Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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/ £rzidf?ünq und Lei; Usraclif e zum Organ -es Kun-es gesetzestrruer jii-ilcker Kehrer Deutschlan-s. Verantwortliche Schrtftlettung: L. Kaufmann. Sprendlingen lKreis Offenba<Ii>. Zur Frage der Umschulungs-Beratung. Volksschule oder höhere Schule? Bon Lehrer Bernhard Großmann in Köln. Seit Jahren wiederholt sich stets das gleiche Bild: In der zweiten Hälfte jedes Schuljahres tritt an den Klassenlehrer der vierten Grundschulklasse die Frage vieler Eltern heran, wohin sie ihr Kind senden sollen, ob in die höhere oder in die Volksschule. Und in jedem Jahre wartet die Presse aller Richtungen mit unheimlichen Statistiken über die Ueberfüllung der Hochschulen und Gymnasien aus, wäat Bor- und Nachteile des Volksschul- und Gymnasiumbesuches gegeneinander ab und warnt vor übereilten Beschlüssen. Auch die jüdischen Zeitungen stimmen seit Jahren in die Mahnrufe ein und stellen daneben die andere Frage: jüdische oder nichtjüdische höhere Schule, zur Diskussion. Am Schlüsse des laufenden Schuljahres wird die letztere zwar kaum in Erscheinung treten, denn G. s. D. hat sich in unseren Reihen die selbstverständliche Erkenntnis durchgesetzt, daß jüdische Schüler, gleich welcher jüdisch-politischen Richtung ihre Eltern auch sein mögen, in jüdische und nur in jüdische Schulen gehören. Wer heute noch nicht sieht, daß nur der Zusammenschluß Aller unter Ueberbrückung des Trennenden den Druck von außen erträglch machen wird, wer heute noch nicht erkannt hat, daß jüdische Kinder nur in einer Umgebung werden und wachsen können, die nicht mit dem Finger auf ihr Judentum zeigt, der mag sein Kind ge- ' trost einer nichtjüdischen Schule übergeben. In kürzester Zeit büßt das unschuldige Kind den Verrat der Eltern an der Gemeinschaft. Wie gesagt: diese Frage wird uns nicht beschweren; dafür ist aber aus der anderen, ob Volks- oder höhere Schule, heute ein Problem geworden, das berechtigterweise viele Eltern mit Sorgen erfüllt, und dementsprechend ist auch der Rat, um den der Grundschullehrer gebeten wird, heute verantwortungsvoller als je zuvor. * Drei Schülergruppen sind in jeder Klasse zu unterscheiden: Die Hochbegabten, die schon in der Grundschule die geistig regsten, führenden und anregenden Schüler sind. Sie zeigen schon in diesem Alter, daß sie ihren Weg zur Hochschule ohne Schwierigkeiten gehen werden, weil sie sür die Akademikerlaufbahn gleichsam prädestiniert sind. Sie berechtigen, vorausgesetzt natürlich, daß nicht vollständig unvorhergesehene Dinge eintreten, zu der Hoffnung, in jedem Älter Spitzenleistungen zu erreichen. Es ist selbstverständlich, daß diese Kinder in die höhere Schule geschickt werden sollen 'und daß niemand sich ihnen hemmend in den Weg stellen wird, der ihnen, ihrer Natur und Anlage nach, am besten liegt. Wir glauben daran, daß auch in Krisenzeiten die Spitzenleistung sich durchzusetzen vermag und wir möchten die Hochbegabten deshalb auf jeden Fall in die Gymnasien aulaenommen wissen, ohne Rücksicht auf die finanziellen Verhältnisse des Elternhauses, welche nur in der verwaltungstechnfchen Erhaltung der Schule, nicht aber in unserem Zusammenhang eine Rolle spielen dürfen. Auch bei der zweiten Schülergruppe liegen die Dinge recht einfach. Es sind die Schwachbegabten, die nur unter Aufbietung aller Kraft den Anforderungen der Grundschule gerade eben genügen. Eigene Initiative ist nicht von ihnen zu erwarten, sie lassen sich schleppen und sind überlastet, wenn man mehr als das Notwendigste von ihnen verlangt. Diese Schüler gehören natürlich in die Volksschule, deren wichtigste Aufgabe es ist, den für das praktische Leben erforderlichen Stoff zu übermitteln und das Kind nicht länger auf der Schule zu halten, als es dem Gesetz nach verlangt wird. Schwachbegabte sollen eben so schnell wie möglich dem Berufsleben zugefllhrt werden, um sie baldigst an den eigenen Broterwerb zu gewöhnen. Zwischen diesen beiden Gruppen liegt aber die zahlenmäßig größte, der sogenannte Durchschnitt. Hierher gehören nicht nur die Spezialbegabten, die technisch besonders Veranlagten, diejenigen, deren Körperkonstitution eine besonders große geistige Belastung nicht erlaubt, sondern vor allem solche Schüler, die wohl den Stoff ihrer Stufe bewältigen, ihn aber selbständig nicht verarbeiten und ausbauen können. Sie erfassen das Leichte leicht, das Schwere aber nur mit Mühe, sie können in der Volksschule, da die ihnen geistig überlegenen Hochbegabten herausgenommen sind, die Arbeit der Klasse anregen und fördern; in der Gymnasialklasse aber, in der sie die Schwächsten sind, müßten sie mitgeschleppt werden und würden hemmend wirken. Was von beiden für sie gesünder ist, das eben ist die schwere Frage der Umschulunosberatung des Durchschnittsschülers, von dem unter Ausschaltung der anderen Gruppen im Folgenden die Rede sein soll. * Jedes Jahr, so müssen wir uns sagen, das wir einen Durchschnittsschüler länger als unbedingt notwendig auf der Schule halten, ist heute, wo in jeder Familie die Heranziehung aller Kräfte zum Broterwerb geboten ist, verlorene Zeit; ein derartiger Rat daher eine schwere Versündigung am Interesse des Kindes. Wir find wirklich verpflichtet, die Mobilmachung aller Erwerbskräfte auf das energischste zu unterstützen und wir sind geneigt, uns daraufhin grundsätzlich für die nach vier Jahren abschließende Volksschule zu entscheiden. Es ist bekannt, daß, wer allein dieser Argumentation folgt, auch in dem Abschluß nach vier Jahren einen bedeutenden Vorteil sieht. Denn es genügt dem verantwortungsbewußten Pädagogen nicht, daß eine gewisse Menge Wissen dem Kinde am Ende seiner Schulzeit übergeben worden ist, sondern er fordert mit Recht im Interesse des Schülers neben der Abgrenzung des Stoffes auch feine Abrundung, die gegenseitige Abstimmung der einzelnen Fächer aufeinander, die Vergleichung heutiger Dinge mit früheren, kurz: den stofflichen Abschluß am Ende dieses Abschnittes im Leben des Kindes. Mit Recht wehren sich aber in uns verschiedene Gedanken gegen die grundsätzliche Entscheidung für die Volksschule, denn es spricht manches auch für die höhere Schule. Die Uebermittlung der Fremdsprachen, die heute für jeden von größter Bedeutung sind, die Besprechung von grundlegenden Dingen aus der Warenkunde im Physik- und Chemieunterricht, die Behandlung von Handels- und anderen kaufmännischen Fragen und nicht zuletzt die Schulung in rein geisteswissenschaftlichen Dingen, scheinen manchen Eltern wichtig genug, daß sie darum der höheren Schule den Vorzug geben möchten. Bei dieser Gelegenheit sei betont, daß wegen des dabei fehlenden Abschlusses eine Zwischenlösung abzulehnen ist, die darin besteht, daß man sein Kind nach der Grundschule vier Jahre lang die höhere Schule besuchen läßt. Wir glauben, daß die geringe Menge erworbenen Wissens aus vielen Gebieten nur eine Verzettelung des kindlichen Geistes bedeutet, der auf diese Weise von vielen Einzelfächern etwas kennen lernt und kein Fach gründlich versteht und überblickt. * Fassen wir zusammen: Auf der einen Seite steht die Volksschule mit ihrem nach kürzerer Zeit erfolgenden Abschluß eines kleineren Wissensgebietes, auf der anderen Seite die höhere Schule mit ihrem umfassenderen Lehrstoff, dem erschwerten Weiterkommen des Durchschnittsschülers und feiner Belastung mit überflüssigem Wissen, da er die Hochschule ja doch nicht wird besuchen können. Wir sitzen also zwischen zwei Feuern, aus denen es keinen grundsätzlich zu empfehlenden Ausweg gibt und nur ein unsozial und unpädagogisch einaestellter Mensch könnte auf den Gedanken kommen, die Lösung der Frage von finanziellen Gesichtspunkten abhängig zu machen, daß nur Zahlungsfähige in den Besitz höherer Schulbildung gelangen, Nichtzahlungsfähige dagegen in der Volksschule verbleiben sollen. Es liegt der Gedanke nahe, eine Lösung des Problems durch Umgestaltung einer der beiden Schulgattungen herbeizuführen und so eine Möglichkeit zu schaffen, die auch dem Durchschnittsschüler der Grundschule Rechnung trägt. Zwei Wege stehen theoretisch dazu offen: Verkleinerung des Lehrstoffes der höheren Schulen oder Erweiterung des Volksschulpensums. Der erstere zeigt seine Ungangbarkeit sofort. Es ist klar, daß man einen Lehrstoff nicht verkleinern kann, ohne Sonder- und Abschlußklassen einzurichten, zumal wenn andere Schüler da sind, die mit Recht das größere Pensum beanspruchen. Sonder- und Abschlußklassen aber entsprechen dem Wesen der höheren Schule, die geistig weiterarbeitende Menschen heranbilden soll, absolut nicht. Was aber den zweiten Weg betrifft, so ist hier nicht der Ort, den Nachweis dafür zu erbringen, daß auch aus mehreren anderen Gründen die Erweiterung des Lehrstoffes den Volksschulen nützen würde. Hier genügt zu sagen, daß die Einrichtung von Förderklassen und Kursen dem Wesen der Volksschule nicht zuwiderläust, und daß manche Eltern ihr Kind in die Volksschule schicken würden, wenn man ihin dort wenigstens eine der unentbehrlichen Fremdsprachen und ein Mindestmaß der im kaufmännischen Leben notwendigen Kenntnisse beibringen würde. Auf diesen Vorschlag, das Volksschulpensum zu erweitern, sollten besonders die jüdischen Volksschulen eingehen. Man muß fragen: Genügt es wirklich, daß in einer jüdischen Schule hebräisch gelehrt, jüdische Weltanschauung und jüdische Auffassungen behandelt werden und im übrigen den Anforderungen des Staates Genüge geleistet wird? Cs ist in unserem ureigensten Interesse höchste Zeit, jüdische Schulen 3 u M u sterschule n in jeder Beziehung zu machen, mehr zu schaffen als die Regierung verlangen kann, und den Stolz nicht in großen Klaffen, sondern in einem außergewöhnlich guten Schülermaterial zu sehen. Diese Forderung gilt übrigens gleichermaßen für Volks- und höhere Schulen und ihre Verwirklichung wäre geeignet, den jüdischen Schulen ein Ansehen zu schaffen, ein Ansehen, das sie gut werden gebrauchen können. Man bedenke in diesem Zusammenhang auch, daß es in Preußen kaum eine jüdische Mittelschule gibt. Sollte es nicht eine lohnende Aufgabe der jüdischen Volksschulen sein, die Mittelschullehrpläne wenigstens zu einem Teil durchzuführen? Manches wäre dadurch erreicht: 1. Die schwierige Fraoe, ob ein Durchschnittsschüler in die höhere oder in die Volksschule gehört, wäre bedeutend erleichtert. 2. eine Trennung aller Schüler am Ende des' vierten Grundschuljahres wäre herbeigeführt, die unter Umgehung der auch in einem dies'"''riaen Ministerialerlaß als unpädagogifäi bezeichneten Aufnahmeprüfung in die höheren Schulen, den Vorzug hat, gerecht zu fein. 3. Nur das weitaus beste Schülermaterial käme in die höheren Schulen, nur Schüler, die Gewähr dafür bieten, ohne Schwierigkeiten bis zum Abiturium durchzukommen und es glanzvoll zu bestehen. 4. Die im Vergleich zu den Grundschulklallcn viel zu niedrige Schülerzahl der Volksschulklassen würde siai l-eben und es würden größere entstehen, die nicht, wie bisher in vielen Grohstadtschulen nur von den schwächsten Schülern besucht werden, und die, weil besser veranlagte Kinder ihre Arbeit beflügeln, bessere Leistungen erzielen könnten. 5. Vielleicht würde dann auch das — allerdings meistens unausgeprochene — Vorurteil gegen die Volksschule verschwinden, daß man ihr nicht mehr als die Fähigkeit zutraute, Laufburschen und Handwerkerlehrlinge für das Leben vorzubereiten. Ich stelle als Ergebnis heraus: Die Lösung des Problems, Einschulung in die höhere Schule oder in die Volksschule, kann nur durch vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus gelöst werden: