Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1932)
- Date
- 1932-04-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Der I s r a e I i t 14. April 1932 Schwer konnten wir uns von dem wunderbaren Schauspiel trennen — still und ohne zu reden gingen wir auf die Häuser zu. Sofort fragte ich den ersten, der des Weges kam, nach der Wohnung R'Owadjas, des Alten. Dieser hob jedoch seinen Kopf und mit einem Llick nach oben sagte er uns: „Oben in der Höhe." Trauervoll schüttelte er den Kopf, und fügte noch hinzu: „Tin guter Jude, ein guter Jude war Rabbi Owadja". Ich wollte meinen Ohren nicht trauen, sollte es wirklich wahr sein, währ und wahrhaftig — vielleicht war es nur ein Irrtum — so fragte ich: vor einigen Tagen hatte ich ihn doch gesehen und gesprochen, und seine Erzählung gehört? Doch es war so: Am Freitag ging er von dannen . . . Nit der Agudas Zisroel in Palästina.') I. Der Einzug ins Land. Es war gegen Mittag, als wir uns aus dem Hunten Gemühle des Jaffaer Basars auf die spiegelglatte Landstraße hinausarbeiteten, die zwischen blühenden Orangengärten nach Jerusalem führt. Rechts und links winken, graugrün und sonnenbestrahlt, die Berge Judäus. Wir sind, nachdem die „Mitfahrer" sich von uns in Jaffa gesondert hatten, noch etwa zwanzig Mann in unserem Autobus, der die Aufgabe hat, uns in knapp zehn Tagen durch das Land zu führen. Unser Chauffeur heißt Hausmann, ist ein Jerusalemer Kind, spricht hebräisch als Muttersprache und kennt Erez Israel in seinen entlegensten Gipfeln und Winkeln besser als zwanzig Professoren zusammen, die im Au--4ande über Palästina dozieren. Wenn er erklärt, leuchten seine Augen: „Seht doch hin, ihr Fremden, das ist Erez Israel, unser Erez Israel! ..." Schon nach wenigen Minuten schält sich rechts eine kleine Anlage aus der sonnenbegossenen Landschaft heraus, eine Allee von Eukalyptusbäumen, dahinter ein paar weiße Häuschen nüt roten Dächern. Das ist M i k w e Israel, die altbekannte landwirtschaftliche Schule. Die erste jüdische Niederlassung für das trunken suchende Auge. Wieder Fruchtfelder, frisch geackert, Oelbaumhaine und Orangengärten im Dufte ihrer jungen Blüte. Im Hintergründe zu beiden Seiten graue Felsenhügel. Wir fahren durch Ramle und sehen zum ersten Male ein rein arabisches Dorf von nächster Nähe. Ein grauer Steinhaufen fast, der kaum Fenster und Ausgänge zeigt. Im Straßengraben lagern phantastisch verhüllte Menschen in der Sonne, vor ihnen strecken Kamele die Hälse, wiehern Esel, hüpfen schwarze Ziegenherden über Stein und Stoppel. Hie und da leuchten auf einem Hügel Kuppel und Minarett einer Moschee auf, häufig aber ragt auch die dünne Silberzinne einer Kirche, eines Klosters in die Höhe. Es ist die Ebene S ch e f e l a, erklärt uns unser Chauffeur, mit den besten Fruchtgärten und Olivenhainen, leider nicht in jüdischem Besitz. Die Straße steigt an. Wir fahren durch die Ortschaft M o z a. Wir erinnern uns, in der Mifchna gelernt zu haben, daß man von hier die Weidenzweige zum Sukkausfeste nach Jerusalem gebracht hatte und wissen: wir sind im Lande der Thora ... Ein trüber Klang aus neuester Zeit mischt sich in dieses Freudengefühl. Wir lassen ein paar Minuten den Wagen halten und weihen stummen Gruß dem Hause links, in dem im August 1929 dreizehn oder vierzehn Juden meuchlings umgebracht wurden. Wie eine weiße Wendeltreppe in die grüne Landschaft hineingebaut, führt den Hang hinunter. ^Schon nach wenigen Minuten winkt uns Jerusalem mit dem monumentalen Diskän'schenWaisenhause auf dem Hügel ersten Gruß entgegen. Wir fahren in die Jaffastraße von Jerusalem ein. Neuere, aber kleine und ärmliche Steinhäuser rechts und links. Vor der Toreinfahrt eines größeren Hauses machen wir Halt. Es ist das weltbekannte Schaare Zedek-Spital, das mir und meinem jüngeren Freund seine gastlichen Tore öffnet, indes sich die anderen Teilnehmer ins Zentral-Hotel zu Amdorski begeben. Man gönnt sich wenig Zeit zur Restaurierung. Erster Tag in Jerusalem. Nicht eine Sekunde möchte man sich dieses Gefühles begeben, nicht eine Minute verlieren . . . Schon gleich nach der ersten Erfrischung sind wir mitten im unbeschreiblichen Gewimmel am Iaffator, wo sich, wie uns scheint, der ganze Orient und Okzident, mit allem, was beide Welten an Menschen, Farben und Sprachen, an Getier und Getöse besitzen, zu unserem Empfange eingefunden haben. Beduinen mit malerischen Tüchern um den Turban kommen auf Eseln geritten, wie zu Vater Labans Zeiten, und werden vom tutenden Auto, dem Kulturgespenst aus dem Abendlande, dauernd zur Seite geschreckt. Zwischen besinnlichen Derwischen und gebeugten alten Rabbis bewegen sich Popen und dunkle *) Siehe Korrespondenzen in Nr. 12 und 14. Mönchgestalten. Englische Offiziere in gelbgrauer Uniform balancieren kokett mit ihren Stückchen, schwarzverhüllte Frauen schauen, neugierig zu mondänen Damen in vorbeirasenden Luxusautos. Araber schreiten hinter ihren Kamelen und schreien „Jallahl", Händler rufen ihre Waren aus, Bettler heischen Bakschisch oder eine Nedawah. Das Menschenbabel staut sich am dunklen offenen Tor, das ein Denkmal für den letzten deutschen Kaiser ist, dem zu Ehren seinerzeit anläßlich seines Jerusalemer- Besuches das Loch in das alte Gemäuer von den Türken gebohrt wurde. Der Einbruch in die steinalte Zeit ist beiden Teilen nicht gut bekommen . . . Langsam und mühselig arbeiten wir uns durch die alten Gassen hindurch, die, eng, überwölbt, düster, angefüllt von allerlei Geräuschen und Gerüchen, wie Katakomben ins Endlose hinabzuführen scheinen. Endlich atmen wir etwas freier auf einem großen quadratischen Platz. Es ist der Deutsche Platz mit den B o t h e M a ch s e h aus dem Zionsberg. Und hier das bescheidene kleine Giebelhäuschen, in dem Rabbi Chajim Sonnenfeld seit sechzig Jahren residiert. Ihm gilt unser erster Besuch. Der Rabbi ist seit Wochen krank und bettlägerig. Aber es lebt in ihm etwas von der granitenen Kraft der alten Mauern Jerusalems. So rafft er sich mit aller Energie auf und empfängt uns, vollkommen angezogen, am Tische sitzend, so würdig, wie es sich für liebe Gäste aus Deutschland gebührt. Er liebt und kennt das gesetzestreue Deutschland und tausend seelische Fäden verbinden ihn mit Frankfurt und der jüdischen Renaissance, die aus dieser Stadt ausging, obwohl die Burg, die e r im Heiligen Lande zu hüten hat, ganz anders gebaut und angelegt ist und sein muß, als im Kulturzentrum des Westens. Man sagt, Rabbi Chajim sei ein vorzüglicher Kenner der Hirsch-Schriften und lese eifrig die gesetzestreuen Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland — er, der Mann, der nicht zuläßt, daß der um die Schulen gezogene Bann mit einer modernen Sprache oder profanen Disziplin durchbrochen wird. Er hat seine Gründe und wir hatten vor, eingehend mit ihm über diese zu sprechen, zunächst sind wir benommen vom Anblick des Mannes, der, alt und krank, noch ein Held an Geist und Güte ist. Ein weißes, fast durchsichtiges Antlitz leuchtet uns entgegen, — noch nie war mir der Begriff vom „Leuchten eines Gesichtes" so gegenwärtig wie in diesem Zimmer und in dieser Stunde — die Augen erinnern an das blaue Meer, das wir erst vor wenigen Stunden verlassen hatten. Er hält fast krampfhaft unsere Hand umschlungen und will sie nicht loslassen. Die Stimme ist dünn und zitterig, aber ungebrochen. Und für jeden von uns hat er ein anderes Wort, einen eigenen Segen. Zum Schluß aber einen Gesamtwunsch für uns alle: „Keschem schesechissem liraus Jerufcholajim bechurbonoh. Ken tisku liraufoh bebinjonoh!" Es waren die letzten Worte, die wir aus dem heiligen Munde vernahmen. Als wir zehn Tage später wieder hier waren, umringten Zehntausende das kleine Häuschen, und beredte Zungen warfen Klageworte in die schluchzende Menge. Wir durften diese letzte Säule noch kurz vor ihrem Zusammenbruche sehen und uns seelisch an ihr emporranken . . . Mit jenen Segensworten Rabbi Chajims im Herzen gingen wir damals die düsteren Gassen hinunter zur heiligen W e st m a u e r. Keine Engelszunge wäre imstande, unsere Seelenstimmung zwischen den beiden Mauern zu schildern ... Mir aber wollte scheinen, als hätte uns in den folgenden Wochen, in denen wir das Land seiner Länge und Breite nach besichtigten, immer das Segenswort des Rabbi vorausgeleuchtet. Es war kein Wunsch auf lange Sicht, es war Erfüllung, es war lebendige Gegenwart. Zwischen Ruinen und blühenden Feldern sahen wir Jerusalem in seiner Zerstörung und in seinem Aufbau — „bechurbonoh" und „bebinjonoh ..." Oft genug weinte das Herz über Zerstörung mitten im Gehämmer des Aufbaues und es jauchzte wiederum die Seele im Glücke heiligen Erlebens an Stätten des Zusammenbruches. —tz. (Fortsetzung folgt.) Sturm um das Zehngebok. 6. Monate Redeverbot. Von A. Mannheimer in Dettelbach. Wir hatten jüngst die erfreuliche Tatsache mitgeteilt, daß die bayerischen Bischöfe in ihren Fastenhirtenbriefen sich zur Wehr setzten gegen völkische Schmähung des jüdischen Dekalogs. In besonders kräftiger Form tat dies der Münchener Kirchenfürst Kardinal Faulhaber. „An den Zehn Geboten schult sich das christliche Gewissen. Nicht neue Gebote brauchen wir, sondern neue Gewissenhaftigkeit für die alten Gebote. Die höchsten Wertgüter des Gemeinschaftslebens stehen und fallen mit Israels Zehn Geboten. Es ist ein Gesetzbuch der guten Sitte für alle Zeiten und Zonen . . ." Nun tritt auch der bayerische Protestantismus offen auf im Kampfe für das Sinaigesetz. Den äußeren Anlaß bot die Behauptung des Tannenbergbundes, des Kreises um Ludendorff, öuther habe in seiner Abneigung gegen die.Juden auch das gesamte Alte Testament gehaßt. Stadtpfarrer Dr. Steinlein-Ansbach rechnete dieserhalb scharf ab mit Frau Mathilde Ludendorff. Es fei verkehrt, gerade Luthers Kampf gegen das Judentum herauszugreifen, um so eine Gegnerschaft gegen die alttestamenttiche G'ttesofsenbarung und namentlich die Sinaigebote zu konstruieren. Diese Erklärung des Pfarrers Dr. Steinlein rief den Tannenbergbund abermals auf den Plan zur Stellungnahme gegen derlei „Ueberschätzung" der Zehngebote der Juden. Zu der im Alhambrasaale in Würzburg stattgehabten Versammlung der Evangelischen Gemeinde war auch der stteitbare Stadtpfarrer von Ansbach wieder erschienen. Es ging erregt her. Vorsitzender Major Pommer wollte kaum eine Diskussion zulassen: er gebärdete sich höchst aufgeregt. In schnoddrigem Tone erklärte er dann die mehr als 2000 Jahre alten Sinaigebote der Juden für „überlebt", polemisierte in diesem Zusammenhang gegen die Kirche. Auf den Glauben komme es an, aber nicht „auf den vom Berg Sinai". Ein neuer Sturm setzte ein, nachdem Dr. Steinlein sowohl den Redner des Abends als Major Pommer ad absurdum führte. Die Diskussion wurde abgeschnitten. Als der nervös gewordene Major schließlich sich zu der ungeheuerlichen Aeußerung Hinreißen ließ: „Wenn ich meine Maschinengewehre noch hätte . . ., erhob sich ein solcher Tumult, daß die Polizei die Versammlung auslöste. Beim Weggehen aber kündigte Pfarrer Wolf Meyer noch eine Protestversammlung an gegen die Verunglimpfung des Dekalogs seitens des Tannenbergbundes. Dabei kann nun Major Pommer n ich t erscheinen; denn die Polizeidirektion Würzburg legte ihm ein Redeverbot auf die Dauer von 6 Monaten auf. Oeffentliche Versammlungen, in welchen Pommer als Versammlungs¬ oder Diskussionsredner oder als Versammlungsleiter auftreten sollte, werden auf Grund des Paragraphen 1, Abs. 1 Ziffer 4 der Verordnung vom 28. März 1931 verboten. — So endete der Husarenritt Ludendorffs und des Tannenbergbundes gegen die Zehn Gebote mit einerkläglichen Niederlage. (Jüdische Wohltäter in Amerika.) In Detroit hat der Jude Hermann R a d n e r eine Volksküche eingerichtet, in der täglich 1200 Arbeitslose reichliches und gutes Essen unentgeltlich erhalten. Zur Eröffnung der Küche haben sich Vertreter aller Grenzstädte, sowie bürgerlicher und industrieller Organisationen in Detroit eingefunden. Radner hat zunächst für diese Aktion 25 000 Dollar zur Verfügung gestellt. Die vom Gouverneur von Kentucky ernannte Kommission zur Untersuchung der Lage in Harlan County brachte den Fall des aus Polen eingewanderten Ehepaares Harry Appleman zur Sprache, gegen das eine Untersuchung wegen kriminellen Syndikalismus eingeleitet worden war. Das Ehepaar Appleman, das seit 12 Jahren einen Kolonialwarenladen in Evarts führt, hatte Geld zum Ankauf eines Autos gespart. Dieses Geld aber benutzte es, um eine Wagenladung Mehl zu kaufen und es in Beuteln zu je 24 Pfund an notleidende Familien der Bergleute von Harlan County, die wegen Eintritts in die Gewerkschaft von der Black Mountain Coal Corporation entlassen worden waren, zu verteilen. Außerdem folgten sie täglich Mahlzeiten an 50 Kinder aus. Auf Veranlassung der Corporation wurden die Applemans verhaftet. Die Kommission sprach sich für Entstellung des Verfahrens aus und erklärte dazu: Es scheint, daß die schönste menschliche Tugend, die Barmherzigkeit, von den Behörden übel belohnt wurde. Das Verfahren wurde eingestellt. (Die älteste jüdische Gemeinde in Indien.) Die aus 1500 Seele bestehende jüdische Gemeinde von C o ch i n, die als die älteste jüdische Gemeinde Indiens gilt, kämpft jetzt schwer um ihre Existenz. Infolge der Wirtschaftskrisis ist die einst blühende Gemeinde stark verarmt. Man nimmt an, daß nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus (70 v. ü. Ztr.) Juden aus Palästina nach Malabar kamen. Vom 5. bis Ende des 15. Jahrhunderts bildeten sie ein unabhängiges Fürstentum unter einem Fürsten jüdischen Blutes. Zu Beginn des 16, Jahrhunderts kamen die Portugiesen nach Malabar, unterdrückten die jüdische Herrschaft und zwangen die jüdischen Einwohner von Crangamore, der ersten jüdischen Kolonie in Indien, ihre Heimat zu verlassen und Schutz beim Maharadscha von Cochin zu suchen. Der Präsident der britischen Munizipalität von Cochin ist der Jude Samuel Sabbattal Koder, der in diesem Staat den Elementarunterricht einführte. Er ist auch Mitglied der Royal Society of Arts. Führendes Mitglied der Jüdischen Gemeinden von Cochin ist der Anwalt Abraham V. Salem, der auch Mitglied des Stadtrates und .des Gesetzgebenden Rates von Cochin ist. ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT A. M. JETZT OSTENDSTR. 83