Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1932)
- Date
- 1932-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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v^eitc 2 Nr. 2 Der Israelit 7. Januar 1932 ung liberaler Theologie übrig gelassen und anerkannt wurden. Daß Jesajas dabei keine Ausnahme machte, daß ihm selbst von der ersten Hälfte seines Buches nur sehr wenig übriggelassen wurde, das versteht sich von selbst. Der Dienst aber, der damit den Zwecken der Kirche geleistet wurde, war ein sehr zweifelhafter. Es wurde dadurch nur mehr und mehr deutlich, - daß die Voraussetzung, die ihr selbst unentbehrlich war, immer mehr ins Wanken kam. So dürfte eine Neuerscheinung des Kommentars von D. Otto P r o ck s ch Professor der Theologie in Erlangen, zu Jesajas (aus der Sellin'schen Sammlung) als ein Zeichen der Besinnung in der Theologie besonders interessieren. Es ist glänzend geschrieben, die Sprache ganz der Würde des Gegenstandes angepaßt. Jesajas wächst sich zu einem Menschen ungeheurer geistiger Dimensionen aus. Aber die Beziehungen zum Christentmn sind manchmal in geradezu komischer Weise in den Vordergrund gerückt. Das Buch redet von Messias als einem Weihnachtskind. (!) Assur ist der Antichrist. Die Heimsuchung Israels wird das Purgatorio genannt, so daß schon in der Form in die Erscheinung tritt, man müsse die zerstörende Wirkung der früheren Erklärer wieder wettmachen. Natürlich kommt die Jungsauengeburt jetzt wieder als die Deutung von 7, 1. Es wird emphatisch gesagt, naby bedeutet n i ch t die junge Ehefrau! Dabei beweist der Vers von der Rebekka, (eine Almah, schön von Ansehen gar sehr, eine Jungfrau, ein Mann hatte sie nicht gekannt), ganz deutlich, daß Almah nicht Jungfrau bedeutet, sondern eine Jugendliche, so daß die Bibel hinzusetzen muß: Bethula. Undwas sott bei Jesajas selbst wohl heißen: mh hara! Sie wird Mutter, sie empfängt, was doch auf einen ganz normalen Verlauf einer Geburt hinweist. Aber sei das wie es sei, wir wollen nur kennzeichnen, welche ganz andersartige Stellung Procksch gegen seine Vorgänger einnimmt. Jesajas Bedeutung wird konsequenterweise von ihm daher als eines Propheten des Glaubens hingestellt, das Wort Glaube im * christlichen Sinn aufgefaßt. Es wird behauptet, Jesajas weise dem Glauben den Mittelpunkt im Leben des Menschen mit G'tt an irnd als Analogon die paulinische Berufung auf Abraham mitübernommen, dem „nur" sein Glaube als Verdienst angerechnet wurde. Es ist natürlich völlig einseitig, aus Jesajas die eine Stelle: „wenn ihr nicht glaubt, so habt ihr keinen Bestand" als das Zentrum feiner Lehre hlnzustel- -) Jesaia I. 1930. A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung D. Werner Scholl, Leipzig. Geb. Mk. 22.—. len. oeber flüchtigste Blick in das Prophetenbuch zeigt vielmehr, daß er um Recht und Gerechtigkeit viel leidenschaftlicher gekämpft hat, daß er die letzte Heiligung G'ttes in Recht und Gerechtigkeit erblickt hat, daß Zion n u r durch Recht erlöst wird. Die Stelle von Abraham ist auch ein vollkommen lendenlahmes Argument. Man könnte mit genau demselben Recht aus Deuteronomium 6, 28 die Erfüllung der Pflicht, vom Passah zu erzählen, als einziges Verdienst oder aus Deuter. 24, 13 die Pfandrückgabe als einzige moralische Leistung hinstellen. Das Wort Zedakah, das in allen drei Fällen gebraucht wird, ist vielmehr nicht zufällig und hat gerade den entgegengesetzten Sinn, es will nämlich, obwohl das betreffende Gebot nur ein unbedeutendes ist, wird es doch als ein Verdienst angerechnet. Auch Abraham hat selbstverständlich viel größere Leistungen aufzuweisen. Wenn er seinen Sohn opfert, sagt G'tt: Nun weiß Ich, daß du g'ttesfürchtig bist. Aber weil er, trotzdem die Erfüllung des g'ttlichen Versprechens vom Kindersegen schier eine Unmöglichkeit bedeutete, dennoch an sie glaubte, so wird ihm auch dieses Glauben als solches schon als Verdienst angerechnet. Das bedeutet für jeden logisch Denkenden: daß im allgemeinen nicht das Glauben als solches, sondern erst die Bewährung durch die Tat gewertet wird, hier aber ausnahmsweise auch Glauben als Verdienst betrachtet wurde. In Wirklichkeit kann auch Procksch mit diesem Glauben nicht sehr weit kommen, er sieht sich nachher gezwungen, umzudeuten: „der Glaube ist Selbsthingabe im Gehorsam." Damit kommt er bereits dem Judentum näher. Das Kritische steht auch bei Procksch noch an entscheidender Stelle. Sein unbefriedigtes Gewissen läßt ihn nach Kronzeugen Umschau halten, und da wird die Ungeheuerlichkeit behauptet: Secharja habe gewußt, daß Deuterojesaja nicht dem Jesajas gehöre (S. 18). Wir wären neugierig, von welchem Secharjah Procksch redet. Ebenso unglücklich ist seine Berufung auf Sirach, Kap. 48, der nur ein einheitliches Jesajasbuch kennt und vor allen Dingen feine Trostprophetien heroorhebt. Procksch sucht ihn zu diskreditieren, indem er sagt: Dem Sirach sei ein ganzes Prophetenbuch, nämlich Daniel, unbekannt. Für uns und ebenso für Sirach war aber leider Daniel kein Prophetenbuch, sondern ein Teil der Hagiographen, und von diesen erwähnt Sirach im Zusammenhang überhaupt nichts. Nur bei Aufzählung der Könige feiert er David und Salomon als Dichter, und wenn er Nehemia nennt, so nennt er ihn nicht als Schriftsteller, sondern nur als großen Staatsmann und Wiedererbauer des Etwas über das Forschen nach den Gründen der TMzivoth. Z u m 27. T e w e t h. Von Oberrabbiner PH. Fischer in Sarospalak. (Schluß.) Aber auch abgesehen von diesem unbestreitbaren historischen Verdienste, ist die Annahme, daß es für den gesetzestreuen vollkommen gleichgültig sei, ob man von der „Vernünftigkeit" der Gesetze überzeugt sei oder nicht, eine unrichtige. Auch in dieser Beziehung hat der große Meister nicht genug zu empfehlende Weisungen in seinem herrlichen Vorwort zum Chaurew gegeben. Weisungen, die man wieder und wieder lesen sollte, und von denen wir hier nur einige herausgerissene Sätze anführen können: „Wäre uns daher auch jedes g'ttliches Gebot ein Rätsel, und drängten bei jedem sich tausend ungelöste und unlösbare Fragen uns auf: in nichts wäre dadurch die Verpflichtungskraft der Gebote geschmälert. Wir haben auf die Frage: „warum habe ich dies zu erfüllen, jenes zu lassen? immer und immer nur eine Antwort: weil es G'ttes Wille ist, und du G'ttesdiener sein sollst mit jeder Kraft und jedem Mittel und jedem Lebenshauch" „Die g'ttlichen Aussprüche selbst, im Zusammenhänge mit einander und mit den durch sie bestimmten Verhältnissen zu betrachten, sie zum Begriff, wenn gleich nur für menschliche Auffassung zu bringen, sie zusammen zu ordnen, die Folgen ihrer Beachtung und Nichtbeachtung im Leben zu erwägen, und auch in G'ttes Wort, G'ttes Weisheit nachdenkend zu folgen, wie wir ihr im G'ttes Werk nachzudenken streben,' auf daß auch durch G'ttes Wort unser Geist erleuchtet werde zu immer klarerer Einsicht in Bedeutung der Welt und unseres Lebens in ihr, und unser Herz freudig erweitert werde, mit invner seeligeresr Freude und immer freudigerer Seelrgksit an G'tt und seinem Worte zu hangen, und vor allem die Erfüllung seines Wortes im Leben zu leben, wie es heißt: „Aufgaben G'ttes sind gerade, erfreuen das Herz. Gebot G'ttes ist klar, erleuchtet die Augen." Zum Schlüsse aber sei mir noch gestattet, auf unsere vor Jahren in diesen Blättern erschienene Feststellung hinzuweisen, wonach der Meister mit unbestreitbarem Rechte die ununterbrochene Kontinuität der geistigen Erfassung des Judentums, also auch der Forschung nach den sogen. nrenn ’ay» als historisches Faktum vorausseht. (Der Israelit 1927, Nr. 14, jetzt in unserer Schrift: lieber den geistigen Nachlaß S. R. Hirschs, S. 9—16.) Kleines Feuilleton. Zur Erinnerung an Frau Zudikh Adler,T§> Sitzingen. Zum 6. Sch'wat, an dem sich zum erstenmal. der Todestag dieser einzigarllgen Frauengestalt fährt, sei es gestattet, ihr in herzlicher, treuer Dankbarkeit in diesen zweiten jüdischeil Reiches. Die Zeugen also, die Procksch für feine These zitiert, versagen leider oen Dienst. Natürlich wird auch die Zauberkunst der modernen Exegeten reichlich angewandt, zu streichen und zu ändern, bis der widerspenstige Text ihnen gefügig ist. Um die ganze Sinnlosigkeit dieses Verfahrens uns nun auch noch recht deutlich zu illustrieren, erfahren wir an jeder Stelle von all den Vorgängern, die vorher am Verse herumexperimentiert haben und deren Versuche dann meistens abgelehnt werden. Um ein hübsches Beispiel Herauszugreisen, wählen wir Jef. 10, 34. „Geknickt wird das Dickicht des Waldes mit dem Eisen, und der Libanon durch einen GewalUgen fällt er." Jeder, der diesen Vers liest, wird ihn schön und herrlich finden. Wie im Macbeth der wandernde Wald, so ist er bei Jesajas das vom Libanon heruntersteigende Zederndickicht, gegen das G'ttes gewaltige Hand sich ausstreckt. Aber die Theologen finden, daß der Gewaltige (Addir) hier unmotiviert sei, also trotz Ps. 93, 4, wo Addir als die typische Bezeichnung G'ttes gesichert ist, falsch sein muß. Es wird korrigiert, das Aleph ist verschrieben, es muß ein Ajin stehen, denn es gibt einen Stamm msr hacken, jäten, davon die Hacke, also heißt die Stelle: durch die Hacke fällt der Libanon. Leider hat man zu Jesajas und unseren Zeiten Hacken nur benutzt, um Unkraut auszureißen, aber die Theologen lassen offenbar den Libanon und seine Zedernwelt durch eine Unkrauthacke roden. Wir wünschen Herrn Procksch nicht, daß ihm einmal die Aufgabe zuteil wird, mit einer Hacke einen Wald zu roden. Aber was die Zauberkunst der Theologen alles fertig kriegt! Das Echo theologischer Forschung in Deutschland ist in den Werken über „Geschichte der orientalischen Völker" deutlich vernehmbar, vor allem in der Geschichte des Altertums von Eduard Meyer, 2. Band, herausgegeben von Dr. Hans Erich Stier, Stuttgart und Berlin bei I. G. Cotta. Ed. Meyer ist ein großer Historiker und ein großer Antisemit. Der Ton, in welchem er die ganze israelitische Geschichte behandelt, macht einem Judenfeinde alle Ehre. Er nimmt selbstverständlich alle Hypothesen ber Bibelkritik gläubig an, erzählt nun die Phantasiekonstruktion der israelitischen Geschichte, wie wir sie längst kennen. Es verlohnt uns nicht, noch einmal jede einzelne Behauptung in ihrer Haltlosigkeit darzulegen. Bald sind die Angaben der Bibel „albern", bald „reichte die Phantasie des Verfassers nicht aus, eine lebensvolle Erzählung zu schaffen," bald wird in „armseliger Ausmalung" die. Geschichte an falscher Stelle gebracht, oder es werden Blättern, die jahrzehntelang ihre Schabboslektüre gebildet hatten, ein bescheidenes Denkmal zu setzen. Wer so gelebt und gewirkt wie sie, die den Lebensinhalt ihrer ganzen Umgebung bereichert, geadelt, und vertieft hat, über dessen Spuren schlägt der Flugsand nicht so rasch zusammen. Im 95. Lebensjahre, in einem guten Alter, reif und satt, voll heiliger Sehnsucht auf die ihrer harrende Seligkeit war ihr Geist heimgekehrt in den Kreis der Ihren, aber eine unausfüllbare Lücke riß ihr Tod. Vereinigte sie doch in sich einen Schatz von seltenen Tugenden, die sie aber bei ihrer heutzutage beispiellosen Anspruchslosigkeit ja nicht offenbart haben wollte. Innigste Liebe verband die Treue mit ihrer Familie, den Eltern war sie die liebevollste Tochter; ihres großen Vaters, des Würzburger m hat man sie nicht denken sehen, ohne daß ein strahlendes Leuchten über ihr Antlitz zog. Ein rührendes Zeichen dieser Kinderliebe und Ahnenverehrung bot eine kleine Tafel an der Wand ihres der G'ttesverehrung geweihten Zimmers mit den hohen Bücherschränken voller »mav auf der folgende Aufzeichnung zu lesen war: -»sä 'lim in pnx’ mnin» p'ixn bnan am '*nn ’a« 'am nann Vya rrn i-'i-am anamn p"pi man Vpmr nsmya -ii>im D’ip'n d’ibo nun ,)iv p n x' ,a p j?' n'ai> n *i'» 8 ,a'»v nani>» .ornn by n » 8 a xnp ,3? a t 'i-na ,v' na: i> -rnn» p’ixn irnan am na ni>'p np'ixn mp’n 'min '»8 nnm mm 8"v' ^ani mVia p"pi mas i>"xr -i r o »-i 8 n bpyr masn mm 'i>a wnpn mma pioyV i>"an am miv 'an i>am T»n p’isn am nem n’Ti’ navp.a '18 »'am omsvai mx»a n» i>aa ii> 8"5' Warn I^aa'xv'p ras ni> 18 »na» immv Nie der Kinderschuld vergessend, bewahrte sie sich ein kindliches Gemüt, eine Reinheit voller Unschuld und Hoheit bis zum letzten Atemzuge. Aber sie zehrte nicht bloß von der Vergangenheit. Was sie ererbte von ihren Vätern, erwarb sie, um es zu besitzen und weiter zu