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Der Israelit · 1932-04-20 · Heft 17-18 (20.4.1932) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 17-18 (20.4.1932)
Date
1932-04-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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20. April 1932 Der Israelit Nr. 17/18 Seite 9 Vermischtes. Aschasfenburg, 5. April. Am 3. April fand die Generalversammlung des Fürsorgevereins für israelitische Nerven- und Gemütskranke, Aschasfenburg im Verwaltungsgebäude zu Lohr statt. Seit dem Tode des bisherigen 1. Vorsitzenden, Rabbiner Dr. R. Breuer führt Herr Dr. Stein, der seitherige stellvertretende Vorsitzende, den Verein weiter. Er begrüßt die Erschienen und widmet vor allem unserem seitherigen Vorsitzenden, dem eifrigen Förderer und Mitgründer des Vereins, rührende, von Herzen kommende Worte. Tiefergriffen schildert Herr Rabbiner Dr. Stein das Wirken und Schaffen dieses leider allzufrüh Heimgegangenen Meisters und entwirft als bestes Lebensbild die Geschichte unseres Vereins, denn mit dem " Tode des 1. Vorsitzenden ist eine geschichtliche Epoche zum Abschluß gekoinmen. Bis auf das Jahr 1913 gehen die Anfänge der Geschichte zurück. Die beiden tapferen Führer ■y»n mn 'an*> haben, durch die Seelsorge in zwei verschiedene Kreisanstalten (Lohr und Werneck) angeregt den Verein ins Leben gerufen und trotz mancher Mißgeschicke ihn zu dieser segensreichen Institution ausgestaltct. Wer jemals, die religiöse Not dieser bedauernswerten Kranken geschaut, muß die hohe Bedeutung und den Segen unseres Fürsorgevereins erkennen. Niemand möge sein Herz verschließen, wenn auch in schwerer Notzeit der Aufruf an ihn ergeht, an unserem Werke mitzuhelfen. In sinniger Ausdeutung des Wortes nas? schließt der Vorsitzende den Nachurf mit den Worten: „Ein Mann wie Rabbiner Dr. Breuer kann schon deshalb nicht vergessen werden, weil eine Persönlichkeit wie er, nie wieder zu finden ist". Tief ergriffen erhebt sich die Versammlung, Freunde des Heimgegangenen, die glücklich waren, mit ihm an seinein Lieblingsmerke mitbauen zu helfen. Ein Bild des Verstorbenen wird zum Ewigen Andenken im Vereinshaus angebracht. Der eifrige Schriftführer unseres Vereins, Herr Fabrikant David Freund, Aschaffenburg, gibt den Jahresbericht, der ein Zeugnis ablegt, daß ein jeder der Verwaltungsmitglieder sein Arbeitsfeld ausfüllt und hier mit einer Gründlichkeit gearbeitet wird, die vorbildlich sein kann. Der unermüdliche Kassierer, Herr Louis Grünebaum, Aschasfenburg, gibt den Kassenbericht. Trotz der Schwere der Zeit legt er Zeugnis ab, von dem nie erlamenden Opfersinn unserer jüdischen Gemeinschaft. Obwohl die Lasten des Vereins sehr groß sind, konnten wir noch mit einem verhältnismäßig kleinen Defizit von ca. Mk. 2000.— unser Budget schließen. Allerdings muß im Zusammenhang damit erwähnt werden, daß der größte Teil unserer Patienten vollständig kostenlos verpflegt wird.und auch die zahlenden Kranken nur unsere Auslagen vergüten. Dem Berichterstatter und Kassierer wird Decharge erteilt und anerkennend all derer gedacht, die uns mit Rat und Tat unterstützen. Alle aktuellen Fragen werden in der Debatte ausgiebig besprochen. Den Abschluß bildet ein hochinteressanter Vortrag unseres Vereinsmitgliedes Dr. Msrzbach, Frankfurt a. M., über die moderne Behandlung von Gemütskranken und die materielle Not dieser Aermsten, Herr Dr. Merzbach wird nu, Wunsch seine Gedanken einer größerer Öffentlichkeit unterbreiten. Es wird ein Impuls werden, die segensreiche Tätigkeit unseres Fürsorgevereins noch auf eine breitere Basis zu stellen. Nach fast 4 stündiger Aussprache schließt der Vorsitzende die Generalversammlung und dankt allen Anwesenden für die eifrige Mitarbeit. Posen, 6. April. Das Zentralbüro der jüdischen Kleinhändlerverbandes Polens nimmt in einem Komunique Stellung zu den in der letzten Zeit wieder sich häufenden Ileberfällen aus jüdische Wanderhändler, nainentlich auf Jahrmärkten in den Wojwodschaften Posen und Pomerellen. Bei diesen Ileberfällen werden die jüdischen Markthändler in schwerster Weise mißhandelt und der gesamten Ware beraubt. In dem Komunique wird erklärt, daß die Organisierung der lieberfälle von der Boykott-Organisation „Grünes Band" ausgeht. Solche Jahrmarktspogrome kamen zuletzt in Szrem, Wolsztin, Prustsz, Miska-Gurko, Wanbuszezsna (alle in der Provinz Posen) vor. In Fabianiz, Pruszkow und in anderen Orten der Provinz Pomerellen wird die Voykottpropaganda tri der Weife getrieben, daß die jüdischen Geschäfte von Agitatoren blockiert und Käufer am Betreten derselben verhindert werden. Eine Abordnung des Kleinhändleroerbandes sprach im politischen Departement des Innenministeriums vor, wo man der Delegation versicherte, daß Vorkehrungen zum Schutze der jüdischen Wanderhändler auf Jahrmärkten getroffen werden. Es wurde erklärt, daß in Kazmiemje, Krotozin, Krziwinije und Grodzisk- Poznanski wo früher regelmäßig Huligan-Ueberfälle auf jüdische Wanderhändler vorzukommen pflegten, heute infolge der Maßnahme des Innenministeriums vollkommen Ruhe herrscht. Wien, 5. April. Aus dem Verwaltungsbericht der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde für das abgelaufene Jahr ergibt sich eine Kultussteuerquote von ca. S. 48 pro Kopf. Im Jahre 1931 wurden 6336 Konti jüdischer Kultusfteuerzahler gelöscht, gegen bloß 1550 Neubemessungen im gleichen Jahre; darin drückt sich der wirtschaftliche Niedergang der Wiener Judenhejt drastisch aus. Infolge Austritts aus dem Judentum wurden im Jahre 1931 im ganzen 236 Kontolöschungen vorgenom- Die mit Finanzhilfe der American Joint Reconstruction Foundation gegründete „Jüdische. Kredltkasse für Kleingewerbe und Kleinhandel in Wien" hielt dieser Tage Aufruf! Der 24. April ist nicht nur für Preußen, sondern für ganz Deutschland ein Entscheidungstag von allergrößter Bedeutung. Bei den Preußenwahlen kommt es daher auf jede Stimme, auch auf Ihre Stimme an. Wir sind uns wohl darüber einig, daß es gilt, alle Kräfte einzusetzen, um zu verhindern daß der Nationalsozialismus an die Macht kommt. Ein Hitlerregiment in dem größten Lande Deutschlands brächte auch im Reich den Faschismus, damit den Terror, Bürgerkrieg und die Zerstörung aller mühsam in den letzen 13 Jahren aufgebauten neuen Ordnung. Die Wahlen in Hessen und in Oldenburg im letzten Jahre haben gezeigt, daß die Deutsche Zentrumspartei dem Nationalsozialismus wirklich festen Widerstand entgegensteilt. Hätte am 15. November v. Js. in Hessen sich die Zentrumspartei nicht so gut gehalten, ja um 10 Prozent an Stimmen gewonnen, dann hätten wir heute in Hessen ziemlich sicher eine nationalsozialistische Regierung. Gerade in Preußen wird es darauf ankommen, daß das Zentrum gestärkt in den neuen Landtag einzieht. Wollen Sie ernstlich und wirksam den Faschismus bekämpfen, dann wählen Sie Feld 3 Zentrum! Denken Sie daran, daß das Zentrum stets die Partei für Ruhe und Ordnung, für Toleranz auf j edem Gebiete, insbesondere der Gewissensfreiheit gewesen ist und für die Gleichberechtigung der Stände, der Konfessionen, namentlich der vollen Freiheit der Religionsübung eingetreten ist. Werben auch Sie daher, bitte, für das Zentrum! Ein starkes Zentrum ist der wirksamste Damm gegen die faschistische Flut! ZENTRUMSPARTEI GROSS-FRANKFURT Vorsitzender Börserat Glück, teilte mit, daß die Israelitische Allianz 6.—13. Mürz in allen jüdischen Fächern wie Pentateuchs srr>;^v. s;„ cr.-jx.-r-t.— 1 Gebete, biblische und jüdische Geschichte, Propheten, Mischzu Wien beschlossen habedie Ziele der Jüdischen Kreditkasse durch Uebernahme von Geschäftsanteilen im Betrage von 10.000 Schillingen zu fördern. Auch die Verhandlungen mit der Foundation erbrachten ein befriedigendes Ergebnis, so daß der weitere Bestand dieser jüdischen Kreditstelle gesichert erscheint. Der Geschäftsbericht entrollte ein düsteres Bild der Wirtschaftslage des jüdischen Kleingewerbes und Kleinhandels und deren fortschreitender Pauperifierung. Vurgpreppach, 11. April. Das erste Vollschuljahr unserer Israelitischen Handels- und Bürgerschule „Talmud Tora" endete am 20. März 1932. Mit dem Ablauf dieses Jahres hat diese Pflanzstätte jüdischer und allgemeiner Bildung, die der unvergeßliche Rabbiner Abr. Hirsch vor mehr als 50 Jahren ins Leben rief und der ausgezeichneten Männer zum Segen des Judentums und der jüdischen Jugend ihre Lebensarbeit gewidmet haben, von neuem ihre Eristenzberechtigung und Notwendigkeit bewiesen. Es wurden folgende Fächer unterrichtet: Englisch, Französisch, sämtliche Handelswissenschaften, Stenographie und Maschinenschreiben. Daneben kam auch die landwirtschaftliche und sportliche Betätigung zu ihrem Rechte. Der Hauptwert wurde jedoch im Sinne des Gründers der , . „Talmud Tora" auf Ausbildung in allen Neligionsihre diesjährige Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Wissenschaften gelegt, und zeigte die Prüfung, die vom nah. Talmud usw. durch den Leiter der Anstalt, Herr Bezirksrabbiner Dr. Ephraim, hier, stattfand, recht beftiedigende Resultate. Das neue Schuljahr begann am 4. April d.' I. Erfreulicherweise liegt eine größere Anzahl von Neuanmeldungen vor. Die „Talmud Tora" in Burgpreppach hat sich bisher um die Ausbildung von mehr als 1000 Lehrern und Kaufleuten verdient gemacht. Es soll auch in Zukunft das Bestreben der Schule sein, ihre Zöglinge zu aufrechten und kenntnisreichen Juden und berufstüchtigen Menschen heranzubilden. Um weitesten Kreisen den Segen einer besseren allgemeinen und jüdischen Bildung zukommen zu lassen, ist der Pensionspreis so niedrig wie irgend möglich bemessen. Auf diese Weise können auch minderbemittelte Schüler Aufnahme finden. Der Einfluß des hiesigen streng gesetzestreuen Milieus in- und außerhalb der Schule, das Fehlen zersetzender Großstadteindrücke, die persönliche Beaufsichtigung eines jeden Schülers gewährleisten eine geschlossene jüdische Erziehung und eine individuelle Behandlung der Schüler. Das Wiederaufleben einer jüdischen Bildungsstätte auf dem so sehr bedrohten und doch für die Zukunft des deutschen Judentums so wichtigen Land gebiet kann nur wärmstens begrüßt werden.

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