Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 10 (3.3.1932)
- Date
- 1932-03-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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3. März 1932 Die Woche. Die Jahresarbeit des Mekor Lhajim. Der von Herrn Rofenthalauf der letzten Generalversammlung verlesene Bericht umfaßt die Zeit vom 1. Okt. 1930 bis 30. Dez. 1931. Er zeichnet ein Bild reicher geistiger Arbeit, auf das nur die kritische wirtschaftliche Lage einige dunkle Schatten wirft. Auf hohem Niveau standen wieder die Vorträge am Sonntag nachmittag im Vereinslokal. Der Herr Rabbiner hielt mehrere Schulchan Aruch- Vorträge. Herr Redakteur S. Schachnowitz wählte sich als Thema die „Se mir aus und ihre Dichter". Herr Dr. S. Ehrmann setzte seinen Vortragszyklus über schwierige A gada stellen im babylonischen Talmud fort. Zwischendurch hielten die Herren Herz Holpern und I. Sofseragadische Vorträge. Alle Dozenten fanden ein zahlreiches Publikum und größtes Interesse. Nicht weniger die auswärtigen Redner, von denen im Berichtsjahre im Rahmen der Sonntagabendvorträge Herr Rabbiner Dr. Ansbacher, Wiesbaden (später noch Herr Rabbiner Dr. Merzbach und N.-A. S. Schwab, Darmstadt) vor großem interessierten Publikum sprachen. An der Spitze der ständigen Schiurim steht der bestens besuchte Gemoro schiur des Herrn Rabb. Dr. Josef Breuer. Ein weiterer Gemoroschiur findet zweimal wöchentlich unter Leitung des Herrn Dr. E. P ofen statt. Je am Sabbat morgen trägt der gleiche Dozent Din im vor. An den Wochentagen wird jeden Morgen Mi sch na, bezw. virr "n gelernt, woran sich die fälligen I a h r z e i t s st i ftu n g e n anschließen. Im letzten Sommer konnte Herr R.-A. Gerson P o - s e n mit seinem Schiurkreis nach langjährigem Lernen einen Sijum auf p'^in abhalten. Zur gleichen Zeit beendete Herr Holpern einen anderen Traktat, so daß der Verein unter guter Beteiligung ein schönes Doppelfest begehen konnte. Im Schiur des Herrn R.-A. Posen wird zur Zeit Traktat rrnian gelernt. Am Sabbat nachmittag lernt Herr Dr. Willy H o f - mann im Vereinslokal im Sommer Mikro mit Rafchi und im Winter, da die Mikro-Vorträge auf die Freitagabende gelegt und von Mitgliedern besorgt werden, aus T a n a ch vor. Es schließt sich dann das Minchogebet an. Die Geinorofchiurim der Herren Soffer und Holpern erfreuen sich besonders der Teilnahme von seiten der jüngeren Freunde. Im Sommer fanden vor Sabbatausgang M i - drafchvorträge im Hörsaale statt. Am Moze Schabbos gibt Herr Studienrat Dr. M. Lange einen Hiobfchiur, der sich guten Besuches erfreut. Aussprache-Zirkel für die I u g e n d leitete im Sommer Herr Dr. S. Adler. Das Lernen in der Schwuaus- und Hauschano Rabbo-Nacht konnte in üblicher Weise vor sich gehen, ebenso das Frühminjan am Simchas Thora. Die Zahl der Mitglieder ist mit rund vierhundert ziemlich gleich geblieben. Die Eingänge an Beiträgen und. Spenden haben leider stark abgenommen. Es wird im Bericht ein dringender Appell an die Mitglieder und Freunde gerichtet, den Verein in die Lage zu setzen, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Unter den Heimgegangenen im Berichtsjahre wird an erster Stelle Jakob Strauß W, genannt, der, wie in der Festschrift registriert ist, unter S. R. Hirsch mit zu den Begründern des Vereines gehörte, ferner Aron Mayer, der lange Jahre kaum einen Schiur im Verein versäumt hat, Samuel N u ß b a u m, Eugen E t t l i n g e r und Salomon (Buttmann W, die alle treue Anhänger, Freunde und Förderer des Vereins waren. Der Bericht schließt mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß es dem Vereine trotz der schweren Zeit gegönnt sein werde, auch späterhin im Dienste der Thoralehre in ungeschwächter Kraft zu arbeiten, wozu es der Mithilfe all seiner Mitglieder und Freunde bedarf. Ein Schlußoorkrag. Vom Mekor Chajim wird uns geschrieben: Am letzten Freitag abend kam der M i k r o v o r - trag im Härsaale zum Abschluß. Trotz der etwas vorgerückten Stunde war die Beteiligung sehr stark. Der Redner sprach im Anschluß an das durchgenommene Pensum ein paar für den Mekor Chajim werbende Worte, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Auf alle Gebiete des Lernens, wie .—m*» xi»z nAi na®» erstreckt sich die geistige Fürsorge dieses größten Lernvereins. Die meisten Schiurim erfreuen sich starken Besuches. Speziell für einzelne Gemoroschiurim dürfte die Beteiligung stärker sein. Redner betonte die Wichtigkeit gerade des populären G e m o r o lernens für die tagsüber im Geschäfte festgehaltenen Laien und besonders für die Jugend. Man darf hoffen, daß die warmen Worte auf fruchtbaren Boden gefallen find. Zu jeglicher Auskunft bezüglich der Schiurim und Kurse ist der Vorstand des Mekor Chajim, Langestraße 18, gern bereit. Der Mikrovortrag findet von diesem Sabbat an, A Stunden von Mnicho, im Vereinslokale statt und wird von Herrn D. W. Hofmann geleitet. Aus der Arbeit der Agudisiischen Arauengruppe. Am 14. Dezember begann der zweite Teil unseres Arbeitsprogrammes für diesen Winter mit einem Vortrag von Herrn Redakteur S. Sch achno w itz über das Thema „Von Wien bis Wilna". Unter diesem Titel Der Israelit gab er feine Eindrücke auf der Studienfahrt, die er mit Keren Hathora gegen Sommerende durch die Ostländer gemacht hatte, wieder. Vor einem sehr interessierten Publikum schilderte er die vier -mppen der Exkursion durch Tschechoslowakei, Galizien, Kongreßpolen und Zentrallitauen, die zugleich vier Etappen geistigen Erlebens bezeichnen. In der Tschechoslowakei sah man die großen Jeschiwoth, in Galizien die Beth Jakauw-Bewegung, das Beth Jakauw-Seminar und die B. J.-Schulen. Kongreßpolen gab Anlaß zu einer packenden Schilderung des neuen lernenden Chassidismus, der mit der Weltjefchiwa zu Lublin seinen Höhepunkt erreicht hat. Aus Zentrallitauen entwarf Redner ein Bild von den Lehrhäusern zu Mir und Radin, dem Wohnsitz des „Chofez Chajim", auch von Wilna, der Stadt des Gaon. So anschaulich wußte der Redner das alles darzubieten, daß das Publikum die Reise von Wien bis Wilna im Geiste geradezu mitmachte und für die die Judenheit dieser Länder bewegenden Problem reges Interesse gewann. Seinen von allen Zuhörerinnen mit dankbarer Begeisterung aufgenommenen Kursus über T'filloh-Erläuterungen setzte Herr Jacob Rosenheim bis zu den n-win. fort. Auf diesem Wege ermöglicht Herr Rosenheim vielen Menschen, die Gebete mit tieferem Verständnis und dadurch erhöhter Andacht zu verrichten. Alle Teilnehmerinnen freuen sich auf die Fortsetzung dieser so wertvollen Belehrungen. Herr Dr. S. E h r m a n n setzte am 28. Dezember seinen Zyklus „Orientierung über jüdische Tagesfragen" fort. Redner gab einen kurzen Ueberblick über die augenblickliche Lage und die spezifisch agudistischen Probleme, die sich aus dieser Lage ergeben, innerhalb fünf Ländern: Erez Jisroel (Tätigkeit der Agency seit dem letzten Zionistenkongreß, Spaltung innerhalb des Misrachi, Muselmannkongreß), Sowjetrußland (Siedlung in Biro- Bidschan, Versuche einer Scheidung zwischen sozialem und antireligiösem Programm des Kommunismus, Religionsprozesse), Polen (Benos Jaakob-Konferenz, Uebernahme der Leitung durch die agudistische Majorität in den Gemeindeverwaltungen von Warschau, Lodz u. a. m., Wirtschaftslage), Amerika (Verschlechterung der Wirtschaftslage und religiöse Konsequenzen der betroffenen jüdischen Bevölkerung), Deutschland (Kampf um das jüdische Eherecht, um das preußische Judengesetz, Wirtschaftslage, Nationalismus.) Das reichhaltige Thema veranlaßte eine sehr lebhafte Diskussion, die in dem Wunsche gipfelte, regelmäßig ähnliche Informationen der Frauengruppe zu übermitteln. Dr. Jsaac Breuer setzte am 4. Januar seine Vorträge über die „Jüdischen Erziehungsprobleme der Gegenwart" fort. Wir behalten uns vor, nach seinem demnächst stattfindenden dritten und Schlußvortrag auf dieses vom Redner in ganz origineller und packender Weise erörterte Thema näher einzugehen. Ueber „Die Probleme innerhalb der Agudas Jisroel" sprach am 11. Januar Herr Dr. Pinchas Kohn, vor allem über das hiermit eng verbundene Thora im Derech Erez- Prinzip und die verschiedenen Einstellungen von Ostunü Westjudentum. Mit Befriedigung könne heute schon die sachliche Priorität des Thorawiffens in der ganzen Orthodoxie konstatiert werden. Je mehr dieses im Westen Anerkennung findet, um so mehr wird der Osten Verständnis dafür erlangen, daß eine Durchdringung allgemeiner Kulturwerte mit Thorageist sehr wohl im Rahmen der Agudaideologie möglich ist. Als zweite Problemgruppe behandelte der Redner in außerordentlich anregender Weise die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Die Aguda steht vor dein Problem, daß sie im Westen den Geoanken bekämpfen muß, als wäre der Osten in seiner Auffaüung und Handhabung barbarisch und ruu,räudig, im Osten das Verständnis dafür wecken müsse, nachdem die Wirtschaftskrise die Frauen an die Oeffentlichkeit zerrt und außerdem den Löwenanteil der Erziehung auf die Schultern der Mütter legt, die Frauen mit reifem jüdischem Wissen ausgestattet werden nrüffen, um auch in den westlichen Kulturformen ihre Bedeutung für das Ganze erkennen und bewahren zu können. Als drittes behandelte der Redner das sehr aktuelle Problein der Beziehungen zwischen Jung und Alt. Innerhalb der Orthodoxie läßt sich die Empfindlichkeit der Jugend gegenüber Hemmungen und Bindungen durch Anschauungen der älteren Generation nur lösen durch Vertrauen zur Jugend von seiten der Alten. Das ist der Weg der Agudo, um das Vertrauen der Jugend zur älteren Generation zu gewinnen. Für das Gemüts- und Geistesleben des gesamten jüdischen Volkes, Männer und Frauen, Gelehrte und Ungelehrte, hat wohl aus unserem heiligen Schriftentum kein Teil die eindrucksvolle und tiefgehende Wirkung ausgeübt, wie die Psalmen. Der Vertiefung des Verständnisses für diese dienten zwei Vorträge „Wie bringen wir uns und unseren Kindern die Schönheit der Psalmen bei?" (am 28. Jan. und 2. Febr.) des Herrn Dr. Leo Deutschländ e r. Besonders schön war, wie der Redner den König David, den g'ttbegeisterten Sänger, als Mensch unter den Menschen einem nahe zu bringen verstanden hat. Am 1. Februar sprach cand. phil. Benno Kurzweil über das Thema „Das Interessante und seine Uebersteigerung" in den Romanen von Jakob Wassermann". Redner führte u. a. aus, daß Wassermann mit dem Anspruch auftrete, als Künstler und Gesellschaftskritiker gewertet zu werden, was. auf Grund verschiedener Partien in feinen Werken berechtigt ist. Aber gerade Nr. 10 Seite 11 dieser Anspruch berechtigt den Kritiker, auch auf Entgleisungen in Wassermanns Werken hinzuweisen, die weder vor dem Forum der Kunst, noch vor dem Forum der Gesellschaftskritik positiv bewertet werden können. Viele Stellen sind weder Kunstgestaltungen, noch Geißelung sozialer Zustände, sie sind vielmehr von außen hereingeholtes literarisches Beiwerk auf Kosten des Künstlerischen und des Gesellschaftskritischen, um einen möglichst hohen Grad des „Interessanten" zu erreichen. Die geistvollen und gründlichen Ausführungen wurden mit großem Interesse und Dank entgegengenommen. Von besonderem Interesse für unsere Mütter und Erzieherinnen war das Referat von Frau Rifka Mann - h e i m e r über „Das Kind in der Gemeinschaft" am 8. Februar. Frau Mannheimer berichtete viel Aufschlußreiches und manch ganz Neues über die seelische Entwicklung des Kindes und die Möglichkeiten seiner Entfaltung. Ihre Ausführungen fußten auf ihren persönlichen Erfahrungen durch den von ihr geleiteten Kindergarten und erhielten eine besonders wertvolle Note durch ein sehr lehrreiches Bildermaterial. Die Diskussion bewies, wie anregend das Thema gewirkt hatte. (0. S. v. Rothfchild'fches Hospital. . Man schreibt uns: Wer sein Leben einer großen und guten Sache schenkt, verwächst mit ihr in unlöslicher Berknüpftheit. Die Verknüpftheit bleibt, auch wenn er nicht mehr unmittelbar in ihrem Dienste schafft. Das Wesen des schaffenden Menschen hat der Atmosphäre seiner Arbeit das Gepräge gegeben. So sind beide: Mensch und Arbeit — seelisch verbunden und voneinander beeinflußt. Und wer sein Leben dem Helfen und Heilen geschenkt hat, wer Jahrzehnte mit all seinem Können und all seinem Lieben gestützt und getröstet hat, ist untrennbar verbunden mit allem Kranken und Leidenden, mit allem Geheilten und Genesenen. Alle, die einmal im Rothschild-Spital Patient waren, fühlen die Verbundenheit mit Schwester A n n a! Alle, die das Rothschild-Spital kennen, wissen um ihre starke, selbstlose Güte und Helferkraft! Sie ist kein Freund von vielen und schönen Worten, deshalb darf man es nur andeuten und nicht ausmalen, wie tiefe Dankbarkeit sie sich verpflichtet hat. Wie schmerzlich es empfunden wird, daß „ihr" Spital sich von ihr trennen mußte, daß ihre Tatkraft ihrer — unserer Sache nicht mehr unmittelbar dient. Wie es als Freude empfunden wird, daß ein solcher Mensch mit seinem ganzen Mut und seiner großen Treue für diese Sache gelebt hat — über 30 Jahre lang! Schwester Anna Sang erhielt folgenden Brief vom Hospitalvorstand: „In dom Augenblicke, da Sie nach 30jähriger Tätigkeit in unserem Hospitale die Stätte dieser Ihrer gesegneten Arbeit verlassen, ist es uns Bedürfnis, Ihnen für Ihr Wirken unseren aufrichtigen Dank und unsere wärmste Anerkennung zum Ausdruck zu bringen. Sie haben in Ihrem Berufe allezeit kein bloßes Mit- - tel des Erwerbes und des Lebensunterhaltes erblickt, sondern waren in innerster Verbundenheit der Seele dem mühereichen Liebesdienste an kranken Menschen hingegeben. Tag und Nacht dienstbereit, hat Sie hohes Pflichtgefühl bei jedem Schritte Ihrer Berufsausübung gelenkt, und Sie haben es darüber hinaus in vorbildlicher Weife verstanden, sich auch in die besonderen religiösen Erfordernisse eines orthodox-jüdischen Anstaltsbetriebes und in die besondere seelische Struktur der aus dem Osten stammenden Patienten liebevoll hineinzufinden. So dürfen Sie denn mit stolzer Befriedigung auf Ihre Lebensarbeit zurückblicken und sich der wohlverdienten Ruhe freuen, die Ihnen nun beschieden ist. Wir wünschen von ganzem Herzen, daß Ihnen stete Gesundheit und Frische an Körper und Geist Ihren Lebensabend verschönen, und daß die Georgine Sara von Rothschild'sche Stiftung dauernd in bester Erinnerung bleiben möge." Die Jeschiwa „Thora Lhajim" bittet um Hilfe! Die seit über 50 Jahren bestehende Jeschiwa „Thora Chajim" in Jerusalem zählt zur Zeit 300 Jünger. Im Institut fanden eine große Reihe von Rabbinern, die aus Rußland geflüchtet sind, mit ihren Familien eine Heimstätte, so daß das Haus über 1 000 Seelen beherbergt. Alle leiden sie bittere Not, es fehlt am Nötigsten, oft sogar am täglichen kargen Brot. Zur Zeit weilt ein Vertreter von „Thora Chaijm", Herr Rabb. T. Jacob Glaser, versehen mit Nnpfehlungen von Rabbi Chajim Sonnenfeld, in unserer Stadt, um die edeldenkenden Thorafreunde für die Anstalt zu interessieren. Wir empfehlen ihn dem Wohlwollen und der Unterstützung Aller. Spenden nimmt auch die Expedition unseres Blattes an. Stellenvermittlung. Die Gründung eines Bäcker- und Konditorgeschäftes in einer Nachbarstadt verspricht gute Rentabilität. Bewerbungen sind zu richten an: Reichsverband der Schaumre Schabbos Stellenvermittlungen Berlin, Abt. Agudas Jisroel Frankfurt a. M., Schwanenstraße 12. Wir haben besondere Veranlassung, auf die unter Aufsicht Sr. Ehrw. des Herrn Rabb. Dr. Wolf, Köln hergestellten erstklassigen Erzeugnisse der Clivia- Oelwerke G. m. b. H. Cleve hinzuweisen. (Siehe Anzeige.)