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Der Israelit · 1932-02-25 · Heft 9 (25.2.1932) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 9 (25.2.1932)
Date
1932-02-25
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 4 Nr. 1 Der Israelit 25. Februar 1932 Berg und Tal sind ausgeglichen, Grenzen von Land und Meer sind von den Fortschritten des Verkehrs aufgehoben, und an der brennendsten Frage der Sorge um das tägliche Brot für Millionen steht man ratlos! Sollen wir umkehren, einen Strich ziehen durch die Fortschritte der Jahrhunderte, zurückkehren zmn Spinnrad und Webstuhl der Alten, zum Wasserkrug und zur Oellampe der Urgroßmütter? Auch dagegen sträubt sich'unser Drang nach Entwicklung. Hier muß doch irgendwo ein Fehler der Regie liegen. Man hat die Technik aus der Rolle der Dienerin emporgehoben auf den Thron der Königin und Göttin, nn^a ny p« neben der es nichts Minderes gibt, wer eine Waffe erfunden, die hundert Menschen in einer Minute tötet, ist ein größerer Held als der Erfinder derjenigen, die nur ein Zehntel leistet. Der Erbauer einer Maschine, die tausend Menschen ersetzt -und ihnen damit das Brot nimmt, erntet mehr Lorbeeren als derjenige, der kleinere Werke der Industrie geschaffen. Alles wird nur lediglich vom Standpunkte der Technik bewertet, unabhängig von sozialem verantwortlichkeitsgesühl. Eine alte Sage erzählt von einem Göttersohn, der das Feuer dem Himmel entwendet habe, deshalb zu ewiger Verdammnis verurteilt wurde, wie in jeder Sage, liegt auch hier ein Körnchen Wahrheit, selbst für unsere Zeit. Man hat Technik und Industrie, in deren Mittelpunkt ja das Feuer steht, gleichsam hinter dem Rücken der G'ttheit zu entwenden versucht, im Fortschritt den weg abseits vom „G'ttesgedanken" genommen, statt hinwärts zu ihm. Wie ganz anders die jüdische Weltanschauung. Wenn wir beim Sabbatausgang den ersten Funken Feuer entzünden, dann danken wir dem Schöpfer. tzrKn msa KTi> „daß er uns als Gnadengeschenk jene Himmelskrast verliehen." Man hat seit einigen Jahrzehnten es in Kulturländern für notwendig erachtet, neben dem allwöchentlichen Ruhetag Stunden der Ausspannung und geistige Anregung zur Restaurierung der Verven dem Menschen zu gönnen. Bei uns ist diese Institution längst gegeben durch die Pflicht des täglichen Lernens und der Tefrltoh. Auch dies ist eine (Duelle des (Optimismus. Der Optimist hat immer Zeit zu etwas Höherem, der Pessimist steht in jeder den: Hasten entrissenen Viertelstunde die Gefahr, seine Existenz zu erschüttern. Und wie gestärkt geht der Mensch aus der Tefilloh hinweg, freilich darf es nicht Lippenspiel sein, sondern tiefster Ausdruck unseres Bitochaun. Unsere weisen sagen: wer ein G'tteshaus in seiner Stadt hat und nicht dort hingeht zu beten, heißt ein böser Rachbar. Es wird wohl mancher unserer Glaubensbrüöer sich verbeten, ein schochen ra' genannt zu werden, weil er dem G'tteshaus fernbleibt, und es ist gar nicht zu bestreiten, daß ein anderer häufiger sich dort einfindet und kein angenehmer Rachbar ist. Der Sinn dürfte vielleicht tiefer liegen. Ein Rachbar, der uns in unserer Häuslichkeit stört, etwa durch Lärm oder Zanksucht, dem können wir aus dem Wege gehen, wer aber ins Beis hakeneses nicht geht, um zu beten, sondern den Rachbarn durch unwürdiges Verhalten zu stören, das ist der schlimmste Nachbar, denn er raubt ihm das Heiligste und Kostbarste, den Raum und die Stunde feiner seelischen Auffrischung. Roch ein Grundsatz des jüdischen Gesetzes als Ausdruck des (Optimismus, wir feiern bekanntlich jeden Festtag Ttf aiy» von Abend bis Abend, während die nichtjüöische Welt morgens ihre Festtage beginnt, allerdings sich in manchem schon auch hierin uns anpaßte. Cs ist dies mehr als eine Aeußerlichkeit. wir brauchen nach den Gorgen des Alltags nicht erst nnterzutauchen in die Rächt des vergesiens, um als Reugeborene zu erwachen, wir sollen die Fähigkeit besitzen, uns unabhängig von unserer Umwelt auch mitten im Tage in festliche Stimmung zu versetzen. wir gehen, Mann und Weib, am Crew pesach unserer vielfältigen Arbeit nach, und in der Abendstunde können wir uns in weihevolle Festesstimmung versetzen. Ja, man wird wohl sagen, das ist schön geredet, aber was sollen wir tun, wenn die Stürme um uns brausen, unsere Existenz zu erschüttern droht, wenn die tausenököpfige Hydra unserer Feinde uns umöräuet? Run, wir sehen nicht so schwarz, auch in vergangenen Jahrhunderten wuchs oft die Welle der Feindschaft, und G'tt half uns immer wieder, vielleicht können wir auch aus dieser Zeit Segenbringendcs für uns lernen. rpif nnm n-iirn Seit Jahrhunderten gilt die Klage, daß die Thora in Winkelstellung gedrängt wird; lernen wir aus dieser Zeit, die uns die Vergänglichkeit aller irdischen Güter in drastischster Form gezeigt hat, unsere geistigen Schätze wieder höher zu werten! Ein Satz, scheinbar so harmlos von den Stämmen redend, die bei der Einnahme Kanaans überwunden wurden (V 2, 10) '0,i irr 12VN' D'xsn na in®’ mnsb ci'srr.i dürfte vielleicht einen tieferen Sinn für uns bergen: Hoemim, die Angstzustände, die den Menschen zuweilen erregen, Refoim, auch sie können Heilkräfte werden, Vater Jakob sah an der Himmelsleiter die Engel G'ttes auf- und absteigen, auch die absteigenden Engel sind Boten G'ttes. nim izm buirrn „wer Honig liebt, ist ein Tor," sagt die jüdische Verwenden Siebei freudigen Anlässen Ablösungs- Telegramme unseres Vereines Weisheit. Cs bleibe dahingestellt, ob das Wort wörtlich zu nehmen ist, mag sein, daß der geistige Mensch auch anregendere Speisen vorzieht, d a s aber dürste eine Wahrheit sein: wer glaubt, nur mit Süßigkeiten durchs Leben gehen zu können, der hat den Sinn des Lebens nicht verstanden. Kann man ja auch ein Kind nicht mit Leckerbissen und Kosenamen alleine zu einem festen Menschen erziehen. — Der Talmud erzählt von einer Harfe, die den König David aus dem kurzen Schlaf erweckte, indem ein rauher Nordwind an ihre Saiten schlug. Dürfte es nicht ein Bild Isroels sein? wenn es durch die Sonne der Freiheit einzuschlummern drohte, dann nahte oft ein rauher Nord, nicht aber die Harfe zu zerschellen, sondern durch Selbstetnkehr süße Töne ihr zu entlocken. Talmud, Raschi, Maimuni und die größten Geisteswerke besäßen wir vielleicht nicht, hätte uns immer die Sonne der Freiheit geleuchtet.-Es ist eine dankbare Aufgabe, parallelen zu ziehen zwischen, den literarischen Ideen anderer Nationen und der unsrigen. Sie kennen wohl die Erzählung vom Sängers Fluch, in der zwei Sänger aus fernem Lande einen König mit seinem Volke bestricken und selbst die Königin den Ausdruck der Verehrung nicht versagen kann, und der grausame Fürst schleudert den Mordstahl nach dem einen, worauf der andere in unbezähmbarer Wut die Harfe zerschmettert. Auch die Leviten konnten, als sie ihr Land verließen, nicht mehr ihr Lied erklingen lassen, aber sie zerschmetterten ihre Harfe nicht, sondern hängten sie an die weiden, (ps. 137) um sie wiederum in besseren Zeiten herunter zu holen. > 'inniBN nai D’ipa^ v'Vin Dazu unsere weisen: wenn G'tt den Morgen de r Völker erneuert, zeigt sich die Treue zu seinem Volke, welche Generation hat diese Umwandlung: mehr erlebt als die unfrige? Kronen sind, gefallen, Throne gestürzt, aber Isroel hat von seinen Lebenszielen nichts aufgegeben, denn fein Streben geht nicht nach irdischer Macht, es hat die wurzeln seiner Kraft in einer Welt jenseits der Sterne, f'rrvin mff’EO „XDertit Israel sündigt, sündigt es z u e r r st , wird es gestraft, gleichfalls in erster Linie. Aber auch den Trost empfängt es zuerst, wer möchte es bestreiten, daß ungesunde Auswüchse einer krankhaften Mode zuerst die jüdischen Menschen, die sich von ihrer Tradition losgelöst haben, erfassen, daß Isroel von jeder Krise doppelt erfaßt ist als ein mehr oder weniger geduldetes Volk, und dennoch, wenn sich die Menschheit in Schwarzseher auf der einen, in (Optimisten auf der anderen Seite teilte, da stand stets Isroel, sofern es seiner Weltanschauung treu blieb, stets im Lager der letzteren und fing selbst den leisesten, schwächsten Hoffnungsschimmer in seinen! G'ttvertrauen aus. wir begingen gestern den Ehamischo osor, der uns bekanntlich noch im Winter den Frühling ahnen läßt. Ist nicht Isroel selbst im Bilde des Ehamischo osor-Baumes verkörpert? Aeußerlich noch tot und doch im Innern regt sich Kraft, wie oft hat man das Volk totgesprochen, seine Sprache zu den toten gezählt, und doch nur für den, der an deren Leben nicht glauben wollte. Zu den höchsten Festtagen Isroels zählte nach dein Worte der Mischna Iaum Kippur und Ehamischo osor beaw. Sind nicht die biblischen Feste größer als letztere? Doch jene sind Feste laschem. Letzteer ist der Festtag lejisroel für die Massen, die ihm seine" Unsterblichkeit aus lichtvollen Ereignissen in Erinnerung brachte, an ihm endete das Sterben der wüste, wurde die Bahn frei für die Pilger nach Jerusalem, endete der lange Jahre wütende Bruderkrieg. wenn dieser Tag aus der Geschichte der'Interpret des (Optimismus ist und. dem Volke deshalb höchster Festtag war, so dürfte wohl die Lehre des (Optimismus auch eines der Fundamente seiner Weltanschauung sein. Und was jener Ehamischo osor im Aw aus der Geschichte bedeutet, das ist sein Pendant, der genau ein halbes Jahr von ihm entfernte Ehamischo osor im Schewat aus dem Buche der Natur, dem zweiten (Offenbarungswerk der g'ttlichen Weisheit. . wir stehen in einem Jahre, das einen großen. Dichterfürsten, Goethe, feiert. Cr hat eine Zeit erlebt, in der sein Volk zerklüftet war, noch viel mehr als in der unsrigen, anfangs des 19. Jahrhunderts. Damals sprach er das Wort: „Die Deutschen werden nicht untergehen, so wenig wie die Juden". Auch andere Große sind durch den (Optimismus gehalten worden, und das Zeugnis für die Unsterblichkeit unseres Volkes aus dem Wunde eines andersgläubigen Geistesfürsten dürste wohl auch Beachtung verdienen. Lassen Sie mich schließen mit einem Worte des Mannes, den Sie noch vor 2 Jahren an dieser Stelle zu hören das Glück hatten, dessen g'ttbegnadeter Mund sich leider so früh vor einigen Wochen schloß 'linrw ^rrsi' auf den wir zurückblicken können als auf einen Mann, der berufen gewesen wäre, manche Gebrechen der Zeit zu heilen, Rabbiner Dr. Raphael Breuer V"XT* Rach einen! Worte unserer weisen bewegen sich die Lippen eines Lehrers in Israel aus Grabesruhe mit, wenn man ein Wort aus seinem Munde wieöecgibt, und so umschwebt uns heute in dieser feierlichen Stunde sein Geist. In der letzten Rümmer der Zeitschrift „Rachlath Zewi", der er noch seine Feder gewidmet, ruft auch er zum (Optimismus auf: wer kann sagen, daß er ein Ereignis, das ihn freudig oder schmerzlich bewegt, in seinem wahren Sinne restlos durchschaut habe? — Laßt uns nicht zu den Schwarzsehern gehören, die die Welt noch schwärzer machen, als sie ohnedies schon ist! Laßt uns an den endlichen Sieg des Friedens und der Gerechtigkeit glauben! Laßt uns (Optimisten fein! Nachrichten. Düren. Unsere hiesige Talmud Tauroh-Religionsfchule veranstaltet am 15. März 1932 im roten Saale der „Harmonie" in Düren, Kaiserplatz, eine pürim- Unterhaltung für die Eltern der Schüler, sowie Freunde der Anstalt und unseres Vereins. Beginn 16 Uhr. 50 pfg. zur Deckung der Unkosten werden erhoben. Für Unterhaltung, sowie Kaffee und Kuchen wird gesorgt.

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