Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1932)
- Date
- 1932-02-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Keilas 1932 mm Schuld und Sühne. Von Binjamin Segel f. A. Der letzte Glockenklang verhallt in der Höhe. Die großen Seitentllren der Kirche taten sich auf, und die Gäste begannen herauszuströmen. Damen und Herren blieben auf der breiten Treppe stehen und schüttelten einander die Hände. Bald wurde die Mittelpforte aufgerissen, auf der Schwelle erschienen zwei große Männergestalten und zwischen beiden die schlanke, fast noch jugendlich zarte Figur eines Dritten. Langsam und bedächtig schritten sie »die Treppe herunter; die Anwesenden machten ehrerbietig Platz, und viele Hände streckten sich dem Mittleren glückwünschend entgegen.. ,Es waren dies der Fürst Carlowsky und der Präsident der Akademie; sie führten ihr neugetauftes Patenkind wie einen Sieger in der Mitte. Dieser sah aber gar nicht siegerhaft aus. Schlotternd und wie im Traume wankte er dahin und mußte von seinen Begleitern gestützt werden, so unsicher war sein Schritt. Aus dem totenbleichen verstörten Atlitz irrten »die Augen trübe und unstet umher wie die eines Verurteilten, der zur Richtftätte geführt wird. Unten auf dem Pflaster, wo eine lange Reihe eleganter Wagen wartete, ergriff der Fürst noch ein letztes Mal die Hand seines Paten und redete leise und eindringlich auf ihn ein. Dieser hörte stumm, wie geistesabwesend zu. Dann nahm ihn der Präsident der Akademie beim Arm und wollte ihn sanft in. seinen Wagen,, dessen Schlag ein Diener geöffnet hielt, drängen. Er schlug es dankend mit einem Kopfnicken aus. Einen Augenblick später blickte er sich um: er war auf dem weiten, öden Platze allein. Wankenden Schrittes fchlenderte er ziellos von dannen. Brennende Glut flammte auf feiner Stirn, bleierne Schwere.lastete auf seinen Gliedern. Die Schläfen hämmerten, er hatte das Gefühl, als. wäre sein innerstes Wesen wie durch einen Riß entzwei gegangen. Willenlos überließ er sich den Füßen, die ihn mechanisch trugen, und sah sich plötzlich auf dem Wege, der' hinaus ins Freie führte. Es war ein herrlicher, warmer Frühlings- . abend. Am westlichen Himmelsrande . hing, die große,'' goldene Sonne,nkugel und streckte ihre schrägend langen Strahfen wie schillernde Bänder ..bis än den. östlichen Horizont;,./wo sie das weite Gebüsch' in einen - /goldigen .Staubnebes Mstten. /Es war still Mgsüm: 'Wn/Dirrdcha-uH-pegt-e.sich, kein Matt raschelte.- Alles, schwieg. Nur von der. Ferne her drang das »Getöse der Stadt wie ein verhallendes, mächtiges Flüstern. Dem einsamen Wanderer war, als sei jemand hinter ihm her, und er verdoppelte seine Schritte. Draußen in der abgelegenen Stille, hoffte er, werde das zentnerschwere Mißbehagen, das ihm brennend auf der Seele lag, zerfließen, und er begann aus allen Kräften zu laufen, um dem peinigenden Geräusch zu entgehen, das hinter ihm hertönte. Weit draußen hielt er inne und holte .Atem; dann spitzte er die Ohren wie ein gehetztes Wild, dem die Jäger auf der Spur sind. Kein Ton war zu vernehmen. Das Rauschen der Stadt, erstarb hier auf der weiten Ebene, die sich ringsum unabsehbar dehnte, unter dem azurreinen Himmel, in beffen einsamen, dunkelnden Tiefen kein Wölkchen. zu sehen war. Der Eilende fühlte sich wie einer Schlinge entronnen, richtete seine Gestalt hoch auf und reckte die Glieder. Sein Blick verlor sich in den unermeßlichen Fernen. Auch die Nebel, die seine Seele umhüllten, schmolzen langsam, und ihm war's, als lösten sich eiserne Bande, die seine Brust umklammerten. Er begann, seine Gedanken zu sammeln. . Das war der Weg, den er so oft frohen Mutes gewandelt, mit schwellendem Herzen, den Kopf voll von neuen Gedanken. Nach angestrengter Tagesarbeit pflegte er sich hinauszuflüchten ins Freie, Erfrischung und neue Kräfte zu finden, da unter dem blauen Himmelsgewölbe, wo sein Geist sich verjüngte und wie aus einem unoersiegbaren Quell frische Säfte sog, um dann in stiller Nacht die heiße Gedankenarbeit von neuem zu beginnen!. Hier war er zu Hause, hier kannte er jedes Steinchen am Wege, jeden Busch, jeden Grashalm! Alle waren feine Vertrauten, Zeugen seiner Lust und seiner Qualen. Jetzt wollte er hier, in dieser Umgebund, Trost und Ruhe finden, wie in den Armen eines alten Freundes. Sein Blick schweifte in die Runde und suchte die einzelnen Plätzchen und Gegenstände, um grüßend daran haften zu bleiben Aber es hatte sich etwas wie ein-Schleier über die Gegend gebreitet, der. seinem 'Auge alles in veränderter Gestalt zeigte. Gefühl dee Entfremdung Hatto., .sicheingeschlichen. Was war geschehen? 'Die vertrauten Stätten waren ihm bekannt und doch so eigen fremd. Hatte sich etwas verändert, Da stand es plötzlich wie kn blitzartiger Beleuchtung vor feiner Seele: Er befand sich' unter dem hohen, säulengetbagenen Gewölbe der Kirche, Fluten dämmerigen Lichtes erfüllten den Raum, von oben hallte ein donnerartiges Dröhnen hernieder, gemischt mit weichen, schmelzenden Flötentonen, die mit dem- Gesänge menschlicher Stimmen sich verwoben. Sie sangen wohl irgend ein Lied. Vor ihm stand der Geistliche. Er sprach offenbar etwas, denn seine Lippen bewegten sich. Er aber verstand nichts, fein Hirn war wie ausgetrocknet, und »die Augen stierten auf einen funkelnden Stein in der Tiara des Priesters. Dann hieß man ihn niederknieen, und er fühlte plötzlich eine Traufe über sich herniederrieseln. Wiederum donnerte die Orgel und vielstimmiger Gesang erbrauste. Der Geistliche neigte sich zu ihm nieder und sagte eine Formel her, die er mechanisch, Wort für Wort nachsprach, ohne ihre Bedeutung zu begreifen. Dann fühlte er sich an beiden Armen erfaßt und fortgeführt, während tausend Blicke auf ihn gerichtet waren ... (Fortsetzung folgt.) Ein jüdischer Fürst fährt nach Erez Jisroel. - In Ger. Wie bekannt,' hat sich der Gere't Rebbe auf den. Weg nach Erez Jisroel i begeben. Es ist das vierte'Mal, daß der Rabbi die Reise nach dem. heiligen Lande macht. SeinHofstaat besteht aus 18 Personen. In seiner Gesellschaft-befindet sich auch'sein Schwiegersohn, der bekannte Agudaführer in Polen, I. M. Lew i n. Auch die ,;Rebbezin" und andere Damen der Fanzilie,fahren mit. Eine heilige Erregung erfaßte die ganze chassidische Judenheit Polens. In einer bitterschweren Zeit/sieht man den gefeierten Rabbi als» Abgesandten der Gemeinschaft, der an den heiligen Gräbern die Tränen und die Gebete der Hunderttausende weinen und beten wird. Andere hoffen von der vierten Palästinafahrt des „Gerer" eine Erschließung neuer wirtschaftlicher Möglichkeiten in Palästina, - und neue Wege für Einwanderung aus Polen, wieder andere verwarten die Herstellung des Friedens zwischen den einzelnen Gruppen. So kommt es denn, daß Hunderttausende im Geiste die Reise mitmachen. Die Abschiedsstierlichkeiten begannen schon am Sabbat sä nans in der ländlichen Residenz des Rabbi in Ger. Tausende.waren nach Ger wie zum hohen Feiertag gekommen. Bei des Rebben Tisch drehte sich an diesem Sabbat alles, auch die üblichen Thoraworte, um Erez Jisroel. Mit Sübbatausgang begann die Abschiedscour, die bis Montag dauerte. Montag mittag um 1 Uhr stand eine vieltausendköpfige Menge im und vor dem Hofe des Rabbi, der Abfahrt der Autos harrend. Ein tausendstimmiges a”nb »bvb begleitete dann die Wagen, die sich aus den Weg nach Warschau begaben. In jedem Dorf wurden aber die Wagen von Menschenmengen aufgehalten, die dem Rabbi und seiner Begleitung eine glückliche Reise wünschten. In Marsch au. Zwei Stunden vor Abgang des Wiener Zuges sind auf dem Warschauer Bahnhof sämtliche Perronkarten ausverkauft und die Sperre verhängt. Die Menge kümmert sich aber wenig darum und drängt weiter. Ein großes Polizeiaufgebot mußte eingreisen. Die höheren Beamten bleiben in Würdigung der Situation höflich und korrekt, von den unteren Beamten gehen einige brutal und rigoros v or. Nach Zehntausenden zählt die Menge vor dem Bahnhof, die die Ankunft des Rabbi erwartet. Sie wird enttäuscht. Ein hoher Polizeibeamter nimmt das Auto des Rabbi schon einige Straßen vor dem Bahnhof in Empfang und leitet es auf Umwegen durch abgelegene Viertel unter Vermeidung des Bahnhofs zum Perron. Das Gedränge auf dem Perron ist gewaltig. Achttausend Perronkarten sind verkauft und ebenso vielen Menschen gelingt es, auch ohne Karten durchzudringen. Eine ganze Kolonne von Pressevertretern ist anwesend, auf den Dächern nebenstehender Waggons wird mit der Kamera fleißig gearbeitet. Im langen D-Wagen Warschau-Wien sieht man bereits die ganze Reisegesellschaft, unter ihnen die Brüder und die Söhne des Rabbi, I. M. Lewin. Wo ist der Rebbe? Endlich entsteigt er dem von der anderen Seite angekommenen Auto. Er wird durch den ganzen Zug geführt, bis er seine Reisegesellschaft erreicht. „Der Rebbe kommt, der Rebbe kommt, der Rebbe ist schon gekommen! . . Nun wird der Andrang vor dem Wagen lebensgefährlich, Delegationen und angesehene Rabbiner nehmen Abschied. Einige hundert Personen halten mehrere Drittklaß-Wagen besetzt und begleiten den Rabbi einige Stationen, welche sogar bis zur Grenze. Dauernd blitzen Lichter von den Dächern auf, wo die Photographen die entscheidenden Momente festzuhalten suchen. Einige Minuten vor 4 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Ein tausendstimmiger Chor singt Dana* Der Rabbi steht am offenen Fenster, winkt und segnet... Der Abmarsch der Massen wickelt sich langsam ab. Es dunkelt. Da stellen sich etwa tausend Menschen vor den Schienen zu Mincho hin, ungestört, ohne Rücksicht auf die Umgebung. Es wird laut und innig gebetet, als gehöre es noch zum Abschied. Die Beamten und nicht jüdische Reisende stehen still ergriffen da. Der V:r" ' auf dem Weltbahnhof stockte in dieser Stunde, ü Warschau! ... In Wien. Auf sämtlichen Stationen diesseits und jenseits der Grenze ist die gesamte jüdische Bevölkerung am Bahnhof. Dienstag Morgen 6.30 Uhr, es ist noch stockfinster, fährt der Zug in den Wiener Westbahnhos ein. Trotz der frühen Stunde sind bereits Tausende da, um den Rabbi zu begrüßen. In Wien hält sich der Rabbi einen Tag auf und besucht den Ezortkower Rebben, Rabbi Israel Friedmann. Dieser Tag ist ein hoher Festtag für die Wiener Chassidim. * Von Wien nimmt der Rabbi mit seiner Begleitung den Weg über Budapest, Jugoslavien nach K o n st a n t i n o p el. Der Rabbi wünscht soviel wie möglich Juden und Jüdischkeit zu sehen, bevor er den Boden des heiligen Landes betritt, UM den Kontakt zwischen Israel und Erez Jisroel herzustellen. Darum wählt er diesesmal nicht den näheren Wasserweg von Triest, sondern den über die Türkei. Ueberall die gleichen Ovationen, überall die gleiche Herzlichkeit und die gleichen Hoffnungen. Ob Chassidim oder Misnagdim, ob Sefardim oder orientalische Juden, alle haben Vertrauen zu diesem seltenen Manne, der, so ganz weit ab von den Allüren eines Wunderrabbi (der Gerer nimmt keine Quitte! und keine Geschenke an) die Massen in fester Hand hat und ein wahrer, echter treuer Führer seines Volkes ist. Das beweist schon sein Verhältnis zu der- Aguda und seine freundlichen Beziehungen zu der Beth Jakob-Bewegung. ,; . In Konstantino p e l. Den Sabbat 's verweilt der Gerer Rebbe in K o nsta n t i n o p e l, gefeiert von . der gesamten Judenheit der Stadt. Am Sonntag stehen viele Tausende am Hafen, um den Rabbi bei seiner Ueberfahrt nach dem asiatischen Ufer zu begrüßen. Auf dem Dampfer befinden sich die Rabbinen der Aschkenasim, Sefardim und der grusinischen Gemeinde mit dem Chacham Baschi an der Spitze. Eine große Anzahl von Vertretern jüdischer Institutionen macht die Ueberfahrt ebenfalls mit. Besonders beachtenswert ist der gewaltige Eindruck, den der Gerer Rebbe auf die sefardische Judenheit Konstantinopels gemacht hat. Wie sich der Dampfer in Bewegung setzt, singt die Menge, ganz wie in Warschau, nur in etwas anderer Aussprache ddans- Auch auf der anderen Seite empfängt den Rabbi eine vieltausendköpfige Menge mit „Jechi" und „Hedad". Der Chacham der sefardischen Kehilla und der Rabbiner der Aschkenasimgemeinde, Dr. Marcus, begleiten den Rabbi bis zur Station. Die türkische und französische Presse bringt lange Berichte über die Reise und eingehende Artikel über den Chassidismus und feinen derzeitigen prominenten Führer. 4 Uhr Nachmittag fährt die Gesellschaft von der asiatischen Station Heidar Pascha über Kleinasien nach Syrien ab. In der Begleitung des Rabbi befindet sich der junge, talentvolle Schriftsteller Mosche Mark als Vertreter und Spezialberichterstatter des Warschauer „Togblattes". In dieser Zeitung erscheinen fast täglich anschauliche Berichte über die Reise und die Begeisterung in den jüdischen Gemeinden, durch die der Weg des Rabbi führt.