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Der Israelit · 1932-03-03 · Heft 10 (3.3.1932) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 10 (3.3.1932)
Date
1932-03-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ßr. io 1032 Me ungründlich ist doch eine jüdische Seele... Die folgende Begebenheit möchte ich so erzählen, wie sie mir mein Gewährsmann, der sie am eigenen Leibe erlebt hat, berichtet hat, ohne viel hinzuzufügen und ohne etwas zu verschweigen. Sie ist ein Kapitelchen trüber Zeitgeschichte mit einigen schwachen Lichtpünktchen. '-Wir waren unserer zwölf, so Hub der sympatische junge Mensch ganz sachlich, ohne Spur von Rührseligkeit oder Wichtigtuerei, wie man von einem alltäglichen Erlebnis spricht, seine Erzählung an. Zwölf Jünger taten wir uns in Kiew zusammen, da wir das Darben auf der Ieschiwa, die Kellerluft und die beständige Gefahr, beim Lernen erwischt zu wexden, nicht mehr ertragen konnten und traten den weg zur polnischen Grenze an. Mit etwas Geld und Reisezehrung hatten uns freunde ausgestattet. Unser Ziel war, drüben auf der polnischen Seite in einer der Ieschiwoth der Noworadoker Zentrale,-, die fast durchwegs von russischen Flüchtlingen bevölkert waren, Unterkunft zu finden. Cs war ein Tag nach Rosch Haschono, und. wir hofften, noch vor Jom Kippur drüben in Sicherheit und bei Freunden, die unserer warteten, zu sein. Cs ging alles gut vonstatten bis zum letzten russischen Grenzöorf, wo wir drei Tage vor Jom Kippur, eintrafen. Der Bauer, der im Aufträge, des Agenten die lebendige Ware über die Grenze zu schmuggele hatte, war eingeweiht und empfing uns L dienstbereit. Lin großer, ungeschlachter, gutmütiger Mensch und sehr schweigsam. Lr eröffnete uns gleich, ’ mehr mit Gebärden als mit Worten, daß er nicht das ganze Dutzend auf einmal hinübertransportieren könne, einzelweise müsse sich das Geschäft abwickeln. Die Grenze war nicht weit, so daß er Ln einer Nacht drei bis vier nacheinander hinüberschaffeü wollte. An drei Nächten könnte die ganze Arbeit geschafft sein. So viel Zeit hatten wir noch gerade bis zum versöhnungstage. -wir kauerten uns auf dem Dachboden der Bauernstube'auf Stroh, und hatten uns mäuschenstill zu verhalten. Tschekisten,, Beamte und Grenzsoldaten pflegten hie und da - Inspektionen vorzunehmen und Haussuchungen bei den 'Bauern - abzuhalten, wir losten, wer als erster ins gelobte Land hinüber sollte. Das Los fiel auf Schmuel, einen etwas unbeholfenen jungen Menschen aus einem ukrainischen Dorfe, eine Kasrielewke-Gestalt. Cr trat, von unseren neidischen Blicken begleite^ mit dem in unzählige pelze gehüllten Bauern den' weg durch die Nacht an. In wenigen Stunden wollte der Führer wieder da sein und den nächsten abholen. Auch dieser war bereits durch das Los bestimmt. Stunde auf Stunde verging, es verging die Nacht, der Bauer kam nicht. Leise Ahnung schlich sich in unser Herz und machte uns erzittern. Cs kam der Morgen, von unserem Mentor keine Spur. Liner von uns wagte sich leise' hinunter, , um nach, ihm zu sehen. Die' Bäuerin wußte nichts und war besorgt. Erst gegen'Abend des zweiten Tages brachte sie uns das heiße Teewasser, zu dem wir unser trockenes Brot verzehrten, und damit die Kunde, ihr Mann sei mit dem. Jünger an der Grenze abgefaßt und verhaftet worden. wirsollten uns still verhalten und. uns nicht hinunterwagen, wollten wir nicht über uns selbst und ihre armselige Hütte großes Unheil bringen. So verging e i n Tag und noch ein Tag in Hangen und Bangen, und es käm der Rüstetag zu Jom Kippur. Cs wurde Abend. Bei einem fahlen zittrigen Flämmchen hinter verrußtem Zylinder beteten wir die Lol Nidre-Gebeke, beteten mehr nach innen; weinten und seufzten mehr, als daß wir Worte sprachen. In dieser Nacht tat keiner ein Auge zu. wir lagen auf dem Stroh und beteten leise alle uns auswendig bekannten psalme. Cin grauer Morgen kam, und wir stellten uns wieder zum stillen heißen Gebete, was sollte aus uns werden? „Mein Mann kommt bald wieder, es ist nicht das erste Mal," tröstete das Bauernweib. „Cr steht mit der Grenzwache gut. Heute, oder morgen Nacht kommt ihr ganz gewiß glücklich hinüber." Aber statt des Bauern kamen, wahrscheinlich durch den Fall veranlaßt, Tschekisten aus Kiew, Beamte mit roten Achselklappen und leuchtenden Sternen an den Mützen. Sie beschimpften die Bauern, nannten sie Verräter und drohten, sie alle wie die Hunde über den Haufen zu schießen, wenn sie noch einmal bei Grenzschmuggel mit waren oder Menschen ertappt werden sollten. „Der Pole drüben ist unser Erzfeind, und wer ihm Menschen oder Material liefert, ist ein Spion und wird erschossen!" Die Bäuerin war ganz in ihre Lumpen verkrochen, ganz ein Häuflein Clend, als sie zu uns elf Jünglingen hinaufkletterte und uns die Kunde von der Anwesenheit der Bolschewisten überbrachte. Sie zitterte, als stände sie schon an der wand vor dem Lauf der Gewehre. ,;Sie werden kommen, sie werden ganz gewiß zu uns kommen," bebte sie und fiel auf die Knie vor irgend einem Heiligenbilde, das wir gar nicht sahen. Ihr Gebet mischte sich beinahe in unsere stillen Versöhnungsgebete. Unser „Al Chet" schien uns in diesem Augenblick letztes Sündenbekenütnis, letzte Rüstung. Ihre Prophezeiung traf nur allzu rasch ein. Drei stämmige, bunt unformierte Männer rissen mit vielem Getöse, als galt es eine Festung zu nehmen, die halb geöffnete Türe auf. „Aha!" entrang sich ihrem Munde. Sollte wohl heißen: „Da haben wir die Verbrecher! ..." Da geschah plötzlich etwas Merkwürdiges. Ciner dieser Drei, offenbar der Führer, sah aufmerksam auf. „was treibt Ihr da?" schrie er, aber es lag doch etwas im Schrei, das diesen'milderte. „Cure Bücher her. was soll denn dieses Geplapper?" Cine weile sah er in eines der Bücher, wandte sich rasch um, wie um eine Verlegenheit zu verbergen und sprach einige Worte zu seinen Begleitern, worauf diese sofort verschwanden. Cr selber wandte stch zu uns und sein Auge hatte ein so sonderbares, gar nicht mehr so kaltes Feuer. „Ich muß da bleiben, um Luch zu bewachen, betet ungestört weiter. Ich dachte nicht an Euren versöhnungstag." In der äußersten Lcke kauerte er sich wie wir auf dem Stroh nieder, und da wollte es uns scheinen, als bewegten .sich auch seine 'Lippen, als machte er unauffällig all' die Bewegungen und Verbeugungen mit, Indes. sprach' er'deck ganzen Tag kein Wort. Als es dunkelte und wir mit dem Neiilogebet bald zu Ende warenFentfernie sich der Rote lautlos. Nach einer halben Stunde, es war inzwischen ganz Nacht geworden, kam er mit. Bauernjungen wieder, beladen mit einem Korb Weißbrot, einem großen Kessel Teewasser, Mit Heringen, Aepfeln und anderen für uns lange schon entbehrten köstlichen Dingen. „Esset Kinder," munterte er uns auf, „Ihr habt ja den ganzen Tag gefastet .und wohl auch gestern nichts Rechtes bekommen." wir machten uns wie die Wölfe über die Speisen, schlürften den heißen braunen Tee, zu dem sogar reichlich Zucker da war, und es entwickelte sich beinahe eine behagliche Atmosphäre. Der Tschekist aß tapfer mit und unterhielt sich, als hätte er Uniform und roten Sowjetstern auf fener Mütze vollkommen vergessen, mit uns, wie unserer einer. Die Stimmung wurde sogar so gehoben, daß wir leise zu singen begannen. Cr sang mit. Einer witzelte, man sollte nach altem Brauch gleich mit der Sucko beginnen. Cs wäre eine Kleinigkeit, hier die morscke Decke durchzustoßen, wir.lachten. '; Der Russe, der in diesem Augenblick sein Russisch ganz vergessen zu haben schien, sprach mit uns in unserer eigenen Sprache, erkundigte sich, wie wir hierher kamen. Und als wir in der Angst vor dem „Spitzel" mit der Sprache nicht herausrücken wollten, kam er uns entgegen. Cr wisse schon, das Leben des Talmuöstudenten in den Sowjets, vollends in Kiew, fei nicht gerade beneidenswert. Aber so schlimm sei es doch nicht, daß man sich darum in die Gefahr begeben müßte, erschossen zu werden, was wir eigentlich überhaupt drüben in der pollakei wollten? wir müßten doch begreifen, daß das neue Rußland nicht Handlangerdienste an das imperialistische Polen leisten dürfe. wir wurden vertrauensseliger und sagten, wir hätten den größten Respekt vor dem gewaltigen Aufbauwerk im neuen Rußland, hätten aber mit all den politischen Dingen nichts zu tun, seien nicht für die Revolution geboren und betrieben auch keine Kontrarevolution, wollten nur lernen und den Talmud studieren. Und da sei es unsere bescheiöentliche Meinung, daß wenn dieses in Rußland nicht gern gesehen und erschwert werde, man uns dahin ziehen lasse, wo wir ungestört nach Herzenslust unser Studium betreiben können, wir gingen nicht nach Polen, wir gingen zu unseren Brüdern, die dort geistig und körperlich für uns sorgen wollen, während wir hier verkommen müßten. Der Kommissar wußte nicht viel darauf einzuwenden. Cr sprach nur etwas von Uebergangszeit, da man drakonisch Vorgehen müsse und auf Einzelne keine Rücksicht nehmen könne. Als er gegangen war, hatten wir das Gefühl, zuviel gesagt zu haben, und es trat eine Reaktion auf unsere frohe Gemütsstimmung ein. Cr hatte uns Geständnisse herausgepreßt, die vielleicht genügten... vielleicht wurden schon die Flinten geladen. Cs waren schon mehr wie ein Dutzend in ein Massengrab gesunken. AM folgenden Morgen war er aber wieder da. Cin Genosse unteren Grades war bei ihm, der eingeweiht schien. Cr fragte noch einmal ganz leise, ob es unser fester und letzter Entschluß fei, das Land zu verlassen, wir bejahten. „Dann haltet Euch bereit für heule Abend, ich führe Euch hinüber." War das ein Trick? Aengstliche Gemüter unter uns sahen in dieser Aufforderung, uns bereit zu halten, schon eine verblümte Ankündigung des letzten Ganges. Cs konnte nicht sein, trösteten Andere. Das Haus fei nicht einmal bewacht. Wir könnten uns frei bewegen und eigentlich hingehen, wo wir wollten. „Aber das ganze Dorf ist doch bewacht," ängstigten sich andere, „wir würden nicht weit kommen." Das war aber keineswegs mehr der Fall. Die Inspektion war, wie wir von der Bäuerin erfuhren, morgens abgereist. Geblieben waren nur zwei, unser Kommissar und sein Gehilfe. ' Zur weiteren Beruhigung diente es uns, als gegen Abend unser zwölfter Genosse, Schmuel, so ganz urplötzlich, frank und frei, zu uns hinaufkletterie. Wie, wo, woher? Cr wußte Felder nichts. In seiner Schwerfälligkeit ünd Verwirrung war er kaum eines Wortes fähig! Cr war abgefaßt, verhaftet wöröen und hatte gesessen. Run hieß man ihn gehen,, und er ging. " ' ", ' Wo war der Lauer? Cr wußte es nicht, vielleicht noch in Haft, vielleicht erschossen oder verschickt, möglicherweise aber feierte er im Wirtshaus feine Befreiung. Schon am frühen Abend war der Kommissär, mit seinem Freunde da. wir sollten ihm nach.- , Rach einem Transport zum Richtplatz sah dieser Zug nicht aus. wir schleuderten im Gänsemarsch zum Wäldchen. Unsere Begleiter hielten die Hände in die Tascheu vergraben, wie ufn zu zeigen, daß sie unbewaffnet waren, und pfiffen ein Liedchen, wir kamen an den Graben. „Hier," sagte der Rote, „zieht in Frieden hinüber. Hundert Meter jenseits des Grabens ist polnisches Gebiet, was drüben die Polen machen, dafür stehe ich Nicht ein, von uns aus geschieht Euch nichts. Also gute Reife und gut Iomtow!-* Jawohl, „gut Iomtöw" wünscht er uns, unsere Dhren trogen uns nicht. Einen warmen Händedruck gab es auch, und Zigaretten, für jeden. Was weiter kam, ist nicht mehr von Interesse. Wir wurden drüben von unseren Brüdern gut ausgenommen, wenn uns auch die polnische Polizei später den Prozeß wegen „unbefugter Grenzüberschrei-

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