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Der Israelit · 1932-07-14 · Heft 29 (14.7.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 29 (14.7.1932)
Date
1932-07-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 29 Der Israelit 14. Juli 1932 MMWMMWWW »IAcN VR. 5 E N FT N',E-'R‘ Bekommtausgezeichnet - Schmeckt vorzüglich Bewirkt günstiges Absinken des Zucker-Gehaltes! Machen Sie nach heute einen Versuch. Laib nur 50 Pfennig. DINGES-B.ROTFABRIK G M B H Landtagsfraktion beispielsweise erst vor kurzem auch einen Antrag gestellt und „angenommen", den Berliner Polizeipräsidenten mitsamt seinem ganzen Beamtenstabe, die bei den Studentenausschreitungen eingriffen und Ordnung schafften, zu verhaften und dem Richter z u z u f ü h r e n? Hat diese Mitteilung bei einem der Leser am Kaffeetisch mehr'als eiu Lächeln verursacht? Sie hatten in jener Rächt für ihre absurden phantastischen und mittelalterlichen Anträge eine Zufallsmehrheit, — weil es späte Rächt war und das Niveau der Reden die anderen Parteien aus dem Saale trieb. Cs würde u. C. genügen, im Lande und im Auslande an jenen Anträgen und Beschlüssen den Ungeist, der die nationalsozialistische Ideologie beseelt und die tönernen Füße, auf denen der Kolos; des Hitlerzulaufs ruht, zu erkennen. Was darüber hinaus gesagt und wie da an der großen internationalen Glocke gezogen wird, ist von Hebel; führt nur zu einer unbegründeten Beunruhigung der Menschen und zur Verwirrung der Geister, auch zu einer grundfalschen Vorstellung über Deutschland und die jüdische Lage in diesem Lande. Unter diesem Gesichtspunkte muß auch ein Interview der amtlichen polnischen Telegraphen-Agentur mit Rach um Sokolow , das die p. T. A. veröffentlicht und die ITA. weiterverbreitet, gewertet werden. Die starken Worte des Herrn Sokolow sind übertrieben und das Ganze höchst überflüssig. Cs hat sich in Deutschland und in Preußen nichts ereignet, was von dieser Seite nicht von vornherein erwartet werden konnte, und es wird sich nach der Richtung des Ostjudenrechtes nichts ereignen, was man eben in einem Kulturstaate nicht erwarten darf. Line internationale Angelegenheit daraus zu machen, hieße die Arbeit der Abweh r v e r e i n e , die mit wachendem Auge kampferprobt auf den Barrieren zur Verteidigung unserer Ehre und unseres Rechtes stehen, nur erschweren. Festedie sie sich selber geben. wir berichteten letzthin von einein B i k k u r i m - feste in Haifa, das dieses Jahr insbesondere zu einer Sabbatentweihung übelster Art geführt hat. wir sprachen in unserer Korrespondenz die Meinung aus, daß der R. F., dem die Bikkurim-Opfer dargebracht werden, mindestens die passive Mitschuld an diesem und all den religiösen Unzuträglichkeiten, die sich daraus ergeben, trägt. Mittlerweile ist uns die Ansprache U s s i s ch k i n s , des Direktors des Rationalfonds, bei der Entgegennahme der Liebesgaben in Haifa im Wortlaute zugegangen. Ussischkin ist einer aus der alten Schule, wo man noch an der Ouelle gelernt hat, was das Bikkurimfest sei und welche Bewandtnis es mit dem Blkkurimbringen hatte, das wohl um die Schwuauszeit begonnen hat, aber bis tief in den Herbst fortgesetzt werden konnte. Usstschkin weiß auch, daß man die Bikkurim nicht nach Haifa, sondern zum Tempelberg nach Jerusalem gebracht hatte, daß diese Institution somit zu den m^nn nix» pK3 gehört, und zwar zu solchen, die, weil mit dem Tempeldienst verbunden, heute auch in Crez Israel nicht mehr angehen, ganz gewiß aber, wenn man schon eine Spielerei veranstalten will, nicht den Sabbat verdrängen können. Das ungefähr meinte wohl Ussischkin, wenn er in seiner Rede darauf aufmerksam machte, daß die Art des heutigen Bikkurimfestes nicht mehr, oder noch nicht, die altgegebene sei. „Damals ging der weg mit den geschmückten Fruchtkörben nicht nach dem Karmel, sondern nach Moria und die Gaben gingen nicht in die Hand des Rationalfonds, sondern in die des Priesters im Heiligtum". wenn er sich dennoch entschlossen hatte, obwohl kein Priester auf Moria und kein Beauftragter des Tempels, die Bikkurim entgegenzunehmen, so nur darum, weil das' Volk zur Erlösung erst strebt und alle seine Feste und Cinrichtungen erst ein Ringen zur altneuen Form des nationalen Lebens bedeuten. Die heutigen Bikkurim entsprächen der heutigen Zeit, die nur ein Streben zur Geulah und ein Anfang derselben sei. Cr hielt es sogar für gut, besonders die Kinder vom Cmck darüber zu belehren, daß Schwuaus nicht allein ein Fest der Ratur, sondern in erster Reihe das Fest der Gesetzgebung sei und daß Ausbau und Gesetz nicht im Gegensätze zueinander stehen dürfen. Von hier wäre nur ein Schritt gewesen zu dem Hinweis auf den Teil des Gesetzes, der den Sabbat zum Cckstein unseres religiösen und nationalen Lebens macht, so daß er durch selbsterdachte Volksfeste nicht über den Haufen geworfen werden kann, ohne das ganze nationale Leben und den Aufbau in den Herzpunkt zu treffen. Dieser Hinweis fehlt leider in der Rede, wahrscheinlich durfte man die jungen Ricnschen, die als Gebende vor dem Direktor des Rationalfonds standen, nicht allzusehr verletzen. wir stehen längst nicht mehr allein mit unserer Auffassung, daß die einander jagenden Feste in Palästina, die zu bestimmten Zeiten Menschenmassen aus allen Teilen des Landes nach eine m Punkte locken, ganz abgesehen von den damit verbundenen unvermeidlichen Religionsverletzungen, dem Aufbau viel mehr Schaden als Nutzen bringen. „Geht es so weiter," klagt der misrachistische „Hathor", „dann werden von Zeit zu Zeit alle Dörfer und Felder von Menschen entleert und die Feste dauern an öl’» irVy xur? oms dt» nv m a'-iis-" Cs liegt auch bei pseudofesten wie dem Bikkurimtage die Befürchtung sehr nahe, daß eine junge Generation eine ganz falsche Vorstellung vom eigentlichen Wesen des Festes, von seiner Bedeutung und seinen Bräuchen erhält und das Amhaareztum, schon ohnehin, trotz der hebräischen Zungenfertigkeit, durch Mangel an Ouellenstudien genugsam genährt, noch gesteigert wird. Für uns liegt die Hauptgefahr in einer anderen Richtung, wir wissen in Westeuropa aus Erfahrung, wohin das führt, wenn die rein negativ gerichtete Assimilation zu angeblichen positiven postulaten übergeht und die Phraseologie von einem „religiösen Liberalismus" beginnt. Das Richthalten drückte in früheren Zeiten dein Außenstehenden den Stempel der Kefira auf und er wurde danach gewertet. Die Orgel der Reform lullte aber den pflichtvergessenen in die Fiktion eines „jüdischen und religiösen Andersseins" ein, und daraus wurde ein „Liberales Judentum". In Palästina schickt rnan sich an, aus der Sabbatentweihung, bis dahin als solche kenntlich und gewertet, ein rmnn mx» zu machen. Hier beginnt ein neuer Gefahrenbezirk, dem wir unsere ganze Aufmerksamkeit widmen sollten. Mindestens sollte es der R. F., unter der Leitung eines so aufrechten Mannes wie Ussischkin, ablehnen, sich von einem festfrohen Iugenökreise als Götzen mißbrauchen zu lassen, dem man Bikknrimopfer darbringt! Alachstke Hadaß. Von Assessor James Rosenthal in Berlin. I. Seit Jahren erschallt — gewiß mit Recht — im jüdischen Blätterwald der Mahnruf, der Ueberorganisation zu steuern. In besseren Zeiten hat man zur Durchsetzung von Spezialzwccken Organisationen gegründet, hat sie erhalten, als sie schon nicht mehr sinnvoll waren, hat neue gegründet zu Zwecken, die schon bestehende erfüllten, und man glaubte wohl auch, durch die unzähligen Möglichkeiten, „Vorstand" zu sein, den Ehrgeiz geltungsbeflissener Glaubensgenossen an jüdische Cinrichtungen ketten und so Energien, die uns sonst nicht zugute gekommen wären, der jüdischen Gesamtheit dienstbar machen zu können, wurde allmählich aber aus Gründen, die bekannt sind und nicht aufgezählt zu werde brauchen, diese Ueberörganisation geradezu ein Hemmnis für plan- und sinnvolle jüdische Aufbau- und Erhaltungsarbeit, so gilt dies doppelt für das gesetzestreue Judentum. Denn seine wenigen, auf schwankendem Grunde ruhenden Cinrichtungen bedürfen besonders pfleglicher Behandlung, und es sind hier gerade doch immer wieder die gleichen Menschen, auf deren Schultern alle moralischen, materiellen und kulturellen Lasten ruhen. II. Weltanschaulich hat das gesetzestreue Judentum heute'zwei bedeutende Sammelpunkte und Vertretungen: Misrachi und Agudas Iisroel. Stellt Misrachi eine Fraktion des Zionismus Herzl'scher Provenienz dar, so ist Agudas Iisroel „das historische jüdische Volk noch ein Mal." Hier soll das jüdische Leben in Welt, Kehillah und Individuum auf seinen alten Generalnenner zurückgeführt werden: die stnaitische G'tteslehre als Rückgrat und Wegweiser des Volkes, als Rückgrat seines Lebens in der Diaspora, als Wegweiser zum Endziel der'Menschheitscntwicklung, die sich vollenden wird dort, von wo die Lehre ihren Ausgang genommen. Für politisches Spiel im alltäglichen Sinne, für die Ablenkung des Volkes von seinem Wege durch ein Zionsiöeal, das in Wahrheit nur Idol ist und kein Zeichen einer „Renaissance", sondern einer Erschlaffung der Volkskraft und des Willens, den weg durch Welt und Völker zu Ende zu gehen, ist allerdings hier kein Platz. Und wenn Agudas Iisroel ein Vorwurf im Grundsätzlichen zu machen ist, so der, diese Grundlage und diesen wesensunterschieö nicht genügend herausgestellt zu haben. III. Man sollte meinen, daß es ein Leichtes hätte sein müssen, auch das gesetzestreue deutsche Judentum für die in Agudas Iisroel gegebene Konzeption jüdischen Lebens zu gewinnen. Dennoch ist ihr dies — und es wäre töricht, sich darüber Illusionen zu machen — bisher nicht gelungen. Zwei Gründe gibt es: der Streit um das Austrittsprinzip und die vom Zionismus geschickt betriebene Diffamierung der Aguöas Iisroel, ihrer „Politik" und ihrer Führer, besonders bei den Juden aus Osteuropa. Um beim zweiten zu beginnen: Cs ist dem Zionismus in Deutschland'-gelungen, eine Art „Cherem" auf alles auszubringen, was mit 2lgudas Iisroel zusammenhängt. Ursache ist einmal unsere Schwäche, unsere Aengstlichkeit in der Durchführung großer Auseinandersetzungen über neuartige Fragen, die das Judentum der Gegenwart berühren, die Bindung unserer Energien an die Erhaltung unserer Einrichtungen, als deren Hüter wir trotz unserer geringen Zahl Treuhänder des ganzen Judentums sind, und die Unfähigkeit, sich aus der Problemstellung früherer Generationen oder wenig-. stens aus ihrer 2lusschließlichkeit zu befreien, die in der 2llternative. beschlossen ist: 2lustritt oder Verbleiben in der Stammgemeinde. Deswegen kam auch die 2lufstellung eines Gemeindeprogramms über 2lnsätze nicht hinaus. Die zweite Ursache ist die Unkenntnis der änderen Teile des deutschen Judentums über» den wahren Sachverhalt, über den wahren Kulturfortschritt, den etwa — um nur wenige Beispiele zu nennen — die religiöse Mäöchenerziehung „Bes Iaakauw" oder die Mündigmachung der gesetzestreuen., Massen in Osteuropa oder der Zusammenschluß der Führer von Ehassidim und Misnagdim in der „Agudas Iisroel" bedeutet. IV. Die zutage liegende Folge dieser ungesunden Situation ist eine sonst trotz aller zahlenmäßigen Schwäche unverständliche Ohnmacht und ein beklemmender Kleinmut bei der deutschen Orthodoxie im Gemeinde- und Verbandsleben, vor allem bei der „Gemeindeorthodoxie". Dies klar auszusprechen, ist gerade dem Schreiber dieses 2lufsatzes, der ausschließlich der Jüdischen Gemeinde zu Berlin angehört, Gewissenspflicht und Bedürfnis. Auf der anderne Seite fehlte es nicht an Versuchen, diese Hemmungen organisatorisch zu überwinden. „Achöuth", „Jüdisch-Konservative Vereinigung" sind die bisherigen Etappen auf diesem Wege. 2lber alle Versuche sind versanöet. Sie mußten nach dem ersten Anlauf scheitern, weil die Verbindung mit dem großen Klal und die offene Stellungnahme zu allen das Gemeinöeleben bewegenden

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