachten, war seine Arbeit, einem jeden Trostworte zu sagen und die Hoffnung zum Allmächtigen zu pflegen. Im Jahre 1916 leitete Rabbi Samunov eine große Aktion in Rußland zu Gunsten des jüdischen Chinuch. Er beteiligte sich an mehreren rabbinischen und politischen Konferenzen. Rabbiner Samunov war Präsidium- Mitglied des Rabbiner-Verbandes in Lettland. Als Delegierter der lettländifchen „Agudo" zur 2. Kenessio Gedaulo in Wien hat er regen Anteil an der mühevollen Arbeit genommen. Rabbiner Samunov V"xt, war berühmt in der rabbinischen Welt als ausergewöhnlicher „Charis" und „Boki", er wurde in verschiedenen halachischen und allgemein-jüdischen Angelegenheiten als Autorität angefragt. Er war etanur als bedeutender „Darschon" und besaß auch weltliche Bildung. Rabbiner Samunov Whinterließ eine riesige Bibliothek, unter welcher sich viele Raritäten befinden. Er hinterließ auch sehr viele Manuskripte auf Talmud Bawli, Jeruschalmi, Poskim und Agada. Vor kurzem erschien im Druck ein kleiner Teil seiner Schriften, die Broschüre „Hakohen Hagodaul wehasgan", welche große Anerkennung bei der Lomdimwelt hervorrief. Die Gemeinde Windau wandte sich an die Familie telegraphisch, den Verschienenen in Windau zu bestatten, auf Wunsch des in Riga lebenden Sohnes aber fand die Lewajo am 24. Siwan hier statt. An ihr beteiligte sich ein riesiges Publikum. Das Rabbinat mit Oberrabbiner Sack an der Spitze, Rabbiner der benachbarten Ortschaften, die Agudas Jisroel mit deren Vorsitzenden, Herrn B. Wolschonok an der Spitze, die Rigaer Jeschiwo, ein Vertreter des Lubawitscher Rebbe, die Gaonim der jüdischen Gemeinde Windaus und der Chewro Kadischo, Lomdim aller hiesigen Synagogen und eine große Anzahl Verehrer und Bekannter. Auf ausdrücklichen Wunsch des Heimgegangenen und zum großen Bedauern aller Anwesenden wurden keine Hespedim gehalten. Der Rabbi hatte auch untersagt, auf seinen Grabstein irgendwelche Titel oder Prädikate zu schreiben. In seiner letzten Amtsstadt, Windau, wurden während der Lewajo sämtliche jüdischen Geschäfte geschlossen und in der großen Synagoge wurde eine Haskoro abgehalten. Die jüdische Presse hat dem Verschiedenen warme Nachrufe gewidmet. Der Verschiedene hinterläßt drei Söhne und eine Tochter, die den Traditionen unserer Väter treu geblieben sind. v"n- Vermischtes. Kiel, 8. Aug. Am vergangenen Mittwoch wurde, wie den Lesern bekannt, an der Synagoge zu Kiel nachts ein Sprengstoff-Anschlag verübt. Dazu werden uns noch folgende Einzelheiten mitgeteilt: Der Sprengstoff war in einen Luftschacht gelegt und mit einer Zündschnur versehen. Es war aber glücklicherweise unsachgemäß angelegt, so daß größeres Unglück verhütet wurde. Lediglich ein etwa 1 qm großes Loch in der sehr starken Mauer wurde gerissen; im Treppenhaus der Synagoge wurde eine Wandplatte und ein Heizkörper beschädigt. Außerdem wurden eine Anzahl Butzenscheiben und durch umherfliegende Steine iin gegenüberliegenden Elektrizitätswerkgebäude mehrere Fensterscheiben eingeschlagen. Der an der Synagoge wohnende Kastellan kam mit dem Schrecken davon. Die Täter sind unerkannt entkommen. Die polizeilichen Ermittlungen sind noch immer im Gange. In der Nacht zum Sonnabend den 6. August sind, wie die Polizei festgestellt hat, dieselben Täter mit derselben Art gegen das „jüdische" Kaufhaus der Fa. Karstadt vorgegangen. Es wurden jedoch einige, auch große Fensterscheiben zertrümmert. Der zweite Anschlag ist anscheinend auf die Hetze der hier erscheinenden nationalsozialistischen Wochenzeitung, die jeden Freitag erscheint, der „Volkskampf" zurückzuführen. Die hiesigen rechtsstehenden Zeitungen geben zwar sehr objektive Berichte, ohne aber auf die verwerflichen Untaten redaktionell einzugehen und Stellung zu nehmen. Die sozialdemokratische „Volks-Ztg." dagegen glaubt, daß der Anschlag auf die Synagoge ein Verlegenheitsakt eines von jungen Nationalsozialisten auf das Gebäude der „Volks-Ztg." geplanten lind verhinderijen Atteiltats gewesen sei. Jede Zeitung hatte ein Bild von dem Synagogen-Anschlag (seine Wirkung) gebracht. Die Kriminalpolizei hat bisher vier Personen, die mit den Anschlägen in Verbindung stehen sollen, verhaftet. (Weitere Personalien und Vermischtes siehe Seite 11.) Die Woche. Autobusreise mit ritueller Verpflegung. Der Frankfurter Reiseautobetrieb Kolb verailstaltet am 28. August eine 10—12 tägige Omnibusfahrt Venebig — Dolomiten. Berührt werden u. a. Friedrichs- Hasen a. B., Arlbergpatz, Meran, Bozen, Gardasee, Verona, Padua und auf der Rückfahrt Cortina d'Ampozzo,

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