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Der Israelit · 1932-06-09 · Heft 24 (9.6.1932) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 24 (9.6.1932)
Date
1932-06-09
Page
– (sequence 28)
Language
German
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Seite 4 Nr. 7 9. Juni 1932 wir atmen, un6 klingen alltäglich und selbstverständlich wie alles Wahre. Zu wenig;; denn nur die Grundlagen unserer Organisation können heute gefügt, der Aufgabenkreis mag in großen Zügen umschrieben werden. Alles Einzelne und Aktuelle soll und darf erst aus der Organisation selber emporwachsen, die allein aus der Fülle des Möglichen das Notwendige und Ausführbare herauszugreifen vermag. Ls ist ein historischer Augenblick, da wir hier zusammentreten, um unsere Agudas Iisroel zu gründen, ein Augenblick von ernster, geschichtlicher Bedeutung — ganz ohne Rücksicht darauf, ob unser Werk sofort in vollem Umfange gelingen oder ob es Torso bleiben, einerlei, ob es heute und morgen durch uns, ob erst von unseren Kindern und Enkeln vollendet werden wird. Denn es ist nicht ein Verein neben anderen Vereinen, den wir gründen wollen, nicht ein Zweckverbanö, dessen Bedeutung sich in der Verwirklichung irgendwelcher praktischer Linzelzwecke erschöpft. Was uns als Höheziel vorschwebt, ist vielmehr dir- Wiederbelebung uralten jüdischen Besitzes: der überlieferte Begriff des V an ip ’ bbo ist' s, — Israels Gesamtkörper, erfüllt und getragen von seiner ,nrnn als organisierender Seele — den wir durch unsere „Aguöas Israel" inmitten der Kulturwelt und mit den technischen Mitteln, die die Kultur uns aufs neue reicht, realisieren wollen. Als natürliche Lebensäußerungen dieses wiederbelebten Yn ergeben sich bann allerdings in jeder Zeit eine Reihe von geistigen und sozialen Funktionen, die das praktische Arbeitsprogramm unserer Organisation ausmachen werden. I. Als das jüdische Volk, mit der mi.n im Arme und im Herzen, seine große Wanderung ins römische Exil antrat, da waren es bei aller Wucht der Golusleiöen doch eine Reihe von günstigen, von erhaltenden Faktoren, die es begleiteten oder empfingen. a) Das Studium des Gesetzes, jede kleine und kleinste individuelle, familiäre, soziale Lebensäußerung durchgeistigenö, schuf überall, wohin die Gruppen der Exilierten auch verschlagen wurden, die gleiche, einheitliche Lebensstimmung. Diese aber schlang ohne äußere Verkehrsmittel und ohne alle künstlichen Zurüstungen, ein festes Band der Einheit um alle die versprengten Träger der Thora und verlieh ihnen schon dadurch die geistige Widerstandsfähigkeit, Treue und Eigenart zu bewahren. b) Der Kultur selbst, in deren Mitte der mittelalterliche Jude sein jüdisches Leben zu entfalten und auf seine Kinder zu vererben hatte, wohnte in ihrer Enge und Begrenztheit wenig Imponierendes für die Söhne Judas inne. Sie stieß den Juden mehr ab, als sie ihn anzog, und sie verlockte schon darum nicht zur Preisgabe des eigenen geistigen Besitzes. c) Was aber im Mittelalter an kulturellen Werten über den engbegrenzten lokalen und nationalen Bezirk hinausreichte, war ausschließlich religiösen Charakters und..gründete seinen eigenen Wahrheitsanspruch selber auf jüdische Voraussetzungen! So blieben, mitten in einem Meer von Golus- Leid, die jüdischen Zerstreuten ein einheitlicher belebter Organismus, der die Bedingungen seiner Existenz aus dem eigenen Innern schöpfte und um sein Fortdasein nicht zu bangen brauchte. Allmählich vorbereitet seit den Tagen der Renaissance, hält in der großen Umwälzung von 1789 die neue Zeit mit ihrer gänzlich veränderten Wesensart ihren Einzug und beginnt ihr Zerftörungswerk an den festen Wurzeln unserer Kraft in geradezu tragischem Verhängnis. Sie bringt der außer jüdischen Kulturwelt die Einheit und — zerschneidet im jüdischen Kreise das geistige Band, das jahrhundertelang die Exilierten Israels in Ost, west, Rorö und Süd zusammengehalten hatte. Der Israelit _ 33, löU.t er_ Sie überwindet mit Blitzeskraft Raum und Zeit, fügt Kontinente zusammen, die durch Ozeane getrennt waren und'— reißt im jüdischen Kreise Vater und Sohn, Bruder und Bruder auseinander! Tausendfältig war so das Leid, das über das Judentum hereinbrach — aber durchaus einheitlich und eindeutig die Ursache. Rur weil vor hundert Jahren dem Wd, dem Organismus der Iudenheit, seine Seele, die min entfloh, weil diese Seele dann bald da, bald dort von einzelnen Teilen des Organismus zwar mühsam oft wieder erhascht wird, aber niemals wieder den Mittelpunkt des ganzen Organismus bildete, darum liegt der Körper der Iudenheit zerfetzt und angefressen, jeder Macht der Elementarwelt zur Leute, „auf der Fläche des Tales" — und nur hier, wo der Krankheitsprozeß feine Wurzel Hai, kann auch die Heilung wieder beginnen. Das also ist's, was „Agudas Iisroel" bedeutet: Den vor hundert Jahren seiner Seele beraubten Organismus der jüdischen Gesamtheit zum Leben erwecken, ihm die Seele wiedergeben und alle seine Glieder zu funktionsfähigen Organen der Seele machen! n. Die bloße Sehnsucht nach dieser Organisierung der der Thora treu gebliebenen Massen, die den Zellkern der Iudenheit bilden, die Sehnsucht allein, die überall wieder lebt und webt, legitimiert unsere Arbeit mehr als alle Erzeugnisse bewußten Denkens. Und nur weniges sei darum zum Ueberfluß begrifflich angeführt, um sie zu begründen. a) Rm unserer Jugend willen, der Jugend Westeuropas, bedürfen wir der „Aguöas Iisroel". Wir können als Träger unserer ewigen jüdischen min- Aufgabe nur leben, wenn die Zukunft unser ist, unsere Jugend. Die fleht sich einer machtvoll entfalteten, in gewaltiger Bewegung begriffenen Kultur gegenüber, die allem Jüdischen interesselos oder feindlich begegnet und die paar in sie hineingesprengten Gäste aus Asien besten Falles ignoriert. Es ist ja der gefährlichste psychologische Irrtum, zu glauben, daß die Erziehung Sache des einzelnen Vaters sei, daß sie überhaupt durch den Einzelnen unter zweckbewußter Anwendung individueller Mittel stattsinde — nicht wir erziehen unsere Kinder, sie werden erzogen von der Atmosphäre, in der sie leben, von der geistigen Luft, die sie atmen, und kein Vater und keine Mutter vermag gegen diese Miterzieher auszukommen, die auf tausend geheimen Wegen an der Seele unserer Kinder gestaltend und formend schaffen. Unsere Kinder nun stehen in der Atmosphäre, die sie umgibt, täglich vor der Gefahr, ihre jüdische Aufgabe als etwas künstlich Ersonnenes. Unnatürliches, als einen guten Einfall anzusehen, den einige Sonderlinge, der großen Welt zum Trotze, durchzusetzen sich vorgenommen haben, wir müssen ihnen daher den Zusammenhang wiedergeben nicht nur den geistigen Zusammenhang mit der Vergangenheit, sondern auch den mit der gegenwärtigen jüdischen Masse, müssen sie hineinstellen in eine Organisation, die auf dem Wurzelboden der min die ganze Fülle aller lebenden jüdischen Seelen wie Geschwister nebeneinander und füreinander wachsen und gedeihen läßt. Aus dieser wahrhaften „Agudas Iisroel" werden sie individuelle Stärke saugen und daher Lebensinhalt, Widerstandskraft und Kampfesmut, Demut und Stolz gewinnen, das Bewußtsein, Glied eines großen Ganzen zu sein, das auf sie rechnet und das nicht nur in der Idee vorhanden ist. b) Die Jugend des Ostens aber braucht diesen Wiederanschluß ans Ganze nicht minder. An die Tore des Eheöer und des Beshamidrasch pocht die neue Zeit, oft mit erschreckender Gewalt. Durch alle Fugen und Spalten dringt das Licht dessen, was man Kultur nennt, und die drinnen wohnen, im Düster des Elends, des Drucks und der hoffnungsarmen Resignation, sie spähen, wenn sie jung sind und glücksbcöürftig zumal, mit klopfendem Herzen nach jedem Lichtstrahl, der Leben verheißt und sonniges Aufblühen im Lichte. Ob und inwieweit dieses Licht Wahrheit und Glück bringt, ob die Sonne Keime emporlockt oder grünendes Wachstum versengt — die Jugend des Ostens selber kann's unmöglich ermessen! Je unheimlicher und drohender in gespenstischer, ungekannter Größe die Kultur vor den Pforten ihres Herzens steht, desto nötiger ist ihr der enge Anschluß an diejenigen, die das Geschick zur Auseinandersetzung mit dieser Kultur bereits genötigt und unter schweren Opfern gelehrt hat, die neuen Werte kritisch an den bewährten Maßstäben der Überlieferung zu messen. In dem Ganzen, das die „Aguöas Iisroel" schafft, werden auch die bitteren Erfahrungen des Westens für den Osten nicht umsonst gemacht sein, und die Errungenschaften eines Landes und einer Zeit, geprüft im Lichte der.min' zur rechten Zeit und am rechten Orte vor Fehltritten schützen oder Nacheiferung wecken können. c) Ein drittes Moment. Nie hat die Geschichte eine weltumspannende Wanderung von ähnlicher Großartigkeit gezeigt wie den gewaltigen Strom, der sich aus dem großen Reservoir jüdischen Lebens im Osten seit Jahrzehnten nach Amerika, Australien, Südafrika, dem Westen überhaupt, ergießt. Cs ist geradezu eine Schicksalsfrage für das Volk der nun' ob diese ungeheuere, durch nichts aufzuhaltende Extensivierung jüdischer Siedlung Überstunden wird, ohne daß der alte einheitliche rnin-Geist vollkommen verloren geht. Eine das Ganze umfassende einheitliche Organisation, die tief Wurzel geschlagen hat im religiösen Bewußtsein jedes Einzelnen, die den jüdischen Wanderer begleitet aus der alten in die neue Heimat, ihn dort umfängt und fest verknüpft hält mit den führenden Geistern und tragenden Ideen jenev Heimat — kurz, die den lebensgefährlichen Unterschied des geistigen Klimas durch ihre verbrüdernde Einheitskraft mildert, eine solche Organisation allein kann unsere Zukunft jenseits des Ozeans retten und damit Hunderttausende hoffnungsreicher Seelen min> mivrchi erhalten. III. Gewaltig und vielfältig sind die praktischen Aufgaben, die einer „Agudas Iisroel", sobald sie erst vorhanden ist, sich heute schon darbieten, unausehbar diejenigen, die ihr die Zukunft bringen mag. Denn ist auch das Ziel einheitlich und rein religiöser Natur, so dienen doch der Verwirklichung dieses Zieles im öffentlichen Leben die mannigfachsten Mittel und Wege. Ohne wirtschaftlichen und sozialen Existenz-Spielraum kann die jüdische Gesamtheit ihrer weltgeschichtlichen Aufgabe, der Erfassung und vollen Verwirklichung der min' nimmermehr genügen: min pR nap px ök* So gilt es auf allen Gebieten für zu arbeiten. Arbeiten aber, arbeiten mit dem vollen Ausmast unserer Kräfte, auch dort, wo es G'ttes Sache gilt, ist nicht nur unser Recht, sondern geheiligte jüdische Pflicht: ten ppbn n pmi >n ^v2i »m wsm “jt nuwa. , , So lassen Sie mich denn nur einige Umrisse dieses praktischen Arbeitsprogramms flüchtig andeuten, deren Ausfüllung Sache der Organisation selber sein wird. a) vor allem wird es die großzügige Förderung des Thorastuöiums und der jüdischen Erziehung überhaupt sein, der sich eine Aguöas Iisroel wird widmen müssen. Die Lage der nwtn und n"n-Anstalten, das Elend der emm erfordern fast überall ein kraftvolles Eintreten der Gesamtheit, die bei zielbewusster Arbeit mit vereinten Kräften noch leisten kann, was das Können des einzelnen Landes oder Kreises übersteigt. Wohin wir blicken, nach Amerika, nach Ungarn, nach Galizien, nach Rußland, überall erweist sich die Erhaltung und Weiterförderung des Thorastudiums nach dieser oder jener Richtung als Problem, dessen Lösung des Aufgebots und der Organisierung aller verfügbaren Kräfte bedarf. b) u. c) Die materielle Seite der jüdischen Existenz ist nicht minder auf eine im v o l k e

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