Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-12-24 · Heft 52 (24.12.1931) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 52 (24.12.1931)
Date
1931-12-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450703--78450-2536140
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DerJsraelit Nr. 52 Seite 11 24. Dezember 1931 Korrespondenzen « Nachrichten. Palästina. „3m Kampfe gegen die Bourgeoisie". Jerusalem, 15. Dezember. Was sich jetzt in. der Kolonie Chedera ereignete, ist kein Einzelsall, sondern typisch für die Politik und Taktik der „Histadrut Hapoalim". Sie wünscht unter der Parole, rr-iay rn-nr/ daß jüdische Arbeitgeber nur jüdische Arbeiter anstellen sollen, womit man ganz gewiß einverstanden sein kann. Nur sind leider die Mittel, die dem guten Zwecke dienen sollen, schlecht und unjüdifch. In Chedera wohnt ein jüdischer Kolonist, der nach Jahrzehnten schwerer Mühe und Arbeit und unter großen Opfern an Geld und Kraft endlich so weit war, seine Früchte, Orangen, aus den Markt zu bringen. Da sich kein jüdischer Kaufmann für den Export fand, schloß er einen Vertrag mit einem arabischen Exporteur ab, wobei er sich, noch ausdrücklich aushielt, daß mindestens acht Juden bei den Exportarbeiten beschäftigt werden müßten. Die Lohndisferenz (der jüdische Arbeiter kostet dreimal soviel wie der arabische) wollte der jüdische Kolonist aus seiner Tasche tragen. Damit ist aber die Arbeiterorganisation nicht zufrieden, denn es ist ihr nicht so sehr um die Interessen der Arbeiter zu tun, als vielmehr, mit der „satten Bourgeoisie" abzurechnen. Sie forderte, daß nur jüdische Arbeiter beschäftigt werden. Dem konnte der Kolonist, da der Vertrag abgeschlossen war, nicht» Nachkommen. Die von ihm angebotene Vergütung von Lst. 35.— lehnte der Araber ab. Die Arbeiter ließen sich aber nicht beruhigen und es kam zu Tumulten in der Plantage, so daß der Araber die Polizei zu Hilfe rufen mußte. Die Haupträdelsführer unter den jüdischen Arbeitern wurden in Haft genommen. Der Komödie zweiter- Akt ist aber noch weit beschämender. In der Kanzlei der Kolonie wurden an diesem Abend von jüdischen Arbeitern sämtliche Fensterscheiben eingeschlagen. Auf der Straße wurde ein unbeteiligter Kolonist, der ahnungslos auf seinem Esel dahergeritten kam, überfallen und so blutig geschlagen, daß sein Zustand besorgniserregend ist. Sodann ging man an die eigentliche Arbeit: Man drang in das Haus des beteiligten Kolonisten ein, zertrümmerte die Fensterscheiben und schlug im Hause alles kurz und klein. Das Oberhaupt der Kolonie wurde ebenfalls mißhandelt und bedroht und unter Anwendung von Gewalt gezwungen, sich bei der Polizei für die Befreiung der verhafteten Genossen einzusetzen. Noch andere Häuser von Kolonisten haben durch Steinwürfe gelitten. Tags darauf versammelte sich der Gemeinderat der Kolonie zu einer Sitzung. Das Ansinnen der Arbeiter, der Kolonist müsse den Kontrakt brechen und mehrere hundert Pfund Entschädigung an den Araber zahlen, beantwortete der Gemeinderat nach einstimmigem Beschluß negativ. Es hieß in der Antwort,,,daß nach den unverzeihlichen Ueberfällen auf unschuldige Menschen und nach der Organisierung von „kleinen Pogromen" in fremden Häusern der Gemeinderat jede Verhandlung mit den Arbeitern ablehnen müsse. Darauf antworteten die Arbeiter mit einem Streik, der mit Gewalt durchgeführt wurde. Alle Geschäfte mußten schließen,' sogar die Fleisch- und Bäckerläden. Selbst die Beamten wurden auf dem Wege zur Arbeit ab gefangen und gezwungen, nach Hause zu gehen. Zur Kennzeichnung des Geistes in der „Histadruth" fei betont, daß sich ganz ähnliche skandalöse Vorfälle auch in Petach Tikwah zugetragen haben. Dort aber ging es gegen einen Kaufmann, der zwar durchweg Juden beschäftigte, aber solche jüdische Arbeiter, die keine Mitglieder der „Histadruth" waren. Die Gewaltakte richteten sich gegen „Hapoel hamisrachi". Dagegen befinden sich in der allgemeinen „Histadruth" auch arabische Mitglieder. Und diese Araber haben, nach der patriotischen Logik der Histadruthleute, den Vorrang vor jüdischen Arbeitern, die einer anderen oder gar keiner Organisation angehören. 1 Daß der ganze Jischuw in Erez Jisroel diese Schreckensherrschaft der „Histadruth" ablehnt, braucht nicht erst gesagt zu werden. Dazu wird noch von verschiedenen Zeitungen festgestellt, daß die gleichen Leute, die unter der Parole: „Aboda iwrith" angeblich nur Juden verdienen lassen wollen, ihr Fleisch unter Umgehung aller jüdischer Fleischläden' ausschließlich bei Arabern kaufen — weil das nichtkoschere Fleisch um eine Kleinigkeit billiger ist. Vom Islam-Kongreß. Jerusalem, 20. Dezember. Der Kongreß schleppt sich in die Länge. Man hat Zeit. Eile ist vom Teufel! lautet ein islamitischer Wahrspruch. Bon Phlegma kann indes nicht die Rede fein, denn bei jeder noch so untergeordneten Frage platzen die Meinungen hart aufeinander. Dei Gruppe des Mufti und die von Schaukat Ali, man kann auch sagen: die palästinensische und die indische Richtung, stehen sich scharf gegenüber.. Der Mufti wünscht, daß dieser Kongreß und die von -ihm gewählte Exekutive bindende Kraft für die Grundlagen der Politik in der gesamten islamitischen Welt erhalten. Der indische Führer sieht aber in diesem Kongreß nur provisorische Vorarbeit. Der Mufti erhielt die Mehrheit. Von den Beschlüssen seien die Gründung einer Moslem-Universität und Errichtung einer Arabischen Bank erwähnt. Für beide Zwecke werden Spenden gesammelt. Der Spendenregen scheint indes nicht allzu reichlich zu fließen, wenn man die Höchstsummen von hundert oder fünfzig Pfund öffentlich verkündet und sogar in ein Goldenes Buch einträgt. Der Mufti, der zum Vorsitzenden der Exekutive gewählt wurde, während fein Rivale, Schaukat Ali, alle Funktionen ablehnt, spürt Oberwasser und betreibt mit Hilfe seiner Getreuen die antijüdische Hetze munter fort. Es werden nach wie vor Hetzschriften verteilt, in denen behauptet wird, die Juden wollten sich der Omarmoschee bemächtigen. Zwei Kongreßteilnehmer, einer aus Aegypten und der andere aus Tripolis, wurden wegen schwerer Angriffe aus die Mandatarmächte in Palästina und Syrien mit sofortiger Wirkung ausgewiesen. Brief aus Palästina. Waisenerziehung. — Eine sefardische Synagoge. T e l - A w i w, 9. Nov. Der Verein für die Waisen Tel-Awiws „Waisenhilfe" hat die Obhut für 153 Kinder. Wo eine Mutter ist und die Verhältnisse es gestatten, überläßt er die Erziehung der Mutter und gewährt einen Zuschuß. Im anderen Falle schickt er die Kinder nach Ben-Schemen, Kefar-Jeladim und Schefejah. Wie es aber dort mit der religiösen Erziehung bestellt ist, zeigt eine Artikelserie im Jerusalemer „Hahed". „In Ben-Schemen kennt man selbst an den hohen Feiertagen nicht das Gebet. Religiöse Gebote werden nicht gelehrt und nicht geübt. „Es gibt gewiß in ganz Westeuropa keine jüdische Institution — selbst, wenn sie „liberal" ist — offne & ebete. Dies aber geschieht in Erez Israel unter Verwaltungen, deren Mitglieder in Deutschland sicher keine Möglichkeit der Kontrolle haben." „Kefar-Jeladim hat bis jetzt absolut unreligiöse Resultate erzielt. Was man dort eine traditionelle Erziehung nennt, bedeutete weniger als Null, denn diese Erziehung geschah durch unreligiöse Leute." (Jetzt soll, wie die Zeitung bemerkt, in dieser Hinsicht eine Besserung versucht werden.) Auch in Schefejah seien die religiösen Resultats ungünstig. Bei solchen Verhältnissen ist der Gedanke, daß in diesen Anstalten auch Kinder frommer Eltern sind (so die beiden einzigen Enkel eines sehr angesehen gewesenen Frankfurter Talmudgelehrten), überaus schmerzlich. Wohl bestehen in Jerusalem zwei orthodoxe Knaben- und eine orthodoxe Mädchen-Waisenanstalt. Doch hier erhalten die Knaben ausschließlich Cheder- und Jeschiwah-Erziehung. Eine orthodoxe Waiseninstitution, die auch allgemeine Schulung gewährt, besteht aber nicht. Dies aber ist in einer Reihe von Fällen der Grund, daß die Kinder nach Ben-Schemen usw. kommen, die neben Elementarunterricht überdies noch landwirtschaftlich ausbilden. Die schön st e Synagoge in Palästina ist die vor wenigen Monaten ihrer Bestimmung übergebene sefardische Synagoge „Ohel Moed" in Tel-Awiw. Ihre Basis liegt etwa vier Meter über der Straße, und eine sehr breite Steintreppe führt zu ihr hinauf. Sie ist ein quadratischer Kuppelbau. Die mächtige Kuppel überdeckt fast ihre ganze Fläche. Edle Einfachheit und ein der Bestimmung des Raumes entsprechend hohes künstlerisches Empfinden kommen in ihrem Innern zum Ausdruck. Flach- und Hochreliefs, deren Plastik nur durch die Abwechslung von Hell- und Dunkelgrau hervorgerufen wird, bilden die Ornamentik der Wände. Der Kronleuchter. der von dem Gipfel der Kuppel hinabhängt, läßt mit seinen und den in den Rechteckreliefs der Kuppel verteilten elektrischen Birnen farbiges Glas von oben hinabspiegeln. Die gesamte Ostseite mit dem Aron-Hakodesch, der von beiden Seiten von je einem Aron Seforim flaniert wird, ist ein geräumiges Empore in Rosa- Marmor. Dieser wunderbare Bau, eine Sehenswürdigkeit, enthält nur 150 Herrenplätze und oben in der Rische 50 Damenplätze. Aber sie sind bequem, schön und in ihrer praktischen modernen Technik bemerkenswert. So werden die Sitze nicht aufgeklappt, sondern zwischen Leisten zurückgeschoben. — Es geht bei den Sefardim ruhig und mit Würde zu. Baudenkmal in Hebron. Jerusalem, 16. Dezember. Die Gesellschaft zum Schutze der Heiligengräber in Erez Jisroel in Jerusalem, unter Leitung von Dr. Morgenstern aus Polen, hat dieser Tage ein Baudenkmal auf dem alten Friedhof zu Hebron am Grabe des großen Kabbalisten nrrsn ivmn errichtet. Viele angesehene Rabbinen aus Jerusalem waren anwesend und beteten an den heiligen Gräbern, auch bei der Höhle Machpela, für die Besserung der jüdischen Lage in Polen und in der ganzen Welt. Einlags-Proteststreik der hebräischen Lehrer in Palästina gegen Sichtzahlung der Gehälter. Jerusalem, 16. Dezember. Am 15. Dezember, gegen 10 Uhr morgens, traten die Lehrer der Jewifh Agency-Schulen in Palästina in einen eintägigen Streik ein zum Protest gegen die Nichtauszahlung der Lehrergeyälter für die Monate Juni und Juli. (!) Etwa 100 Lehrer begaben sich zum Büro der Jewifh Agency in Jerusalem und erzwangen dort die Unterbrechung der Arbeiten für eine Stunde. Erst als den Lehrern die Zusage gegeben wurde, daß man sich unverzüglich mit ihrer Forderung beschäftigen werde, verließen sie das Büro. Das Elend in den Jeschiwos. Tel-Awiw, 17. Dez. Am letzten Schabbos hielt ein Raw in-der Synagoge des Altersheims „Moschaw Sekeinim" eine die zahlreiche Zuhörerschaft erschütternde und tief aufwühlende Rede. Er schilderte das furchtbare Elend der Bachürim der Jeschiwoth, nachdem die Spenden aus dem Ausland so sehr nachgelassen haben. Er erzählte u. a., wie er vor wenigen Tagen in einer Jeschiwah Jerusalems die Bachürim in der bemitleidenswertesten Verfassung antras. Seit drei Tagen hatten sie nicyt einmal trockenes Brot erhalten. Der Raw erreichte, daß trotz der katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnisse von den in der Synagoge Versammelten fünfzig Pfund gespendet wurden. Das erlesene Minjan der hiesigen Jeschiwah „H e i - chal-Hatalmud" wirkt auch schon nach außen. So versammeln sich allabendlich dreißig junge Leute zu einem Talmud-Schiur bei einem der Genossen des „Heichal-Hatalmud". Schabbath findet auch auf Veranlassung dieser Kämpfer für die Erkenntnis unserer Thora ein Vorttag statt, der sich lebhaften Besuches erfreut. Das letzte Mal sprach Bankdirektor Adolf P i n k a s über Samson Raphael Hirsch. Der Vortragende gab ein vorzügliches Bild von der Bedeutung dieses Großen, der zum Retter des Judentums in einer neuen Zeit wurde, deren Sirenengesang zum Abfall lockte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.