Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1932)
- Date
- 1932-02-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Schuld und Sühne. Von Binjamin Segel s. A. (Schluß.) Die Wolken hatten bereits den ganzen Horizont umzingelt und wälzten sich nun in dichten Massen der Sonne zu, von deren letzten Strah- Ilen ihre Ränder mit einem gelben Schein umgoldet wurden. Auf der Erde war alles dunkele Der Fluß verlor sich weit unten in einem violetten Nebel, und links lag die Stadt unter schwärzlich grauen Schatten versunken. Nur der schlanke, gotische Turm bei* Kirche reckte sich mächtig in die Höhe, und oben an seiner Spitze stammte das vergoldete Kveuz. Er drehte sich um und blickte nach Osten, wo der Eisenbahndamm mit einer weißlich-grauen Linie den Horizont begrenzte. Er sah seinen eigenen Schatten sich riesengroß, gespensterhaft von der rot übergossenen Oberfläche des Flusses abheben. Ein Zug raste vorüber, und die untergehende Sonne spiegelte sich in seiner langen Fensterreihe, die wie ein faltiges Purpurband erglänzte und verschwand. Im Osten bereitete sich die hereinbrechende Finsternis aus, zuerst rötlich anzusehen, dann in einen bläulichen Ton übergehend, um schließlich ganz dunkel sich über die Erde zu lagern. Er versenkte sich unbewußt in diesen wunderschönen Anblick und war so ganz darin verloren, daß er alles um sich her vergaß. Eine bleischwere Abspannung kam über ihn und in ihrem Gefolge die dämmernde Empfindung, daß alles, was er heute erlebt, ein Traum gewesen, eine Halluzination, eine Sinnestäuschung, gar nichts sei vorgefallen, er sei in Wirklichkeit derselbe geblieben . . . Nun mußte er rasch nach Hause, um der Mutter vor dem Schlafengehen noch etwas vorzulesen und sich morgen wieder an seine Arbeiten zu machen. Aber er machte keine Bewegung, sondern blieb an der Stelle wie angewurzelt. Mechanisch entkleidete er sich seines Rockes und nahm den Hut ab. In seinem Kopfe schwirrten und jagten einander tausend Bruchstücke von Gedanken, die er nicht haschen und festbannen konnte; er versuchte es nicht einmal, denn/sein ganzes Wesen war wie äufgelöst, ünd er fühlte nicht die mindeste Kraft in'sich, nichts/'weiter als ein heißes Sehnen nach Ruhe. / Am liebsten hätte er sich irgendwo hingestreckt, um in tiefen Schlaf zu versinken. Todmüde beugte er sich über das Geländer und stierte auf den Wasserspiegel, (welcher dicht unter der Brücke eine Vertiefung zeigte, in der die Wellen schäumend und zischend gurgelten. Dort war ein Strudel. Zuerst ließ er seinen Hut, den er gedankenlos in der Hand drehte, sinken, sah ihn auf der Wasserfläche tanzen, sich einige Male überstürzen, dann mit Wasser füllen, und schließlich verschwinden. Die Oberfläche schloß sich wieder. Das Spiel fesselte ihn, und er warf dann auch den Rock nach, der mit lautem Aufklatschen hinabstürzte, sich aus dem Wasser ausbreitete, dann rasch in Wirbel drehte, bis er stückweise unteckauchte und versank. Inzwischen hatten die Wolken, die seit einer Stunde über den Horizont sich wälzten, den Him- ' mel gänzlich überzogen. Die letzten Lichter, die auf dem Flusse spielten, erloschen, und tiefes Dunkel umfing die Erde. Die Wolken senkten sich tiefer und tiefer, drängten und schoben sich, bis sie wie ein Dach üoer der ganzen Ebene hingen. Seltsam abgerissene Töne ließen sich vernehmen, wie aus der Erde emporÄnngend. Es war, als ob die ganze Natur den Atem anhielte. Und nun kam der Sturm. Eine Weile drückenden Schweigens folgte. Dann ging es wie ein langer, heißer Atemzug durch die Lüfte, und von einem Ende zum andern durchschnitt den Horizont ein Blitzstrahl, der sich in tausend Zungen spaltete, die zuckend und zitternd am Himmel sich emporreckten und dann in Millionen blauer, roter und gelber Funken zerstoben. Einen Augenblick lag die ganze Ebene in grelles Licht getaucht, dann umfing sie düstere Nacht und gleichzeitig erwachte der Donner mit dumpfem Grollen, erdröhnte immer lauter und verhallte dann, gleichsam in die Ferne sich flüchtend. Es wurde wieder still, und der einsame Mann vernahm aus der Brücke das Plätschern der Wellen, die aufgeregt murmelnd talabwärts stürmten. Glühend heiß flutete es .ihm durch den zitternden Körper. Dann fühlte er sich von einem kühlenden Hauche berührt, der Wind kam zuerst leise, dann kam ein Stoß nach dem anderen in wildem Brause e, wie aus einem Versteck hervor, und mit mächtiger Gewalt strömte der Regen nieder, als ob er aus tausend Bächen sich ergeße. Wieder' krachte das Himmelsgewölbe, daß die Erde erzitterte. Er klamj merke sich unwillkürlich an die Stäbe des Ge-' länders fest, damit er nicht umsinke. Oben tat es sich auf, wie ein Riesenschlund, und feurige Fluten ergossen sich nach allen Seiten. Einen Moment schien das ganze Firmament in Flammen getaucht, der Fluß loderte, auf der brodelnden Fläche tanzten unzählige Flämmchen, und blitzender Schaum spritzte empor. Dann bedeckte rabenschwarze Finsternis das All, und er vernahm nur das Rauschen des Regens, der in faustgroßen Tropfen niederfiel. Und das Pfeifen des Windes schwoll immer mächtiger an und wuchs zu ungeheurem Tosen, das bald wie ein Heulen, bald wie ein Aechzen aus Millionen Kehlen erscholl. Nun blitzte es wieder auf, als wäre der Himmel in tausend flammende Ringe zerborsten. Von der Ferne her ließ sich ein wachsendes Brüllen vernehmen, der Donner kam näher und näher, rollte in heftigen raschen Stößen über den Horizont, wie wenn zehn, zwanzig Türme, einer nach dem anderen in die Lüfte sprängen. Nun wurde der Regen schwächer, der Wind trieb die Wolken auseinander, bald verstummten die entfesselten Elemente, und friedliche Muhe breitete sich über die Erde. Er aber stand noch immer betäubt, matt, feiner Sinne nicht mächtig, an das Geländer gestützt und sah nicht, wie der Himmel sich völlig geklärt chatte'und der Mond in seiner ganzen Pracht erschien. / Lichte, weiße Wölkchen jagten vorbei, gleichsam einander haschend, bald dem Mond' entfliehend, bald sein- Antlitz wie hinter einem, silberumsäumten Spitzenschleier bergend . . . Plötzlich erschauerte er und raffte sich auf. Ein Frösteln durchschüttelte ihn, er fühlte ein schmerzliches Bohren in seinem Hirn, und gleichzeitig quälte ihn brennender Durst. Der Fluß erblinkte vor seinen Augen, vorn Mondlicht übergossen; er verließ langsam die Brücke, ging dann den Fluß hinauf, eine Strecke lang, bis dahin, wo das Ufer sich breit und flach dehnte. Dort kniete er nieder und tauchte die Hände in die Flut. Ein wohliger Schauer durchrieselte ihn. Es war so unendlich weich und sanft hier zu ruhen und der Fluß murmelte so still und wiegte ihn so leicht. Er schloß die Augen. Die Wellen trugen ihn der Brücke näher und näher. Plötzlich fühlte er sich wie mit eisernen Armen an den Füßen/gepackt, drei-, viermal rasch wie ein Kreisel gedreht und dann hastig in die Tiefe hinuntergezogen. Da, mit einem Male erwachte der Lebenstrieb in ihm, er begann aus allen Kräften mit den Armen zu arbeiten, drehte und wand sich, aber schon hielt ihn eine Felsenössnung umklammert Zehnmal richtete er sich empor und glaubte sich schon aus der schrecklichen Umarmung befreit, und zehnmal sank er wieder kraftlos hinunter. Er fühlte sein Herz gleichsam wachsen und anschwellen und hörte es laut mit dumpfen Schlägen hämmern. Die Schläge verloren sich in einem ungeheuren Zischen, das aus der Ferne zu kommen schien, tausend Stimmen erschollen und verwoben sich zu lärmendem Geschrei. Dann legte eg sich wie ein Nebel um seine Sinne, aus dem längst verblaßte Gesichter, verschollene Erinnerungen, Bilder der Vergangenheit auftauchten, wie von blauem Glanz umwoben, der immer heller wurde, bis er jählings verblaßte. Und nun verschwand alles . . . Seine Hände sanken nieder ... Es ward still wie im Grabe ... . Mit gurgelndem Zischen drang ein Wassersäulchen auf die Oberfläche und zerplatzte. Der Mond stand auf dem saphirblauen Himmelsgewölbe, von mildem, silberhellem Glanz umflossen, und sandte seine Strahlen hernieder. Sie brachen sich und funkelten auf den Wellen des Flusses, die sanft sich kräuselten. Alles schwieg, kein Blatt rauschte, kein Windhauch regte sich. Es war still (Albertus Magnus und Mofes Maimonides.) Die päpstliche Bulle vom 16. Dezember 1931 über die Heiligsprechung Albertus des Großen gibt ein liebevoll ausgemaltes Bild von dem Leben und Wirken dieses größten deutschen mittelalterlichen Gelehrten, der 1193 bis 1280 gelebt hat. Es wird daraus hingewiesen, daß bei den Alten die Rede ging, daß Albert alles wisse, was überhaupt witzbar sei, daß man ihn als das staunenswerte Wunder seiner Zeit bezeichnet hat und in ihm die „glänzendste Sonne unter allen Philosophen der gesamten Christenheit" bewundere. Sein liebster Schüler, Thomas von Aquin, habe dann die Höhe der philosophia perennis und der Theologie erstiegen. Die „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung" vom 1. Februar (Nr. 3) zitiert einen größeren Abschnitt aus der Bulle und weist darauf hin, daß für den Kenner der jüdischen Geistesgeschichte in diesem Teil der Bulle der deutliche Hinweis auf den mächtigen Einfluß enthalten fei, den u. a. Moses Maimonides mit seinem philosophischen, arabisch geschriebenen Hauptwerk „Der Führer der Irrenden" (Moreh newuchim) auf den katholischen Scholastiker ausgeübt hat. Ueber diesen Einfluß des großen jüdischen Denkers auf die christliche Philosophie des Mittelalters, vor allem auf Albertus Magnus und seinen Schüler Thomas von Aquin, haben die Arbeiten der jüdischen Gelehrten Joel, Jelinek, I. Guttmann, Michel und Rohner im 19. und 20. Jahrhundert volles Licht gebracht. Maimonides stand der kirchlichen Orthodoxie in vielen Fragen des Schöpfungsprobleines näher als die arabischen Philosophen. In der Physik des Albertus ist die Darstellung dem Gedankengang und dem Zwecke nach im großen und ganzen maimonidisch. In der Bekämpfung der Argumente für die Ewigkeit der Welt hat Albertus ganze Kapitel aus dem Moreh newuchim in feine Werke herübergenommen. In der großen deutschen Ausgabe des „Moreh" von Adolf Weiß (Philosophische Bibliothek, Bd. 184a—c; Leipzig 1923) ist in der ausgedehnten Einleitung dem Einfluß des Maimonides auf Albertus im einzelnen nachgegangen. Das führende deutsche Hauptwerk über die patrislische und scholastische Philosophie von Bernhard Geyer enthält die näheren Angaben über diese Beziehungen, die der Papst in seiner neuesten Bulle andeutet. Zum Schluß des Artikels der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" heißt es: „Gestalten- und Gedankengut des jetzt so gefeierten Kirchenlehrers Albertus Magnus, gemessen an den ebenso bedeutenden Höhen und Tiefen eines Moses den Maimon, zeigen uns, daß man nicht auf die Bibel zurückgehen muß, um jüdische exemplarische Geisteskraft, die den Völkern vorausleuchtete, zu finden und zu bewundern." (Jüdische Läufer im Altertum.) Ueber dieses Thema hielt Herr Felix P i n c z o w e r im Berliner Gemeindehaus einen auf wissenschaftlicher Forschung begründeten Vortrag. Der Redner gab zunächst einen kurzen Ueberblick über das Nachrichtenwesen im Altertum und führte die bedeutendsten Meldeläufer namentlich auf. Aus einer Stelle im Midrasch Samuel wies er nach, daß Saul der erste Meldeläufer gewesen sein soll und die bedeutendsten von ihnen unter' Davids Herrschaft gelebt und gewirkt haben. Darauf fügte er. die Biographien der einzelnen Läufer und eine Aufstellung der von ihnen durchlaufenen Entfernungen an. — Nun berichtete der Redner ausführlich von einer zweiten Gruppe, den emsi die zu dem Hofstaate der israelitischen und judäischen Könige gehörten. Er zeigte, wie.ausgezeichnet diese Läufer organisiert waren und welch große Rolle sie in der biblischen Geschichte spielen. Er legte weiter an Hand eines Talmudzitates dar, daß den Vorläufern Adoniahs