Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1932)
- Date
- 1932-04-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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der Herde entfernte. Ich' beobachtete sic"nicht sonderlich, denn ich'dachte, um ein saftiges'krstuttelsi,'zu suchen zwischen den Felsen, Fei . sie^gegangen!.' Dpch - - ich haste mich geirrt, sie-begann der . Herde za -ent- - . fliehen - - . / ja, sie floh wirklich und dies-nähm mich sehr Wunder. Noch nie hatte ich solches erlebt. Ich schrie und rief — und sie floh weiter. So machte ich .mich auf und lief nach ihr.Cs,.».erging eine Stunde und bald die zweite, während die Schöp-;r sin vor mir sprang' und hinwegsetzte über Hügel und Täler, und ich, stets hinter ihr. ... ‘ . ., Weit hatte ich mich schon von der weide entfernt — Jerusalems Berge sah ich faft nicht mehr, und vor nnrinir lagemdie-Berge.Nioabs . . Da entschwand das Tier mein^^ Äugen,- zitternd ging ich ihm nach und kam vor eine Hohle. Staunen. ergriff mich, als. ich diesen Ort.sah — und die Gchöpsin lag am Eingang der Höhle und leckte den Staub. Schrecken und Furcht ergriff mich, 'denn mir öänimerte, daß dies kein Zufall fei, vielmehr alles Schickung. Ich schaute um mich und» sah.einen wüsten Platz, keine Spur eines menschlichen Trittes --..,war im Staub zu sehen.— viele Jahre mochten, vergangen fein, feit eines Menschen Fuß hier geschritten, Wo war ich? von weitem sah ich das Felsgestein der Wüste und ihre Sanöhügel. . . Meine Angst wuchs. Doch bald schwand die Furcht, und ich nahm meine ganze Kraft zusammen, empfahl meine Seele es um uns:: . Nach' einiger Zeit erwachte' deö'Mll?,' sandte mir einHr B.lick zü» alp' ''ob er. .das Ip.nerste meiner.'Seele ergründest - wollte und plötzlich, begann! , er wieder - zu reden.- - v..: h> . .»' /Dies Geheinmis habe'ich stets bewahrt — keinem Menschen habe ich es je anvertraut — doch jetzt -— ich fühle es — das Ende ist nicht mehr fern." •. Ich wollte-ihn wiedersprechen, doch prallten-meine Worte an ihm ab, er schien sie wegzuwischen mit einer Handbewegung, die sagen konnte: „Du brauchst mich nicht zu trösten, ich weiß, wie es um mich.-steht. Ich will,", fuhr er fort, „ich will, ehe ich von dannen gehe, den Ort noch einmal erblicken — einmal''noch, ehe ich nicht mehr bin. Ich kenne ihn, ich sehe ihn stets vor mir, als.ob alles gestern gewesen , sei. Ich gehe hin -— ich werde den Ort wieder finden." Cr unterbrach sich, atmete tief und versank wieder in Grübelnd . Auf einmal sprang er auf, wie jemand, dem eine Erleuchtung gekommen, seine Augen sprühten Blitze — mit ganz -veränderter Stimme sprach er: „Ich hörte, daß es unter den Afchkenasim tt»eifc Männer gibt — viele heilige.Orte haben sie entdeckt, -auch meinen heiligen Ort will ich ihnen weisen." Cr schwieg, schien eine Antwort zu erwarten — ich war jedoch so ergriffen von. der Persönlichkeit des Alten und seiner Erzählung, daß ich kein Wort herausbringen konnte. Ich wagte es auch nicht, ihm irgendwie vorzuschlagen, ihn zu begleiten; — ich schwieg. Wieder sah er mich an . . . Mehr aus Furcht als aus freiem Willen fragte ich ihn, ob er wolle, daß ich weise Männer bestelle — Nabbinen der Aschkenazim. Cr besann sich und schüttelte verneinend den Kopf. „Komm du mit mir — wenn es einer sein soll — so du ..." Ich verbarg mein Erstaunen und sagte zu. Cr stand auf und ging weg. Ich folgte ihm, ohne zu reden. Dicht an den Häusern ergriff er meine Hand und bat mich, ja nicht Jemandem etwas zu erzählen, was ich ihm auch versprach und versicherte ihm, daß keiner etwas erfahren würde und er ganz beruhigt fein könne. Ich wagte sogar zu fragen, ob er cs erlaube, daß ich jemanden mitbrächte und bemerkte, daß in Anbetracht der Schwere des Weges ein weiterer Begleiter nur von Nutzen fein könne. „Denn," sagte ich, „besser zwei, denn einer". — Wieder dieser seltsame seclenergründknde Blick — und er stimmte zu. Ich fragte noch, wann es" am besten sei, worauf er sagte: „Heute ist Donnerstag, Morgen ist ilusttag des Sabbat, so gehen wir also am Sonntag — komm am Sonntag früh her." Mit einem Händedruck nahm er Abschied von mir und ging. Ich blieb stehen, sah ihm voller Erstaunen nach, sah seine aufrechte Gestalt starken Schrittes dahinschreiten, bis er in einem der Häuser verschwand. So stand ich lange Zeit, sah ihm nach — sahin die Richtung, die er genommen, alle meine Sinne waren aufgerührt, ich konnte nichts denken, als an ihn, konnte mich vom Eindruck dieser Begegnung nicht freimachcn. Als ich in die Stadt kam, senkte sich schon der Abend über sic, der Wind begann leise zu wehen, ich sah den Himmel mit den Zehntausenden, seiner Sterne und erst langsam wurde mir klar, daß ich all dies erlebt hatte. wie Jahre schienen mir die Tage bis Sonntag, voller Nngeöuld wartete ich auf die Stunde, da ich den Greis Wiedersehen sollte :— sehen wollte ich ihn nur, dachte gar nicht an die Höhle, dachte nicht an seinen heißen Wunsck, den er mir in glühenden Farben gemalt, mit so großer und tiefer Ehrfurcht. Nur an ihn.dachte ich..— nur ihn wollte ich sehen. So ging ein Tag nach dem anderen hin. Der Sabbat verstrich, nach in Unruhe verbrachter Nacht stand ich mit Morgengrauen auf — zu einer Zeit, wo jegliches Geschöpf noch schlummerte und der Fürst der Träume noch herrschte. Ich ging, um .meinen Freund, den ich. . vorher iMü»benachüchtigstchatte,/abMoleir,-doch..ohne ihm unser Ziel zu erzählen.- Cr war bereit und wir gingen. Zauberhafte Stille" untactst uns,- alswir an die Hohle Z^akrahÜs vorbeigistA^st,,Welche Herrlichkeit',. ,.weMp.'.)Zaub'er'"st-Z diese, StilleH.des' frühen Morgens, voll war unser Herz von Gebeten, voll wie das stürmende MeeH'das ansteigt und hinauswogt über sein Gestade. Zu solcher Stünde möchte der Mensch in sich aufnehmen alle Geheimnisse der Natur. Und singen will der Mensch — singen ein Lied aus Mi^TM^^e^WkZM2"'^8enf'Sch'östf'eF ' der Welt und ihrem.EMuererr.»Doch kann er nicht, denn nicht wagt er es,zu stören die Stille des ewigen Geheimnisses, die nieöersinkt-am frühen Morgen. Nicht erdröistet er sich, so seinen Mund zu öffnen. Mensch, so du Herz und.Augen und Ohren hast — Fühle, sieh', höre und schweige. . .. Schau, versinke und staune. Denn nicht kannst du anders. Stehe still wie gebannt. Schaue, bis eines Vogels Laut dein Ohr erreicht. Dann ist gebrochen der Bann, und die wellen deines Gebetes mögen ausbrechen aus deinent Herzen — schreie auf in Erstaunen ob der'Größe deines G'ttes. Die Gipfel der Berge rötet die aufgehend Sonne, . die noch verborgen ist hinter den Bergen Moabs. Dann springt die Sonne aus ihrem versteck und nach einigen Sekunden strahlt sie in voller Majestät, „fertig, ihren Weg zu geheü, wie der Bräutigam aus dem Brautzelt — wie ein Held seine Bahn zu durchlaufen" ... Er. 16 W2 Rabbi Owadja, der Alte, und was er erzählte. Von K. Gcrshoni-Rannnelhar in Jerusalem. In einem viertel des'alten Jerusalem begegnete mir eines Tages ein Greis, dessen Erscheinung mich auf den ersten Blick aus das stärkste anzog. Ein langer, silberner Bart reichte ihm bis auf die Brust, große Augen leuchteten unter buschigen Brauen; ein schwarzer Mantel umhüllte die chohe, hagere Gestalt, die einen ehrfurchtgebietenden Zauber auszuströmen schien. Ich konnte nicht anders, als ihn ehrerbietig grüßen; wollte weitergehen und von weitem mich weiden an seinem Aussehen, dem Aussehen, eines alten Fürsten und Herrschers in Israel; er jedoch beantwortete meinen Gruß und hieß mich neben ihm-auf einem hcrvorstehenden Felsen am Bergabhang niederzusttzen. Ich wagte nicht,' ihm zu widersprechen und'setzte mich befangen nieder. Ob ich wollte oder nicht, ich stand ihm Rede und Antwort auf alle Fragen, die, sich überstürzend, aus seinem Munde kamen. Nach einiger Zeit wagte ich es, ihm einige Fragen nach seinem Leben zu stellen. Gleich war er bereit, mir eine merkwürdige Begebenheit aus seiner Jugendzeit zu erzählen und schon begann er mit schwacher und etwas gebrochener Stimme, der jedoch noch ein wunderbarer Klang innewohnte, mit vielen Pausen zu erzählen. Und das ist es, was Rabbi Owadja, der Alte, mir an jenem Tage berichtete: ' „vor etwa 50 Jahren und darüber — und ich war ein Hirte, weidete meine Schafe an den Abhängen des Oelberges. An einem heißen Mittage saß zch auf einem Stein, blies meine Flöte und meine/Seele' entfloß ob der Zerstörung der Stadt G'ttes, die vor mir lag, verlassen und erniedrigt bis' in den tiefsten Abgrund . . . Und stehe da, meine Schüfe sammelten und drängten sich um mich, als ob sie hören wollten die Worte meines Gebetes, teilzunehmen am Sehnsuchtsschmerz meiner Seele. Ich streichelte sie'— eines Nach dem anderen kam an mich heran, Iah mich an mit guten, runden Augen, als ob es sagen wollte: „Streichle auch mich, o Hirte" ./ . . Ich drückte sie an, mich wie man Kindek äüfüimnit. Ustd mein Erbarmen, mit der Kreatur'..fvard'gzoß''in mir/// .... '/,.,.,/; Doch plötzlich.sah ich: eine -Schöpsin, die.sich -von G'ttes Schutz — trat auf die Schöpfln zu, strich ihr über den Rücken, drückte sie an mich, wie eine Mutter ihr Kind Dann betete ich das Mincha-Gebet, denn es war spät geworden. Nach dem Gebete betrat ich die Höhle . . . Strahlen. schwachen Lichtes brachen durch irgendwelche Ritzen und beleuchteten schwach die rechte Wand der Höhle. Und als ich nachher hinblickte, sah ich eine Inschrift eingeritzt im Gestein: „Höhle Davids, König von Israel" ... Ich trat an die Wand und ein Schauer ergriff mein Herz. Eine heilige Lade schien in die Wand cingehauen und ein starkes Licht gleich einer Feuerlohe schien darunter zu brennen. Wie furchtbar und wie wunderbar war doch jener Ort! . . . War dies denn nicht der Berg G'ttes!? Also dachte ich in meinem zitternden und bebenden Herzen, depn das Licht von des Berges Gipfel kommend, rparLicht- G'ttes ... Wie zitterte ich — solche Pracht, solches Leuchten — und keine lebende Seele weit umher. Ich liebte das Licht, doch, solches Licht, das vom Himmel fiel, glich Feuer. Ich schaute — und fiel auf mein Antlitz nieder. . Riedergebcugt und rückwärts schreitend entfernte ich mich vom hehren Orte, nahm die Schöpsin aus meine Arme und lief, ohne zu wissen — wohin. Die Sonne ging unter, versank, dunkel ward es um mich — mein Herz klopfte wild. Ich ließ die Schöpsin zur Erde, möge sie gehen, ich wollte ihr folgen. Unser Weg wand sich zwischen Felsen, Dornen und Distelbüschen, doch kümmerte ich mich um solche winzige Hindernisse? Ich sprang von Fels zu Fels, stieg auf Hügel und wieder hinab in Täler und spät am Abend erblickte ich den Berg der Späher und den Oelberg und fand meine Weide ... .; Ich brach in Tränen aus, als ich meine Herde sah, wle sie am Orte, wo ich sie verlassen, wie festgebannt stand — gleich, als ob.sie von jeher dort gestanden und auf mich gewartet hätte, oder auf etwas, was sich ereignen, was geschehen sollte ... Döch als die Schafe meiner gewahr, wurden, sprangen sie, als ob sie sich mit meinem Kommen freuten und drängten mir entgegen." Dies erzählte er mir in starker Ergriffenheit, Tränen standen in seinen Augen und sein Blick suchte die Ferne — es war, als ob dies alles wieder an ihm vorüberzöge — alles, was sich vor einem Menschenalter zugetragen hatte. In Träumen und Erinnerungen , versunken saß der Greis da und schien meine Gegend'' schiM ivönr Geheimnis. erfüllt und still »war I*« lim NN»! .!) »!' > :