Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 27 (30.6.1932)
- Date
- 1932-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a. M., den ^TeZnTw rPerlsraelj Ein Centralorgan lör das orthodoxe Judentum Begründet von Dr. Lehmarm in Mainz. Abonnement ab Juli 1929: Deutschland ILO Mark monatlich; Ausland: Vierrel- . . . . -- ----" Kosten des Stretfband-Berflavien 5? Din.; Litauen 750 Sit.; Rumänien ab 1. 7. 37. 150 Lei; Polen 4 deutsche Gold, mark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowaket 25 Kronen; Ungarn Pengö 6 ab 1. Juli 1937; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 60 Boldpf. für die flebengesp altene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 40 Pf. Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Textseite 3.— Mk., vorletzte Textsette 2.60 Ml.; Thifsregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Jnserataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Inferatenannahme durch den Verlag des Israelit <3. m. b. tz., Frankfurt a. M , Rechneigrabenstraße 7, Tel. Hansa 31084 sow. durch sämtl. Annoncen-Exped. d. In- und Auslands. Alleinige Inseratenann. für Franks. Geschäfts«»,.: Jul. Schmidt, Ostendstratze 83 Tel. 4588«. Platzoorfchr. ohne Berbindlichk. ..„..t direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19802. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr.79605. — Postspackassenamt Budapest Nr. 18434.—Postscheckkonto Warschau Nr-190757. — Postscheckamt Zürich Nr. VIII7354. — Postscheckamt Amsterdam Nr. 34889 — Postscheckamt Prag Nr. 79.080 — Rumänische Kreditbank Bukarest und ihre sämtl. Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Hans Blüher oder Der neue antisemitische Wahrheilsbegriff. Von Oberrabbiner Dr. Carlebach in Altona. Die hanseatische Verlagsanstalt Hauiburg-Berlin chatte die Güte, zwxi Schriften von Hans Blüher „die Erhebung Israels gegen die christlichen Güter" und „der Standort des Christentums in der lebendigen Welt" mit der Bitte um ausführliche Besprechung in diesem Blatt der Redaktion zu überreichen. Wir sind mancherlei gewöhnt, wir kennen die Gewissenlosigkeit und den verbrecherischen Leichtsinn der antisemitischen Lügner seit zweitausend Jahren. Wir kennen die Eisenmenger, Justus, Stöcker, Brafmann, Dinier, passarge und wie alle die kleinen und großen Iudenhasser heißen, wir wissen, daß Haß und INenschenverachtung und Selbstgerechtigkeit eine krankhafte Phantasie erzeugen, das Gefühl der sittlichen Verantwortung, den Grundtrieb der Wahrhaftigkeit vernichten und eine Wolluststimmung der Schmähung und Kränkung des vermeintlichen Gegners Hervorrufen, wir kennen den Rassefanatismus eines Ehamberlain, der die „Grundlügen des 19. Jahrhunderts" geboren hat. wir haben die „Briefe der Weisen von Zion" erlebt, dieses teuflische Lügenmachwerk eines Lumpen. Wir haben alles das mit Gleichmut über uns ergehen lassen, nur in dem einen Bedauern, wie diese Unkrautsäer die Harmlosen im deutschen Volke mit ihren satanischen Künsten verderben. Ob es nun das Ritualmordmärchen oder die Hostienschändung oder die Barbarei der Antischächtbewegung ist, ob man das Mäntelchen der Religion oder den Schein einer wissenschaftlichen Theorie zur Schau trägt, es ist immer derselbe Moloch, dem man Menschenopfer bringt, es ist dieselbe sittliche Skrupellosigkeit, die sich heuchlerisch eine nationale oder moralische Maske aufsetzt, weil sie sich im tiefsten Herzen ihrer selbst schämt. Schiller sagt in seiner Darstellung der Inquisition, daß dieser Gerichtshof nur möglich war, indem man systematisch das Gewissen der Öffentlichkeit abtötete, alle Ehrfurcht und Lichtung vor dem Menschen, alles Mitgefühl und Mitleiden erstickte, bis die spanische Welt bei allen Greueln eines Autodafes nicht mehr sittliche Bedenken empfand. Diese Methode verfolgten'zu allen Zeiten die Antisemiten, die alten wie die neuen. Sie haben.es jetzt fertig gebracht, daß deutsche Väter und Mütter nicht mehr erröten, wenn ihrer Kinder Lippen „Juda verrecke" rufen, wenn schon unschuldiger Kindermund entweiht und vergiftet ist. Sie haben es dahin gebracht, daß deutsche Akademiker nicht erröten, wenn sie zur Antischächtpropaganda Filme mit gefälschten Bildern, mit Photographien, die in betrügerischer Absicht angefertigt sind, in Städten und Dörfern benutzen. Sie haben es dahin gebracht, daß deutsche Lehrer in Verkennung ihrer ethisch-erzieherischen Aufgabe die edelsten Empfindungen ihrer jüdischen Schüler mit Füßen treten und deren Mitschüler mit Menschenhaß und Menschenvecachtung durchseuchen. Sie haben es dahin gebracht, daß unzählige für Ideale empfängliche junge Menschen als Mörder und Friedhofsschänder, mit den Mitteln des gemeinsten Pöbels wie die Vandalen in deutschen Landen Hausen und in der Kulturwelt das Zeichen der Verrohung ihrem Vaterland aufprägen. Die Ehamberlain, Günther, Dinter, passarge und Genossen haben das verdienst, die geistigen Väter dieser Entsittlichung breiter Volksmassen zu fein. - Früher waren es die Ritualmordprozesse, durch die sich deutsche Gerichte degradiert haben, in denen unserer Religion verbrechen angedichtet werden sollten. Diese Lüge ist heute abgebraucht, man muß etwas Reues auf den Markt bringen. Aber die Hexenküche der Antisemiten ist außerordentlich leistungsfähig. Richt mehr einzelne Ehristenkindcr feien das Ziel Judas, nein, so lautet die allerneueste Version der Höllenbibel: allen christlichen Völkern insgesamt wolle Israel den Garaus machen. Und Hans Blüher, feit langem verbittert über die großen literarischen Erfolge einzelner Juden, eines Gundolf, Gustav Landauer. Martin Buber u. a., deren ethisches Pathos ihm ein Dorn im Auge ist, schreibt zu diesem Ende ein Buch: „Die Erhebung Israels gegen die christlichen Güter". Blüher ist stch feiner Rolle voll bewußt. Cr weiß, daß nach dem, was die Menschen geschichtliche oder sachliche Wahrheit nennen, an allen antisemitischen Verleumdungen wie an Henry Fords Buch über den internationalen Juden. „im Grunde kein wahres Wort ist." Cr weiß, daß alle die antisemitischen Denunzianten, wie er sie nennt, eigentlich niemals sagen können, von wem sie reden. Es muß nach seiner Ansicht ein neuer Begriff d e s Geschichtlichen aufgestellt werden, ein neues Wahrheitskriterium, damit die antisemitische Verleumdung Hand und Fuß habe. Oder wie Blüher sich so wunderbar ausdrückt, man müsse die Dinge aus der trügerischen Empirie herausschälen, sonst „denken die Antisemiten selber jüdisch", wie die völkischen Bankgründungen „rein jüdisch" seien. Aus dieser neuentdeckten Wahrheitsmethode offenbart er jetzt „die latente Geschichte des nachchristlichen Judentums", einen jüdischen' Weltplan, der zwar nach seinem eigenen Bekenntnis „gar nicht im Bewußtsein liegen kann ", (sic!) den plan, den Völkern das Christentum wieder abzunehmen und die angestammten Herrschergeschlechter der Völker und ihre heroische (!) Lebensauffassung zu diskreditieren. All dieses Gefasel, vom Höllennebel des Hasses umweht, würde aber recht wenig Schlagkraft besitzen, wenn nicht Hans Blüher uns mit zwei köstlichen Dokumenten auf S. lös und 109 Sinn und Methode des jüdischen Weltenplanes enthüllen könnte. Wir wollen sie unseren Lesern nicht vorenthalten. Diese Briefe sollen folgende Entstehung haben: Als 1467 König Karl Vlll, die Juden aus der Provence vertrieb, fei folgender Briefwechsel zwischen dem Rabbiner von Arles und der jüdischen Gemeinde von K o n st a n t i n o p e l erfolgt: „Ehrenwerte Juden, Gruß und Gnade! Ihr sollt wissen, daß der König von Frankreich, welcher wieder Herr des Landes der Provence geworden ist, uns durch einen Ausrufer kundgegeben hat, daß wir verpflichtet seien, entweder Christen zu werden, oder das Land zu verlassen. Und jene Leute von Arles, Aix und Marseille wollen uns unsere Güter nehmen, bedrohen unser Leben, zerstören unsere Synagogen und verursachen uns großen Kummer. Dies alles beunruhigt uns, ■ da wir nicht wissen, was wir für das Gesetz Mosche tun müssen. Aus diesem Grunde bitten wir Euch, uns mit Einsicht (sagement) kund zu tun, was wir tun sollen. Chamor, Rabbiner der Juden von Arles den 13. Sabbath 1489." Die Antwort läutete: „Vielgeliebte Brüder in Mose! Wir haben Euren Brief bekommen, in welchem Ihr Eure Aengste und Mißgeschicke, welche Ihr zu erleiden habt, kundgebt. Wir sind dadurch ebenso schmerzlich berührt, -wie Ihr selber. Der Rat der Großen Satrapen und der Rabbiner ist folgender: Jnbetreff dessen, daß der König von Frankreich Euch zwingt, Christen zu werden, tut es, da Ihr nun einmal nicht anders könnt. Daß Ihr aber in Euren Herzen das Gesetz Mose bewahrt! — Jnbetreff dessen, was Ihr sagt, daß man befiehlt, man soll Euch Eure. Güter nehmen: Laßt Eure Kinder Kaufleute werden, auf daß sie nach und nach die Christen des ihrigen berauben. — Jnbetreff dessen, was Ihr sagt, daß man sich an Eurem Leben vergreife: Lasset Eure Kinder Aerzte werden, damit sie so den Christen das Leben nehmen. — Betreff dessen, was man sagt, daß man Eure Synagogen zerstöre: Laßt Eure Kinder Domherren werden und christliche Kleriker, damit sie ihre Kirchen zerstören. — Betreff dessen, daß man Euch noch viele andere Plackereien verursacht: Richtet Euch so ein, daß Eure Kinder Advokaten und Notare werden und daß sie sich immer in die Staatsangelegenheiten mischen, auf daß, die Christen unterjochend, Ihr die Welt beherrschet und Euch an ihnen rächen könnt. Weichet nicht ab von diesem Befehl, den wir Euch geben, denn