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Der Israelit · 1932-01-21 · Heft 4 (21.1.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 4 (21.1.1932)
Date
1932-01-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 4 Der Israelit 21. Januar 1932 Kampf um ihre Existenz zu führen hat. Heute liegen die Probleme auf ganz anderem Gebiet. Heute kann die moderne Schule, wie sie aus dem Geiste der damaligen Zeit hervorgegangen ist und noch hie und da in gleicher Struktur gehütet wird, nur durch die jüdische Schule bekämpft werden. Eine Erfahrung von hundertundfünfzig Jahren sollte uns zeigen, w i e wenig wir auf diesen jüdischen Lebensnerv, die wahrhaft jüdische Schule, heute verzichten können. Die Tauroh und die neue Sachlichkeit. Von Landrabbiner Dr. de Haas in Oldenburg. II. Nochmals also: Nüchterne Sachlichkeit, Kühle und Objektivität, wäre sie uns wirklich etwas schlechthin Fremdes und Abzuweisendes? Ein Jahrhundert lang haben wir über die Mizwaus, ihre Bedeutung und ihre Begründung gesprochen, was man babei zu beaten unb zu fühlen habe. Aberaa riaaai heißt das so sehr, daß man über die Mizwaus und nicht vielmehr i n und von ihnen reden müsse? Von den Mizwaus kann gar nicht genug gesprochen werden, aber über sie? Sind denn wirklich unsere Gedanken und Empfindungen dabei das Entscheidende und Ausschlaggebende? Gewiß nma mam irisa» Andacht, Intention ist bei der Erfüllung der Mizwaus notwendig und wesentlich, aber das heißt doch streng halachisch nur, daß man die Absicht haben muß, ein g'ttliches Gebot zu erfüllen, nicht aber, daß man etwa beim Schauforblasen und Lulowschütteln bestimmte Gedanken und Empfindungen haben müsse. Sind wir nicht vielleicht in dem Bestreben, den Mizwaus einen Sinn unterzulegen, sie uns verständlich zu machen, sie uns gedanken- und gefühlsmäßig nahezubringen, bisweilen zu weit gegangen, über die Grenze hinaus, die uns verbietet, die Mizwaus von rrapn zu n’am zu machen, während sie doch nur man hw sind? Doch nochmals: kein Wort gegen die Art und Weise, wie wir und besonders die Aelteren unter uns das Judentum erleben und empfinden, sondern nur gegen die Auffassung, es müsse nun in alle Ewigkeit so erlebt und empfunden und den Kommenden gezeigt werden. Ob das, wenn wir uns eine kleine Abschweifung gestatten dürfen, rein wirtschaftlich gesprochen, überhaupt möglich sein wird? Bisher hat sich bei uns das orthodoxe Judentum wesentlich auf ein wohlhabendes Bürgertum stützen können. Wenn aber diese Schicht immer schmaler und dünner wird, wenn es denn wahr ist, daß wir uns in einer weitgehenden Proletarisierung befinden, soll es dann kein gesetzestreues Judentum mehr geben? Ist es an eine bestimmte soziale Klasse gebunden? Können wir je daran vergessen, daß unsere großen Massen zu den Aermsten der Armen gehören? Nehmen wir aber selbst den günstigsten Fall, es sei möglich — und wer.möchte es nicht wünschen? — das öffentliche und häusliche jüdische Leben in demselben Stile wie bisher zu erhalten — wer sagt uns denn, ob unsere Synagogen, wie sie heute sind, unsere synagogalen Gesänge, unsere Predigten, der kommenden Generation noch etwas sagen und bedeuten können? Weiß ich doch nicht einmal, ob sie der heutigen Jugend noch etwas sagen; 'ich habe jedenfalls, vielleicht nur zufällig, nichts darüber gehört. Keiner aber kann Voraussagen, ob es auch in zehn oder, zwanzig Jahren noch der Fall sein wird. Aber nochmals: ist das notwendig, steht nicht das Eine als das unbedingt Wichtige voran, daß unsere und die künftige Jugend gesetzestreue Juden werden und bleiben müssen, dann auch, wenn, was zumal in der Großstadt gar nicht ausbleiben kann, ihre geistige Haltung und Form sich ändert? Ich sagte bereits, wie nüchtern und sachlich das Judentum überall in seinen Quellen und Aeußerungen ist. Da tritt überall eine Sache, ein Gesetz, das so und nicht anders ist, vor uns hin mit der Forderung, es so, wie es ist, anzunehmen, aufzunehmen und anzuerkennen. Distanz — dort, wo er von der Religion handelt, sagt Make: „Meiner Generation steht der Katholizismus näher als der Protestantismus. Denn der Katholizismus hat, was uns selbst entspricht, eine feste, straffgegliederte Form; und ihm kommt es weniger auf die privaten Regungen einer Seele an. Der Protestantismus dagegen ist subjektiv; bei ihm steht die Einzelseele ohne Vermittlung G'tt gegenüber in einem väterlich-kindlichen Verhältnis. In ihm ist sozusagen Famil'ienwärme und Stubenluft, Herzlichkeit und Gemüt." (S. 122.) Und wir fragen: haben wir nicht vielleicht doch ein wenig zuviel von dem D’arnn ax —- er bleibt es, wahrhaftig, in alle Ewigkeit! — geredet, und es ist nicht immer wiedernotwendig, von dem großen, gewaltigen, furchtbaren G'tt zu sprechen, von der unendlichen Ferne zwischen G'tt und Mensch, davon, daß Seine Wege nicht unsere Wege, Seine Gedanken nicht unsere Gedanken sind, sondern himmelhoch darüber erhaben, mit aller Schärfe, mit aller mißtönenden Rauheit des Elul-Schaufors in die Weit hineinzurufen, daß Er vor Allem ^a» der König und Herr ist, der uns keinerlei Rechenschaft schuldig ist, weder für Seine Taten noch für Seine Gebote, dessen Taten und Gebote hingenommen werden müssen, weil sie von Ihm kommen? Daß Seine Mizwaus zu allererst nicht gegeben worden sind, um verstanden und gebilligt, sondern um erfüllt zu werden? Ist es nicht durchaus im Sinne unserer Tauroh gesprochen, daß der Verstand nur eine Laterne ist und keine Sonne und darum durchaus nicht letztlich über Alles entscheidet, und daß alle menschliche Wissenschaft, so hoch auch wir sie schätzen, niemals etwas Entscheidendes und Maßgebliches über die Dinge zu sprechen hat, die Gegenstand der Tauroh und ihrer Offenbarung sind? Und können wir es Nicht auch mit ganzem Herzen bejahen, daß der Mensch mit seinem ganzen Denken und Fühlen gar nicht so wichtig und groß, daß er vielmehr unendlich klein ist, und daß er Größe und Bedeutung gewinnt nur dadurch, daß er, wo immer er stehe, ganz einfach schlicht und selbstverständlich seine Pflicht tut? Ist denn die Haltung unserer jüdischen Großen eine so heroenhafte? Hat Abraham etwa im größten Augenblick seines Lebens, bei der Akedoh, sich umgedreht, als wollte er sagen: Sehet einmal, was ich für ein Held bin? Man war bei uns sicher, so wenig wie die heutige Jugend, empfindungslos, kalt und begeisterungsunfähig, wie wenig man auch davon sprach, wie wenig Aufhebens man davon auch machte; man war keusch mit seiner Seele, mit seinen Empfindungen und Gefühlen. Man wußte bei aller Nüchternheit und Sachlichkeit von der Macht der Liebe, so gut wie die Anderen, von der Liebe, die so stark ist wie der Tod, die gewaltige Wasser nicht löschen und Ströme nicht fortschwemmen — aber — nüchterne Sachlichkeit! — man sprach davon nicht viel. Von beinahe grauer Nüchternheit wie fast Alles im Talmud, sind die Traktate Gittin und Kidduschin, aufgebaut auf der Tatsache der Ehe als unverletzliche G'ttesstiftung; aber man wußte — aber nur bei gegebenem Anlaß — auch zu singen vonrnpn mnxi nanx; man hat vielleicht bei uns Juden niemals die Ehe mit poetischem Schimmer zu verkleiden gesucht, aber es war doch immer — jetzt einmal das Wort in seinem guten eigentlichen Sinne genommen, nicht in seiner neuen, für uns so häßlichen und fatalen Bedeutung — die rechte Kameradschaftsehe, ein Bündnis zweier Menschen verschiedenen Geschlechtes, jeder vom anderen grundverschieden, jeder dem anderen ein nie zu entschleierndes Geheimnis, aber beide für Lebenszeit in unbegreiflicher Weise zusammengehörig, jeder dem anderen unendlich vertraut, zwei wackere Kameraden, die, ohne viel davon zu reden, zusammen durchs Leben wandern, zusammen das Leben meistern — mit zwei Worten fagts die Tauroh, dort, nw.sie das Weib nennt naia aiy „Des Mannes Kameradin." Ist also, frage ich nochmals, diesen Teil meiner Ausführungen beschließend, diese Ehrlichkeit, Nüchternheit und Sachlichkeit uns so fremd und wesensfern? Können wir nicht mit derselben Weise, mit der diese geistige Haltung an:die Welt herantritt, auch zu der anderen großen G'ttesschöpfung, der Tauroh, hintreten, die uns ebenso G'tteswerk und G'ttesoffenbarung ist wie die Welt, zur Tauroh, sie hinzunehmen, wie sie ist, sie zu erfüllen, wie sie ist, in der selbstverständlichen, schlichten und geraden Art unserer Alten? in. Aber wenn wir bis hierher den Versuch gemacht haben, auszuführen, wenn auch nur andeutungsweise und stichwortartig, daß diese neue geistige Haltung und Form dem Judentum doch nicht gar so fremd und fern istz wie es dem ersten Blick scheinen könnte, so soll doch auch um Alles in der Welt nicht der Eindruck erweckt werden, als wäre sie nun vollkommen jüdisch und entspräche durchaus unserem Wesen, oder besser gesagt, unserer Tauroh. Nichts, aber auch gar nichts, soll verschleiert und verkleistert werden von dem unüberbrückbaren Abgrund, der trotz unleugbar vorhandener Aehnlichkeit diese geistige Haltung und Form von unserer Art scheidet. Diese Kluft besteht wie früher so auch heute noch. Darf ich nun nochmals an die Großen erinnern, von denen ich vorhin sprach? Schon Rabbiner Hirsch sagt zutreffend, daß das Judentum noch nie zeitgemäß war und niemals zeitgemäß werden kann, es sei denn, was wir ja zuversichtlich erwarten, daß die Zeiten g'ttgemäß werden. Das Judentum kann vielleicht in eine Zeit e i n gehen, aber niemals darin auf gehen. Hier wie überall gibt es eine Scheidewand, die wir nicht niederreißen können, ohne treulos die Tauroh und damit uns selbst zu verraten. Das erlebt täglich ein jeder von uns. Wir können einmal nicht überall mit, wir haben es immer schwerer, wir haben stets mehr Gepäck im Tornister als alle anderen, nicht nur Tallis und Tefillin, Gepäck, das wir nicht hinauswerfen können ohne unser Judesein ernstlich zu gefährden. Ein gesetzestreuer Jude kann sehr viel, kann vielleicht Großes sein, mehr noch als alle anderen, — aber er kann das Andere doch niemals ganz sein, er hat zuerst und vor allem anderen Jude zu sein. Vielleicht wird einer von uns ein hervorragender Sportsmann und bricht alle Rekorde; nie aber, kann der Sport ihm Alles sein, überall gibt es für ihn eine Grenze, wo es heißt: Bis hierher und nicht weiter! Diese Grenze liegt nicht etwa erst dort draußen, wo Jssur und Heiter sich scheiden, sondern viel, viel näher, bei dem iznj? •jV amaa “px!; öorl wo man sich fragen muß: wieviel Geld,' Kraft und Zeit darf ich aufwenden, wenn Tauroh und Mizwaus, wenn Lernen und Ueben nicht zu kurz kommen sollen? Der Jude hat immer noch Anderes und Wichtigeres zu tun: er hat überall, gegen sich selbst und Andere den g'ttlichen Anspruch zu vertreten und zur Geltung zu bringen: naima *>aaa nx rnp-> xb avx wxn am lamx nxrn So haben wir denn auch jeder geistigen Haltung und Form gegenüber unsere g'ttergebene Haltung und Form zu bewahren und ganz scharf und deutlich die Trennungslinie zu ziehen, wo es heißt: So weit können wir mit und keinen Schritt weiter! Versuchten wir es zuerst, der neuen Generation nach Möglichkeit, soweit es in dem gegebenen engen Rahmen geschehen konnte, gerecht zu werden, so haben wir nun doppelt und dreifach die Pflicht auszusprechen, was an der neuen Haltung unjüdisch und nicht taurohgemäß ist. Und das kann mit einem Worte geschehen: Sie ist durchaus heidnisch, es steht gewissermaßen über ihr das Motto: anx xbx abiv v>x „Es gibt nur Ae Welt" — und keine zweite! (Schluß folgt.)

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