Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 17-18 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 17/18 Der Israelit 20. April 1932 Professor Moriz Oppenheim. Zu seinem 50. Todestage. Erinnerungen von Isaak Oppenheim in Frankfurt a. 7Il. In diesen Tagen jährte es sich zum 50. Male, daß Moritz Oppenheim, der Schöpfer der „Bilder aus dem altjüdischen Familienleben", seine reiche irdische Laufbahn beschlossen hat. Bekanntlich entstammte Oppenheim einer frommen Hanauer Familie, von der einzelne Mitglieder das religiöse Erbe ihrer Väter bis auf den heutigen Tag streng gehütet haben. Der Künstler selbst bewahrte sich, trotz seiner großen Erfolge, sein echt jüdisches Herz bis an sein Lebensende. — Das Geheimnis des außerordentlichen Erfolges, den Oppenheim in erster Linie mit seinen so weit verbreiteten Bildern aus dem jüdischen Familienleben erzielte, liegt neben ihrem künstlerischen Wert vor allem in dem darin zum Ausdruck gekommenen und den Beschauer unwillkürlich gefangen nehmenden tiefen religiösen Gefühl, dem warmen jüdischen Familiensinn, das sich ihm beides im elterlichen Haufe und dessen Umgebung, in der alten Hanauer Judengasse, der so manche später in der jüdischen Öffentlichkeit bekannt gewordenen Familie entstammte, eingeprägt hatte. Daß diese Eindrücke der Jugend bei Oppenheim, wie schon oben erwähnt, nachhaltig geblieben sind, beweist die Tatsache, daß er feine Bilder aus dem altjüdischen Familienleben erst im vorgerückten Mannesalter zu malen begann, als er bereits ein berühmter Maler und durch seine ausgedehnte Tätigkeit als Porträt-Maler im Jn- und Ausland dem engeren jüdischen Kreis entrückt war. Der Zyklus der altjüdischen Bilder wurde Anfang der 50er Jahre begonnen und beschäftigte Oppenheim während der nächsten 30 Jahre, also bis kurz vor seinem Tode, indem er die verschiedenen Bilder desselben neben seinen anderen Schöpfungen zur Ausführung brachte. Moritz Oppenheim wurde am 7. Januar 1800 geboren. In seinen von ihm im hohen Alter verfaßten und im Jahre 1924 von seinem Enkel, dem bekannten Frankfurter Maler Alfred Oppenheim in pietätvoller Weise und mit zahlreichen Illustrationen nach den Werken des Meisters herausgegebenen „Erinnerungen" erzählt er, daß er einen Tag nach dem 10. Tebeth das Licht der Welt erblickt habe, nachdem, wie ihm mitgeteilt worden sei, seine gute fromme Mutter diesen Fasttag noch ganz gefastet habe. — Da Oppenheim schon sehr früh besonderes Zeichentalent bekundete, durfte er die Zeichen- Akademie seiner Vaterstadt besuchen. Angesichts der raschen Fortschritte, die er dort machte, entschloß sich der Vater, ihn Maler werden zu lassen, so schwer es ihm auch ankam, seinen Sohn die Künstlerlaufbahn betreten zu lassen, zur damaligen Zeit ein ungewöhnlicher Fall in frommjüdischen Kreisen. — Nach einem kurzen Studium im Städel'schen Institut in Frankfurt a. M., zu dessen frühesten Schülern er zählte, ging Oppenheim auf die Akademie in München und wurde dann Schüler Regnaults, des bekannten Hiftorien-Malers in Paris. Er verbrachte hierauf längere Zeit in Italien. Nach seiner Rückkehr von dort, ließ er sich in Frankfurt dauernd nieder. Durch mehrere bereits geschaffene Bilder biblischen Inhalts schon vorteilhaft bekannt, entwickelte Moritz Oppenheim sich bald zu einem gesuchten Porträt- Maler. Von seinen im Laufe der Jahre entstandenen Porträts seien nur genannt: Ludwig Börne, im Städel'schen Institut 'in Frankfurt befindlich, nach welchem Prof. Kaupert die Büste in den Frankfurter Anlagen schuf. Ferner die Porträts von Heinrich Heine, Gabriel Rießer, dem Musiker Ferd. Hiller und insbesondere die zahlreichen Bilder von Mitgliedern der Familie v. Rothschild, die ihm den Beinamen „der Maler der Rothschild und der Rothschild der Maler" eintrugen. Erwähnt feiert noch die Bildnisse der Kaiser Otto IV. und Joseph II. im Kaisersaal in Frankfurt. Ueber Oppenheims, jetzt im Goethejahr besonders aktuelle Beziehungen zu Goethe, die im Jahre 1826 begannen und zu einem Besuch im Weimar im darauffolgenden Jahre führten, bei welcher Gelegenheit ihm auf Goethes Veranlassung der Professor-Titel vom Großherzog Karl August von Weimar verliehen wurde, hat der Schreiber dieses in einem vor einigen Jahren in diesen Blättern erschienenen Aufsatz: „Goethe und der Maler Moritz Oppenheim" unter Veröffentlichung einiger darauf bezüglicher Briefe Näheres ausführlich erzählt. Die Unterhaltungen mit dem Dichter gaben Oppenheim nach seinen Mitteilungen wertvolle Anregungen zu verschiedenen neuen Kompositionen, u. a. auch zu dem Bilder- Zyklus zu „Hermann und Dorothea", der auch den Beifall Goethes hatte. Als Oppenheim, dessen stets sich gleich gebliebener bescheidener Sinn nicht nach äußeren Ehrungen strebte, sich bei Goethe für die verliehene Auszeichnung bedankte, sagte der Dichter zu ihm: „Titel und Orden halten manchen Puff ab im Gedränge", woraus wohl mehr der Großherzogliche Staatsminister als der Dichter gesprochen haben mag. Von den Bildern biblischen Inhalts, die Oppenheim im Laufe der Jahre schuf, seien hier nur erwähnt: „Hagars Abschied", „Die Findung Mosis", das in der Eremitage in Petersburg befindliche größere Bild „die Arche Noahs", „Rahel", die „Heimkehr des jungen Tobias" (im Thorwaldsen-Museum in Kopenhagen). Moritz Oppenheim erreichte ein Alter von 82 Jahren. Er starb am 26. Februar 1882. Ihm ward das Glück zuteil, bis zum letzten Tage seines Lebens sich einer seltenen körperlichen und geistigen Rüstigkeit, die ihm die Ausübung seiner künstlerischen Tätigkeit bis zuletzt ermöglichte, erfreuen zu dürfen. Stand doch noch am Tage seines Ablebens ein frisch begonnenes Bild auf seiner Staffelei! ' Dem Verfasser dieser Gedenk-Zeilen, mit Moritz Oppenheim verwandt, war es vergönnt, mit dem verehrten Großonkel noch während einer Anzahl Jahre des Oefteren zusammen zu kommen und bei solchen Gelegenheiten sich von seinen reichen Erlebnissen und seinem Zusammentreffen mit so manchem berühmten Zeitgenossen auf seinen vielen Reisen nach London, Paris, Berlin und Wolf Heidenheim. Am Sonntag, den 3. April, wurde in der Universitätsbibliothek zu Amsterdam eine Wolf Heidenheim-Ausstellung aus Anlaß des 100. Todestages des großen Exegeten und Grammatikers eröffnet. Der Konservator der Bibliotheca Rosenthaliana, Dr. L. Hirsche!, würdigte in einer Ansprache Wolf Heidenheims Lebenswerk. Rabbiner A. L. Leviffon las über das Thema Midrasch-in Palästina und Allegorie Philos. Dr. Jzah Prins sprach über Pressefreiheit der Juden Hollands im Mittelalter, D. S. van Zuiden-Haag hielt eine Vorlesung über die Beziehungen zwischen dem jüdischen Bankier Tobias Boas aus dem Haag (1696—1746) und den Prinzen von Oranien. Wy^-S - v "MM * ' f , , . , , - », Von der jüngsten Rabbinerkonferenz in Warschau. Rechts an der Schmalseite der Präsident: der am 21. März verstorbene Rabbiner Jecheskel Liebschitz s. A. aus Kalisch. insbesondere von den nachhaltigen Eindrücken seines mehrwöchentlichen Weimarer Aufenthaltes erzählen zu lassen. Auch über seine Bilder wurde dann öfter ge-' sprachen, besonders über feine neuesten Schöpfungen. So sprach er mit dem Schreiber dieses über sein damals noch in Vorbereitung befindliches Bild „Chanuka" und zwar über die einzelnen Spiele, die man auf dem Bilde anbringen könnte. Erstaunlich war dabei die liebevolle Sorgfalt, die er noch so unscheinbar dünkenden Details widmete, ein Umstand, der aus fast allen seinen altjüdischen Bildern so vorteilhaft in die Erscheinung tritt. — Das Bild „Ehanuka" war das vorletzte des Zyklus der altjüdischen Bilder, das er malte. Das letzte Vild war eine für den damals 81 Jahre zählenden Künstler bewundernswert ausgeführte Wiederholung der schon öfters gemalten „Hochzeit". Dieses Bild wurde 1881, „Chanuka" 1880 gemalt. — Gern und stets in warmen Worten gedachte Moritz Oppenheim, außer seiner so freundlichen Aufnahme seitens Goethes, des dänischen Bildhauers Thorwaldfen, des ebenso hochstehenden Menschen wie Künstlers, der sich des jungen jüdischen Malers in Rom, im Rom des damaligen Kirchenstaates so herzlich annahm und ihm fördernd zur Seite stand. — Noch auf seinem letzten Spaziergang, auf dem der Verfasser den greisen Künstler mit noch einer von „Onkel Professor", wie er in der Familie genannt wurde, besonders geschätzten älteren Verwandten begleiten durfte, erzählte er uns in angeregtester Weise und mit dem ihm eigen gewesenen feinen Humor, heitere Episoden aus seinem Leben, so, daß, als wir uns bei eintretender Dunkelheit von seiner Haustüre von ihm verabschiedet hatten, wir uns gegenseitig sagten: „Bei solcher Rüstigkeit kann Onkel 100 Jahre alt werden." Wie schmerzlich sollten wir über alle menschliche Voraussicht enttäuscht werden, als wir am nächsten Morgen mit Bestürzung vernahmen, daß Moritz Oppenheim kurz nach seiner Heimkehr einem plötzlichen Schlagansall erlegen war. Auch hier hatte.es die Vorsehung gut mit ihm gemeint, denn Moritz Oppenheim hörte nicht gerne vom Tode reden. Mit ihm ist ein ebenso genialer jüdischer Künstler als ausgezeichneter Mensch von dannen gegangen. Rosinkes mit Mandeln. Die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde hat sich ein hohes Verdienst um die Volksliteratur der Ostjuden erworben, daß sie eine erweiterte Auflage des bekannten Buches von Dr. Immanuel Olsvanger*) veranstaltet hat und sie dem Publikum zum Preise von Mk. 12.—, der allerdings für die augenblicklichen Begriffe etwas hoch ist, anbietet. Zu beziehen ist das Buch durch die Buchhandlung K e d e m in Berlin, Dahlmannstr. 8. Olsvanger hat in diesem Buche, das erstmals vor etwa 12 Jahren erschien, Schwänke, Erzählungen, Märchen, Sagen, Rätsel, Scherzfragen und Sprichwörter aus dem jüdischen Volksleben und zwar im originalen Jiddisch gesammelt. Eine gedrängte, aber sehr anschauliche- und leicht faßliche Darstellung des Jiddischen vermittelt, zusammen mit dem jedem Stück und außerdem in einem Wörterverzeichnis beigefügten Ueberfetzungen aller dem Deutschen fremden Wörter, die Möglichkeit eines vollen Verständnisses. In einer Einführung bemüht sich der Verfasser, die Atmosphäre des ostjüdischen Alltags- und Feiertagslebens in Haus und Gemeinde dem Leser nahezuführen. Der Titel der Sammlungen „Rosinen und Mandeln" ist einem weit verbreiteten jiddischen Volkslied entnommen. Wir geben in dieser und in einer der nächsten Nummern einige Proben aus dem Buche wieder, das gewiß auch in seiner neuen stattlichen Form viele dankbare Leser in der ganzen Welt finden wird. Der ganze Zauber der originalen jiddischen Volkssprache wird sich dem enthüllen, der sich in diese Stücke vertieft und man kann nach der Lektüre diesse Buches gewiß die unwissenschaftliche, aber leider weit verbreitete Behauptung nicht mehr aufrecht erhalten, das Jiddische sei nur ein verdorbener Jargon der deutschen Sprache. War es das einmal vor Jahrhunderten, so ist es heute'gewiß ein durchaus selbständiger Sprachstamm eigenen ästhetischen Wertes. Wi wer lachk. As me darzejltH a majsse2) a pauer3), lacht er draj mol. Dem erschien mol lacht er, wenn men darzejlt em di majsse, dem zweiten mol, wenn men darklert em, un dem dritten mol, wenn er sarschtejt di majsse. A porezZ lacht zwej mol. Ejn mol lacht er, wenn men darzejlt em un a zwejten mol, wenn man darklert em, worein3) farschtejn farschtejt er sie ssaj-wi-ssaj3)' nit. An ofizer lacht nor ejn mol, b'schaß") me darzejlt em, worem darkleren laßt er fach nit, un farschtejn farschtejt er nit. A id8), as me darzejlt em a majsse, macht er: „Wejß ich woß! alte majßeß!", un er ken die majße besser darzejlen. Punkt gekrosen. A junge wajbel hot gehat3 a ingel. Hot doch der wajbelß mame mejre ") gehat, as imizer fun di schchejnim sol nit geben dem kind kejn ajnore.") Hot si gewart, un as si hot gefen, as men hejbt on gejn zu sej, Hot si araußgenumen dem kind fun wigele un Hot ahin arajngelejgt a hintel") Eijne an alte idene is arajn, is si zugegangen zum wigele, un a bissel Hot sie nit darsen"), Hot si sich ajngebejgen, a kuk getan un gesagt: „Oj, a gesunt zu em! akurat der täte!"") Rubinschkejn. Ejner a id Hot epeß gedarft trefen af'n ban ejnem a Rubinschtejn. Is er arumgegangen af'n peron, un as der pojesd") is ongekumen, is er gelofen neben pojesd un Hot geschrigen: „Rubinschtejn! Rubinschtejn!" Is fun ejn wagon Hot ejner a jungerman araußgerukt di kop un Hot gekukt, woß men schrajt do. Lejft zu zu-n-em der id un git em a gesunten patsch") in bak arajn, un gejt awek. Hot sach in wagon ongehejben a gelechter. Un der jungerman, woß Hot getrogen in bak, sizt un kajkelt"> sach fün gelechter, lacht un chachutlulet") un ligt mamesch") afn bauch fun gelechter. Fregt men em doch: „Jungerman, mejle mir lachen, wajl ir Hot getrogen ascr gesunten patsch, ober woß Hot ir zu lachen?" Sogt er, kam28) woß er ken rejden fun gelechter: „Woß wejßt ir? Ich bin doch gornit Rubinschtejn!" *) Rosinkes m i t Mündeln. Aus der Volksliteratur der Ostjuden. Schwänke, Erzählungen, Sprichwörter und Rätsel. Gesammelt von Dr. Immanuel Olsvanger. Basel 1931, Verlag der Schweizerischen Gesellschaft f. Volkskunde. i) erzählt. 2) Geschichte, Schnurre. 3 Bauer. 4) Nichtjude, Gutsbesitzer. °) denn. 6) sowieso (es sei wie es sei). 7) während. 8) Jude. fl) geboren. 10) Furcht. u) Böser Blick. ") Hündchen. 13) Nicht gut gesehen, kurzsichtig. ") Genau wie der Vater. 15) Zug. 10) Ohrfeige. 17) rollt. 18) lacht laut. 1B) wörtlich. 20) kaum.