Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 17-18 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nummer 5 ■8. Jahrgang Hfäffei* de? fandeso?ganifa(!on de? Agndas-Zis?qei in Ventfekland. Hamburg, 20. April 1932 / 14. Nissan 5692 Schristleitung: Wolf S. Jacoöson in Kawörrrg. Agudas Zisroel und ihre Aufgaben. Von Ch. I. Eiß in Zürich. Wir' geben int folgenden eine Übersetzung des jiddischen Artikels, den CH. I. Eiß in der ersten Nummer des jetzt in Czernowitz erscheinenden Monatsblattes Der jüdische Weg veröffentlicht hat. Red. Ich höre oft fragen, was will eigentlich Agudas Iisroel und was sind ihre Aufgaben? Ich habe aber noch nie fragen hören, was will das französische oder das deutsche Volk oder irgend ein anderes Volk? cEitt Volk kann kein Programm haben und kann seine Aufgaben nicht im Einzelnen im voraus, darstellen. Lin Volk sorgt für seine Existenz, für den geistigen und materiellen Wohlstand seiner Bürger. Agudas Iisroel ist das jüdische Volk, das sein Augenmerk lediglich darauf zu richten hat, alle jüdischen Existenzfragen im, Geiste der Thora und der Mizwos zu beantworten. Dennoch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen denr jüdischen Volk und den anderen Völkern. Alle Völker sind geeint durch ihre Sprache und ihr Land. Sie haben ferner die Form ihres Lebens und ihrer Entwicklung selber geschaffen und haben daher auch das Recht, diese Formen zu ändern. Sie können sich durch Bündnisse mit anderen Rationen zusammenschließen, oder durch kriegerische Handlungen ein benachbartes Volk sich einverleiben. Dieses wird dann mit der Zeit die Lebensformen und die Sprache des anderen Volkes annehmen und sich ihm affimiliecen. Roch schneller können sich einzelne Volksglieder, wenn sie in ein anderes Land auswandern, dort der Umgebung ungleichen und ihre Kinder nehmen gewiß die Sitten und die Sprache ihres wohnlandes an. Jedes Volk schafft sich selber seine Gesetze und die Staatsgesetze umfassen Verbote und Gebote. Ulan verlangt vom Bürger, das; er Steuern zahlen soltz Militärdienst leistet usw. Man verbietet ihm zu stehlen, zu morden usw. Der Staat kann aber seine Gesetze auch ändern. Der einzelne Bürger jedoch wird dennoch nieinals sagen können: ich habe mich an den Wahlen nicht beteiligt, das Parlament vertritt mich nicht und ich werde mich an die Parlamentsbeschlüsse nicht gebunden erachten. Ob er gewählt hat oder nicht, er muß sich dem Staatsgesetze fügen.. will aber einer die Staatsordnung untergraben, so wird er als Staatsverräter betrachtet und verliert das aktive und passive Wahlrecht.- Das jüdische Volk hat seine Gesetze nicht geschaffen. Das jüdische Volk ist nur zum Volk geworden, weil die Gesetze, die es am Berg Sinai empfangen hat, es zum Volke schufen. Seine Gesetze waren früher da als das Volk, daher kann das jüdische Volk seine Gesetze nicht ändern. Diese Gesetze ändern, bedeutet das jüdische Volk auflösen und auslöschen. Uns bindet kein Territorium und keine Sprache zusammen, nur die Gesetze der Thora, die uns zum Volke gemacht haben, die unser Staatsgesetz sind. 2000 Jahre leben wir ohne Land und Sprache und sind uns trotzdem unseres Volkstums bewußt, das im Augenblick der Uebergabe der Thora proklamiert wurde. Damals wurde ausgesprochen, daß die Verpflichtung des Gesetzes sich beziehe auf diejenigen, die anwesend sind und diejenigen, die nicht anwesend waren, sondern in Zukunft leben werden, wer diese Gesetze nicht anerkennt, wer diese unsere geistige Existenz untergraben will, den müssen wir als Staatsverbrecher betrachten und er kann in unserem Volke keinen Anspruch auf Ehrenrechte erheben, wir sind nur ein Volk mit unserer Thora, ohne die Thora hören wir auf, das ewige jüdische Volk zu sein, denn weder ein Territorium, noch eine Sprache macht uns zum Volke. Unsere Rationalisten verstehen das ganz gut und wollen uns eben deshalb Land und Sprache geben, um 'für einen E r s a tz der Thora zu sorgen und zugleich das jüdische Volk dadurch zu einem Volke wie alle anderen 'Völker zu gestalten. Aber abgesehen davon, daß eine tausendjährige Erfahrung uns die Unmöglichkeit dieses Versuches bewiesen hat, ist dieses ganze nationalistische Experiment ein leerer Traum. Mit jedem jüdischen Ehaluz, der in Erez Iisroel einwandert, wächst und vergrößert sich gleichzeitig die arabische Bevölkerung um ein mehrfaches, so daß auch die Zionisten die Hoffnung aufgeben müssen, eine jüdische Herrschaft in Erez Iisroel zu erlangen. Und was die Sprache betrifft, so besitzen die Rationalisten in der ganzen Diaspora nur ein einziges hebräisches Wochenblatt in Amerika und ein einziges in Europa, während vor der Balfour-Deklaration und vor dem Kriege es zwei, zeitweise sogar drei bis vier hebräisch-jüdische Tageszeitungen gegeben hat. wie aber verhält sich das jüdische Volk zu denjenigen, die seine Existenz untergraben wollen? Zu denen, die seine einzige Lebensquelle vernichten und ein Judentum ohne Iüdischkeit aufbauen wollen. Der Ehofez Ehajim, der älteste unserer Geaunim, hat einmal sehr gut gesagt: „Unsere Juden glauben dein Pfarrer mehr als dem S ch u l ch a n O r u ch. während der S ch u l ch a n O r u ch entscheidet, daß einer, der öffentlich den Sabbat entweiht, als Richtjude anzusehen ist, wählt man trotzdem ruhig solche öffentlichen Sabbatentweiher zu Vorstehern jüdischer Gemeinden und zu Wortführern des Judentums, wenn aber der Pfarrer einen als getauft erklärt, so glaubt man dem Pfarrer und schließt erst in diesem Augenblick den Getauften aus Klall Iisroel aus." wir stehen jetzt in einem Abwehrkampf gegen unsere Staatsverbrecher, wir müssen die frommen jüdischen Massen aufklären, daß das jüdische Volk nur ein Volk sein kann durch seine Thora, wir dürfen uns aber keineswegs damit begnügen, die Hand nur ans Schwert zu legen, sondern wir müssen dafür sorgen, daß mit der anderen Hand das Haus G'ttes aufgebaut wird, wir müssen alle jüdischen Fragen im Geiste der Thora und der Mizwos lösen. Die Agudas Iisroel ist keine Partei im Judentum mit einem begrenzten Ziel, sondern s i e ist das organisierte jüdische Volk. Die Kenessio Geöanlo, wo unsere v'vrni v'iiX' unser Rabbinischer Rat mit den Zaöikim und Geaunim der Welt an der Spitze standen, ist unser parlainent. Die Beschlüsse dieses Parlaments zu respektieren, sind auch diejenigen verpflichtet, die nicht gewählt haben, wir müssen sorgen für den Ausbau unserer geistigen Kraft, d. h. der Kraft der Thora, Ieschiwos gründen, die Thoralernenöen unterstützen, Bell) ^acob-Schulen errichten und uns befreien von den unberufenen Vormündern. Und G'tt wird zu unserer Hilfe sein. Verländlichuug. Von Kalman Kakau. Rach einem meiner Referate über die 2lgudo, das ich in Marmarofch Sighct hielt, meldete sich bei mir ein junger Agudist mit der Frage, ob und was für ein soziales Programm die 2lgudas Iisroel habe. Es ist doch ganz klar — argumentierte er — daß eine Organisation, die eine Lösung der Iudenfragc will, unbedingt ein weitsichtiges soziales Programm haben muß. Meines Erachtens war er vollkommen im Recht. Denn die 2lgudas Hisroel, die die Gesamtheit der jüdischen Probleme lösen möchte, muß dieser Frage, die eine der brennendstem der jüdischen Sn-aße ist, ihr 2lugenmerk schenken. wenn wir uns bloß auf Unterstützung der rvn'W und Verbreitung.des rrnnn niQ'ch beschränken sollen — wie es manche verlangen — damit keine Arbeitszersplitterung eintrete, auch dann müßte die Orthodoxie für die Lösung dieser Frage Sorge tragen. Jede Gruppe, die eine Weltanschauung vertritt, muß von ihrem Standpunkt aus eine Lösung, oder wenigstens Linderung der wirtschaftlichen Rot versuchen. Besonders wir Juden,- die wir -— wie es feder zugeben muß — unter anormalen Verhältnissen, sowohl in der Diaspora, wie auch in Erez Iisroel leben, müssen für unser ökonomisch fundiertes Weiterbestehen Sorge tragen. Bis heute hat die 2lgudas Iisroel bloß durch Stellennachweise und Wohlfahrtspflege versucht, die Rot Einzelner zu lindern; dies genügte, um dem Satze mm t»r 'Nvp nx« halbwegs Rechnung zu tragen. Es war aber kein soziales Programm, das das Uebel an seiner Wurzel anpackte und versuchte, es wenigstens zum Teil zu beseitigen. Und dies ist doch die Pflicht der 2lgudas Iisrocl. die alle Fragen im Geiste der Tauroh lösen soll. Wir müßten versuchen, eine Lösung für längere Zeit nach menschlichem Ermessen herbeizuführen. Ratürlich wären auch dann Wohlfahrt und Stellenvermittlung als „halbe" Mittel notwendig, aber das ganze soziale Programm können und dürfen sic nicht ausmachen. was sehen wir statt dessen? Die offiziellen Organe der Agudo habet! bis beute kein diesbezügliches Programm aufgestellt. Einzelpersonen, Führer der Weltagudo, haben sich zwar bemüht, einen weg zu zeichnen, aber ihre Vorschläge wurden dennoch durch die offizielle 2lgudo nicht angenommen. Der Siedlungsgedanke, mit dem sich Rathan Birnbaum trägt und den er der Oeffentlichkeit unterbreitete, hat sogar beim Schomre-Schabboskongreß Zustimmung gefunden, seitens des Weltverbandes wurde sogar in Betracht gezogen, diesen in 2lngriff zu nehmen, aber auch dort blieb es bei den schönen Worten. Heute besteht nun die Möglichkeit, daß wir, ähnlich dem Schomre-Schabbos-Verband, eines schönen Tages, einen „neutral"-orthodoxen Verband auftauchen sehen, der sich dieser 2lufgabc annimint. Proteste, daß dieser Gedanke ureigenstes Gut der 2lgudo ist, werden dann kaum nützen. Die 2lgudo besitzt heutzutage die Möglichkeit, die gesamte Orthodoxie für ein 2lrbeitsgebiet zu interessieren, merkwürdigerweise tut sie es aber nicht, wir sehen, daß andere jüdische Organisationen sich mit der Frage ernst.befassen und im Siedlungsgedanken einen Teilausweg aus der Krise' sehen, wir aber, die am meisten an einer möglichst schnellen positiven Erledigung der Frage interessiert sind, versäumen diese 2lrbeitsmöglichkeit, wie notwendig sie auch» sein mag. Die Agudo hat ihren Rainen mehreren Bestrebungen, die vielleicht keine solche Engagierung und Unterstützung verdient hatten, geliehen, durch d i e Profi a g i e r u n g des Siedlungsgedankcns würde sie s i ch e r i h r e n R u f n u r st ä r k e n. Es ist heute eine Binsenwahrheit, daß Berufsumschichtung eine Lebensnotwendigkeit des jüdischen Volkes ist. Es mag wohl Leute geben, die es mit Bedauern feststellen, an der Tatsache kann aber niemand rütteln. Gibt es für uns Orthodoxe in der heutigen Zeit der Kollektivierung eine andere Möglichkeit der Berufsnmsckichtung als die der veclandlichung? nichtjüdischen Fabriken können wir keine schabbosfreien Stellen bekommen und auch in jüdischen ist es fast unmöglich. 2lls selbständige Handwerker können sich heute kaum Einzelne niederlassen und eigene Fabriken, in denen nur Gesctzestrene Arbeit finden sollen, können wir unmöglich gründen, eigene Warenhäuser, in denen unsere Angestellten, am Schabbos frei haben, können wir nickt eröffnen. Dieser Gedanke klingt doch geradezu absurd und lächerlich.