Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 17-18 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 17/18 Der 3 5 r c eilt 20. April 1932 Seine Lehre von der Selbstdeisikation, wodurch das Ilrseiende im Menschen seiner selbst inne wird, im selben Akt, in dem der Mensch sich in ihm gegründet schaut, erinnert sehr an Spinoza oder Hegel. Trotzdem meint Heber mit Recht, in Schelers theistischer Periode . die konsequentere Darstellung seiner Gedanken zum Problem der E'tteserkenntnis zu sehen. Heber schildert ausführlich Schelers phänonienologische Methode, seine Stellung zu Husserl, seine Unterscheidung zwischen Tatsachen und Tatsachen, Erfahrung und Erfahrung. .seine Gegenüberstellung von Induktion und Anschauung und seinen Ausgang vom Gegebenen und von der ersten Einsicht, die mit Evidenz einleuchte: daß etwas sei, und daß nicht Nichts sei. Er bringt die tiefe Begründung, welche die rationalmetaphysische, allgemein-religiöse' und positive G'tteserkenntnis bei Scheler erfahren, schildert, welche Stellung er der Religion und welche er der Metaphysik zuweist und wie in seiner pantheistischen Periode, die von ihm anfänglich abgelehnte Jdentitätslehre von Religion und Metaphysik eben zum Pantheismus führe, aber gerade nicht mehr auf phänomenologischer Grundlage erwachsen sei. Die Auflösung des gemeinhin angenommenen Gegensatzes von Glauben und Wissen, die Darstellung vom Begriff des Wissens und der Erkenntnis ist vor allem für den^gesetzestreuen und thaurolernenden Juden fesselnd, ebenso schelers Stellungnahme zu den verfchiedensten'Arten von G'ttesbeweisen. Hebers Arbeit ist nicht nur wegen der Präzision der Darstellung sondern auch wegen der Kritik, die er dem Hauptkapitel anfügt, wertvoll. Und wenn wir auch nicht immer von denselben Gesichtspunkten ausgehen, in vielen Punkten müssen wir ihm. beistimmen. Elias. The Sec ret ol ihe Jew. By Rabbi David Miller 0 a k 1 a n d , (Calif.) 127, Sheridan Road. Selbst. Verlag des Verfassers. 508 Seiten. „Phis book is not for sale" (dieses Buch ist nicht käuflich zu erhalten). Mit dieser lapidaren Bemerkung offenbart sich ein seltener Idealismus des Autors. Er will den jüdischen Häusern die Idylle des ehemaligen Glückes der Reinheit wiederbringen. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Reinheit der getragenen Sprache, den sittlichen Ernst, mit dem der Verfasser die Schwierigkeit des Problems, die tiefsten Geheimnisse des körperlichen Lebens einer öffentlichen Diskussion zu unterstellen, sieghaft überwindet, seine Kenntnis als Baumeister, oder last not least seine selbstlose Hingabe an die Verbreitung seiner Idee, die Reinheit des jüdischen Familienlebens dadurch zu fördern, daß er das Instrument dieser Reinheit, die nipo, zu einem billig zu erstellenden Teil des Inoentariums jedes jüdischen Hauses zu gestalten sucht. Eine tiefere Vertrautheit mit den Normen der Religionsquellen leistet ihm vortreffliche Hilfe. Mit zwei Einleitungen von Dr. Kanvar und Dr. Revel ist das Buch ausgestattet. Was irgend die Tiefe des Gemütes, die Wissenschaft der Hygiene, die modernen Bestrebungen der Eugenik an Argumenten für die Mann, Weib und Kind beglückenden Reinheitswirkungen des jüdischen Familienlebens bringen kann, ist in diesen Einleitungen und vom Verfasser selbst sorgfaltigst zusammengetragen. Mädchen und Mütter mögen an der Hand dieses Werkes einen sonnigen Weg durch das Dasein finden. Umsomehr schmerzt es uns, daß wir in einem Punkte der Praris nicht mit dem genialen und begeistert begeisternden Autor Zusammengehen können. Das ist der 2. Teil seines Werkes, welcher von der Construktion der Mikwe handelt. Der Verfasser selbst ist auf diese Opposition vorbereitet, wenn er von den Gegenströmungen der „ultrapiety“ spricht. Wir sagen dem Verfasser, einem Jünger des unvergeßlichen Rabbi Iizchok Elchonon Spektor von Kowno, wir sagen allen Kennern nichts Neues, wenn wir auf die bändefüllenden Diskussionen über die Eignung einer Wasserleitung von moderner Konstruktion als Zuführung des Wassers in die Mikwe Hinweisen. Vom nnnv an bis zum b’jnnV nnbn (um nur die jüngsten hundert Jahre zu erwähnen) findet man die Resultate mutiger und gewissenhafter Forscher in einer eingehenden großen Literatur niedergelegt. Die Kreise, welche der Verfasser als Träger einer „ultrapiety" empfindet, kommen fast durchweg zu einer Negatron der Eignung des aus Leitungen über Wassermesser. Syphons usw. zugeführten Wassers. Man kann in der Rezension eines Buches nicht diese Diskussion von neuem eröffnen, namentlich da, wie der Verfasser durchaus zutreffend bemerkt, auch eine lückenlose Vertrautheit mit den Konstruktionen von Wasserleitungen vorausgesetzt werden müßte. Aber der Autor mag dessen versichert sein, daß seine Darlegung, noch dazu unterstützt durch die Empfehlungen von nv^jna t"ht und anderer Rabbinen, bei einer solchen Diskussion einer sehr ernsten Würdigung teilhaftig würde. Würden wir im Prinzip — dem Fehlen des cains d’» -Charakters des über modern konstruierte Leitungen zugeführten Wassers — mit dem verehrten Verfasser einig gehen, so — wir stehen nicht an, dies zu erklären — würden wir das Projekt der „5 Dollar-Mikwe" im Privathause trotz mancher Bedenken wärmstens unterstützten, obwohl Vorsorge getroffen werden müßten, daß bei der Erstellung und bei jeder Reparatur der 5 Dollar- Mikwe eine rabbinisch erfahrene und mit der Konstruktion vertraute Kraft hrnzugezogen werden müßte, und obwohl bei den unkundigen Menschen die Gefahr einer Verwechslung l mit einer rituell völlig wertlosen gewöhnlicher Badeeinrichtung nicht von der Hand zu weisen märe. Ist aber nun dieses wunderbare Buch für die europäischen Kreise der „ultrapiety" umsonst geschrieben? Wir glauben nicht, denn wir sind überzeugt, daß die allgemeinen und speziellen Anschauungen über die Grundnormen der Reinheit des jüdischen Familienlebens auch den Bräuten und Frauen aus diesen Kreisen sehr viel des Guten und Schönen zu sagen hat. Wir sind davon überzeugt, daß dieses Buch solche Gemeinden, die weit, weit von jeder ultrapiety entfernt sind, veranlassen würden, eine Mikwe in gefälliger und ansprechender Form zu erstellen. Wir wünschen deshalb, daß eine Ueberfetzung dieses Werkes in seinen ersten zwei Dritteln sowohl in die deutsche, wie in die jiddische Sprache erfolge. Und wir sind sicher, daß man dann von dem Autor sagen kann 12 'lim D'2-ui oi27. Dr. P. K Die Gefangene G'ttes. Roman von S ch a I o m A s ch. Berlin 193 2. Paul Zsolnay-V erlag. Der neue Roman Schälom Asch's bedeutet für diejenigen, die den Entwicklungsgang des Dichters liebevoll verfolgen und insbesondere seine ostjüdischen Romane und Novellen schätzen, eine gewisse Enttäuschung. Man spürt darin ein Erlahmen der schöpferischen Kraft. Die Ursache braucht allerdings nicht in subjektiven Momenten begründet zu sein, sondern sie wurzelt in der Stoffwahl, die den Dichter auf weniger vertrautes Terrain führte. Asch hat eine probleinatische Frauennatur aus der zweiten Generation der americanisch-ostjüdifchen Eingewanderten in den Mittelpunkt seiner Erzählung gestellt, wobei ihn offenbar das Problem reizte, die aus dem Zusammenprall ererbter Gefühlswerte und angenommener assimilatorischer Einwirkungen entstehenden Seelenkonflikte aufzuzeigen. Aber die Darstellung hat etwas seltsam Sprunghaftes, weil sie fast ein ganzes Menschenleben in die Nußschale eines Roman-Oktavbandes zusammenpressen will und dadurch dem langsainen Wachstum seelischer Entwicklung nicht gerecht werden kann. Daß daneben sich Schalom Asch's scharfe Beobachtungsgabe in einer Fülle von ästhetisch reizvollen Einzelzügen zeigt, und daß es daher einen hohen Genuß gewährt das Buch auf sich wirken zu lassen, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Hauptsätze der Metaphysik. Von B r a n i s l a v Pe - tronievics. Heidelberg 193 0. Carl Winters Universitätsbuchhandlung. Petronievics hat mit einem kühnen Wurf in seinem 1904—1912 erschienenen Werk: „Principien der Metaphysik" dieser Wissenschaft eine neue Grundlegung geben wollen, die die euklidische infinititesimale Mathematik herausfordert, die unmittelbare Erfahrung als absolute Realität setzt und durch einen eigentümlichen Begriff des „Negationsaktes" die Probleme der Zeit, des Raumes, der Bewegung neu anpackt. Die Hauptsätze dieser Metaphysik und seiner sogenannten Hypermetaphysik faßt er in diesem Werk mit kurzer Erläuterung und Beweisführung zusammen. Diese knappe Schematisierung des Ganzen hat natürlich nur in Verbindung mit dem Hauptwerk einen Sinn. Daß wir unsererseits an dieser Stelle eines Urteil! uns enthalten, versteht sich von selbst. Manuel ior The Jewish Diabetic. By William 8. C o 11 e n s . B. S., M. D. Assistant Chief, Diabetic Clinic, United Israel Zion Hospital, New York 1932, Bloch-Publishing Company. 138 Seiten. Das Büchlein soll ein Wegweiser für jüdische Diabetiker sein, deren es in Newyork ca. 100 000 geben soll. Es verfolgt den Zweck, den Diabetiker über das Wesen seiner Krankheit, deren Verlaus, Komplikationen und Behandlung zu orientieren und ihm die Untersuchungs¬ und Heilmethoden an die Hand zu geben, mit denen er selbst operieren soll. Wir deutsche Aerzte werden eine solche Empfehlung als gefährlich ablehnen. Dem Titel wird das Buch nur soweit gerecht, als die zahlreichen Küchenzettel als milchig und fleischig gekennzeichnet sind. Ich nehme an, daß die zahlreichen einzeln aufgeführten und englisch benannten Speisen alle für Juden genießbar sind. San.-Rat Dr. A. Stern, Frankfurt a. M. Hänel im wesentlichen mit dem des Abstandes G'ttes von allem Irdischen. Er unterscheidet — und hier kommen religionsgeschichtliche Unterscheidungen als sekundäre Momente mit in Frage — Unnahbarkeitsheiligkeit, Hoheitsheiligkeit, Eiferheiligkeit, Vollkommenheitsheiligkeit und Ienseitsheiligkeit. Man sieht, daß der vorletzte dieser termini den eigentlichen Begriff der „Keduscho" darstellt, wie ihn die jüdische Ueberlieferung faßt, und daß sich die vorher genannten Begriffe lediglich als Konsequeenzen hieraus ergeben. Es kann an dieseer Stelle keine Rede davon sein, sich mit der Fülle der Einzelheiten, die in Hänels Buch verarbeitet sind, vorn Standpunkte der jüdischen Lehre aus auseinanderzusetzen. Das Buch kann natürlich nur aus seinen eigenen Voraussetzungen heraus, die nicht die unsrigen sind, gewürdigt werden und als ein relativer Fortschritt von der hochmütigen und degradierenden Betrachtungsweise gegenüber dem Alten Testament.zu einer ehrfürchtigeren und mehr in die Tiefe dringenden ist es aufs wärmste zu begrüßen. 'T. Der Frankfurter Kantor. Von Fabian Ogutsch. Eine Sammlung der traditionellen Frankfurter Gesänge. Das vom Vorstand der Israelitischen Gemeinde Frankfurt herausgegebene Werk ist eine Schöpfung des einstmaligen Frankfurter Oberkantors Fabian Ogutsch. Wer die Schwierigkeiten kennt, die „freien" Niggunjm in die rhytmische und taktische Form zu bringen, vermag die fleißige, gewissenhafte und mühevolle Arbeit zu würdigen, die in diesem Werke steckt. Aber bei aller Anerkennung für das Geleistete, darf man doch den praktischen Wert und die Bedeutung des Werkes nicht überschätzen. Das süddeutsche und speziell das Frankfurter Chajonus 'halte ich persönlich für das am wenigsten originale und daher für wenig wertvoll. Wenn im Vorwort davon die Rede ist, daß der Ursprung des süddeutschen Chasonus in Palästina vermutet wird, so liegt — trotz Jdelsohns und Kirschners Forschungen — hierfür nicht der geringste Beweis vor; konstruierte und oft an den Haaren herbeigezogene Hypothesen sind keine wirklichen Argumente. Wenn wir unser gesundes musikalisches Empfinden.sprechen lassen, so müssen wir immer wieder sagen, daß der größte Teil unseres „althergebrachten" Chasonus wirklich alles andere als spezifisch „jüdisch" ist. Daß gerade das Chasonus der „jomim nauroim", das wenigst charakteristische ja oft gerade trivialste darstellt, während das „gewöhnliche" Chasonus von Werktag und Sabbat noch das relativ beste ist, ist besonders merkwürdig. Und wenn im Vorwort des Werkes weiter gesagt und geklagt wird, daß die „einfachen Singweisen" durch das Eindringen der sogenannten „polnischen" Melodien in ihrer verderbten Art vielfach verfälscht und oft verhäßlicht wurden, so kann auch diese Behauptung nicht unwidersprachen bleiben. Gerade das polnische und nur das polnische und das ihm nahestehende und artverwandte ungarische Chasonus kann als wertvolles Chasonus bezeichnet werden. Hier wächst die „Komposition" wirklich aus der „Dichtung" heraus und beides Wort und Musik bilden ein nicht zu trennendes organisches Ganze. Hier schwingt wirklich eine jüdische Seele. Daß bei diesem Chasonus durch musikalisch und künstlerisch nicht vorgebildete „wilde" Chasanim viel gekündigt wird, ändert an diesem Tatbestand nichts. Nur dieses Chasonus — und nicht das süddeutsche und nicht das Frankfurter — kann — von seinen Schlacken und Auswüchsen befreit — die Basis bilden, auf der weiter zu bauen das Ziel aller deren sein muß, denen die Veredelung des G'ttesdienstes eine Herzenssache ist. Mar Neumann. Die Grundlagen der evangelischen Ethik. Von Otto Piper. 2. Band. Gütersloh 1930. Druck und Verlag von C. Bertelsmann. Die Religion der Heiligkeit. Von Prof. Dr. I. Hänel. Gütersloh 1931. Verlag C. Bertelsmann. Geb. Mk. 13.—. Das vorliegende Werk darf möglicherweise als ein Sympton dafür gewertet werden, daß man in theologischen Kreisen doch allmählich die Einseitigkeit und wissenschaftliche Gefahr der rein religionsgeschichtlichen Methode in ihrer Anwendung auf das Alte Testament zu erkennen beginnt und sich einer tieferen Würdigung des gedanklichen Inhalts der alttestamentlichen Religion zuwendet. Hänels Untersuchung ist ganz auf den Ideengehalt eingestellt, wenn sie auch die religionsgeschichtlichen Momente keineswegs ausschließt. Es ist aber die ganze Absicht der Untersuchung, durch die Herausarbeitung der absoluten Einzigartigkeit und Selbständigkeit der Heiligskeitsaufgabe im Alten Testament den Offenbarungscharakter und die Offenbarungseinheit der biblischen Religion zu erweisen. Den Begriff der Heiligkeit identifiziert Die Hauptziele des Werkes sind, festzustellen, daß eine apriorische Begründung der ethischen Werte ausgeschlossen ist, daß der Protestantismus sich mit rationeUem Individualismus nicht vertrage, daß die Ethik nur vom Gesichtspunkte der biblischen Eschatologie verstanden werden könne. Es spricht mit Nachdruck von dem Bösen als einer realen Macht, wendet sich mit Entschiedenheit gegen einen weltflüchtigen Spiritualismus und sucht das Verhältnis von Ich und Gesetz nach protestantischer Auffassung festiUstellen. Aus dem Inhalt heben wir hervor: die Diskussion der ethischen Werte, die Frage des obersten Werts, der Ideale und der ethischen Wirklichkeit, die Erfassung der Heiligkeit als des obersten Wertes und der G'ttesliebe als des Hauptideals sowie die Darstellung der Liebe zur Welt und zum Nächsten, als Arten der G'ttesliebe. Aus den natürlichen Bedingungen des Subjekts wird die Möglichkfeit des Glaubensgehorsams untersucht und die Hilfe, die durch die Einrichtungen der Religion dem Einzelnen geleistet wird, aufgezeigt. Das ganze Werk trägt ernstlich Rechnung den allerneuesten Wandlungen in der protestantischen Theologie der letzten Jahrzehnte, die ich grundsätzlich sehr weit von unserer jüdischen Auf- 'assung entfernt. Für denjenigen, der die Ethik in ihrer ganz speziellen Ausprägung im neueren Protestantismus, leimen lernen will, ist dieses Buch eine gründliche Belehrung. Dr. C.