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Der Israelit · 1932-05-19 · Heft 21 (19.5.1932) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 21 (19.5.1932)
Date
1932-05-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 21 Der Israelit psychischen und kulturellen Gegebenheiten eine Natron ist, sobald sie ein Land bewohnt, ohne Land nur als Nationalität bezeichnet werden darf. Das Wichtigste daran ist, daß man demnach die Juden nicht als Nation bezeichnen darf und braucht. Die ganze Unterscheidung von Nation und Nationalität wird aber hinfällig, weil im weiteren Verlauf der Untersuchung immer nur das Eigenschaftswort „national" gebraucht werden kann, das sich auf beides beziehen kann. Um die Behauptung von den' Juden als einem Handelsvolke zu stützen, wird ein Abriß der jüdischen Geschichte gegeben. Neben viel Interessantem zu diesem Thema — aus dem Buche des Rabbiners Herzfeld über den Handel des alten Israel, der „ein so guter Marxist ist, ohne es zu wissen" — bringt Heller, ohne Quellenangabe, auch folgendes pschettel: In Tehillim, Kapitel 107, steht nach der Schilderung, wie G'tt nach vielen Hindernissen die Wüstenwanderer an ihr Ziel bringt, dasselbe Bild für den Seefahrer, der von G'ttes Größe sprechen kann, der die Stürme sieht, erlebt und betet, in Vers 50, „die Seefahrer freuen sich, daß die Wogen schweigen, und G'tt führt sie zu der Küste ihres Verlangens". Sollte es einfache Lauern wirklich danach verlangt haben, über das Meer zu fahren? Also ein neuer Beweis für die Handelsvolkthese. Dann gehts weiter durch die jüdische Geschichte. Csra wird immer als der Prophet zitiert, obwohl im Buche Csra mit besonderer Betonung Csra nur als der Priester und vor allem als der Schreiber bezeichnet wird. Dieselbe ungetrübte Sachunkenntnis zeigt sich auch, wenn Heller von den Juden in Babylon spricht, deren weltliches (Oberhaupt die Cxilsfürsten waren und die in geistiger Beziehung unter (Oherpriestern (Gaonen!) standen! Heller nimmt auch nicht gebührend zur Kenntnis, daß das Gros des jüdischen Volkes, das in Babylon lebte, Ackerbau treibend unter kümmerlichen Lebensbedingungen ein Proletarierdasein führte, was einen empfindlichen Schlag in Hellers Dogmenwelt öarstellt, weil erstens dadurch die Handelsvolktheorie erschüttert wird und zweitens erhellt, daß gerade die spezifische Form der jüdischen Religion, die von Heller als engvecbunden in und seit der Gründung mit dem Kapitalismus der Juden geschildert wird, entstanden' ist in einer Epoche eines Bauerndafeins des jüdischen Volkes. Diese „Wissenschaftlichkeit" und dieses wissen walten selbstverständlich auch ob bei der speziellen Schilderung der jüdischen Religion, die öargestellt wird als die Funktion einer Funktion. Die Funktion des jüdischen Volkes als Handelskaste erzeugt die Religion mit der Funktion, die Isolierung zu ermöglichen. Daß hier das .wechselseitige Verhältnis von Ursache und Wirkung übersehen bezw. verwechselt wird, scheint Heller nicht zu stören. Blasphemie jedoch ist es, wenn Heller den angeblichen jüdischen Kauf- Manncharakter in die Deutung der Religion hineinträgt. Dem Juden liege nicht das Uebersinnliche, das überirdische religiöse Gefühl des Glaubens! Seine Religion, fein Verhältnis zu G'tt ist das Verhältnis eines Krämers zu Ware und Geld, fein religiöses Tun durch Credet und Habet bestimmt. Geld und Ware feien zu vergleichen Lohn und Strafe und das Gebot. Erfülltes Gebot — Posaunenjubel vor dem Himmlischen Thron, überkretenes verbot — Strafpredigt von Ieremia. Es ist, auch von kommunistischen Kritikern, gefragt worden, warum gerade das jüdische Volk sich erhalten hat und nicht auch andere Völker es der jüdischen Gemeinschaft gleich taten, um so bestehen zu können. Wir können diese Frage noch anders stellen: Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat Juni Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechne! die Post einen Aufschlag von 20 Pfg Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt a.M, Wieso kommt es, daß nur das jüdische Volk die Religion als „Schutz- und Erhaltungsmittel" sich schuf und bei anderen Völkern diese Entwicklung nicht eintrat und sie demnach untergehen mußten? Diese Frage, die zu den tiefsten Fragen der Geschichte gehört, wird von Heller nicht beantwortet. Cr k a n n sie nicht beantworten, ebenso wie Achad Haam, der das Entstehen der jüdischen Religion ähnlich erklärt, die Antwort auf diese Frage schuldig bleiben mußte. Daß eine Betrachtungsweise wie die Hellers so ziemlich alle Erscheinungen der jüdischen Geschichte falsch auffassen muß, wenn sie auch gelegentlich interessante Perspektiven bietet, ist verständlich. Der Chassidismus, dieses Schmerzenskind der Historie, bald die Revolte gegen das Gesetz, bald die Revolution des Am-Haarez, wird zur Revolte des jüdischen Proletariats gestempelt! Dieser eine Gesichtspunkt wird zu d e m Hauptpunkt. Verständlich bei einem, der nicht aus den Quellen schöpft, sondern, . 19. Mai 1932! einer vorgefaßten Meinung folgend, sein Wissen erst aus Berichten holt, die, wie man weiß, wenn man die jüdische Geschichtsschreibung kennt, auch von gewissen vorgefaßten Meinungen ausgehen und so kein objektives Bild bieten können. So nimmt es kein Wunder, daß die Sabbatai Zewi-Bewegung als nur von armen Leuten getragen erscheint und die Rabbiner „als Vertreter der Bourgeoisie" dagegen auftreterr. von der damaligen Baisse an der Amsterdamer Börse, von den Spottpreisen für Häuser in Frankfurt a. M. weiß Heller anscheinend nichts. Richtig verstandene dialektische Historie darf ja nicht nur die wirtschaftliche Basis, sondern muß die gegenseitige Beeinflussung von Unter- und Oberbau berücksichtigen und die Wirkung geistiger Faktoren nicht unterschätzen. Heller erfüllt diese Forderung nicht. Er hält es lieber mit einem sturen Marxismus, der unfähig ist, geistig-kulturelle Erscheinungen zu erklären. So erwähnt Heller nicht das wichtige, fast gleichzeitige Aufkommen und den Streit der philosophischen und kabbalistischen Richtungen zu Zeiten und nach dem Tode Rambams. vielleicht weil er nicht erklären kann, wieso diese verschiedenen Richtungen zu gleicher Zeit aus der gleichen wirtschaftlichen Situation entstehen konnten. Diese Vorgänge .sind eben zu kompliziert, um sich in ein mechanistisches System einfügen zu lassen. Noch ein paar Kostproben von Hellers „nüchterner, mathematischer Enträtselung der jüdischen Geschichte", die für sich selbst sprechen. Seite 117: „Da das Getrenntsein von den anderen mit ökonomischen und sozialen Vorteilen verbunden war, mit der Aufrechterhaltung der monopolistischen Stellung in der Wirtschaft, ist das überall mit Hartänckigkeit vcr-- fochtene Bestreben der Juden, unter allen Umständen ihre eigene religiöse Gesetzlichkeit zu bewahren, durchaus erklärlich." Aber sollte es wirklich denkbar sein, daß Menschen auf Scheiterhaufen steigen, um so besser seine wirtschaftliche Stellung zu schützen? „Ihre Religion hatte, solange die jüdische Kaste Trägerin positiver Privilegien war, starke Werbekraft." Da ist es eigentlich dumm von den Juden gewesen, proselyten aufzunehmen, denn je kleiner die Zahl der Juden, desto größer wäre doch der Gewinn? Seite 120: „Das Geöankengebäuöe der Kabbala ist ein mystisch-religiöses Spiegelbild der Feudalordnung", von der engen Verbundenheit des kabbalistischen Systems mit altjüöischen und neuplatonischen Gedankengängen ist Heller anscheinend nichts bekannt. Seite 124: „Niemand trauert, so paradox es klingt, dem jüdischen Elend mehr nach, niemand weint um das jüdische Städtchen mit seinem Schmutz, seiner Verlotterung, seiner Unkultur mehr als die jüdische Geistlichkeit." Ist das Dummheit oder Infamie oder Hellers „proletarische Wissenschaft?" m s-&m Sefirohgedanken. Von Rabbiner 2r. 211. Lewin in Hamburg. II. Wir sind Bürger zweier Welten. Als Erdgeborene mit allen Schwächen des Irdischen behaftet und als Träger und Hüter eines ewigen unvergänglichen Teils mit der Aufgabe betraut, alle Unzulänglichkeiten zu überwinden und das Leben hienieden als Saatzeit für die Ewigkeit mit weisem klugen Sinn zu nützen und zu verwerten. Das ist die eindringliche, ernste und feierliche Sprache der Sefiroh, die uns über dieses Erdenleben hinausweist und uns den Trost bietet, daß wir nicht den Blumen des Feldes gleichen, die heute sprossen und blühen und morgen welken und vergehen. Das schärft uns auch das Schristwort ein, das die sozialen Forderungen der 'vo im „auf dem Berge Sinai" von G'tt, dem Schöpfer und Besitzer der Welt, geforderten gesellschaftlichen Ordnung begründet und für deren Verwirklichung uns in unserem Sehnen und Sinnen, in unserem Streben und Schassen gefügig macht und begeistert. ,’iay anx a’aenm o'ia ’a pxn »V ’a nnaxV man kV ptrii „Das Land werde nicht unwiederbringlich verkauft, denn mein ist das Land, denn Fremdlinge und Beisassen seid ihr bei mir." So spricht das Schriftwort. Eine zwiefache Begründung für all die Forderungen der "ausgleichenden Gerechtigkeit und Liebe G'ttes ist die Erde und was sie füllt. Dieser Glaube, wenn er die Herzen und Seelen beherrscht, wirkt ausgleichend und wird leicht zum Versöhner und Friedensstifter zwischen den Klassen und Ständen der menschlichen Gesellschaft. „Der Mensch fürwahr hot einen Dienst aus Erden zu versehen." Alle sind Arbeiter auf G'ttes Erde, und in welchem Berufe ein jeder tätig ist, er wisse sich, wenn er in Eifer und Redlichkeit seiner Arbeit obliegt, als Beauftragten seines Schöpfers und himmlischen Vaters. Aus solcher Gesinnung heraus wird der Klassenhaß überwunden und schwindender Neid und Sehnsucht und kommen Hochmut und Stolz nicht auf. Die Menschen lernen sich verstehen und würdigen, sie fühlen sich als Kinder eines und desselben G'ttes und suchen in Harmonie und Eintracht der Nöte dieser Welt Herr zu werden. Wie viele gibt es aber doch, die diesem wohlbegründeten, zu edler Bewährung leitendem Glauben, Ohr und Herz verschließen oder doch ihn nicht zur Norm ihres Lebens und ihrer Anschauungen erheben! Vielleicht daß diese sich wenigstens vor der Macht der Tatsachen, der sich immer wiederholenden Erfahrungen beugen und aus alledem es beherzigen: „Nur Fremdlinge, Gäste, Verweilende seid ihr auf Erden!" Geht dieser Ruf dann ins Herz, schwindet die starre Rinde von ihm und wird es milde gestimmt und teilnehmend für alles soziale Leid und Weh. Da wächst das Verständnis für die Gleichheit aller Erdenkinder und das Gefühl der Verpflichtung für alle, mit den Waffen der Liebe jeder Not ZU wehren. Als Weggenossen und Schicksalsgefährten können wir wahrlich die Verantwortung nicht ablshnen, die wir ein jeder für den andern tragen, die uns zum Antrieb wird ->ip mabaa nVw pn^ „die Welt zu gestalten nach dem Willen des Allmächtigen" und mit allen Kräften und Mitteln die Leiden und Sorgen der Menschen zu mildern. Solch edles aus unserer Menschenbestimmung kommendes Schaffen gibt unserm vergänglichen Erdendasein einen tiefen Silm. Wir sind nicht die schwachen Staubgeborenen nur, so wir der Begeisterung für alles Edle und Erhabene fähig sind und Verzicht leisten und Entsagung üben können im Dienste und zum Segen anderer. Ein Funke der unendlichen Alliebe des Höchsten leuchtet aus unserer Menschenliebe und macht uns würdig, daß uns G'ttes Wort gilt: 'ias an» maiawi a'ia m „Ihr, die ihr Gäste auf Erden seid, werdet Einsassen bei m i r." Wir münden mit unserm kleinen Sein in das Meer der Ewigkeit ein. Sinnig merken unsere Alten an: prrn 'b '2, denn mein ist die Erde —na snn darum sei nicht mißgünstig auf ihr, voll Neides oder Hochmuts; anrr D»a»wii o’ia »a Ihr seid Fremdlinge — und doch Beisassen aaax? ispn V« ip’s?. macht euch nicht zur Hauptsache — dienet selbstlos und opferwillig den andern. Kann diese Mahnung nicht auch in unfern Tagen mit all ihren Nöten und Gefahren, mit all ihren Wunden und all ihren Gebrechen zur Wegweiserin dienen? G'ttgebunden müssen wir uns wieder fühlen, dann wachsen die Schwingen unserer Kraft, und von G'tt gesandt erscheine uns. dieser Sturm, um die' besten Kräfte und Regungen im Menschen zu entfesseln. Dann hat auch das Leid einen Sinn. Wir klagen nicht und klagen vor allem nicht an, wir regen rüstig die Hände, um zu helfen und zu überwinden. Möchte doch unser Bibelwort allenthalben vernommen und beherzigt werden, dann würde die Welt an unserm Judentum wieder gesunden und Israel einen neuen Sieg seiner Thora erleben und in der Erfüllung seiner Ausgabe und Bestimmung weiter seinen Heilsweg erkennen und seinen priesterlichen Dienst im Heiligtum der Menschheit begreifen.

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