Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1932)
- Date
- 1932-04-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450719--78697-2536401- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
toeite 10 Nr. 15 Der Israeli! 7. April 1932 ger ad e Mofchiach kommen und dann will, richte vor und nach den Hauptgängen die Küche des ich hier in Jerusalem sein!" Für das orthodoxe Judentum, so schließt Aruchai seine Erinnerungen, bleibt Rabbi Chajim Sonnenfeld für alle Zeiten das Symbol rückhaltloser Hingabe des ganzen Lebens für Jüdischkeit und Erez Jisroel-Liebe. Var Mizwa. Ein Erlebnis. Von I. Weigl. Nebeliges Dämmern lag über der Stadt. In den Straßen roch es nach Kohlenbrand. Junge und Alte hafteten zu Schule, Büro, Geschäft. Aus dem Bahnho: eilten Hunderte, die ebenfalls der Beruf herführte. Ich durchschritt die Halle, in der noch die elektrischen Lampen brannten, holte mir die Fahrkarte und betrat den Bahn steig. Hier wartete schon Judaeus meiner mit freundlichem Gruß. Jenseits der Sperre fauchte die schwere Maschine ihr Rauch mischte sich mit dem Dampf, der aus den Heiz fchläuchen der Wagen quoll. Ein behaglich durchwärmte Abteil nahm uns auf. Ein Pfeifen — und hinaus ging es in die Landschaft. Reif glitzerte von Dächern, Bäu men, Drähten. Je weiter die Stadt zurückblieb, desto lichter wurde es. Als wir in Starnberg einfuhren, brach durch das Gewölk die Sonne wie ein Feuerball. Ueber den See wanderten graue Dunstschwaden gegen Schloß Berg. Im Süden aber stiegen die Berge mit ihren wei ßen Flächen hervor. „O, wie schön ist Deine Schöpfung Ewiger!" „Die Erde ist voll Seiner Herrlichkeit", fügte Judaeus^an, „Dankt dem Herrn; denn er ist gütig; ewig währet Dreine Gnade" . . . Wir waren am Ende der Fahrt zu Füßen der Berges riesen. Ein Herr mit stattlichem Vollbart begrüßte uns in aller Herzlichkeit auch mich, der zum ersten Male vor ihn trat. „Jetzt bei der Morgenkälte nur gleich einen heißen Kaffee." Binnen weniger Minuten waren wir im Hotel. Eine Runde von zehn Herren empfing uns in ihrer Mitte hatten sie einen blonden schlanken Knaben dem die Freude aus dem ganzen Gesicht lachte. Das war ja der Bar Mizwa, ihm galt die Zusammenkunft. Sinnig hatte der Vater das herrliche Fleckchen Erde, wo die Natur in ihrer Größe an den Menschen herantritt, für die Feier gewählt. Die Mutter fehlte; seit drei Jahren schlief sie mit dem jüngsten Töchterlein im Beth Chajim der Hei mat; die anderen Kinder waren zu Hause in der treuen Obhut der Vatersschwester geblieben. Nach dem Frühstück hatte Judaeus religionsgesetzliche Angelegenheiten zu erledigen. Ich setzte mich mit zwei Herren in eine trauliche Nische der warmen Diele. Da darf ich eine Zartsinnigkeit nicht übergehen. Nämlich vor seinem Weggehen sagte Juadeus: „Lieber Freund! Sie haben sicher Ihre Zigarren mit. Lassen Sie sich den Genuß einer solchen nicht mangeln." Auf meine fragende Miene fuhr er fort: „Ich weiß. Sie denken an das Wort: Der Gast muß sich den Sitten seines Wirtes anpassen Aber ich dispensiere Sie für den harmlosen Genuß." Später schlug der Oesterreicher einen Spaziergang vor; der trotz seines Pelzes stets fröstelnde Italiener schloß sich an. Wir kamen in das Hotel zurück, als eben der Gong zum Mittagessen lud. Es war wegen Ereb Sabbat einfach. Nach demselben empfahlen sich alle, um ihre Vorbereitungen für Sabbat zu treffen. Ich ging in den Ort, verschiedenes anzuschauen, und dann rüstete auch ich mich zum Abend. Ich habe Sabbateingang erlebt in Tempeln und Synagogen. Dort bei Orgelgebraus und gemischtem Chor mit deutschen Liedern. In' Synagogen schlicht, voll herzinniger Freude der Beter. Heute stand ich in dem stilvollen Raum, der als Gebetsstätte eingerichtet war mit dem heiligen Schrein und Vorleserpult. Wie klang so feierlich das Beten der Psalmen. „Mit ewiger Liebe liebtest Du Dein Volk . . ." „Thora und Mizwoth, Chukkim und Recht hast Du uns geoffenbart" . . . Und „Echod" scholl es bekräftigend, Israels Treueschwur zum Schluß der Gebetsreihe des Abends. Wir saßen am Sabbattisch. Wachskerzen sandten ihr Licht von den Wänden. Das elektrische, und kommt es von kunstvollstem Lüster aus geschliffenen Hüllen, ist kalt, werktäglich. Die Kerzenslamme ist Wärme, Innigkeit; sie belebt die Glastafel hinter ihr am Wandpfeiler mit Spiegelungen: ein feiner Honigduft strömt von ihr ab. Das gibt Stimmung, die über den Werktag hinausträgt. Den Tisch deckte blütenweißes Leinen. Drei silberne Leuchter mit reichem Rankengeflecht verteilten Helligkeit auf die Gedecke. Rechts und links von dem unseres Bar Mizwa stand je ein Leuchter aus heller Bronze, und vor dem Gedeck eine feinziselierte silberne Schale barg knusperige Berches. Beim Gedeck für Judaeus war der Kidduschbecher, alte Goldschmiedearbeit mit Knauf und Schildchen. Karaffen aus geschliffenem Glase funkelten von perlendem Rheinwein in der Farbe des Sonnengoldes, das die Trauben beim Reifen ehedem ausgenommen. Hinter dem zierlichen Kamin, der an holländische Art erinnerte, spendete die Heizanlage angenehme Wärme; man glaubte, durch die Verkleidung der Glimmerplättchen hindurch das Feuerungsmaterial glühen zu sehen. Diese ganze Anordnung gab eine Behaglichkeit uns allen, die in Miene und Wort Ausdruck fand. Da war alles zusammengetönt auf Gediegenheit, Ruhe, Gemütlichkeit. Wir machten Netilaß-Jodajim. Mit Worten aus Traktat Berachot leitete Judaeus das Mahl ein. Der Kidduschbecher ging in der Runde. Darf ich erwähnen, daß Fleisch, Geflügel, Fisch wie die köstlichen Nebenge- Hotels jedes Lobes würdig machten? Das Judentum -ist lebenbejahend und gewährt seinen Vekennern jeden geordneten Genuß der Gaben des Ewigen, auch in Speise und Trank. Von dieser Tatsache ausgehend, sprach Judaeus in seiner Tischrede, wie der jüdische Mensch Essen und Trinken als die Kraftquellen für sein Leibliches erkennt, so daß auch die Mahlzeit zum G'ttesdienste wird. Und gerade die Gebundenheit durch das Religionsgesetz in der Nahrung adelt uns. Wir verzichten auf Verbotenes ohne Grübeln, ohne Deuteln, nach dem Gesetz des Ewigen. Der Kidduschbecher lehrt uns den Wein zu gebrauchen zum Segen für unsere Stärkung. Mit reinen Händen setzten wir uns an den Tisch zum Verzehr der religionsgesetzlich reinen Dinge. Mit erhobenen Händen: wir erheben uns in die Sphären über dem Stofflichen; rein soll sein all unser Denken, Reden, Tun. Dann ist unser Leben ein Gottesdienst, ohne Aufhören. Wie leuchteten ob solcher Worte die Augen unseres Bar Mizwa und fanden Gegenleuchten in den unseren! Dann erklangen Sabbatlieder, geführt vom herrlichen Bariton des Schweizers, eines ehemaligen Schülers des Judaeus. Den quecksilbrigen Italiener litt es nicht mehr auf dem Stuhl. Er kreuzte die Arme über der Brust und fang im Auf- und Abgehen — aus seiner Wiener Zeit sprach er gutes. Deutsch. Den Gruß an die Engel jubelte er hinaus: „Gehet in Frieden! Boten des Friedens! Boten des Königs aller Könige, des Heiligen — Er sei gelobt!" Und zwischen den Männerstimmen, glockenrein, sang unseres Bar Mizwa Stimme mit . . . „L'awaudas habaure!" höre ich. Der Hotelier klopfte an meiner Türe: „Sie haben mir gestern abend gestattet, Sie rechtzeitig zu wecken." „Schönen Dank," antworte ich und richte mich für die Gebetszeit. Sabbatmorgen! — Der Odem alles Lebenden preise Deinen Namen, Herr unser G'tt, . ." Noch jedesmal, wenn ich es beten hörte, ergriff mich dieses einleitende Gebet ins Innerste, und oft habe ich es für mich gelesen. Dann kam nach weiteren Gebeten der Augenblick, dem alle Vorbereitungen und Anordnungen den Rahmen abgaben: Bar Mizwa liest unter Assistenz von Judaeus den ihm bezeichneten Thoraabschnitt. Frisch und fest klingt sein Lesen durch den Raum. Weihestunde für den Jüngling, heiliges Erleben für den Vater! Unserem Italiener macht die Rührung die Augen tränenfeucht. Alle sind wie beherrscht von dem Eindruck — und das abschließende Amen ist die Bekräftigung, daß die Stunde bleibt in unserem Erinnern . . . Die zweite Mahlzeit brachte zum köstlichen Stofflichen, in dessen Reihe eine auserlesene Schabboskugel uns erfreute, mit der Tischrede von Judaeus das kostbare Geistige: Der Mensch liebt die Höhen und darum haben wir für den feierlichen Akt in einem Orte der Bergwelt ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT A. M. JETZT OSTEND STR. 83 UNS versammelt an einer Stätte, in welcher der jüdische Mensch dank der ganzen Führung des Hauses sich wohl mhlt. So liebt die Menschenseele auch die G'tteshöhen. Nit einer wundervollen Exegese über Sabbat und jüdiches Pflichtenleben überhaupt fand die Rede ihren Ausklang. Heraus aus den Niederungen! Hinauf zum Ewigen! Der weitere Verlauf des Tages brachte uns eine große Ueberraschung. Sie zeigte uns die gediegene Erziehung im gesetzestreuen Sinne. Ein Blatt Gemoro hatte der Jüngling gelernt aus dem Traktat über das Hüttenfest: das trug er nun vor. Judaeus war selber freudig überrascht; er kargte nicht mit Fragen zum Thema, aber dann auch nicht mit seinem Lobe. Mincha kam und der Abend, damit das Sabbatende. Die Segensworte über Wein, Gewürz, Licht, die Dankesworte über den erlebten Sabbat führten zu dem abschließenden Segen: Frieden über Israel! Da ruht noch der Lichterglanz der scheidenden Sabbatseele auf dem Juden ... Ich stand in meinem Zimmer am Fenster. Sterne leuchteten nieder vom klaren Himmelsgewölbe; drüben hinter einem zackigen Schrofen trat eben der Mond.hervor. Die Stille, die mich umgab, liefj mich ungestört sinnen und dieses Sinnen verdichtete sich in ein Dankeswort: Herr, daß ich dieser Feierstunden Miterleber sein durfte, laß mich fassen in die Bitte: gib uns, den Menschen allen, wes Glaubens wir feien, den ewigen Sabbatfrieden in der zukünftigen Welt bei Dir, Ewiger . (Vorschriften für Pessach). Einem vielfach geäußerten Wunsche entsprechend, gibt die Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums in diesem Jahre zum ersten Male eine Zusammenstellung der Vorschriften für Pessach in deutscher Sprache heraus. Die Vorschriften sind von autoritativ rabbinischer Seite zusammengestellt. Die Vorschriften sind zum Preise von Mk. 0.15 bei dem Büro der Freien Vereinigung, Frankfurt a. M., Rechneigrabenstraße 10, erhältlich. Bei Bezug von mindestens 100 Stück ermäßigt sich der Preis auf Mk. 0.10 (Was heißt iqhvv?) Herr Lehrer Vorenberg in R e i n h e i m schreibt uns: „Zu dem Artikel im „Israelit": Anmerkungen zur Rosenheim-Festschrift von Rabbiner Dr. K a a tz '"3, in Hinüenburg möchte ich zunächst bemerken, daß die Fledermaus kein Vogel, sondern ein Säugetier ist. wird von manchen Wiedehopf, von anderen Schwalbe übersetzt. — Raschi erklärt in '3'»v nicht -stvv sondern nawn als Fledermaus. -aasV navn nWa nmian- Man kann den genauen deutschen Namen für die unreinen Vögel überhaupt nicht angeben." Zu den obigen Bemerkungen schreibt uns Herr Rabbiner Dr. K a a tz, dem wir sie zur Kenntnis gaben, folgendes: „Die Hinweise des Herrn Vorenberg sind eine dankenswerte Ergänzung meines Artikels in Nr. 3 des „Israelit". Daß die Fledermaus ein Säugetier ist, hindert nicht daran, sie als Vogelart zu bezeichnen. Ob sie mit identisch ist, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Man kann in der Tat gerade auf dem vorliegenden Gebiet keine bestimmten Behauptungen aufstellen, sondern nur Vermutungen äußern, deren Beurteilung von dem individuellen Ermessen des Einzelnen abhängt. Hat doch z. B. S. R- Hirsch in seinem Pentateuch es für das richtigste gehalten, die Namen der hier verbotenen Vögel, weil er ihre Identifizierung nicht für sicher hielt, unübersetzt zu lassen." ()leue Kataloge.) Das bekannte Antiquariat Otto Harrasfowitz, Leipzig, Querstraße 14, überreicht als Katalog 34 den dritten Teil (N—Z) des Verzeichnisses der reichen Bestände an Hebraicis und Rabbinicis aus den Bibliotheken von Dr. Pinczkower in Berlin und Rabbiner P o r g e s in Leipzig. Der Katalog enthält 1700 Nummern und umfaßt insbesondere sehr viel ResponseN-Literatur, aber auch Spezialitäten wie Samaritaner, antichristliche Polemik, Schächtfrage, Targumim und Tosefta. Angefügt ist ein Verzeichnis der hebräischen Druckstätten des 16. und 16. Jahrhunderts, soweit sie in den Bibliotheken vertreten sind, sowie ein Register der hebräischen Büchertitel. — Die Bestände aus der Bibliothek des verstorbenen Universitätsprofessor Dr. Max L ö h r in Königsberg sowie aus anderen Quellen registriert der Katalog Nr. 52 des Antiquariats Paul Köhler in Leipzig C. ,1 Stötteritzerstr. 37. Der Katalog umschreibt das Gebiet der altttestamentlichen und neutestamentlichen Theologie, Hebraica, Judaica und Syriaca. Es überwiegt die christliche Kirchengeschichte. Das Antiquariat erbietet sich, auch gegen monatliche Teilzahlung zu liefern. (Bialik und die hebräische Schulbildung.) Im Wilnaer T o g vom 7. März finden wir folgende neuerliche Aeußerung Vialiks über die Ergebnisse der modernen hebräischen Schulerziehung: „Die hebräische Erziehung hat die Früchte nicht getragen, die wir erwarteten. Wenn man das allgemeine Niveau eines Gymnasialabsolventen von vor 25 Jahren und heute vergleicht, muß man den allgemeinen Niedergang feststellen. Ueber das nationale Gefühl haben wir uns nicht zu beklagen, aber es fehlt einfach Bildung im menschlichen und nationalen Sinn. Keinerlei tiefe Kenntnis der Vergangenheit der Klassiker ist vorhanden. Sie haben keine ihnen liebgewordene Gestalten in der Literatur, keine Interessen für die Quellen. Es ist ein flaches Geschlecht entstanden, das ein bißchen Hebräisch plappern kann, das auch kein richtiges Hebräisch ist. Ich habe mit Absolventen hebräischer Mittelschulen gesprochen und habe mich geschämt, als ich ihr verdorbenes Hebräisch hörte. Sie konnten nicht einen Gedanken ausdrücken wie ein Kind von 4 oder 5 Schuljahren in jedem fremden Gymnasium. Ich ging mit einem Gefühl der Beleidigung und der Beschämung für die hebräische Sprache. — Was ich antraf, war eine zerbrochene, zerrissene und verschwommene Phrase, dafür aber um so mehr Hinneigung zu allerlei studentischen Sitten, Orden, Waffen ufw." Diese Bankrotterklärung einer sich an das äußere Gefäß der Sprache klammernden, die rein religiösen nationalen Inhalte der jüdischen Vergangenheit aber ignorierende Schulerziehung ist außerordentlich lehrreich. Sie ist eine Illustration des alten jeremianischen Wortes: Mich haben sie verlassen, den Quell lebendigen Wassers, um sich dafür Gruben zu graben,zerbrochene Gruben,die das Wasser nicht halten." Wochenkalender. com 9. - 16. April 1932 ' vom 3. - 10. Nitzan 8892 »nr cp D’noa Samstag 9 3 srirn Sonntag 10 4 rr'p Montag 11 5 Dienstag 12 6 i’P Mittwoch 13 P’3 7 vp Donnerstag Q. 14 8 iüp Freitag 15 9 TBp Samstag 16 10 Vran nw snxa