Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1932)
- Date
- 1932-06-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 23 Der Israelit 2. Juni 1932 folgend sein Leben dem Gesetze G'ttcs allein unterstellt, kann an der Genesung einer hoffnungslos zertrümmerten Welt mitschaffen. Wir retten nur damit uns und unsere ewige Bestimmung. Wochenrundschau. Ein Jüdischer Weltkongreß. Die Idee des Jüdischen. Weltkongresses kommt aus Amerika und findet, von Stephen w i s e stark propagiert, ihr stärkstes Echo in den kongreßfreudigen zionistischen Kreisen. Die „Jüdische Rundschau" übersieht die Schwierigkeiten nicht, ist auch ehrlich genug, die Hauptschwierigkeit in der Frage zu sehen, wer legitimiert sei, an einem derartigen jüdischen Weltkongreß t e i l z u n e h m e n. Sie glaubt aber dennoch, daß die steigende Rot und der an schwellende internationale Iugenhaß genügenden Kitt ergeben, um Vertreter aller widerstreitenden jüdischen Interessengruppen für einige Tage oder Wochen an einem Kongreßtische zusammenzuhalten. Was soll aber dabei herauskommen? Im Londoner Icwish Board os Deputies, wo auf Einladung des Ausschusses des American ^ewisb Kongress über die Frage des Weltkongresses verhandelt wurde, meinte der Präsident der Anglo Jewish Association, Leonard Klontefiore, sehr richtig: „Könnte ich glauben, daß der vorgeschlagene Weltkongreß die Not unter den jüdischen Gemeinschaften lindern und die Bösartigkeit des Antisemitismus auch nur um ein Iota mildern würde, ich wäre für den Plan. Da ich aber glaube, daß die geplante Wellkonferenz eher Schaden als Nutzen bringen würde, bin ich gegen den Plan. Die Ursachen des Antisemitismus liegen viel zu tief, als daß der Kongreß da helfen könnte. Antisemitismus ist das häßliche Phänomen einer politisch kranken Zeit. Was könnte ein solcher Kongreß, wenn er Zusammentritt, anderes tun, als Resolutionen annehmen und die Regierungen der Reihe zu kritisieren? Glaubt nun jemand, daß auch nur eine Regierung Notiz von solchen Resolutionen nehmen oder sie zum Gegenstand einer legislativen oder erek'ttiven Aktion machen würde? Die Antisemiten ihrerseits hätten Stoff zur Erneuerung der Legende vom internationalen Juden". Es dürfte den Befürwortern des Weltkongresses schwer fallen, die Bedenken Leonard Wontefiores zu widerlegen. Roch weniger harmlos scheint uns ein Vorschlag I t a m a r b e n Avis im Jerusalemer „Doar Hajont" zu sein. Er möchte mit Hilfe der in Palästina akkreditierten Konsulen der Länder, in denen die Iudenfrage akut ist, bei deren Regierungen durchsetzen, daß ein Kongreß nach dem Wüster des historischen „Berliner Kongresses" zur raschen und gründlichen Lösung der Iudenfrage einberufen wird. Vertreter des jüdischen Volkes müßten an diesem Kongresse teilnehmen. Bei Avi legt den „Berliner Kongreß" gleich auf den Beschluß fest, „Hunderttausende von Juden in Palästina anzustedeln und sie finanziell und politisch zu unterstützen." In Europa wird voraussichtlich dieser Vorschlag, außer bei den Hitlerleuten, wenig Beachtung finden, um so mehr, so fürchten wir, könnte die Diskussion eines solchen Gedankens in Palästina beachtet und Anlaß zu neuen Verdächtigungen werden. Der Ruf in den Weltraum. Der Rundfunk ist eine Stelle zur Vermittlung von Bildung, Wissen und Kultur. Zur Bildung gehört aber als Gegenstück auch die Unbildung. Darum bescherte uns der Berliner Rundfunk vor einiger Zeit miteiner Rede des Riajor a. D. Bork, der mit Hilfe von Lautsprechern und Kopfhörern bekannte Verdächtigungen, Verleumdungen, auch Drohungen, in die Welt hinaussandte. Gewissermaßen zum Ausgleich fand dieser Tage eine zweite Aussprache im Rundfunk zwischen Dr. Ludwig Holländer und Dr. Wilhelm Stapel statt. Was Dr. Stapel vom Stapel ließ, war in der Form zwar gemessen, aber dem Inhalte nach durchaus judenfeinölich. Das jüdische Volk, meinte er, nehme allzu lebendigen Anteil an der Gestaltung der deutschen Dinge, daher der Antisemitismus als Abwehr. Der Jude handele gefühlsmäßig aus der jüdischen Ethik heraus, die in manchem der arischen und deutschen widerspreche, auch aus einer gewissen Solidarität mit den Glaubensgenossen in anderen Ländern heraus, was das deutschnationale Gefühl verletze. Cr konstatiert bei den Juden eine „Fremdheit", die als A n t igernianismus anmute. All diese Fehler seien naturbedingt, der Einzelne könne nichts dafür, könne sich aber auch von ihnen nicht befreien. Gegen solche altbackene antisemitische Moral anzukämpfen, konnte dem kampferprobten Dr. Holländer nicht schwer fallen. Der Jude könne mit seiner Eigenart schon deswegen die deutsche Kulturgrenze nicht überschreiten, erwiderte er, weil eine solche, bei der Verschiedenheit der einzelnen Teile der deutschen Ration nach Abstammung und Wesensart, gar nicht gegeben ist. wenn der Jude lebhaften Anteil an der Geastltung der deutschen Dinge nehme, so beweise das nur, wie sehr dje Juden auf Grund geschichtlichen, kulturellen und politischen Zusammenwirkens mit dem deutschen Volke zusammengewachsen seien. Minderwertigkeit gebe es in allen Bevölkerungsschichten. Was Stapel „(Querverbindungen" nennt, könne dem Lande, dem Handel und dem Weltfrieden nur von Rutzen sein. Das deutsche Volkstum liege nicht im Blute, sondern im Gemüt. Cs ist beim Rundfunk nicht zu konstatieren, wie die Hörergemeinde den Meinungsstreit ausgenommen hat. Große Bedeutung vermögen wir aber der Veranstaltungen nicht beizumessen, wenn schon einmal die welle des Antisemitismus eine „Deutsche Welle" für ihre Weiterverbreitung gefunden hat, so ist es immerhin gut, daß ein Berufener wie Dr. Holländer auf dem gleichen Wege einige Irrtümer richtigstellt. Im übrigen aber hört doch jeder, was er hören will, und einem guten Teile des Volkes liegen heute leider die Weisheiten Borks und Stapels näher. Wahrer Erkenntnis und Erleuchtung werden die Massen erst zugänglich, wenn andere Funken ausblitzen, Funken eines höheren Lichtes in den Herzen und Hirnen. Rabbiner Dr. Isaak Auerbach V"XT. •oipan mni;1? rr> nn Große Ernte hielt der Herr im Garten seiner Getreuen. Drei Größen, Ledern des Libanon, wurden in knapp zwei Monaten in Jerusalem und in Polen gefällt, ihnen folgt eine der markantesten Persönlichkeiten des deutschen Rabbinerstandes, eine Säule der jüdischen Gesetzestreue in Deutschland, der Halberstädtec Raw, Rabbiner Dr. Isaak Auerbach Q’BPttr ynvein Rachkomme großer Väter, Enkel des Vya und von mütterlicher Seite Enkel des Kommerzienrats Joseph Hirsch in Halberstadt, wurde er selbst von Frühester Kindheit her mirtn ’ana erzogen. Vor mehr als dreißig Jahren trat er, nach dem Heimgang seines unvergeßlichen Vaters, im Besitze des vollen Vertrauens seiner Lehrer am Berliner Rabbinerseminar und seiner Heimatgemeinde, das Rabbinat in Halberstaöt an, in der Gemeinde seines Vaters und Großvaters. Die Kette wurde in bewährter Liebe und aufopfernder Tatkraft fortgesetzt. Ein treuer Vertreter und Sachwalter des geistigen Vätererbes, verband er mit feinem beispiellosen niv'vrr ein ebenso beispielloses Pflichtgefühl, das bei aller Schonung der Person und unbeschadet der Liebe für den Menschen keine Rücksicht und kein Rachgeben kannte, wenn es um die Sache der Cmunah, die Sache seiner heiligen Ueberzeugung ging. Cr war ein treuer Führer seiner Gemeinde, der Gemeinde, wo es in der Tat heilige Traditionen zu hüten gab und noch , gibt, Hüter des vom Thorageist öurchtränkten Gemeinöewesens im Ganzen und väterlicher Freund und Be- G'lt ist nahe. Zu aaaaa n 12ns* Von Herman Fischer. Zuerst, ehe noch das pp» aufgestellt worden war, hat G'tt zu Moschch in dem Dornbusch gesprochen, denn so heißt es doch ('a map) truon *yin» '2 xip'i, „Und G'tt rief ihm aus der Mitte des Dornbusches zu." Nachher hat G'tt zu Mofcheh in Midjan gesprochen, denn so heißt es t'T map) : p»2 np» '2 2»x»v „G'tt sprach zu Moschch in Midjan." Später hat G'tt zu Moscheh in Mizrajim gesprochen, wie es geschrieben ist (a"»m»p): ,Q’-isa pxa pnx i>»i 7>p» bx "I 2»x»i „Da sprach G'tt zu Moscheh und Aharon im Lande Mizrajim". Erst nachher sprach G'tt zu Moscheh am Sinai, wie es denn auch — in der dieswöchentlichen 2220 - geschrieben ist: »ao "man np»!>x n 222’v „G'tt sprach zu Moscheh in der Wüste Sinai." Und zuletzt, als das pp» aufgestellt worden war, sprach G'tt zu Moscheh im pp»/ im ipi» i>.ix, in stiller Verschlossenheit, denn so lautet der prophetische Ruf üi 22»»): i»pi>x Dy 712^ wsm, „Und du sollst in Verschlossenheit wandeln mit deinem G'tte." Wollen wir den Sinn dieser Midraschstelle erfassen, so müssen wir zuerst die Begriffe: pp» -»av .»»22» ,pi» mao — in kurzer Fassung zu deuten versuchen. — ist der Dornbusch: Symbol alles Kleinen, Unbedeutenden, Geringfügigen: Symbol der Verlassenheit, der Verstoßenheit, des Alleinseins. pi» — war die Stätte, wohin sich Moschch vor der Verfolgung Pharaos flüchtete, woselbst er freundlich ausgenommen worden ist. onx» — war das Land, wohin unsere Väter hinwanderten, um ihr Leben vor Hunger zu retten, woselbst sie später die schrecklichsten Leiden der Knechtschaft erdulden mußten. »ao — ist die erst- und einmalige Offenbarungsstätte G'ttes. pp» — ist die Stätte der beständigen G'ttesnähe, die dauernde Offenbarungsstätte G'ttes. »p -\b »7i2viai, „Dort — in isi» i-.ix — werde ich mich dir zur Zusammenkunft bestimmen", heißt es in map - Symbolisch drückt pp» das Tiefinnerste des Menschen aus. «i- 02102 .»2iv2 'w2Pi P2p» »V ipyi — inrr i-2 zi7i2 ,021-2 2»xa Das letzte Ziel des pp» ist die Wohnhaftigkeit G'ttes np» '2 lai'i, G'tt sprach also zu Moscheh! G'tt sprach also zu dem Menschen! Wie denn?! wo denn?! G'tt begegnet ihm in dem Zusammenkunftszelt!? — Wieviel Menschen hegen den tiefen,, urtiefen Wunsch, G'tt einmal zu sprechen, Ihn selber hören, eine g'ttliche Offenbarung zu vernehmen! Es gibt kein heiligerer und vielleicht kein stärkerer, kein so gewaltiger menschlicher Wunsch, als eben dieser. Wieviele Menschenherzen schmachten hin vor Sehnsucht, G'tt zu begegnen! Wie kommt man zu Ihm, wie kommt Er zu uns?! Denn unerreichbar ist er ja nicht, denn Moscheh hat Ihn erlebt! Und warum auch wir nicht?! Dies ist die Frage, die in uns der Midrasch wachruft. G'tt ist nahe, sehr nahe. 1.2x2p» ipx bsb i»K2p bsb '2 212p r-i»xa, „Nahe ist G'tt Allen, die Ihn rufen, Allen, die Ihn in Wahrheit rufen," antwortet uns der Midrasch. Nur, um G'tt in Wahrheit anrufen zu können, setzt schon einen gewissen Werdegang des B i s - d a h i n voraus! »ao ist die unmittelbare Offenbarung, die alle Menschenherzen ersehnen, pp» ist die ewige Wohnhaftigkeit G'ttes in uns, die die Menschen erstreben und zu erstreben haben. Doch so einfach gehts nicht. G'tt gleich in seiner Offenbarung zu erschauen, das gelang selbst einem Moscheh nicht. G'tt hat zu Moscheh zu allererst in mo gesprochen, als : er, — der zu den größten Taten, die ein Mensch je voll- , bracht hat und vollbringen wird, berufen worden war, j— allein, verlassen in der Wüste, fremde Herden wei-! dend, umherirrte. Zu Moscheh spricht G'tt auch in der größten Verlassenheit, auch in der tiefsten Einsamkeit. Er erblickt G'tt auch in den niedrigsten Lagen, zu harten Leidesstunden! Wie in mv, in der Verstoßenheit, so erblickt er auch in pi», wo er freundliche Aufnahme findet, also auch in der Hilfe und Rettung den einzigen Erlöser, Gestalter und Lenker aller menschlichen Geschicke — G'tt! Nicht weniger in Mizrajim. Wo unsere Väter seelisch und physisch geknechtet waren, so "sehr von der höchsten Höhe in die tiefste Tiefe gestoßen worden sind — auch dort spricht zu ihm G'tt, auch dort hört er nicht.auf, die Stimme G'ttes zu vernehmen! Erst dann, als er G'tt in allen Situationen und Schickungen des Lebens, sowohl in den lichten, wie in den düstersten, erkannt hat, spricht zu chm G'tt — vom Sinai. Erst dann vermochte er.G'tt rein zu erschauen. Erst dann gelang ihm, G'tt im pp» zu hören, restlos zu erleben! Der Weg zu G'tt ist frei. Wir können, wir müssen ihn betreten. G'tt restlos zu erleben! Wer wollte es nicht!? Und stärker und fester als je, ist dieser unser Wille in diesen heiligen 0210 p»- Tagen! Soll unser Wille uns zum Ziele führen, dann dürfen wir nicht auf. die Weite des Weges schauen, nicht auf seine Senkungen und Erhöhungen, auf Seine Krümmungen und Windungen. Eines aber dürfen wir nicht