Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 17-18 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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S0"' Der jsraelit nuK* Der Wundermann. Eine Pessach-Legeirde von I. L. Perez. In einem Städtchen Wolhyniens erschien einmal ein wunöermann. Obwohl es vor pestach war, zur Zeit, da jeder Jude voller Sorgen ist, rief doch seine Ankunft größtes Aufsehen hervor. Cm Rätsel von einem Menschen! Die Kleider zerfetzt und ein zerdrückter Zylinderhut am Kopfe. Cin jüdisches Gesicht — das Ebenbild G'ttes und von einem Bart keine Spur! Auch keinen Reisepaß hatte er und noch nie sah. ihn jemand etwas essen, weder koscher noch treifc -— er ißt überhaupt nicht! Fragt man ihn: „woher?" „Aus Paris!" „wohin?" „Rach London". „Durch ein wolhynisches Rest?" Cr hat sich verirrt. Ging offenbar zu Fuß. Ins Lechaus zum „winjan" kommt er auch nicht, sogar am „großen Sabbat" nicht. Lauft man ihm nach, steht man um ihn herum und'bittet, verschwindet er plötzlich, als ob ihn die Crde verschlungen hätte, und — erscheint am zweiten Cnde des warktplatzes wieder. Und Wunder verrichtet dieser Mann — kein menschliches Auge hat. so was je gesehen. Uebernatürlich! Gar bald hat er sich einen großen, bequemen Saal gemietet, damit er dort seine Künste vor aller Augen demonstriere. Glühende Kohlen verschlingt er wie Erdäpfel und aus dem Munde zieht er allerlei Seidenbänder heraus, von verschiedenen Farben. Und lang sind die Länder — wie das Galuth! Aus den Stiefelschäften wirft er Truthühner paarweise heraus — wie die Kälber groß, sie leben auch wirklich und laufen am Boden herum. Cr hebt dann einen Fuß und kratzt von den Stiefelsohlen Dukaten ab, wirkliche Golöstücke, eine ganze Schüssel voll. Man applaudiert begeistert, da pfeift er, und in der Luft beginnen Semmeln und Sabbatkuchen zu schwirren, genau wie fliegende Vögel. Sie flattern im Reigen oder zeigen einen „Siegestanz", er pfeift abermals und alles verschwindet augenblicklich, nichts bleibt, keine Semmel, keine Sabbatkuchen, keine Truthähne, keine Bänder, gar nichts! - Run ja, alle wissen es doch, daß auch der Teufel was vermag. Die Zauberer Aegyptens haben noch größere Wunder vollbracht. Zauberwerk! Worüber wir aber staunen, ist seine eigene Armut. Ciner, der Dukaten von seinen Sohlen abkratzt, hat keinen Mietzins zu zahlen. Mit einem pfiff bekommt er" Semmeln und Kuchen in Mengen und lebendige Truthähne zieht er aus seinen Stiefelschäften heraus und doch — ein Gesicht hat er, Herr im Himmel, schönere legt man ins Grab! Und in seinen Augen brennt der junger, der leibhaftige Hunger. Die Leute staunen und tuscheln: Die fünfte Frage zu „Ma Rischtane". Bevor wir aber zum „Ma Rischtane" kommen, wollen wir den wnnöermann verlassen und ein wenig Chaim Ionah und sein Weib Riwke Beile betrachten. Chaim Ionah war walöhändler. Da kaufte er einmal von einem hochgestellten Herrn einen Wald preiswert ab. Die Bauern aber, die im Walde arbeiteten, legten einen Protest ein, flugs kamen Beamte und sperrten den Wald ab. Chaim Ionah verlor dadurch sein ganzes Vermögen und wurde dann walöfchreiber. In der Folge verlor er auch diesen Posten und so — möge uns G'tt davor bewahren — sitzt er schon monatelang ohne Verdienst. Der Winter war furchtbar, nun rückt schon der Pessach heran, und sämtliche Hausgeräte, vom Hängeleuchter bis zum Kopfkissen, sind längst schon verpfändet. Riwke Beile redet ihm zu: „Geh und nimm das Armenmehl!" Chaim Ionah aber antwortet, daß er zu G'tt vertrauen habe, der Cwige, gelobt fei Cr, wird ihn nicht verlassen. Riwke Beile durchstöberte die ganze Wohnung, suchte alle Winkel ab und, o Wunder, sie fand einen silbernen Löffel, der vor Jahren verschwunden war. wahrscheinlich ein Wunder G'ttes! Chaim Ionah nahm den Löffel, ging auf den Marktplatz, verkaufte ihn'und übergab das Geld den: Gemeindevorsteher als Spende für das Armenmehl (Peffach-Mehl, das den Armen gratis gegeben wird), wie er es alljährlich getan hat. Die Armen, sagte Chaim Ionah, haben den Vorzug! Indes nähert sich der Feiertag, nur noch zwei Wochen stnds bis pessach, und die Armut sitzt felsenfest. Chaim Ionah vertraut auf G'tt. — Cr wird helfen, er wird uns nicht verlassen. Riwke Beile schweigt. Line rechtschaffene Frau gehorcht dem Manne. Tag auf Tag verrinnt. Riwke Beile' findet keinen Schlaf, sie vergräbt das Gesicht im Strohsack und weint leise, daß es Chaim Ionah nicht höre. Und für pessach ist nicht das geringste da. Die Tage sind noch schlimmer als die Rächte. Rachts weint man, dann wird es leichter. Bei Tage aber muß man in die Backen kneifen, daß sie rot bleiben. Die Rachbarinnen schauen ihr nach, staunen und stechen sie mit Blicken voll Mitleid. Manche fragen: „wann backen Sie Mazzoth? Haben Sie schon das Schmalz vorbereitet? Und die roten Rüben haben Sie schon eingelegt?" Die näheren Bekannten staunen: „was tut sich bei euch, Riwke Beile? Mangelt euch an etwas? Wir wollen euch leihen, lchämet euch nicht, das Leben ist ein kreisendes Rad ..." Chaim Ionah aber mag keine Geschenke und Riwke Beile wird gegen seinen willen nichts unternehmen. Sie sucht Ausflüchte und ihr Gesicht ist flammendrot. Die Rachbarinnen erkennen, daß es nicht beim Rechten ist und sie erzählen es ihren Männern, die gleich zum Rabbiner laufen: „Wie kann man das lassen?" Der Rabbiner hört sie an, seufzt, wendet den Kopf nach rechts und links, denkt lange nach und antwortet schließlich, daß Chaim Ionah ein gelehrter und g'ttesfürchtiger Mann fei, und wenn er G'ttvertrauen hat, so hat es feinen Grund . . . Die Leiden haben ihren Höhepunkt erreicht. Richt einmal Lichter hat Riwke Beile. Die pestachnacht ist da. Chaim Ionah verläßt das Bethaus und geht nach Hause. Alle Fenster sind von der Festtagsfreuöe umstrahlt. Seine Wohnung bloß ist in Finsternis gehüllt, wie ein Trauernder unter Hochzeitsgästen, wie ein Blinder unter Sehenden steht es da. Chaim Ionah aber ist nicht entmutigt: So G'tt will, wird auch er seinen pessach haben. Cr kommt nach! Hause und ruft fröhlich: „Gut Iom-Tow!" Keine Antwort. Cr ruft abermals, deutlich und betont: „Vergnügten Feiertag dir, Riwke Beile!" Aus einem finsteren Winkel heraus antwortet ihm Riwke Beile mit einer tränengesättigten Stimme: „Guten Feiertag, gutes Jahr!" Dabei leuchten ihre Augen wie glühende Kohlen aus dem Winkel hervor. Cr tritt an sie heran, beugt sich über sie und flüstert ihr liebevoll zu. „Riwke Beile, heute ist Feiertag . . . der Auszug aus Aegypten . . . der Tag der Freiheit, verstehe doch, man darf heute unbedingt nicht traurig fein! lind worüber trauerst du? wenn es G'tt nicht gefällig war, daß wir unseren eigenen „Seder" haben, so wollen wir seinem willen gemäß handeln und zu einem fremden Seder gehen. Alle Türen sind offen. Juden sitzen um die Tische und rufen laut: „Kol dichfin jejthej wejachal!", das heißt: „Wer hungrig ist, komme und esse!" Komm also, mein Täubchen, nimm das Tuch um den Kopf, und wir wollen beim nächsten Rachbar anklopfen." > Riwke Beile, die immer ihres wannes Willen befolgt, unterdrückt nüt aller Kraft das weinen, zieht mit zitternden Händen das zerrissene Tuch an, und schon wollen sie gehen, als im selben Augenblick sich die Türe öffnet, ein wann hereinkommt, an der Schwelle stehen bleibt und „Gut Iom-Tow!" grüßt. „Gut Iom-Tow!" antworten die Cheleute. Im Finstern aber erkennen sie niemanden. Der wann tritt ins Zimmer näher. „Ich möchte mit euch Seder sitzen." „wir haben selbst keinen Seder. G'tt hat es nicht wollen," antwortet Chaim Ionah. „wacht nichts. Ich habe den Seder bei mir." „In Finsternis werden wir Seder abhalten?" Riwke Beile konnte sich nicht zurückhalten und seufzte. „G'tt bewahre", entgegnete der Gast, „es wird schon licht sein!" Cr stellte sich in die Witte des Zimmers, rief etwas in der Zauberersprache und in der Luft erschienen zwei Silberleuchter mit brennenden Kerzen. Da erkennen die Cheleute, daß es der Wundermann ist, und sie starren und staunen ihn an und können keinen Laut aus der Kehle Hervorbringen. Riwke Beile faßt die Hände ihres Wannes und so stehen beide mit aufgerissenen Augen und offenem Wunde. Indessen wendet sich der Wundermann dem Tische zu, der verschämt im Winkel stand, und ruft: „Bedeck' dich, schöner Junge, und komm' in die Rlitte her!" Sogleich fällt vom Plafond eine schneeweiße Decke herunter, deckt den Tisch und dieser beginnt sich zu bewegen, bis in die Witte des Zimmers, genau unter den Leuchtern, die in, der Luft hängen. Die Leuchter wieder steigen hernieder und stellen sich auf ihn. „Die Seder-Betten fehlen ja noch!", sagt der wundcrmanil, winkt zu den drei Sesseln, die in drei Ziminerecken standen, und schon rückten sie'sich an den Tisch heran. Cr befiehlt: „Breiter werden!", und sie werden breiter und verwandeln sich in Großvaterstühle. „Polster!" ruft er, und vom Plafond steigen weiße Polster herunter, die sich auf die Stühle legen. Und abermals sagt er seinen Zauberspruch und am Tische erscheint die Seder-Schüssel mit allem Dazugehörigen. Darauf folgen Weinflaschen mit Becher, alles in schönster Ordnung, Hagadoth sogar mit Goldschnitt. - „Und Wasser zum waschen habt Ihr?" fragt der wundermann. „Auch das kann ich besorgen". Da erst kamen die Cheleute zu sich. Riwke Beile flüstert ihrem wanne zu: „Ist es erlaubt?" Da Chaim Ionah im Zweifel ist uild nicht antwortet, rät sic ihm, zum Rabbiner zu gehen. Challn Ionah aber meint, daß es gefährlich sei, sie mit dem Zauberkünstler allein zu lassen, darum solle sic lieber gehen. Sie aber glaubt, daß der Rabbiner ihrer Erzählung kein Gehör schenken werde, da sie doch nur ein einfältiges Weib fei. Cr wird denken, daß sie von Sinnen ist. Da es keinen Ausweg gibt, schleichen sie sich leise aus dem Zimmer, lasten den Zauberer allein mit dem Seder zurück und gehen zum Rabbiner. Der Rabbiner hört sie an, staunt, sinnt nach, bewegt den Kopf nach rechts und links und entscheidet endlich: „Cs ist festgestellt, daß alle Zauberei Blendwerk und gar nicht wirklich ist. Gehet also nach Hause, und wenn sich die wazzoth in der Hand brechen, der wein sich einschenken läßt und die Seder-Betten sich anfühlen lassen, ist es kein Zauberwerk, sondern ein Wunder G'ttes, und dann dürfet Ihr alles genießen." Also sprach der Rabbiner und die Cheleute gingen klopfenden Herzens nach Hause. Der wundermann war verschwunden. Der Seder aber stand wie früher. Sie fühlen die Polster — sie sind greifbar, der wein ließ sich einschenken und die wazzoth brechen sich .. Jetzt erst verstanden sie, daß in der Gestalt des wunöermannes kein Geringerer als der Prophet Cliah zu ihnen gekommen war. Und sie begingen ihren Festtag fröhlich, zusammen mit ganz Israel. (Aus dem Hebräischen übertragen von G. Drechsler.)