Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1932)
- Date
- 1932-05-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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12. Mai 1932 IDT5! Der Israelit Nr. 20 Seite 7 .heute gefahrdrohend entgegenstarrt, von außen und, lei->(15. Jahrhundert) unter besonderer Berücksichtigung der der ist es ja Wahrheit, auch von innen her. Wie die Grundlagen jüdischer Lebensgestaltung, der Sabbat, die Speisegesetze, die Ehe- und Reinheitsgesetze, aus den ver schiedensten Richtungen her und bedingt durch die man nigfaltigsten Krisenerscheinungen erschüttert werden, das zeigte der Redner in ernstester und eindringlichster Form Weit fort von unserer grauen, unruheerfüllten Welt führt Rabb. Dr. Bohrer, Gailingen, der, gesühlsbe schwingt und durchglüht von Erlebtem, erzählt von seiner diesjährigen „Reise i-n Erez Israel". Stark war der Beifall, bewegt die Zuhörer aus all den Gemeinden, die abseits vom Strom der Welt liegen und vielleicht seit langem nicht Erez Israel so vor sich hingebreitet sahen wie in diesen Schilderungen. — Zu den Gefahren der Zeit zurück führte dann das abschließende Referat von Prof. Darmstädter, der von den Nöten und Sorgen von „Gemeinde und Gemeinschaft in Baden" sprach und zu zeigen versuchte, wie man auch hierzulande den Ausweg finden müsse zwischen den gebieterischen zwangsläufigen Maßnahmen der leitenden Stellen und dem „Ideal der Notzeit", wie er es nannte dem Ermöglichen des unbedingt für den Bestand , der Gemeinde Notwendigen. Den knappen Ausführungen, die — ebenso wie die beiden vorausgegangenen Referate reichlich Erörterungsstofs boten — folgte eine kurze Aussprache. Schade, daß die Zeit zu bemessen war, als daß all die Wünsche und Sorgen der Vorsteher und Lehrer hätten diskutiert werden können! Aber wir sind sicher, daß die Tagung nicht mit dem abschließenden Wort der Versammlungsleitung beendet war. Wenn sie in den Kleingemeinden des badischen Hinterlandes in diesen Tagen vor und nach Schul, am Schabbos und zum Aumern Zusammenkommen, wird von den Dingen, die da gesagt wurden, noch mehr als einmal die Rede sein Der „Verein zur Wahrung" aber möge an dem Besuch, am Interesse, am Beifall und am ganzen so harmonischen Verlauf der Tauberbischofsheimer Omer-Tagung erkennen, wie nötig diese Veranstaltungen sind, und wie verdient sich alle die um das badische Judentum machen, die sich bei der Durchführung solcher Tagungen als Redner und Organisatoren nix» vvizur Verfügung stellen Kleinsteinach, 1. Mai. Anlählich der Kirchenvisitation durch S. Erc. Bischof Dr. v. E h r e n s r i e d aus Würzburg, erhielten die jüdischen Mitbürger unseres Ortes seitens der Gemeinde und Kirchenverwaltung ebenfalls Einladung zum offiziellen Empfang des hohen Kirchen fürsten. Nach einer in der Kirche -gehaltenen sehr toleranten Ansprache, in welcher S. Erc. insbesondere auf das schöne harmonische Verhältnis unter den Konfessionen in Kleinsteinach hinwies, berief er den Gemeinde- und Kirchenrat in den Gemeinde-Sitzungssaal. Er äußerte dem schon seit 27 Jahren dem Gemeinderate angehörenden jüdische Kultusmilglied Maier Walter den Wunsch, auch die Synagoge besichtigen zu dürfen. Er erschien in Begleitung von noch fünf anderen Geistlichen und ließ sich alle Einrichtungen eingehend erklären. S. Erc. sprach sodann der israelitischen Kultusgemeinde seinen Dank aus, mit dem Bedauern, wegen Zeitmangels nicht auch den historisch -berühmten israelitischen Bezirksfriedhof besichtigen zu können. Die Woche. Aus der Arbeit der Agudistischen Frauenorlsgruppe Zum Schluffe des Wintersemesters fanden noch vier interessante Vorträge statt. Am 22. Februar sprach Frau Dr. Dora Ebin g er über Goethe. In wohltuend warmer Darstellungsform beantwortete Frau Dr. Dora Ed'rnger im Zeichen des Goethejahres die Frage, warum wir Goethe feiern. Dabei deckt sie klar den geistigen Untergrund auf, über dem sich Leben und Weltanschauung der heutigen Jugend aufbauen: Sozialismus, Bejahung des körperlichen, triebhaften. Und hiermit entfremdet sich diese Jugend von Goethe, der nie beanspruchte, für alle zu sein, vom klassischen Goethe mit dem Ideal des harmonischen Gleichmaßes der Seele, der gemäßigten Triebe. Mutig flicht sie Worte der Kritik ein über die Haltung der älteren Generation zur geistigen Entwicklung der Jugend. Aber erfordert nicht gerade das, was diese Jugend von Goethe trennt, eine Rückkehr oder neue Einstellung unserer Kreise zu den reinen Höhen des Goethe'schen Klassizismus? — Der Abend war ein geistiger Hochgenuß für alle Anwesenden. Am 29. Februar sprach in hochinteressanter Weise Herr Heinrich E i s e m a n n über das Thema „Zur Geschichte des jüdischen Buches". Ein Zufall fügte es, daß das Thema am gleichen Tage zur Behandlung kam, an dem die jüdische Welt der 100. Wiederkehr des Todestages, Rabbi Wolf Heiden heims gedachte. Es war daher nur selbstverständlich, daß der Referent einleitend die unsterblichen Verdienste dieses großen Gelehrten und Druckers um das jüdische Buch würdigte. Da es im Rahmen eines einzigen Vortrages unmöglich war, das Thema des Abends auch nur in allergröbsten Umrissen zu erschöpfen, beschränkte sich der Referent nach einer kurzen Einführung in die Beziehungen des Juden zum Alphabet, zum Buchstaben, zur Schrift und zum Wort daraus, aus jedem Jahrhundert feit der Erfindung der Buchdruckerkunst einige charakteristische Kapitel aus der Geschichte des jüdischen Buches zur Darstellung zu bringen. Auf diese Weise wurde zunächst Entstehung und Entwicklung des Mischen Buchdruckes in der Jnkunabelzeit Arbeiten der Familie Sortcirio geschildert. Aus der Geschichte des jüdischen Buches im 16. Jahrhundert griff der Referent zwei Kapitel heraus: 1. Daniel Bömberg und seine Offizien in Venedig; die Behandlung dieses großen Druckers und seines Werkes gab Gelegenheit über die ersten umfassenden und zusammenhängenden Bibel- und Talmudausgaben eingehender zu berichten. 2. Der Kölner Judenbücher st reit, der in seinem ganzen dramatischen Ablauf ausführlich zur Darstellung gebracht wurde, da feine Geschichte in Frankfurt besonders interessieren mußte. Aus dem 17. Jahrhundert brachte der Referent nur wenige charakteristische Beispiele; unter ihnen die seine Zuhörerinnen besonders angehenden Memoiren der Glücket von Hameln, die allerdings erst im ausgehenden 19. Jahrhundert durch Druck veröffentlicht wurden, um dann aus dem 18. Jahrhundert in den Mittelpunkt seiner Ausführungen die Bibelübersetzung Moses Mendelssohns mit ihren die Juden Deutschlands revolutionierenden Folgen zu stellen. An drei äußerlich unscheinbaren Büchern des 19. Jahrhunderts, an den 19 Briefen S. R. H i r s ch s V an „Rom und Jerusalem" von Moses Heß und schließlich am „ I u d e n st a a t Theodor H e r z l s zeigte der Referent die gewaltigen Wirkungen, die von ihnen ausgegangen find. Zum Schluffe wurde kurz von der jüdischen Bibliophilie, vom Sammeln und Sammlungen jüdischer Bücher gesprochen. In einer Darstellung der einzigartigen Verbundenheit des Juden mit dem Buche, die ihm über alle dunkeln Zeiten hinweggeholfen habe und auch in Zukunft hinweghelfen werde, klang das vorzügliche Referat aus. (Schluß folgt.) Esra-Heim. Der Frankfurter Esra beabsichtigt in den diesjährigen Sommerserien wieder seine Landheime für Knaben und Mädchen im Alter von 13—17 Jahren zu eröffnen. Der Pensionspreis wird sich entsprechend der Wirtschaftslage auf Mk. 1.80 bis Mk. .— pro Tag belaufen. Der Gesamtpreis wird daher ca. Mk. 60.— betragen. Für gute und ausreichende Verpflegung wird Sorge getragen werden. Auch Nicht-Esräer können Aufnahme finden Anfragen und Anmeldungen sind möglichst umgehend an Frl. Bella Posen, Sandweg 44 (Tel. 46 921) zu richten. Tefilaus. Auf vielfache Anfragen hin teilt die Freie Vereinigung mit, daß die billigen Tefilaus (80 Pfg.) noch weiter im Büro der Vereinigung, Frankfurt a. M., Schützenstraße 10, erhältlich sind. Goelhefeier im Jüdischen Mdchenklub. In seinen Räumen, Langestr. 3, veranstaltete der Jüdische Mädchenklub eine stilvolle und stimmungsvolle Goethefeier, die die anwesenden Mitglieder und Gäste sehr befriedigte. Mit einer Sonate von Tartini für Klavier und Violine leiteten Frl. Betti Stern und Herr Marcel Oppenheimer die feierliche Stunde ein. Die wundervollen Harmonien der Klavier- und Geigentöne bewirkten eine besonders andächtige Stimmung. Herrlich sang Frau Alice Bogold Goethelieder von Schubert und Beethoven. Frl. Selma Buchbinder rezitierte den Osterspaziergang und Mahomets Gesang in schöner Weise. Die festliche Ansprache wurde von Dr. Frieda Fuchs gehalten. Sie ging davon aus, daß der Mädchenklub gerne' einen Abend der Besinnlichkeit widme, die uns aus der Zerrissenheit der Zeit herauszuführen vermöge und uns helfen solle, mit allen Kräften zu versuchen, jede drohende Mutlosigkeit zu überwinden und am Sinn des.Lebens festzuhalten, bis bessere Tage kommen. Frau Selma E i s e m a n n trug Prometheus vor, und ihre herrlichen Darstellungen des Liedes der Parzen, An den Mond, Der Königin Thule und des lieblichen Mailiedes werden wohl unvergessen bleiben bei allen, die dem Abend beiwohnten. Generalversammlung der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler. Die in Frankfurt a. M. stattgefundene Generalversammlung der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler wählte an Stelle des verstorbenen Herrn Julius Goldschmidt Herrn Dr. Felix Kauffmann zum ersten Vorsitzenden. Zum Schriftführer wurde Regierungsbaumeister Fritz Nathan gewählt. Frl. Jda Posen erstattete den Tätigkeitsbericht, dem zu entnehmen ist, daß die Gesellschaft, die durch ihre weit über Frankfurt, dem lokalen Sitz, hinausgreisende Arbeit schon zur Gründung einer Reihe jüdischer Museen und Ausstellungen die Anregung gegeben hat, auch bereits begonnen hat, diese Sammlungen in regelmäßigen Veröffentlichungen zu erfassen und durch die laufenden Publikationen zugänglich zu machen. Gerade in der heutigen Zeit könne diese von der Gesellschaft geleistete vermittelnde Tätigkeit zwischen Publikum und Forschung nicht entbehrt werden. Der Besuch in den mit der Gesellschaft zur Erforchung jüdischer Kunstdenkmäler in Verbindung stehenden Museen aus allen Kreisen der Bevölkerung lasse erkennen, daß diese Ausstellungen kein Luxus sind, sondern der Belehrung und inneren Bereicherung dienen. Als erste Sonderausstellung nach Eröffnung des- Mueums jüdischer Altertümer in Frankfurt a. M. ist eine Wolf Heidenheim-Ausstellung geplant, für welche die Einsendung, bezw. Bekanntmachung einschlägigen Materials, auch von Bildern, aus dem Freundeskreis Heidenheims, an die Geschäftsstelle der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler (Frankfurt, Fahrgafse 146) erwünscht ist. Die Gesellschaft hat soeben das 29. Heft ihrer Berichte versandt. Es enthält eine mit zahlreichen Illustrationen versehene Arbeit von Jda Posen über „Die Mainzer Thoraschreinvorhänge". Durch solche Veröffentlichungen wird die Vorarbeit für die schon lang erstrebte jüdische Kulturgeschichte geleistet. Agudas Jisroel-Iugendgruppe Zu dem Bericht über den Vortrag in der Frankfurt- Loge in derjüngsten Nummer wird uns berichtigend mitgeteilt, daß der Vortragsabend von der Palästina-Zentrale und der Agudas Jisroel-Jugendgruppe, Frankfurt a. M. (nicht, wie es dort irrtümlich hieß „Ortsgruppe"), veranstaltet wurde. «Deutscher, kauf bei Deutschen". In einem der Frankfurter nationalsozialistischen Massen-Meetings vor den Wahlen kam eine Broschüre zur Verteilung, welche unter dem Motto des Kampfes gegen die „Warenhausjuden" eine Liste von 182 christlich-deutschen Geschäften in Groß-Frankfurt, nach Stadtteilen säuberlich eingeteilt, enthält.' Nur 182 Frankfurter Geschäftsinhaber bekennen sich offen zum antisemitischen Deutschtum — in einer Stadt, wo ein Drittel der Wähler nationalsozialistisch sind. Man kann nicht wissen, ob dieses Bekenntnis aus Idealismus, aus der Not des Einzelhandels heraus oder aus Geschäftsreklame abgegeben wurde. Nicht einmal das kann man wissen, wo die größere Geschäftstüchtigkeit und die größere Ehrlichkeitsteckt: bei denen, die sich hier als deutsch bekennen, oder bei jenen, die sich nur als deutsch fühlen, aber doch vom Juden ihr Geld nehmen — so er es hat. Aber das Eine kann man wissen (leider): Sehr viele Juden fragen noch immer nicht, wohin sie ihr Geld tragen! . . . Wir wollen keinen Boykott gegen nichtjüdische Geschäfte, keinen Boykott gegen christliche Geschäfte. Unsere Weltanschauung, welche die Begriffe 'w» und 'iVip 'wv aufgestellt hat, verlangt ein friedliches Nebeneinanderleben und keine Isolierung, ja sie ver-' langt vielleicht sogar Dankbarkeit gegen das Staatsvolk. Aus Prinzip würden wir also einen Satz bekämpfen, der da lautete: Jude, kauf nur bei Juden! Aber eine andere Forderung, vom Sinai her, lautet bekanntlich py Tnx vn '• Hier kann sich wohl einmal ein Konflikt der Pflichten auftun. Um so mehr muß sich jeder einzelne Jude in jedem einzelnen Falle bewußt werden, daß Geldausgeben eine Entscheidung bedeutet: — Abgeben von Geld ist Abgeben von Wirkensmöglichkeiten, — eine Entscheidung darüber, wessen Möglichkeiten ich stärke, und welche Möglichkeiten ich ihm schaffe! Weiß ich denn, wozu mein Geld verwandt wird? Vielleicht für die Nationalsozialistische Partei, oder für die Gottlosenpropaganda! Aber eine Entscheidung sollte leichter fallen: und hierin stimmen wir zum Teil mit jener nationalsozialistischen Broschüre überein, wenn auch aus anderen Motiven! Wozu kaufen wir meist nur Waren von Konzernen und Gesellschaften? Hier werden große Summen mit einem einzigen Federstrich von einer Hand in die andere umgesetzt, Ansichten von Einzelpersonen spielen da keine Rolle — wer weiß, wohin die Gelder wandern? Ist der Fall Nordwolle schon vergessen? Sollten wir nicht lieber den Frioatgeschäftsmann, den Einzelhandwerker, wo wir sie kennen, stützen? Die paar Mark, die dort nur „in die Masse" fließen, sind hier ein Wert für den Mann und sein Werk und schaffen persönliche Bindung und Vertrauen! Schüfen sich sechsmalhunderttausend Juden in Deutschland jeder nur einen Freund, der von ihrer Menschlichkeit überzeugt wäre, so würden vielleicht sechsmalhunderttausend Zeugen aufstehen wider die Dummheit. Denn nur als Spekulation auf die Dummheit imponiert, was die uns vorliegende Broschüre in derben Knüttelversen zur Beschäftigung und Begründung ihrer geschäftlichen Propaganda zu bieten weiß; so fängt es an als „Sied der Warenhausjuden" (man muß es wissen, als Beitrag zur Massenpsychologie!): „Wir führen den Kistch und wir führen den Schund, Wir richten die kleinen Läden zugrund, Wir beuten die kleinen Kunden aus. Die Masse bringt's, im Warenhaus." . . Und so hört es auf — auch das muß man wisen, denn es klingt an die alte Schauermär von der Brunnenoergiftung durch Juden an: „Deutsche Frau und deutsche Maid, Schütze Dich vor bittrem Leid: (Man beachte den Doppelpunkt, denn jetzt kommt es:) „Gehet nur zu deutschen Aerzten!" Ein Lessing mußte seinen Nathan noch sprechen lassen: „Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche"; aber heute, so sollte man meinen müßte jeder, der weiß, was Mische Aerzte in Vergangenheit und Gegenwart der Menschheit geleistet haben, angesichts solcher Verdächtigungen nur ein Kopfschütteln aufbringen, wenn nicht — — ja wenn nicht auch auf diesem Gebiete der reinsten Menschenliebe die Zwietracht sich breit gemacht hätte: in der aktiven und starken Organisation eines Nationalsozialistischen Aerzte-Bundes und somit auch hier zur Abwehr und zum Selbstschutz zwänge.!i»W> ’is W' ’n A. M., Fr. Stadtbibliothek Frankfurt a. M. Katalog der Judaica und Hebraica. Er st er Band Zudaica. Jüngst erschien in Frankfurt a. M., Druck: M. Lehrberger u. Co., Verlag der Stadtbibliothek Frank-